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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Es war ein lieblicher Sommerabend, an welchem das ländliche Fest des Squire stattfand. Herr Travers hatte mit einigen Logirgästen des Festes wegen früh zu Mittag gegessen und stand jetzt mit ihnen kurz vor sechs Uhr auf dem Rasen.

Das Haus war von unregelmäßiger Bauart. Zu verschiedenen Zeiten, von der Regierung Elisabeth's bis zu der Victoria's waren Veränderungen mit demselben vorgenommen oder neue Theile angebaut worden. An dem einen Ende, dem ältesten Theil, befand sich ein Giebel mit gothischen Fenstern; an dem andern Ende, dem neuesten Theil, ein Flügel mit flachem Dach und mit modernen, bis auf den Boden reichenden Fenstern; der dazwischen liegende Bau war zum großen Theil durch eine mit Schlingpflanzen bewachsene Veranda verdeckt. 357 Der Rasen bildete eine geräumige, nach Westen gelegene Fläche, in deren Hintergrund ein grüner, sanft ansteigender Hügel lag, dessen Gipfel die Ruinen einer alten Abtei krönten. An der einen Seite des Rasens zog sich ein ursprünglich von Repton angelegter Blumengarten hin. An den gegenüber liegenden Ecken des Rasens waren zwei große Zelte errichtet, das eine zum Tanzen, das andere für das Abendessen. Nach Süden hin, wo die Aussicht frei war, blickte man auf einen alten englischen Park, der nicht grade von der vornehmsten Art, nicht von alten Alleen durchschnitten oder mit nutzlosem Farrenkraut als Lager für das Wild bekleidet, vielmehr der Park eines umsichtigen Landwirths war, der das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigt. Der Rasen darin war gehörig drainirt und gepflegt, sodaß junge Ochsen in unglaublich kurzer Zeit darauf gemästet werden konnten; der Anblick des Ganzen wurde durch verschiedene, mit Drahtgittern umzäunte Plätze einigermaßen beeinträchtigt. Herr Travers war ob seiner geschickten Bewirthschaftung und der vortheilhaftesten Verwendung des Bodens überhaupt berühmt. Er war noch ein Kind gewesen, als er in den Besitz seines Gutes gelangte, und hatte sich so der von Jahr zu Jahr wachsenden Ersparnisse, wie sie eine lange Unmündigkeit mit sich bringt, zu 358 erfreuen gehabt. Im Alter von achtzehn Jahren war er bei den Garden eingetreten und war, da er über mehr Geld zu verfügen hatte als die meisten seiner Genossen, wenn sie auch vielleicht vornehmer und die Söhne reicherer Leute waren, viel umworben und viel geplündert worden. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren war er einer der Löwen des Tages, besonders berühmt wegen seiner rücksichtslosen Verwegenheit, wo immer es ein gefährliches Unternehmen galt, bei dem Ehre zu holen war; ein Wettrenner, dessen Wagnisse ruhigen Leuten die Haare zu Berge stehen machten; ein Reiter, der Sprünge machte, welche mancher kühne Jäger sorgfältig vermieden haben würde. Gleich bekannt in Paris und in London, war er von Damen bewundert worden, deren Lächeln ihm Duelle zugezogen hatte, von welchen noch jetzt rühmliche Narben auf seinem Gesichte erzählten. Niemals schien Jemand noch vor dem dreißigsten Jahre sicherer seinem Ruin entgegenzugehen; denn als er das siebenundzwanzigste Jahr erreicht hatte, waren bereits alle während seiner Minorität angesammelten Ersparnisse draufgegangen, sein Gut, das bei Eintritt seiner Mündigkeit kaum dreitausend Pfund Sterling jährlich einbrachte, aber völlig schuldenfrei war, über und über belastet.

