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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

»Ich stimme Tristram Shandy darin bei«, sagte Sir Peter, nachdem er sich wieder vor das Kamin gestellt hatte, »daß unter den schweren Pflichten der Eltern die Wahl des Namens, den ein Kind sein Lebelang tragen soll, eine der schwersten ist. Und das gilt namentlich für die Baronets. Bei einem Pair wird der Vorname nicht genannt; ein Bürgerlicher braucht, wenn sein Vorname häßlich oder lächerlich klingt, denselben nicht zur Schau zu tragen, er kann ihn auf seinen Visitenkarten ganz weglassen und sich auf denselben blos »Herr Jones« statt Herr »Ebenezer Jones« nennen. Bei seiner Unterschrift kann er sich, außer in den Fällen, wo das Gesetz den vollen Vornamen verlangt, nur des Anfangsbuchstabens bedienen, »Ihr ergebener Diener E. Jones« unterschreiben und 25 die Leute glauben lassen, daß E. Eduard oder Ernst bedeute, harmlose Namen die nicht wie Ebenezer die Vorstellung einer Dissenterkapelle erwecken. Wenn man einen Mann mit Namen Eduard oder Ernst auf einer Handlung jugendlichen Leichtsinns ertappt, so haftet darum noch kein unauslöschlicher Makel an seinem Ruf; wenn aber ein Ebenezer sich auf einer solchen Handlung ertappen läßt, wird er als ein Heuchler verschrieen und auf die Welt macht es denselben Eindruck, wie wenn einer von den Frommen plötzlich als gemeiner Sünder entlarvt wird. Aber ein Baronet kann seinem Vornamen nie entgehen. Der Vorname kann nicht verborgen bleiben, kann nicht zu einem Anfangsbuchstaben zusammenschrumpfen, immer stiert er einen voll an; ist er einmal auf den Namen Ebenezer getauft, so heißt er sein Lebelang Sir Ebenezer und ist allen Gefahren dieses Namens unterworfen, wenn er einmal einer der Versuchungen unterliegt, denen selbst Baronets ausgesetzt sind. Aber, meine Freunde, es gilt nicht nur die Wirkung, welche der Klang eines Namens auf Andere übt, in sorgfältige Erwägung zu ziehen, noch wichtiger ist vielleicht die Wirkung, welche der Name eines Menschen auf ihn selbst übt. Einige Namen sind geeignet, ihre Träger anzufeuern und zu ermuthigen, andere, sie zu entmuthigen und zu lähmen; ich selbst bin ein 26 trauriges Beispiel dieser Wahrheit. Seit vielen Generationen wird der Erstgeborene in unserer Familie, wie Sie wissen, auf den Namen Peter getauft. Auf dem Altar dieses Namens hat man mich geopfert. Es hat noch nie einen Sir Peter Chillingly gegeben, der sich in irgend einer Weise vor seinen Genossen ausgezeichnet hätte. Dieser Name hat schwer auf meiner geistigen Spannkraft gelastet. In dem Register berühmter Engländer gibt es, glaube ich, keinen unsterblichen Sir Peter, außer Sir Peter Teaze, und der existirt nur in der Komödie.«

Fräulein Sibylle: »Und Sir Peter Lely?«

Sir Peter Chillingly: »Dieser Maler war kein Engländer. Er war in Westphalen, das durch seine Schinken berühmt ist, geboren; ich beschränke meine Bemerkungen auf die Söhne unseres Heimatlandes. Ich weiß, daß dieser Name in anderen Ländern nicht die Eigenschaft besitzt, den Genius seines Trägers zu ersticken. Aber woher kommt das? Weil in anderen Ländern der Name etwas anders klingt. Pierre Corneille war ein großer Mann; aber ich frage Sie, ob er als Peter Krähe der Vater der europäischen Tragödie hätte werden können?«

