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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Kapitel.

Einsam und brütend saß der zum ersten Mal geschlagene Held von Hunderten von Zweikämpfen auf seinem Zimmer. Es war jetzt Zwielicht; aber die Läden waren den ganzen Tag halb geschlossen gewesen, um die Sonne, die Tom Bowles früher noch nie unwillkommen gewesen war, auszuschließen, und sie blieben auch jetzt noch halb geschlossen und machten so das Zwielicht noch dämmeriger, bis der früh aufgehende Herbstmond seine Strahlen durch die Spalten der Läden ins Zimmer sandte und eine silberne Spur auf den Fußboden zauberte.

Der Kopf des starken Mannes hing ihm auf die Brust herab; seine starken Hände ruhten energielos auf seinen Knieen; seine Haltung trug das Gepräge äußerster Niedergeschlagenheit und Abspannung. Aber in 328 dem Ausdruck seines Gesichts waren die Anzeichen eines gefährlichen und ruhelosen Sinnens erkennbar, welche nicht sein finsteres Aussehen, wohl aber die Ruhe seiner Haltung Lügen straften. Seine Stirn, die in ihrer herausfordernden Kühnheit gewöhnlich offen und frei, war jetzt von tiefen Furchen durchzogen und lag in finsterem Unmuth über seinen gesenkten, halbgeschlossenen Augen. Seine Lippen waren so fest zusammengepreßt, daß das Gesicht nicht mehr rund erschien und die schweren Kinnbackenknochen scharf hervorstachen. Dann und wann öffneten sich die Lippen zwar, um einen tiefen ungeduldigen Seufzer auszustoßen, schlossen sich aber ebenso rasch wieder. Tom Bowles befand sich in einer jener Lebenskrisen, welche alle die Elemente, die das frühere Selbst eines Menschen ausgemacht haben, in völlige Anarchie versetzen, in welchen der Böse sein Werk beginnen zu wollen und den Sturm zu lenken scheint, in welchem ein roher ungebildeter Geist, der bis dahin noch nie einen verbrecherischen Gedanken gehegt hatte, das Verbrechen aus einem Abgrunde aufsteigen sieht, es als einen Feind erkennt und sich demselben doch wie einem Verhängniß beugt, sodaß, wenn ein zum Galgen verurtheilter Unglücklicher im letzten Augenblick schaudernd an den Moment zurückdenkt, »der zwischen zwei 329 Welten zitterte«, der Welt des Unschuldigen und der Welt des Schuldigen, er zu dem heiligen, hochgebildeten, vernünftigen, leidenschaftslosen Priester, der ihn beichten läßt und ihn Bruder nennt, sagt: »Der Teufel hat mich dazu verführt.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, auf der Schwelle stand seine Mutter, der er nie einen Einfluß auf seine Handlungsweise gestattet hatte, obgleich er sie in seiner rauhen Weise herzlich liebte, und der verhaßte Nebenmensch, den er todt zu seinen Füßen zu sehen wünschte. Die Thür schloß sich wieder, die Mutter war fortgegangen, ohne ein Wort zu sagen, denn ihre Thränen erstickten ihre Stimme, sein Nebenmensch war allein mit ihm. Tom Bowles blickte auf, er erkannte den Besucher, die Furchen von seiner Stirn verschwanden und er rieb sich seine gewaltigen Hände. 330

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