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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Kenelm sprach auf dem Felde nicht mehr mit seiner neuen Freundin; als aber der Feierabend eintrat, sah er sich nach dem Pachter um, um sich bei ihm zu entschuldigen, daß er nicht sogleich bei dem Abendessen der Familie erscheinen werde. Indessen sah er weder Herrn Saunderson noch seinen Sohn. Beide waren auf dem Hof, wo die Heuschober aufgestapelt wurden, beschäftigt. Kenelm, dem es gar nicht unlieb war, seiner Entschuldigung und der Fragen, zu denen dieselbe Veranlassung geben möchte, überhoben zu sein, zog daher seinen Rock an, den er beiseite gelegt hatte, und ging, Jessie, die ihn am Zaunthor erwartet hatte, verabredetermaßen zu treffen. Neben einander hergehend, folgten sie dem Strom der Dorfbewohner, die langsam nach Hause gingen. Es war ein echtes altes 249 englisches Dorf, das weder mit Phantasie- oder Musterarbeiterhäuschen verziert war, noch auch das Gepräge der Dürftigkeit und des Schmuzes an sich trug. Vor ihnen erhob sich die graue gothische Kirche auf dem Hintergrunde der purpurnen Wolken, hinter welchen die Sonne untergegangen war, und umgeben von den Feldern des halb zum Vorschein kommenden Pfarrhauses; dann kam die Gemeindewiese mit dem hübschen Schulhaus und darauf folgte eine lange, aus zerstreuten geweißten, inmitten kleiner Gärtchen liegenden Häuschen gebildete Straße.

Während sie auf ihrem Wege begriffen waren, ging der Mond in voller Pracht auf und beleuchtete den vor ihnen liegenden Weg mit seinem silbernen Schein.

»Wem gehört das Dorf?« fragte Kenelm. »Ich sollte denken, es müßte ein guter und wohlhabender Mann sein.«

»Ja, es gehört dem Squire Travers, der ein großer Herr und, wie die Leute sagen, sehr reich ist. Aber sein Landsitz liegt eine gute Strecke vom Dorfe entfernt. Sie können ihn sehen, wenn Sie hier bleiben; denn er gibt Sonnabend ein Erntefest und Herr Saunderson und alle seine übrigen Pachter gehen dann hin. Es ist ein schöner Park, und Fräulein 250 Travers ist reizend anzusehen. O, sie ist ein Engel!« fuhr Jessie in einem ungezierten Ausbruch der Bewunderung fort; denn Frauen sind empfänglicher für die Reize ihrer Mitschwestern, als die Männer es ihnen zutrauen.

»Ist sie so hübsch wie Sie?«

»O, hübsch ist nicht das Wort. Sie ist tausendmal schöner!«

»Das wäre!« sagte Kenelm ungläubig.

Es entstand eine Pause, die nur durch einen raschen Seufzer Jessie's unterbrochen wurde.

»Warum seufzen Sie? Sagen Sie es mir!«

»Ich dachte daran, daß etwas sehr Geringes Menschen glücklich machen kann, daß aber dieses sehr Geringe auf die eine oder andere Art immer ebenso schwer zu erlangen ist, wie wenn man sein Herz an etwas Großes hängt.«

»Das ist sehr weise gesprochen. Jeder verlangt nach irgend etwas Kleinem, für das vielleicht kein Anderer einen Pfifferling geben würde. Aber was ist denn das sehr Geringe, um dessentwillen Sie seufzen?«

»Frau Bawtrey möchte ihren Laden gern verkaufen; sie wird alt und leidet an Krämpfen und kann keinen Käufer finden, und wenn Will den Laden hätte 251 und ich ihn halten könnte – aber was nützt es, daran zu denken!«

»Von welchem Laden reden Sie?«

»Von diesem hier!«

»Wo denn? Ich sehe keinen Laden.«

»Und doch ist es der einzige Laden im Dorf, da, wo das Postamt ist.«

»Ach, ich sehe da etwas am Fenster, was aussieht wie ein rother Mantel. Was wird denn da verkauft?«

»Alles, Thee und Zucker, Lichter und Shawls, Kleider und Mäntel, Mausefallen und Briefpapier; und Frau Bawtrey kauft dem armen Will seine Körbe ab und verkauft sie ein gut Theil theurer, als sie sie bezahlt!«

»Es scheint ein nettes Häuschen mit Feld und Obstgarten dahinter.«

»Ja, Frau Bawtrey bezahlt acht Pfund jährliche Miethe; aber das bringt der Laden reichlich ein.«

Kenelm antwortete nichts. Beide gingen schweigend weiter und hatten eben die Mitte der Dorfstraße erreicht, als Jessie aufblickend einen leisen Schrei ausstieß, entsetzt zusammenfuhr und plötzlich still stand.

