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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Wenn Du, lieber Leser, nachdem Du eben vernommen, was ich über das Leben und die geistige Natur von Leopold Travers mitgetheilt habe, ihm in diesem Augenblick, wo er den Mittelpunkt der ihn auf seiner Terrasse umgebenden Gruppe bildet, vorgestellt würdest, so würdest Du wahrscheinlich überrascht sein, ja vielleicht zu Dir selbst sagen: So habe ich mir den Mann durchaus nicht gedacht. In dieser schlanken Gestalt von noch nicht mittler Größe, in diesem hübschen Gesicht, das im Alter von achtundvierzig Jahren eine fast weiblich schöne Zartheit der Züge und des Teints zeigt und dessen friedlicher, ruhiger Ausdruck auf den ersten Blick die Vorstellung fast weiblicher Milde erweckt, würde es schwer gewesen sein, den Mann zu erkennen, der in seiner Jugend wegen seiner 367 waghalsigen Kühnheit berühmt gewesen war, der sich in reiferen Jahren durch solide Besonnenheit und zielbewußte Entschlossenheit ausgezeichnet hatte und den in seinen Fehlern wie in seinen Tugenden ein entschieden männliches Wesen charakterisirte.

Herr Travers hörte eben einem jungen Manne von etwa zweiundzwanzig Jahren zu, dem ältesten Sohn des reichsten Edelmannes in der Grafschaft, der sich bei den nahe bevorstehenden allgemeinen Wahlen als Grafschaftscandidat zu präsentiren gedachte. Herr George Belvoir war hochgewachsen, zur Beleibtheit geneigt und hatte alle Aussicht, bei den Wahlen auf seine Hörer einen guten Eindruck zu machen. Er hatte die Art von sorgfältiger Erziehung genossen, welche ein englischer Pair meistentheils dem Sohne angedeihen läßt, der einst seinen Namen zu tragen und damit die Verantwortlichkeit seiner hohen Stellung zu übernehmen bestimmt ist. Wenn älteste Söhne oft keine so große Rolle in der Welt spielen wie ihre jüngeren Brüder, so hat das seinen Grund nicht etwa darin, daß sie weniger gut erzogen wären, sondern darin, daß sie weniger treibende Motive zum Handeln haben. George Belvoir war wohlbelesen, besonders in den Wissenszweigen, deren Kenntniß einem künftigen Gesetzgeber noth thut, Geschichte, Statistik, 368 Nationalökonomie, soweit diese unglückliche Wissenschaft mit dem landwirthschaftlichen Interesse vereinbar ist. Er hatte auch gute Grundsätze, einen stark ausgeprägten Sinn für Disciplin und Pflicht und war in der Politik bereit, Alles, was von seiner Partei ausging, energisch als das Rechte zu vertreten und Alles, was von der anderen Partei ausging, als Unrecht zu verwerfen. Jetzt war er noch etwas laut und lärmend in der Art, seine Ansichten geltend zu machen, wie es junge eben von der Universität gekommene Männer gewöhnlich sind. Es war Herrn Travers' geheimer Wunsch, daß George Belvoir sein Schwiegersohn werden möchte, nicht sowohl wegen seines Reichthums und Ranges, wenn auch diese Vorzüge einem so praktischen Manne wie Leopold Travers keineswegs verächtlich erschienen, als wegen persönlicher Eigenschaften, welche einen vortrefflichen Ehemann zu verheißen schienen.

Frau Campion und drei Damen, die Frauen benachbarter Gutsbesitzer, saßen auf Bänken von Drahtgeflecht dicht vor der Veranda, aber noch von deren duftenden Laubgewinden beschattet. Cecilia stand in einer kleinen Entfernung von ihnen, über einen Terrier mit langem Rücken, den sie auf seinen Hinterbeinen zu stehen lehrte, gebeugt.