Seine Freunde fingen an die Köpfe zu schütteln 359 und ihn »armer Kerl« zu nennen; aber bei all seinen Fehlern und bei all seiner Ausgelassenheit hatte Leopold Travers sich doch von den beiden Lastern, von denen ein Mann sich nicht leicht wieder losmacht, völlig frei gehalten. Er hatte nie getrunken und nie gespielt. Seine Nerven waren nicht zerrüttet, sein Gehirn nicht verdummt. Es war noch eine Fülle von geistiger und körperlicher Gesundheit in ihm. In der kritischen Periode seines Lebens heirathete er aus Liebe und seine Wahl war eine höchst glückliche. Das Mädchen seines Herzens hatte kein Vermögen, aber auch, obgleich schön und von vornehmer Familie, keinen Sinn für ein verschwenderisches Leben und kein Verlangen nach anderer Gesellschaft als der des Mannes, den sie liebte. Als er daher zu ihr sagte: »Laß uns auf dem Lande leben und nach besten Kräften versuchen mit einigen hundert Pfund auszukommen, zurückzulegen und das Gut schuldenfrei zu machen«, stimmte sie freudig zu. Und nun erschien es allen fast wie ein Wunder, wie dieser wilde Leopold Travers sich häuslich niederließ, wie er sein eigenes Land mit seinen Leuten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wie ein kleiner Pachter bewirthschaftete, wie er es möglich machte, die Zinsen seiner Hypothekschulden zu bezahlen und sich über Wasser zu halten. Nach 360 einigen Lehrjahren in dieser Schule der Sparsamkeit, während deren er sich regelmäßige Lebensgewohnheiten aneignete und seinen Charakter stählte, wurde Leopold Travers plötzlich wieder reich durch seine Frau, die er so verständiger Weise ohne andere Mitgift als ihre Liebe und ihre Tugenden geheirathet hatte. Ihr einziger Bruder, Lord Eagleton, ein schottischer Pair, war mit einer jungen Dame verlobt gewesen, die für ein großes Loos in der Heirathslotterie galt. Die Partie ging unter sehr ungünstigen Umständen zurück; man erwartete aber, daß der junge, hübsche und liebenswürdige Lord baldigst in einer anderen Verbindung Trost suchen werde. Man hatte sich jedoch geirrt; er fing an zu kränkeln, starb als Junggeselle und hinterließ seiner Schwester Alles, was er dem entfernten Verwandten, der seinen Grundbesitz und seinen Titel erbte, zu entziehen vermochte, eine schöne Summe, welche nicht allein hinreichte, die auf Neesdale-Park haftenden Hypothekschulden abzuzahlen, sondern ihrem Besitzer noch einen Ueberschuß ließ, welchen er vermöge seiner jetzt erworbenen landwirthschaftlichen Erfahrungen mit außerordentlichem Erfolge auf die allgemeine Verbesserung seines Guts zu verwenden im Stande war. Er ersetzte alte verfallene Pachterwohnungen durch Neubauten, welche nach den bewährtesten 361 Principien errichtet wurden, kaufte verschiedene unordentliche und unzuverlässige Pachter ab oder pensionirte sie, legte verschiedene kleine Höfe zu großen Höfen, wie sie seinen Bauten entsprachen, zusammen, kaufte hier und da kleine Strecken Landes, die für die anstoßenden Höfe gut zu benutzen waren und seinen gesammten Grundbesitz noch besser abrundeten, ließ nutzlose Waldungen, welche den Werth nahegelegenen Ackerlandes dadurch verminderten, daß sie Sonne und Luft absperrten und Legionen von Kaninchen beherbergten, ausroden, schaffte sich dann unternehmende und bemittelte Pachter und konnte so seine ursprüngliche Pachteinnahme mehr als verdoppeln und den Marktwerth seines Grundbesitzes mehr als verdreifachen. Zugleich mit dieser Verbesserung seiner Vermögensverhältnisse trat er aus dem ungastlichen und ungeselligen Dunkel, zu welchem ihn seine frühere Armuth gezwungen hatte, hervor, nahm thätigen Antheil an den Grafschaftsangelegenheiten, erwies sich als ein vortrefflicher Redner in öffentlichen Versammlungen, unterschrieb reichlich zu Jagden und betheiligte sich gelegentlich daran als ein weniger kühner, aber weiserer Reiter denn ehedem. Kurz, wie Themistokles sich rühmte, einen kleinen Staat groß machen zu können, so konnte Leopold Travers sich mit gleichem Rechte rühmen, durch 362 seine Energie, sein Urtheil und das Gewicht seines persönlichen Ansehens sich als Besitzer eines Gutes, welches bei seiner Uebernahme desselben zu den Gütern dritten Ranges in der Grafschaft gehört hatte, zu einer so geachteten Persönlichkeit aufgeschwungen zu haben, daß kein Edelmann in der Grafschaft gegen seinen Willen ins Parlament hätte gewählt werden können und daß er selbst, wenn er sich um einen Parlamentssitz hätte bewerben wollen, ohne Kosten gewählt worden sein würde.