Kenelm's Auge folgte dem ihrigen und sah in einer Entfernung von einigen Schritten an der 252 gegenüberliegenden Seite ein kleines rothes Backsteinhaus mit daran stoßendem strohbedecktem Schuppen, inmitten eines weiten Hofes, an dessen Pforte ein Mann gelehnt stand, der aus einer kleinen Thonpfeife rauchte.

»Es ist Tom Bowles«, flüsterte Jessie und legte ihren Arm unwillkürlich in den Kenelm's, zog ihn dann aber wie nach einer Ueberlegung wieder zurück und sagte noch immer flüsternd: »Kehren Sie jetzt um, Herr, bitte!«

»Das fällt mir nicht ein! Ich will ja Tom Bowles kennen lernen. Pst!«

Denn eben hatte Tom Bowles seine Pfeife weggeworfen und kam quer über die Straße langsam auf sie zu.

Kenelm maß ihn aufmerksam mit den Augen. Es war eine gewaltige Gestalt; er war nicht ganz so groß wie Kenelm, aber doch von mehr als mittlerer Größe und hatte einen herkulischen Oberkörper; die unteren Extremitäten schienen nicht gleich ausgebildet, der Gang hatte etwas Träges, Schleppendes. Während er herankam, fiel das Mondlicht auf sein Gesicht, es war ein schöner Kopf. Er war barhaupt und sein hellbraunes Haar war dichtgelockt. Seine Gesichtsfarbe war gesund; seine Züge hatten etwas Adlerartiges; er mochte sechs- bis siebenundzwanzig Jahre alt sein. Je näher 253 er aber herankam, desto mehr verschwand der günstige Eindruck, den seine Erscheinung im ersten Augenblick auf Kenelm hervorgebracht hatte, denn der Ausdruck seines Gesichts veränderte sich jetzt und wurde wild und finster.

Kenelm war noch im Gehen begriffen und Jessie ging an seiner Seite, da trat Bowles plump zwischen sie, ergriff den Arm des Mädchens mit der einen Hand, machte mit der anderen eine drohende Bewegung gegen Kenelm, dem er voll ins Gesicht sah, und sagte mit einer tiefen, lauten Stimme:

»Wer seid Ihr?«

»Laßt das junge Mädchen in Ruhe, ehe ich es Euch sage.«

»Wenn Ihr nicht ein Fremder wärt«, antwortete Bowles, der einen Wuthanfall gewaltsam niederzudrängen schien, »so läget Ihr dafür in der Gosse. Aber Ihr wißt vermuthlich nicht, daß ich Tom Bowles bin und nicht leide, daß das Mädchen, das mir gefällt, mit einem anderen Manne geht. Geht also Eurer Wege.«

»Und ich lasse keinen Mann ein Mädchen, das neben mir geht, gewaltsam anfassen, ohne ihm zu sagen, daß er eine Bestie ist und daß ich nur warte, bis er seine beiden Hände frei hat, um ihn zu lehren, 254 daß er es nicht mit einem armen Krüppel zu thun hat.«

Tom Bowles traute seinen Ohren nicht. Starres Staunen ließ im ersten Augenblick kein anderes Gefühl bei ihm aufkommen. Mechanisch ließ er Jessie los, die wie ein freigelassener Vogel davonlief. Aber sie dachte offenbar mehr an die Gefahr, in welcher ihr neuer Freund schwebte, als an ihre eigene Sicherheit; denn anstatt in dem Hause ihres Vaters Schutz zu suchen, lief sie zu einer Gruppe von Arbeitern, die vor der in der Nähe befindlichen Schenke standen, und kehrte mit diesen Verbündeten alsbald an die Stelle zurück, wo sie die beiden Männer gelassen hatte. Die Arbeiter, bei denen Jessie wie bei allen Dorfbewohnern sehr beliebt war und die sich durch ihre Anzahl stark fühlten, überwanden ihre Scheu vor Tom Bowles und kamen halb laufend, halb gehend, wie sie hofften, noch zeitig genug an, um sich ins Mittel zu legen und die Knochen des harmlosen Fremden vor dem furchtbaren Arm zu bewahren.