369 Aber eben trafen die Gäste ein.

Wie plötzlich hat sich der grüne Plan, der noch vor zehn Minuten so einsam dalag, gefüllt und belebt! Der Park bot jetzt in der That ein sehr lebendiges Bild dar: Gesellschaftswagen, Chaisen und Einspänner folgten sich in einer ununterbrochenen Reihe auf dem sich schlängelnden Wege; Fußgänger drangen von allen Seiten her in Schwärmen auf das Haus zu. Die Heerden von Rindern, Schafen und Ziegen in ihren verschiedenen Umzäunungen unterbrachen sich in ihrer Beschäftigung des Grasfressens, um die ungewohnten Eindringlinge anzustarren; aber das ordnungliebende Wesen des Wirthes flößte auch den roheren unter seinen Gästen Respekt für Ordnung ein; selbst die wildesten Jungen versuchten es nicht, über die Zäune zu steigen oder hindurchzukriechen; alle gingen einer nach dem andern durch die Tourniquets, welche von einer umzäunten Wiese zur andern führten.

Herr Travers sagte zu George Belvoir gewandt: »Da sehe ich des alten Pachters Steen gelbes Gig. Achten Sie wohl auf das, was Sie zu dem sagen, George. Er steckt voll Launen und Grillen, und wenn Sie einmal etwas sagen, was ihm gegen den Strich ist, wird er es Ihnen nachtragen wie ein rachsüchtiger Papagei. Aber er ist der Mann, der Ihnen bei der 370 Wahl secundiren muß. Kein anderer Pachter gilt so viel bei seinen Standesgenossen.«

»Wenn Herr Steen der beste Mann ist, um mir bei der Wahl zu secundiren«, sagte George, »so ist er wohl ein guter Redner?«

»Ein guter Redner ist er allerdings in gewissem Sinn. Er sagt nie ein Wort zu viel. Das letzte Mal, als er dem Manne, dessen Nachfolger Sie jetzt werden wollen, secundirte, hielt er folgende Rede: ›Wähler, seit zwanzig Jahren bin ich einer der Preispachter bei unserer Grafschafts-Viehausstellung gewesen; ich weiß ein Thier vom andern zu unterscheiden. Wenn ich mir die Exemplare ansehe, die hier heute vor uns stehen, muß ich sagen, keins von ihnen ist in seiner Art so gut, wie ich es anderswo gesehen habe; aber wenn Ihr Sir John Hogg wählt, so könnt Ihr Euch getrösten, nicht grade nach der schlechtesten Sau gegriffen zu haben!‹«

»Wenigstens«, sagte George, nachdem er über dieses Beispiel schmuckloser Beredtsamkeit gelacht hatte, »wenigstens läßt sich Herr Steen bei seiner Empfehlung eines Candidaten keine Schmeicheleien zu Schulden kommen. Aber welchen Eigenschaften verdankt er denn sein großes Ansehen bei den Pachtern? Ist er ein besonders ausgezeichneter Landwirth?«

371 »Was Sparsamkeit betrifft, ja, im Schritthalten mit den Fortschritten der Zeit aber nicht! Er sagt, alle kostspieligen Experimente seien gut für vornehme Landwirthe. Er ist eine Autorität für andere Pachter, erstens, weil er ein sehr scharfer Kritiker ihrer Grundherren ist, zweitens, weil er seinem eigenen Grundherrn gegenüber seine Unabhängigkeit strengstens zu behaupten weiß, und drittens, weil man von ihm glaubt, daß er sich mit der politischen Bedeutung von Fragen, die das Interesse der Grundbesitzer berühren, gründlich beschäftigt habe, und weil er mehr als einmal von Commissionen beider Häuser des Parlaments über solche Fragen als Sachverständiger vernommen worden ist. Da kommt er her. Merken Sie sich, wenn ich Sie mit ihm allein lasse: erstens, daß Sie sich zu vollständiger Unwissenheit in Bezug auf praktische Landwirthschaft bekennen müssen. Nichts empört ihn mehr als die Anmaßung, ein selbstwirthschaftender Gentleman, wie ich einer bin, sein zu wollen. Zweitens, daß Sie ihn um seine Ansicht über die Veröffentlichung statistischer Angaben in Betreff landwirthschaftlicher Verhältnisse befragen und dabei bescheidentlich zu verstehen geben müssen, daß Sie, soweit Sie es zu benrtheilen vermögen, der Ansicht sind, daß inquisitorische Nachforschungen über die Geschäfte eines 372 Mannes den Principien der britischen Verfassung widersprechen. Und auf Alles, was er etwa über die Pflichtversäumniß der Grundherren im Allgemeinen und Ihres Vaters im Besonderen sagt, erwidern Sie nichts, sondern hören mit einer Miene melancholischer Beistimmung zu. – Wie geht es Ihnen, Herr Steen, und was macht Ihre Frau? Warum haben Sie sie nicht mitgebracht?«

