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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfzehntes Kapitel.

Kenelm lenkte jetzt seine Schritte dem Pfarrhause zu, aber als er sich den dazu gehörigen Ländereien näherte, begegnete er einem Herrn, dessen Anzug so unverkennbar der eines Geistlichen war, daß er stehen blieb und sagte:

»Habe ich die Ehre, Herrn Lethbridge vor mir zu sehen?«

»Das ist mein Name«, erwiderte der Geistliche wohlgefällig lächelnd. »Kann ich etwas für Sie thun?«

»Ja, sehr viel, wenn Sie mir erlauben wollen, über einige Mitglieder Ihrer Gemeinde mit Ihnen zu sprechen.«

»Meine Gemeinde! Ich bitte um Vergebung, aber Sie sind mir und, ich sollte denken, auch meiner Gemeinde völlig fremd.«

297 »Ihrer Gemeinde nicht; ich bin ganz zu Hause in derselben und ich glaube aufrichtig, daß Ihre Gemeinde nie einen dienstbeflisseneren, beschäftigteren Müßiggänger, der sich so in ihre privatesten Angelegenheiten gemischt hätte, gekannt hat als mich.«

Herr Lethbridge sah ihn starr an und sagte dann nach einer kurzen Pause: »Man hat mir von einem jungen Mann erzählt, der bei Herrn Saunderson gewohnt hat und in diesem Augenblick den Gegenstand aller Unterhaltungen bildet. Sie sind –«

»Dieser junge Mann. Leider!«

»Ja«, sagte Herr Lethbridge freundlich. »Ich selbst kann freilich als ein Diener des Evangeliums Ihren Beruf nicht billigen und würde, wenn Sie es nicht übel nehmen wollten, versuchen Sie davon abzubringen; aber doch kann ich, wenn ich ehrlich sein will, diesen Act der Befreiung eines armen Mädchens von der skandalösesten Verfolgung und die Verabreichung einer wenn auch groben Lection an eine wilde Bestie, die seit lange eine Schmach und ein Schrecken der Gegend gewesen ist, nicht verdammen. Das moralische Gefühl eines Gemeinwesens trifft in der Regel das Richtige – Sie werden von dem ganzen Dorfe gepriesen. Unter den obwaltenden Umständen will auch ich Ihnen mein Lob nicht vorenthalten. Als Sie diesen 298 Morgen erwachten, waren Sie ein berühmter Mann. Warum seufzen Sie darüber?«

»Lord Byron war, als er eines Morgens erwachte, ein berühmter Mann, und die Folge davon war, daß er sein Lebelang darüber seufzte. Wenn es zwei Dinge gibt, die ein weiser Mann vermeiden sollte, so sind es Berühmtheit und Liebe. Der Himmel schütze mich vor beiden.«

Der Pfarrer sah ihn wieder erstaunt an; da er aber von mitleidiger Natur und geneigt war, Alles die Menschheit Betreffende mild zu beurtheilen, sagte er mit einer leichten Neigung des Kopfes:

»Ich habe immer gehört, daß die Amerikaner im Allgemeinen sich des Vortheils einer besseren Erziehung erfreuen als wir in England und daß literarische Bildung dort unendlich viel verbreiteter ist als bei uns; und doch, wenn ich Jemand, dessen Beruf in diesem Lande nicht in dem Ansehen hoher geistiger und ethisch-philosophischer Bildung steht, Lord Byron citiren und Gefühle äußern höre, die mit dem Ungestüm unerfahrener Jugend im Widerspruch stehen, in denen aber sehr viel liegt, was sie in den Augen eines nachdenkenden Christen, der von der Nichtigkeit der dem menschlichen Herzen begehrenswerthesten Dinge durchdrungen ist, empfehlenswerth erscheinen läßt, so bin ich 299 überrascht, und, mein lieber junger Freund, Ihre Erziehung, dünkt mich, müßte Sie zu etwas Besserem geschickt machen.«