Inzwischen hatte sich Bowles von seinem ersten Erstaunen erholt. Jessie's Flucht schien er gar nicht bemerkt zu haben, denn er hielt den rechten Arm noch immer nach der Stelle hin ausgestreckt, wo sie gestanden hatte, holte aber mit dem Rücken der linken rasch 255 nach Kenelm's Gesicht aus und brummte dabei verächtlich: »Du sollst sehen, daß eine Hand für Dich genug ist«

Aber so rasch er auch ausgeholt hatte, Kenelm packte doch noch rechtzeitig den erhobenen Arm grade über dem Ellbogen, sodaß der Schlag in die Luft fuhr und stellte in demselben Augenblick seinem stämmigen Gegner mit dem rechten Knie und Fuß so geschickt ein Bein, daß er zappelnd zu Boden fiel. Die Bewegung war so plötzlich und die moralische und physische Betäubung, die sie bewirkte, so nachhaltig, daß wohl eine Minute verging, ehe Tom Bowles sich wieder aufrappelte. Während der nächsten Minute aber stand er da und starrte seinen Gegner mit einem unbestimmten Gefühl, einer abergläubischen Scheu an. Denn es ist eine merkwürdige Beobachtung, daß, wie wild und furchtlos ein Mensch oder ein wildes Thier auch sei, doch beide, wenn sie bis dahin nur Sieg und Triumph gekannt haben, noch nie auf einen Feind gestoßen sind, der es mit ihnen hätte aufnehmen können, bei der ersten Niederlage, die sie, namentlich von einem verachteten Gegner, erfahren, ganz fassungslos und fast gelähmt werden. Aber als Prügel-Tom sich allmälig wieder erholte, sich seiner Stärke wieder bewußt wurde und sich erinnerte, daß dieselbe für einen 256 Augenblick durch den geschickten Streich eines Ringers und nicht durch die ebenbürtige Kraft eines Boxers lahm gelegt worden sei, verschwand die Scheu und Tom Bowles war wieder ganz er selbst.

»O, das ist also Eure Manier«, sagte er. »Hier kämpfen wir nicht mit unsern Hacken wie die Leute in Cornwallis und wie die Esel; wir kämpfen mit unsern Fäusten, junger Mensch! Und wenn Ihr doch einmal einen solchen Kampf haben wollt, nun gut, so soll er Euch werden.«

»Die Vorsehung«, antwortete Kenelm feierlich, »hat mich in dieses Dorf geschickt, ausdrücklich zu dem Zweck, um Tom Bowles unterzukriegen. Das ist eine besondere, Euch gewährte Gnade, wie Ihr noch einmal selbst erkennen werdet.«

Abermals durchzuckte ein Gefühl ehrfurchtsvoller Scheu, wie es der Demagoge des Aristophanes empfunden haben mag, als ihm der Wurstmacher Trotz bot, das tapfere Herz Tom Bowles'. Unbehaglich waren ihm die Unheil verkündenden Worte und noch unbehaglicher der finstere Ton, in welchem Kenelm sie gesprochen hatte. Aber er war entschlossen, wenigstens dieses Mal vorsichtiger an den Kampf zu gehen, als er es anfänglich für nöthig gehalten hatte; bedächtig zog er seine schwere wollene Jacke und Weste aus, 257 streifte seine Hemdärmel auf und ging dann langsam auf seinen Feind los.

Auch Kenelm hatte noch bedächtiger seinen Rock ausgezogen, denselben als ein neues und einziges Kleidungsstück vorsichtig zusammengefaltet und unter die Hecke gelegt und entblößte nun seine Arme, die zwar mager und im Vergleich mit der gewaltigen Muskulatur seines Gegners fast schwächlich erschienen, aber fest und sehnig waren wie die Hinterbeine eines Hirsches.

In diesem Augenblick langten die von Jessie geführten Arbeiter an und waren eben im Begriff, sich zwischen die Kämpfenden zu werfen, als Kenelm sie fortwinkte und ruhig und nachdrücklich sagte:

»Stellt Euch im Kreise um uns her, liebe Freunde, und seht zu, daß der Kampf von meiner Seite ehrlich geführt wird. Ich bin überzeugt, daß auch Herr Bowles ehrlich kämpft. Er ist groß genug, um kleine Mittel zu verschmähen. Und jetzt, Herr Bowles, ein Wörtchen mit Ihnen in Gegenwart Ihrer Nachbarn. Ich werde nichts Unhöfliches sagen. Wenn Sie etwas grob und ungestüm sind, so ist ein Mann – wenigstens habe ich das immer sagen gehört – nicht immer Herr seiner selbst, wenn er mehr, als er sollte, an ein hübsches Mädchen denkt. Aber ich kann, selbst bei dieser Mondbeleuchtung, Ihr Gesicht, wenn es auch jetzt eine etwas 258 verdrießliche Miene macht, nicht ansehen, ohne überzeugt zu sein, daß Sie im Grunde ein braver Mensch sind und daß Sie, wenn Sie Ihr Wort auf etwas geben, es auch halten. Ist dem so?«

Einige der Umstehenden murmelten zustimmend; die übrigen schlossen in schweigendem Erstaunen ihren Kreis noch dichter.