»Meine gute Frau liegt wieder auf der Nase, Herr Travers. Wer ist der junge Mann?«

»St! Lassen Sie mich Ihnen Herrn Belvoir vorstellen.«

Herr Belvoir reicht dem Pachter die Hand.

»Nein, mein Herr!« ruft Steens, indem er beide Hände auf den Rücken legt. »Nehmen Sie es nicht übel, junger Herr, aber ich gebe meine Hand nicht bei der ersten Begegnung einem Mann, der eine Stimme aus derselben herausschlagen möchte. Nicht daß ich irgend etwas gegen Sie wüßte, aber wenn Sie ein Freund der Pachter sind, Kaninchen sind es nicht; und Ihr Herr Vater ist ein großer Beschützer der Kaninchen.«

»Da irren Sie sich wirklich«, ruft George mit leidenschaftlichem Ernst. Herr Travers stößt ihn an, als wolle er sagen: »Schweigen Sie!« George verstand 373 den Wink und ließ sich demüthig von Herrn Steen durch die einsamen Anlagen führen.

Die Gäste erschienen jetzt in immer größerer Menge. Sie bestanden nicht nur aus Travers eigenen Pachtern, sondern auch aus Pachtern mit ihren Familien, die drei Stunden im Umkreise des Parks wohnten, und aus einigen wenigen Mitgliedern des benachbarten Adels und der Geistlichkeit. Auf die Arbeiter war es bei diesem Feste nicht abgesehen. Denn Herr Travers hatte eine specielle Abneigung gegen die Sitte, Bauern zur Fütterungszeit zur Schau zu stellen, als ob sie eine Heerde von gezähmten Thieren einer niederen Gattung wären. Wenn er seinen Bauern ein Fest gab, so machte er es ihnen auf ihre Weise behaglich, und Bauern fühlen sich behaglicher, wenn sie nicht nöthig haben, sich begaffen zu lassen.

»Nun, Lethbridge«, sagte Herr Travers, »wo ist der junge Gladiator, den Sie mir mitzubringen versprachen?«

»Ich habe ihn mitgebracht und er ging noch vor einer Minute an meiner Seite. Er ist mir plötzlich entwischt – abiit, evasit, erupit. Ich sah mich eben vergebens nach ihm um, als Sie auf mich zutraten.«

»Ich hoffe, er hat unter meinen Gästen niemand gesehen, dem er entfliehen möchte.«

374 »Das will ich nicht hoffen«, antwortete der Pfarrer in zweifelndem Ton. »Er ist ein sonderbarer Mensch, aber ich glaube, er wird Ihnen gefallen, das heißt, wenn wir ihn finden. Ah, Herr Saunderson, wie geht es Ihnen? Haben Sie Ihren Gast nicht gesehen?«

»Nein, Herr, ich komme eben erst. Meine Frau, Herr Travers, und meine drei Töchter, und dies ist mein Sohn.«

»Seien Sie mir alle herzlich willkommen«, sagte der Grundherr im freundlichsten Ton. »Und«, fuhr er zu Saunderson junior gewandt fort, »ich hoffe, Sie tanzen gern? Suchen Sie sich eine Tänzerin, wir wollen den Ball gleich beginnen lassen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Travers, aber ich tanze nie«, sagte Saunderson junior mit einer Miene strenger Erhabenheit über eine Unterhaltung, welche die fortschreitende Bildung als veraltet verurtheilte.