Eine der Maximen Kenelm Chillingly's war, daß ein verständiger Mann sich über nichts wundern dürfe; aber hier war er, um mich eines vulgären Ausdrucks zu bedienen, verblüfft und mußte sich auf das Niveau gewöhnlicher Geister herablassen und einfach erklären: »Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich sehe«, nahm der Geistliche mit sanftem Kopfschütteln wieder das Wort, »daß, wie ich es mir immer gedacht habe, in der vielberühmten Erziehung der Amerikaner die Elementarbegriffe von dem, was nach den Lehren des Christenthums Recht und Unrecht ist, weniger verbreitet und als bei unseren niederen Volksklassen. Ja, mein junger Freund, Sie mögen Dichter citiren, Sie mögen mich durch Ihre den Lehren heidnischer Dichter entlehnten Bemerkungen über die Nichtigkeit menschlicher Berühmtheit und menschlicher Liebe in Erstaunen setzen und doch nicht begreifen, mit welchem Mitleid und, nach der Ueberzeugung der meisten gutdenkenden Menschen, mit welcher Verachtung ein Mensch, der Ihr Gewerbe betreibt, betrachtet wird.«

»Habe ich ein Gewerbe?« fragte Kenelm. »Das 300 zu hören freut mich sehr. Was ist denn mein Gewerbe? Und warum soll ich ein Amerikaner sein?«

»Ich werde doch nicht falsch berichtet sein? Sie sind der Amerikaner – ich habe den Namen vergessen – der herübergekommen ist, um mit dem Vorkämpfer Englands um den Kampfpreis des Gürtels zu ringen. Sie schweigen, Sie lassen den Kopf hängen. Durch Ihre Erscheinung, Ihre langen Glieder, Ihren ernsten Ausdruck und Ihre augenscheinlich gute Erziehung bestätigen Sie meine Vermuthung in Betreff Ihrer Heimat. Durch Ihre Tapferkeit haben Sie eine Probe Ihrer professionellen Geschicklichkeit abgelegt.«

»Ehrwürdiger Herr«, sagte Kenelm mit seinem unaussprechlich ernsten Ausdruck, »ich reise, um die Wahrheit zu suchen und allem Scheinwesen zu entfliehen; aber einem, der so anders erscheint, als er ist, wie es mit mir selbst der Fall ist, bin ich noch nicht begegnet. Vergessen Sie mich nicht in Ihren Gebeten. Ich bin weder Amerikaner noch Preisfechter. Ich ehre den ersteren als den Bürger einer großen Republik, der sein Bestes zum Gelingen eines gouvernementalen Experimentes thut, bei welchem er finden wird, daß grade das Gedeihen, welches er zu schaffen bestrebt ist, früher oder später sein Experiment vereiteln wird. Ich ehre den letzteren, weil Kraft, Muth und 301 Mäßigkeit, diese Hauptzierden der Könige und der Helden, für den Preisfechter unerläßliche Eigenschaften sind. Aber ich bin weder das Eine noch das Andere. Und Alles, was ich von mir sagen kann, ist, daß ich zu jener sehr unbestimmten Klasse gehöre, die man gemeiniglich englische Gentlemen nennt und daß ich nach meiner Geburt und meiner Erziehung ein Recht habe, Sie als solcher zu bitten, mir die Hand zu geben.«

Herr Lethbridge sah ihn wieder erstaunt an, richtete den Kopf auf, verneigte sich und reichte Kenelm die Hand.

»Sie werden mir jetzt gestatten, mit Ihnen über die Mitglieder Ihrer Gemeinde zu reden. Sie interessiren sich für Will Somers und ich auch. Er ist geschickt und erfinderisch. Aber es scheint hier keine genügende Nachfrage nach seinen Körben zu sein und er würde ohne Zweifel in einer Stadt hier in der Nähe besser fortkommen. Warum will er nicht fort von hier?«

»Ich fürchte, der arme Will würde sich vor Sehnsucht verzehren, wenn er das hübsche Mädchen, für das Sie so ritterlich mit Tom Bowles gekämpft haben, nicht mehr sehen könnte.«

»Ist der unglückliche Mensch also wirklich in Jessie 302 Wiles verliebt und glauben Sie, daß sie ihn wirklich wieder liebt?«