Fräulein Sibylle: »Unmöglich!«

Fräulein Sally: »Hihihi!«

27 Fräulein Margarethe: »Da ist gar nichts zu lachen, Du albernes Ding.«

Sir Peter: »Mein Sohn soll nicht durch den Namen Peter petrificirt werden.«

Herr Chillingly-Gordon: »Wenn Narren sich durch den Klang ihres Namens beeinflussen lassen, und ich behaupte nicht, daß Ihr Sohn kein Narr werden wird, Vetter Peter, so nennen Sie ihn doch gleich, wenn Sie wünschen, daß der Bursche die Welt auf den Kopf stellen soll, Julius Cäsar oder Hannibal oder Attila.«

Sir Peter (mit unerschütterter guter Laune): »Im Gegentheil, wenn man einem Menschen die Last eines dieser Namen aufbürdet, deren Ruhm zu verdunkeln oder auch nur zu erreichen er verständigerweise nicht hoffen kann, so erliegt er dieser Last. Wenn ein Dichter heutigen Tages John Milton oder Shakespeare hieße, so dürfte er es nicht wagen, auch nur ein Sonett zu veröffentlichen. Nein, die richtige Wahl eines Namens hat die beiden Klippen einer lächerlichen Unbedeutendheit und einer erdrückenden Berühmtheit zu umschiffen. Ich habe deshalb den Familienstammbaum dort an der Wand aufhängen lassen. Lassen Sie uns denselben sorgfältig prüfen und zusehen, ob wir nicht unter den Chillinglys selbst oder den mit ihnen verwandten Familien einen Namen entdecken können, welchen das 28 künftige Haupt unseres Hauses würdig und passend tragen kann, einen Namen, der weder zu leicht noch zu schwer wiegt.«

Mit diesen Worten ging Sir Peter, den Uebrigen voran, an die Besichtigung des Familienstammbaums, einer starken Pergamentrolle, an deren oberem Ende sich das Familienwappen befand. Das Wappen war einfach, wie es alte Wappen zu sein pflegen: drei silberne Fische auf azurnem Felde; als Helmschmuck der Kopf einer Meerjungfer. Alle folgten Sir Peter zur Besichtigung des Stammbaums, nur Herr Gordon vertiefte sich wieder in seine »Times«.

»Ich habe nie dahinter kommen können, was es eigentlich für Fische sein sollen«, bemerkte der Ehrw. John Stalworth. »Sicher sind es keine Hechte, welche in dem Wappen der Hotofts figurirten und noch grimmig genug auf dem Wappen der Warwickshire-Lucys stehen, um einem künftigen Shakespeare zu schaffen zu machen.«

»Ich glaube, es sind Schleien«, sagte Herr Mivers; »die Schleie liebt, aus philosophischer Neigung für eine obscure Existenz, den Aufenthalt in tiefen Löchern und im Schlamm.«

Sir Peter: »Nein, Mivers, es sind Weißfische, Fische, die, einmal in einen Teich gebracht, nie wieder 29 ausgerottet werden können. Man mag das Wasser ausbaggern, man mag es ablassen und glauben die Weißfische vertilgt zu haben, vergebens; sie kommen wieder zum Vorschein und sind in dieser Beziehung wirklich ein Sinnbild unserer Familie. Alle Kämpfe und Revolutionen, von denen England seit der Heptarchie heimgesucht ist, haben das Geschlecht der Chillinglys in seinem Besitz unberührt gelassen. Schon die normannische Eroberung ließ sie unangefochten; sie waren ebenso friedliche Vasallen unter Eudo Dapifer, wie sie es unter König Harold gewesen waren; sie nahmen weder an den Kreuzzügen noch an den Kriegen der Rosen, noch an den Bürgerkriegen zwischen Karl I. und dem Parlamente Theil. Wie die Weißfische am Wasser haften und das Wasser an den Weißfischen, so hafteten die Chillinglys an ihren Gütern und die Güter an den Chillinglys. Vielleicht habe ich Unrecht zu wünschen, daß dieser neue Chillingly einem Weißfische etwas weniger ähnlich werden möchte.«