»Dann werden Sie weniger zu regrettiren haben, wenn Sie einmal alt geworden sind. Aber die Musik fängt zu spielen an, wir müssen uns ins Zelt begeben. George«, rief Herr Travers George Belvoir zu, der sich von Herrn Steen losgemacht hatte und eben wieder erschienen war, »wollen Sie Cecilia, mit der Sie ja, glaube ich, zur ersten Quadrille engagirt sind, den Arm geben?«

375 »Ich hoffe«, sagte George zu Cecilia, als er sie ins Zelt führte, »daß Herr Steen kein Durchschnittsexemplar der Wähler ist, bei denen ich mich zu bewerben habe. Ob er in der Ehrfurcht für seine eigenen Eltern erzogen ist, wage ich nicht zu sagen, aber er scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, mich zu lehren, die meinigen nicht zu ehren. Nachdem er meinen Vater auf die ungegründete Behauptung hin, daß er Kaninchen mehr liebe als Menschen, moralisch vernichtet hatte, fing er an meine unschuldige Mutter wegen ihrer religiösen Ansichten anzugreifen und fragte mich, wann sie zur katholischen Kirche übergehen werde, indem er diese Frage auf die Behauptung stützte, daß sie ihre Kundschaft einem protestantischen Krämer entzogen und einem katholischen zugewandt habe.«

»Das sind günstige Anzeichen, Herr Belvoir. Herr Steen leitet eine beabsichtigte Freundlichkeit immer mit sehr viel unhöflichen Reden ein. Ich bat ihn einmal, mir sein Pony zu leihen, da mein eigenes plötzlich lahm geworden war, und er benutzte diese Gelegenheit, mir zu sagen, daß mein Vater ein Betrüger sei, weil er sich anmaße, etwas vom Vieh zu verstehen, daß er ein Tyrann sei, der seine Pachter schraube, um einer verschwenderischen Gastfreundschaft fröhnen zu können, und gab dabei zu verstehen, daß wir es als 376 eine große Gnade zu betrachten haben würden, wenn wir nicht noch einmal dahin kämen, uns an ihn wenden zu müssen, nicht wegen eines Ponys, sondern wegen einer Gemeindeunterstützung. Ich verließ ihn entrüstet, aber er schickte mir das Pony. Ich bin überzeugt, er wird Ihnen seine Stimme geben.«

»Inzwischen ermuthigt es mich, glauben zu dürfen, daß Ihre Wünsche mich begleiten«, sagte George, mit einem schwachen Versuch, galant zu sein, als sie jetzt die Quadrille zu tanzen anfingen. »Wenn die Damen, wie Mill es empfiehlt, ihre Stimmen abzugeben hätten, nun, dann –«

»Nun, dann würde ich stimmen wie Papa«, sagte Cecilia anspruchslos. »Und wenn die Frauen Stimmrecht hätten, würde es, fürchte ich, schlecht um den Frieden eines Hauses stehen, in welchem sie nicht stimmten, wie es das männliche Haupt der Familie wünschen würde.«

»Aber ich glaube doch am Ende«, sagte der Bewerber um einen Parlamentssitz ernsthaft, »daß die Freunde des weiblichen Stimmrechts dasselbe auf solche Frauen beschränken würden, die nicht unter männlicher Obhut stehen, Wittwen und alte Jungfern, die kraft des Rechts ihres unabhängigen Grundbesitzes stimmen würden.«

377 »Auch in diesem Fall«, sagte Cecilia, »glaube ich, würden sie sich noch immer nach der Ansicht eines Mannes, zu dem sie Zutrauen hätten, richten, oder wenn sie das nicht thäten, eine sehr alberne Wahl treffen.«