»Davon bin ich überzeugt.«

»Und würde sie ihm eine gute Frau werden? Das heißt, so gut, wie Frauen werden können?«

»Eine gute Tochter pflegt auch eine gute Frau zu werden, und wir haben hier am Ort keinen Vater, der ein besseres Kind hätte, als es Jessie für ihren Vater ist. Sie ist wirklich ein vorzügliches Mädchen. Sie war die beste Schülerin in unserer Schule und meine Frau hält sehr viel auf sie. Aber sie hat etwas Besseres als bloßen Verstand, sie hat ein vortreffliches Herz.«

»Was Sie sagen, bestätigt meinen eigenen Eindruck. Und der Vater des Mädchens hat gegen Somers nichts einzuwenden, als daß er besorgt, Will könne Frau und Kinder nicht gehörig ernähren?«

»Er kann sonst nichts gegen ihn einzuwenden haben, außer was ebenso sehr für alle übrigen Bewerber gelten würde. Ich meine seine Furcht, daß Tom Bowles ihr irgend etwas zu Leide thun möchte, wenn er erführe, daß sie einen Anderen heirathen wolle.«

»Halten Sie also Tom Bowles für einen durchaus schlechten und gefährlichen Menschen?«

»Durchaus für schlecht und gefährlich und noch schlimmer, seit er sich dem Trunk ergeben hat.«

303 »Vermuthlich hat er sich erst dem Trunk ergeben, seit seine Liebe für Jessie Wiles ihm den Kopf verdreht hat?«

»Ich glaube, ja.«

»Aber, Herr Lethbridge, haben Sie nie auf diesen gefährlichen Menschen zu wirken versucht?«

»Natürlich habe ich das versucht, aber nur um mich insultiren zu lassen. Er ist eine gottlose Bestie und ist seit Jahren nicht in der Kirche gewesen. Er scheint etwas von jener schlechten Bildung aufgeschnappt zu haben, wie sie sich wohl in ungläubigen Schriften findet, und ich zweifle, ob er überhaupt irgend welche Religion hat.«

»Der arme Polyphem! Kein Wunder, daß seine Galatea sich vor ihm fürchtet.«

»Der alte Wiles ist entsetzlich ängstlich und hat meine Frau gebeten, Jessie eine Stelle als Dienstmädchen an einem anderen Orte zu verschaffen. Aber Jessie konnte den Gedanken, von hier fortzugehen, nicht ertragen«

»Aus demselben Grunde, aus welchem Will Somers so sehr an dem heimatlichen Boden hängt?«

»Meine Frau glaubt es.«

»Glauben Sie, daß, wenn man Tom Bowles von hier fortbringen könnte und Jessie und Will sich 304 heiratheten, sie sich als Nachfolger von Frau Bawtrey, wenn Will noch den Ertrag seiner Korbflechterei zu dem des Ladens und des Stück Landes hinzubrächte, gut ernähren könnten?«

»Gut ernähren? Ganz gewiß! Sie würden ganz reich sein. Ich weiß, daß der Laden sehr viel Geld einzubringen pflegte. Die alte Frau kann natürlich dem Geschäft nicht mehr ordentlich vorstehen, aber sie hat noch immer eine gute Kundschaft.«

»Will Somers scheint eine zarte Gesundheit zu haben, aber vielleicht würde sich dieselbe bessern, wenn er sich weniger Sorge wegen seines Unterhalts zu machen und nicht mehr zu fürchten brauchte, Jessie zu verlieren.«