»O!« rief Fräulein Margarethe, die, auf einem Stuhle stehend, den Stammbaum durch die Lorgnette betrachtet hatte, »ich sehe unter allen Vornamen keinen schönen außer Oliver.«

Sir Peter: »Dieser Chillingly wurde unter Oliver Cromwell's Protectorat geboren und als 30 Compliment für diesen Oliver genannt, wie sein unter der Regierung Jakob's I. geborener Vater auf den Namen Jakob getauft worden war. Die drei Fische schwammen immer mit dem Strom. Oliver! Oliver ist kein übler Name, klingt aber nach radicalen Doctrinen.«

Herr Mivers: »Das finde ich nicht. Oliver Cromwell machte mit den Radicalen und ihren Doctrinen kurzen Prozeß. Vielleicht aber können wir einen weniger furchtbaren und revolutionären Namen finden.«

»Ich habe es, ich habe es!« rief der Pfarrer. »Hier ist Sir Kenelm Digby, der Venetia Stanley geheirathet hat. Sir Kenelm Digby! Es hat kein schöneres Muster muskulösen Christenthums gegeben. Er focht ebenso gut, wie er schrieb; freilich, er war excentrisch, aber immer ein Gentleman! Nennen Sie den Knaben Kenelm!«

»Ein süßer Name!« sagte Fräulein Sibylle. »Er hat so einen romantischen Duft.«

»Sir Kenelm Chillingly klingt gut, imposant!« stimmte Fräulein Margarethe zu.

»Und«, bemerkte Herr Mivers, »er hat den Vortheil, daß, während er einerseits hinreichend an ausgezeichnete Vorfahren erinnert, um einen guten Eindruck auf das Gemüth des Trägers hervorzubringen und ihn zur Nacheiferung anzufeuern, er doch 31 andererseits nicht der Name einer so gewaltig hervorragenden Persönlichkeit ist, daß jede Nacheiferung ausgeschlossen wäre. Sir Kenelm Digby war unstreitig ein für seine Zeit hochgebildeter und tapferer Herr; wenn man aber an seinen albernen Aberglauben, an sympathetische Pulver und dergleichen denkt, so darf man getrost sagen, daß heutzutage jeder Mensch ihm, ohne etwas Besonderes zu sein, an Einsicht überlegen sein könnte. Ja, lassen Sie uns uns für Kenelm entscheiden.«

Sir Peter dachte nach. »Unstreitig«, sagte er nach einer Pause, »unstreitig verbindet sich mit dem Namen Kenelm die Vorstellung von großer Grillenhaftigkeit und ich fürchte, Sir Kenelm Digby war bei der Eingehung seiner Ehe nicht vorsichtig. Die schöne Venetia war nicht besser, als man es von ihr erwarten konnte, und ich würde wünschen, daß mein Sohn sich nicht durch Schönheit blenden ließe, sondern ein Weib von respectablem Charakter und guter Aufführung ehelichte.«

Fräulein Margarethe: »Natürlich, eine britische Matrone.«

Die drei Schwestern unisono: »Natürlich! Natürlich!«

»Aber«, nahm Sir Peter wieder auf, »ich bin selbst grillenhaft, Grillen sind etwas sehr Harmloses, und was die Ehe betrifft, so soll ja das Kind morgen 32 noch nicht heirathen, und wir haben Zeit genug, das zu überlegen. Kenelm Digby war ein Mann, auf den jede Familie stolz sein könnte, und wie Du sagst, Schwester Margarethe, Kenelm Chillingly klingt nicht schlecht, Kenelm Chillingly soll er heißen.«

Demgemäß wurde das Kind auf den Namen Kenelm getauft, nach welcher Ceremonie sein Gesicht noch länger wurde, als es vorher schon gewesen war. 33

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