»Sie unterschätzen die Einsicht Ihres Geschlechts.«

»Das hoffe ich nicht. Werden Sie die Einsicht der Männer unterschätzen, weil die klügsten Männer bei den überwiegend meisten Dingen des täglichen Lebens sagen: Das überlassen wir besser den Frauen? Aber Sie passen nicht auf, Sie sind an der Reihe, cavalier seul

»Beiläufig«, sagte George in der nächsten Tanzpause, »kennen Sie einen Herrn Chillingly, den Sohn Sir Peter's von Exmundham in Westshire?«

»Nein. Warum fragen Sie mich das?«

»Weil es mir vorkam, als ob sein Gesicht im Fluge an mir vorübergekommen wäre; es war grade in dem Augenblick, als Herr Steen mich mit sich in die Anlagen zog. Aber nach dem, was Sie sagen, muß ich annehmen, daß ich mich geirrt habe.«

»Chillingly? Ganz richtig; gestern bei Tische sprachen einige Herrn von einem jungen Mann dieses Namens, der wahrscheinlich bei der nächsten Wahl als Candidat für Westshire auftreten werde, der aber bei 378 Gelegenheit seiner Mündigkeitserklärung eine sehr unpopuläre und excentrische Rede gehalten habe.«

»Eben derselbe – ich war mit ihm zusammen auf der Universität – ein wahres Original. Er gilt für gescheidt, gewann mehrere Preise, bekam beim Examen einen guten Grad und würde, wie es allgemein hieß, einen noch viel höheren Grad davongetragen haben, wenn nicht eine seiner schriftlichen Arbeiten versteckte Scherze über den Gegenstand oder über die Examinatoren enthalten hätte. Es ist ein gefährliches Ding, im praktischen, besonders im öffentlichen Leben den Humoristen zu spielen. Man sagt, Pitt habe von Natur sehr viel Witz und Humor besessen, habe aber in seinen parlamentarischen Reden weislich jede Spur davon unterdrückt. Es sieht Chillingly recht ähnlich, die Festlichkeiten zu Ehren seiner Mündigkeit, ein Ereigniß, das in seinem ganzen Leben nicht wiederkehren kann, ins Lächerliche zu ziehen.«

»Es wäre ein Beweis von schlechtem Geschmack, wenn er es absichtlich gethan hätte«, sagte Cecilia. »Aber vielleicht ist er nicht verstanden worden oder hat die Äußerungen unversehens gethan.«

»Nicht verstanden, das wäre möglich, aber unversehens, nein. Er ist der kühlste Mensch, der mir je vorgekommen ist. Nicht daß ich ihm sehr oft begegnet 379 wäre. In Cambridge lebte er zuletzt sehr einsam. Man behauptete, er studire sehr viel. Aber ich bezweifle das, denn meine Zimmer lagen gerade über den seinigen, und ich weiß, daß er viel öfter aus als in dem Hause war. Er schweifte viel in der Gegend umher. Ich bin ihm, wenn ich von der Jagd zurückgeritten kam, auf Feldwegen meilenweit von der Stadt entfernt begegnet. Er liebte das Wasser und war ein ausgezeichneter Ruderer, lehnte es jedoch ab, zu unserm Universitätsclub zu gehören; wenn aber je eine Schlägerei zwischen Studenten und Bootsleuten stattfand, so war er sicherlich dabei. Ja, er war wirklich ein sehr sonderbarer Mensch, voll von Widersprüchen! Denn einen milderen, ruhigeren Kameraden, als er im gewöhnlichen Leben war, konnte es nicht geben; und was die Scherze betrifft, die er sich in seinen schriftlichen Arbeiten fürs Examen erlaubt haben soll, so würde schon sein Gesicht allein hingereicht haben, ihm bei jeder unparteiischen Jury eine Freisprechung von dieser Anklage zu erwirken.«

»Sie entwerfen da ein ganz interessantes Bild von ihm«, sagte Cecilia. »Ich wollte, wir kennten ihn; es möchte der Mühe werth sein.«

»Und wenn Sie ihn einmal gesehen hätten, würden Sie ihn nicht leicht wieder vergessen, mit seinem 380 dunkeln, schönen Gesicht, seinen großen melancholischen Augen und mit einer jener mageren schlanken Gestalten, bei welchen ein Mann seine Kraft verborgen halten kann, wie ein betrügerischer Billardspieler sein Spiel verbirgt.«

Während dieser Unterhaltung hatte der Tanz aufgehört und unser Paar ging jetzt auf dem Rasen mitten im Gedränge der Gäste langsam auf und ab.