»Das würde eine wahre Lebensrettung für ihn sein, mein Herr.«

»Dann«, sagte Kenelm mit einem tiefen Seufzer und einem wahren Leichenbittergesicht, »fürchte ich, daß ich, obgleich ich selbst nur tiefes Mitleid für jene Störung unseres geistigen Gleichgewichts empfinde, welche die Leute Liebe nennen, und obgleich ich daher der letzte wäre, der die Sorgen und Mühen, welche die Ehe über ihre Opfer bringt – nicht zu reden von den Leiden derjenigen, welche durch die Ehe in eine schon zu stark bevölkerte Welt gesetzt werden – noch 305 vermehren möchte, doch das Mittel werden muß, diese beiden Liebesvögel in einen Käfig zu bringen. Ich erkläre mich bereit, den Laden mit Zubehör für die jungen Leute zu kaufen, unter der Bedingung, daß Sie es freundlichst übernehmen wollen, die Zustimmung von Jessie's Vater zu ihrer Verbindung zu erwirken. Was Tom Bowles betrifft, so übernehme ich es, die beiden und das Dorf von dieser überreichen Natur zu befreien, welche eines größeren Feldes zur Bethätigung ihrer energischen Kraft bedarf. Verzeihen Sie, wenn ich Sie bitte, mich nicht zu unterbrechen; ich bin mit dem, was ich zu sagen habe, noch nicht zu Ende. Darf ich Sie fragen, ob es hier im Dorfe auch eine böse Welt gibt?«

»Die böse Welt – o ich verstehe! Natürlich, wo es nur eine Frau mit einer Zunge zum Schwatzen gibt, da gibt es auch eine böse Welt.«

»Und würde nicht die böse Welt, in Betracht, daß Jessie sehr hübsch ist und daß ich bei einem Spaziergang mit ihr mit Herrn Tom Bowles handgemein geworden bin, kopfschüttelnd behaupten, es sei wohl nicht reine Mildthätigkeit, die den Fremden so liberal gegen Jessie Wiles gemacht habe? Wenn aber Sie Frau Bawtrey das Geld für den Laden bezahlen und alle erforderlichen Arrangements gütigst übernehmen 306 wollten, so würde die böse Welt gegen niemand etwas sagen können.«

Herr Lethbridge starrte Kenelm's feierliches Gesicht mit sprachlosem Staunen an.

»Mein Herr«, sagte er nach einer langen Pause, »ich weiß kaum, wie ich meiner Bewunderung für eine Großmuth Ausdruck geben soll, die so edel und umsichtig und überdies gepaart ist mit einer Delicatesse und einer Weisheit, welche – welche –«

»Bitte, mein werther Herr, machen Sie nicht, daß ich mich meiner noch mehr schämen muß, als ich es schon thue, schämen muß wegen einer Einmischung in Liebeshändel, die meinen Ansichten über die beste Art, sich den Engeln zu nähern, so sehr widerspricht. Um das Geschäft zum Abschluß zu bringen, ich halte es für das Beste, wenn ich Ihnen die Summe von fünfundvierzig Pfund, für welche Frau Bawtrey sich bereit erklärt hat, ihren Miethcontract und ihr Inventar abzutreten, sofort übergebe; aber natürlich werden Sie nichts davon bekannt werden lassen, bis ich und Tom Bowles fort sind. Ich hoffe, ich werde ihn morgen fortbringen können; aber ich werde diesen Abend erfahren, bis wann mit Sicherheit auf seine Abreise zu rechnen ist, und bis er fort ist, muß ich hier bleiben.«

Während er sprach, nahm Kenelm Banknoten zu 307 dem erwähnten Belaufe aus seiner Brieftasche und händigte sie Herrn Lethbridge ein.

»Darf ich wenigstens nach dem Namen des Mannes fragen, welcher mich mit seinem Vertrauen beehrt und welcher Mitglieder meiner Heerde so glücklich machen will?«

»Ich wüßte eben nichts dagegen, Ihnen meinen Namen zu sagen, ich wüßte aber auch nichts dafür. Sie erinnern sich des Rathes Talleyrand's: Wenn Du zweifelhaft bist, ob Du einen Brief schreiben sollst oder nicht, so thu' es nicht. Dieser Rath ist auf viele Zweifel im Leben, auch abgesehen vom Briefschreiben, anwendbar. Leben Sie wohl, mein Herr!«

»Ein höchst merkwürdiger junger Mann« murmelte der Pfarrer vor sich hin, während er der allmälig verschwindenden Gestalt des hochgewachsenen Fremden nachsah, »und«, fuhr er dann kopfschüttelnd fort, »ein rechtes Original.« Er begnügte sich mit dieser Lösung des Problems dieser eigenthümlichen Natur. Möge auch der Leser sich daran genügen lassen. 308

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