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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Buch.

Erstes Kapitel.

Wenn es auf der Welt ein Mädchen gab, welches dazu geschaffen schien, Kenelm Chillingly mit den süßen Beschwerden der Liebe und den anmuthigen Zwistigkeiten des ehelichen Lebens auszusöhnen, so hätte man allen Grund gehabt anzunehmen, Cecilia Travers sei dieses Mädchen. Sie hatte ihre Mutter in früher Kindheit verloren und stand als einzige Tochter in einem Alter, in welchem die meisten Mädchen noch ihre Puppen zu Bette bringen, dem Haushalte ihres Vaters vor und hatte sich dadurch zeitig jenes Gefühl der Verantwortlichkeit und die Gewöhnung, sich auf sich selbst zu verlassen, angeeignet, welche selten verfehlt, dem Charakter einen gewissen Adel zu verleihen, wenn sie auch fast ebenso oft bei Frauen um den Preis zarter Weiblichkeit erkauft wird.

351 Bei Cecilia Travers aber hatte jene Gewöhnung nicht diese Wirkung geübt, weil sie so durchaus weiblich war, daß selbst die Handhabung ihrer Macht ihrem Wesen nichts Männliches zu geben vermochte. Ihre innerste Natur war so ganz Süßigkeit, daß, in welcher Richtung auch immer ihr Geist wandern und arbeiten mochte, er immer Honig bereitete.

Sie hatte einen Vortheil vor den meisten Mädchen in gleicher gesellschaftlicher Stellung voraus: sie war nicht gelehrt worden, die Anlagen zu höherer Bildung, welche ihr die Vorsehung verliehen hatte, in den unfruchtbaren Nichtigkeiten zu vertändeln, die man weibliche Talente nennt. Sie malte nicht Figuren in dürftigen Wasserfarben, sie hatte nicht Jahre ihres Lebens auf die Erlangung der Fähigkeit verwandt, einem höflichen Auditorium die Qual des Gesanges italienischer Bravourarien zu bereiten, welche sie von jeder Sängerin von Profession in irgend einem Concertsaal der Hauptstadt besser singen hören konnten. Ich fürchte, sie hatte keine andern weiblichen Talente als die, mit welchen die Näherin und die Stickerin ihr tägliches Brod verdienen. Diese Art von Arbeit that sie gern und geschickt.

War aber Cecilia nicht nutzlos von Privatlehrern geplagt worden, so war sie doch besonders begünstigt 352 gewesen durch die von ihrem Vater getroffene Wahl einer Erzieherin, was übrigens seinerseits auch kein großes Verdienst war. Er hatte ein Vorurtheil gegen eigentliche Gouvernanten, und es traf sich glücklich, daß zu seinen Familienbekanntschaften eine gewisse Frau Campion gehörte, eine Dame von nicht gewöhnlicher Bildung, deren Gatte eine hohe Stellung in der Verwaltung bekleidet und zu seiner eigenen großen Genugthuung eine sehr schöne Einnahme ganz verbraucht hatte, sodaß er bei seinem Tode zum großen Erstaunen Anderer keinen Heller hinterlassen hatte.