»Wie gut Ihr Vater diesen Landleuten gegenüber die Rolle des Wirthes spielt!« sagte George mit geheimem Neide. »Sehen Sie doch, wie ruhig er es dem schüchternen jungen Pachter da behaglich macht und wie freundlich er jetzt der lahmen alten Dame beim Niedersetzen auf die Bank behülflich ist und wie er ihr einen Schemel unter die Füße setzt. Der würde es verstehen, sich bei den Wahlen zu bewerben! Und wie jung er noch aussieht und wie fabelhaft hübsch!«

Dieses letztere Compliment sprach George aus, als Travers, nachdem er es der alten Dame bequem gemacht hatte, auf die drei Fräulein Saunderson zugetreten war und ihnen die Huld seines Lächelns gleichmäßig zu Theil werden ließ, anscheinend ohne etwas von den bewundernden Blicken zu merken, welche manche andere ländliche Schöne ihm zuwarf, während er vorüberging. Das ganze Wesen des Mannes hatte 381 etwas unbeschreiblich Feines, eine natürliche Anmuth, ohne eine Spur von jener Affectation forcirter Herzlichkeit oder herablassender Höflichkeit, welche nur zu oft die wohlgemeinten Bemühungen der Großen, sich Personen von niedrigerer Lebensstellung und Bildung anzubequemen, charakterisirt. Es ist ein großer Vortheil für einen Mann, wenn er seine Jugend in jener gleichheitlichsten und gebildetsten aller Demokratien, der besten Gesellschaft großer Hauptstädte, verlebt hat. Und mit diesem erworbenen Vortheil verband Leopold Travers die angeborenen Eigenschaften, welche den Menschen gefallen.

Später am Abend redete Travers Lethbridge wieder mit den Worten an: »Ich habe mich mit Saundersons viel über den jungen Mann unterhalten, der uns den unschätzbaren Dienst geleistet hat, die wilde Bestie in Ihrer Gemeinde, Tom Bowles, abzustrafen, und Alles, was ich höre, hat das Interesse, welches schon Ihr Bericht mir eingeflößt hatte, noch so erhöht, daß ich in der That sehr gern seine Bekanntschaft machen würde. Hat er sich noch nicht wieder blicken lassen?«

»Nein, ich fürchte, er ist fortgegangen. Aber in diesem Fall, hoffe ich, werden Sie seinen großmüthigen Wunsch, meinem armen Korbmacher zu dienen, in wohlwollende Erwägung ziehen.«

382 »Drängen Sie mich nicht. Es fällt mir so schwer, Ihnen eine Bitte abzuschlagen. Aber ich habe meine eigene Theorie in Betreff der Verwaltung eines Guts, und mein System läßt keine Vergünstigung zu. Ich würde mich darüber gern gegen den jungen Fremden selbst näher aussprechen. Denn ich halte Muth so sehr in Ehren, daß es mir unangenehm wäre, wenn ein so tapferer Mensch diese Gegend unter dem Eindrucke verließe, Leopold Travers sei ein unliebenswürdiger Flegel. Vielleicht aber ist er noch nicht fort. Ich will einmal selbst sehen, ob ich ihn nicht finde. Bitte, sagen Sie Cecilia, daß Sie jetzt genug mit dem Adel getanzt habe und ich dem Sohn von Pachter Turby, einem hübschen jungen Menschen und einem vorzüglichen Reiter, gesagt habe, ich erwarte von ihm, er werde meiner Tochter zeigen, daß er ebenso gut tanzen wie reiten könne!« 383

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