Aber er erklärte, als man ihn bat, sich als Wahlcandidaten aufstellen zu lassen: »Wenn ein Mann sich einmal ganz der Bewirthschaftung und Verbesserung seines Grundbesitzes gewidmet hat, so hat er weder Zeit noch Herz für irgend etwas Anderes. Ein Gut ist eine Einnahmequelle oder ein Königreich, je nachdem der Besitzer es auffaßt. Ich fasse es als ein Königthum auf und kann nicht roi fainéant mit einem Verwalter als Majordomus sein. Ein König geht nicht ins Haus der Gemeinen.«

Drei Jahre nach dieser Erhebung auf der gesellschaftlichen Stufenleiter erkrankte Frau Travers an einer Lungenentzündung und starb nach wenigen Tagen. Leopold verwand ihren Verlust nie ganz. Obgleich noch jung und schön, wies er doch den Gedanken an 363 die Verbindung mit einer andern Frau mit ruhigem Hohn von sich. Er war ein zu männlicher Charakter, um mit seinem Kummer zu paradiren. Nur in den ersten Wochen verschloß er sich in seinem Zimmer und vermied jede Berührung mit der Außenwelt so sehr, daß er selbst seine Tochter nicht sehen wollte. Aber eines Morgens erschien er wieder wie gewöhnlich auf dem Felde, und von diesem Tage an nahm er seine alten Gewohnheiten und allmälig auch den herzlichen, gastfreundlichen Verkehr wieder auf, durch den er sich, seit er reich geworden, ausgezeichnet und beliebt gemacht hatte. Gleichwohl fühlten die Leute, daß der Mann verändert sei; er war schweigsamer, ernster geworden; wenn er auch wie immer gerecht gegen alle war, so neigte er sich doch einer härteren Auffassung der Dinge zu, während er zu Lebzeiten seiner Frau die mildere Seite hervorzukehren pflegte. Für einen Mann von starkem Willen ist vielleicht der regelmäßige Verkehr mit einer liebenswürdigen Frau besonders wünschenswerth bei solchen Gelegenheiten, wo der Wille die Güte seiner Beschaffenheit grade durch die Leichtigkeit beweist, mit welcher er sich beugen läßt.

Man kann wohl sagen, daß Leopold Travers einen solchen Verkehr in dem vertrauten Umgang mit seiner eigenen Tochter hätte finden können. Aber sie war 364 noch ein reines Kind, als seine Frau starb, und sie wuchs zu unmerklich zur Jungfrau heran, als daß er die Veränderung hätte inne werden können. Ueberdies kann eine Tochter einem Mann, der in seiner Frau sein Alles gefunden hat, nie deren Stelle ersetzen. Grade der pflichtschuldige kindliche Respekt schließt ein rückhaltloses Vertrauen aus und eine Tochter kann einem Mann nicht die beständige Genossin sein, die ihm seine Frau war. Jeden Tag kann ein Fremder erscheinen und sie ihm fortnehmen. Wie dem auch sei, Leopold Travers gestand Cecilia nicht den sänftigenden Einfluß zu, den ihre Mutter auf ihn geübt hatte. Er liebte sie, war stolz auf sie und ging bereitwillig auf ihre Wünsche ein; aber dieses Eingehen hatte seine sehr bestimmten Grenzen. Was sie für sich verlangte, gestand er ihr ohne weiteres zu; was sie in Angelegenheiten, die ihrer Natur nach unter weiblicher Obhut stehen, in Betreff des Haushaltes, der Dorfschule, der Almosenempfänger wünschte, konnte auf seine mildeste Berücksichtigung rechnen. Aber so oft sie von einem Untergebenen außer dem Hause, der sich etwas hatte zu Schulden kommen lassen, oder von einem kleinen, mit seiner Rente rückständigen Pachter gebeten wurde, sich zu seinen Gunsten zu verwenden, setzte Herr Travers ihrem Versuche, sich ins Mittel zu legen, 365 regelmäßig ein festes, wenn auch in mildem Ton ausgesprochenes Nein entgegen und begleitete dasselbe mit einem Aphorismus des Inhalts, daß es in der Welt keine strenge Gerechtigkeit, keine Ordnung und Disciplin geben würde, wenn ein Mann den Bitten einer Frau in irgend einer geschäftlichen Angelegenheit zwischen Männern nachgäbe. Man sieht also, daß Herr Lethbridge den Werth der Bundesgenossenschaft Cecilia's in der Unterhandlung betreffs der Uebertragung des Ladens von Frau Bawtrey überschätzt hatte. 366

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