Glücklicherweise waren keine Kinder da, für die hätte gesorgt werden müssen. Der Wittwe wurde von der Regierung eine kleine Pension bewilligt, und da sie das Haus ihres Mannes zu einem der angenehmsten in London gemacht hatte, erfreute sie sich einer solchen Beliebtheit, daß sie von zahlreichen Freunden auf deren Landsitze eingeladen wurde. Unter diesen befand sich auch Herr Travers. Sie kam zu ihm mit der Absicht, vierzehn Tage zu bleiben. Nach Verlauf dieser Zeit hatten sie und Cecilia sich so an einander attachirt und war ihre Gegenwart ihrem Wirthe so angenehm und so nützlich geworden, daß er sie dringend bat, ganz bei ihm zu bleiben und die Erziehung seiner Tochter zu übernehmen. Nach einigem Zögern 353 willigte Frau Campion dankbar ein, und so hatte Cecilia sich von ihrem achten Jahre an bis zum gegenwärtigen Augenblick, wo sie neunzehn Jahre alt war, des unschätzbaren Vortheils erfreut, in der beständigen Gesellschaft einer Frau von reich gebildetem Geist zu leben, welche gewöhnt gewesen war, die besten Urtheile über die besten Erzeugnisse der Literatur zu hören, und welche mit einer nicht geringen literarischen Bildung die feinsten Manieren und jene Art von klugem Urtheil verband, welches das Ergebniß eines regelmäßigen Verkehrs mit einem intelligenten und anmuthig weltklugen gesellschaftlichen Kreise ist, sodaß Cecilia selbst, ohne im mindesten gelehrt oder pedantisch zu sein, eins jener seltenen jungen Mädchen wurde, mit welchen ein gebildeter Mann sich wie mit geistig Gleichstehenden unterhalten kann, von welchen er ebenso viel empfängt, als er mittheilen kann, während ein Mann, der, ohne sich viel aus Büchern zu machen, doch die Reize eines feingebildeten weiblichen Wesens zu schätzen weiß, in ihrer Gesellschaft das Vergnügen genoß, sich in seiner Muttersprache mit ihr unterhalten zu können, ohne Gefahr zu laufen, hören zu müssen, daß dieser oder jener Prediger ein Wichtigmacher sei oder daß ein Gartenfest furchtbar amüsant gewesen sei.

Mit einem Wort, Cecilia war eins von jenen 354 Mädchen, welche der Himmel zur helfenden Genossin eines Mannes erschaffen hat, welche, wenn ihr Mann reich und in hoher gesellschaftlicher Stellung wäre, als seine Genossin über diesen Reichthum und diese Stellung neuen Glanz verbreiten und den Genuß derselben durch die Erfüllung der durch sie gebotenen Pflichten erhöhen würde, und welche nicht minder, wenn der von ihr erwählte Gatte arm wäre und mit dem Leben ringen müßte, ihn ermuthigen, aufrecht erhalten und besänftigen, ihm einen Theil seiner Bürde abnehmen und die Bitterkeit des Lebens mit der für Alles entschädigenden Anmuth ihres Lächelns lindern würde.

Cecilia hatte bis jetzt noch wenig an Liebe und Liebhaber gedacht. Sie hatte sich noch nicht einmal eins jener Ideale gebildet, welche den meisten Mädchen, wenn sie heranreifen, vorzuschweben pflegen. Aber von zwei Dingen war sie innerlich durchdrungen: daß sie niemals ohne Liebe würde heirathen können und daß, wenn sie einmal liebe, es für ihr ganzes Leben sein werde.

Und nun will ich diese Skizze mit einem Bilde der Erscheinung des Mädchens beschließen.

Sie ist eben aus ihr Zimmer gegangen, nachdem sie die Vorbereitungen für die Festlichkeit getroffen hat, welche ihr Vater seinen Pachtern und ländlichen Nachbarn zu geben im Begriff steht. Sie hat ihren 355 Strohhut beiseite gelegt und den großen Korb, den sie von Blumen geleert hat, niedergesetzt. Sie steht still vor dem Spiegel, um die rauh gewordenen Flechten ihres Haares wieder zu glätten, ihres kastanienbraunen, seidenweichen, üppigen Haares, das noch nie mit Haaröl in Berührung gekommen ist. Ihr Teint, der gewöhnlich jene milde Frische hat, welche zur Blässe neigt, ist jetzt durch Bewegung und die Einwirkung der Sonne von blühendem Roth. Ihre Züge sind fein und weiblich, ihre Augen dunkel und mit langen Wimpern besetzt, ihr Mund von eigenthümlicher Schönheit, mit einem Grübchen zu beiden Seiten und jetzt eben halb geöffnet durch ein von einer angenehmen Erinnerung hervorgerufenes Lächeln, wobei kleine wie Perlen glänzende Zähne zum Vorschein kommen. Aber der eigenthümliche Reiz ihres Gesichts besteht in einem Ausdruck heiterer Glückseligkeit, jener Art von Glückseligkeit, die uns anmuthet, als wäre sie nie von einem Kummer unterbrochen, nie von einer Sünde gestört worden, jener heiligen Glückseligkeit, die das Theil der Unschuldigen, das von einem friedlichen Herzen und einem reinen Gewissen zurückgestrahlte Licht ist. 356

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