»Was soll all das Honig um den Bart Schmieren?« sagte Tom Bowles mit etwas unsicherer Stimme.

»Was es soll? Einfach Folgendes: Ich bitte Sie, mir vor diesen Ihren Nachbarn zu versprechen, daß Sie, wenn ich Sie in unserem bevorstehenden Kampf schlage, Jessie Wiles weder mit Worten noch mit Handlungen molestiren oder ihr etwas in den Weg legen wollen.«

»Eh!« brüllte Tom, »wollt Ihr etwa allein mit ihr zu thun haben?«

»Nehmen Sie das an, wenn Sie Lust haben. Und ich verspreche Ihnen meinerseits, daß ich, wenn Sie mich schlagen, diesen Ort, sobald ich wieder wohl genug dazu bin, verlassen und nie wieder herkommen will. Wie? Sie zaudern, das zu versprechen? Fürchten Sie wirklich, daß ich Sie unterkriegen werde?«

»Ihr! Ich würde ein Dutzend von Eurer Sorte zu Staub zermalmen!«

259 »In diesem Fall können Sie ja getrost das Versprechen geben. Kommen Sie, es ist ein ehrlicher Handel. Ist es nicht so, Ihr Nachbarn?«

Durch Kenelm's gutmüthiges Wesen und durch ihren natürlichen Gerechtigkeitssinn für ihn gewonnen, stimmten die Umstehenden wie aus einem Munde freudig zu.

»Komm, Tom«, sagte ein alter Bursche, »der Herr kann nicht besser reden und wir werden alle glauben, Du fürchtest Dich, wenn Du noch länger zögerst.«

In Tom's Gesicht spiegelte sich ein innerer Kampf ab; aber endlich brummte er: »Gut, ich verspreche es, das heißt, wenn er mich schlägt.«

»Gut«, sagte Kenelm, »Ihr hört es, Nachbarn, und Tom Bowles könnte sich mit seinem schönen Gesicht nicht länger unter Euch blicken lassen, wenn er sein Wort bräche. Geben Sie mir die Hand darauf.«

Prügel-Tom gab Kenelm verdrossen die Hand.

»Gut so, das nenne ich echt englisch«, sagte Kenelm, »Alles fix und muthig und ohne Tücke. Weicht etwas zurück, liebe Freunde, und macht uns Platz!«

Die Männer traten alle zurück; und als Kenelm sich in Positur setzte, zeigte sich in seiner ganzen Haltung eine Elasticität, welche alsbald die nervige Kraft seines Körperbaues deutlicher hervortreten und Tom 260 mit seinem schweren Oberkörper in unvortheilhaftem Contrast plump und ungelenk erscheinen ließ.

Die beiden Männer maßen sich etwa eine Minute lang gegenseitig mit scharfem und festem Blick. Toms Blut fing zu wallen an und auch Kenelm empfand bei all seiner äußeren Ruhe jenes stolze Herzklopfen, welches die wilde Kampflust hervorruft. Tom holte zuerst aus; sein Schlag wurde von Kenelm parirt, aber nicht erwidert; dasselbe war mit einem zweiten und dritten Schlage der Fall. Kenelm, der sich offenbar auf der Defensive hielt, machte sich für diese Strategie alle Vortheile seiner längeren Arme und seiner größeren Beweglichkeit zu Nutze. Vielleicht wollte er sich erst über das Maß der Geschicklichkeit seines Gegners Gewißheit verschaffen, oder versuchen, wie lange sein Athem vorhalte, bevor er sich den Chancen eines Angriffs aussetzte. Tom, den es wüthend machte, daß Schläge, die einen Ochsen hätten zu Boden werfen müssen, so ihr Ziel verfehlten, und in dem eine dunkle Vorstellung davon auftauchte, daß er es hier mit einer mysteriösen Geschicklichkeit zu thun habe, welche seine rohe Kraft wirkungslos mache und ihn auf die Dauer vielleicht überwältigen werde, gelangte rasch zu dem Schluß, daß er diese rohe Kraft sobald wie möglich zur Geltung bringen müsse. Demgemäß zog er sich nach drei Gängen, 261 bei welchen er, ohne die Parade seines Gegners ein einziges Mal durchbrochen zu haben, einige leichte Püffe auf Nase und Mund erhalten hatte, einige Schritte zurück und stürzte dann wie ein Stier auf seinen Gegner, wie ein Stier, sage ich, denn er fuhr mit gesenktem Kopf, die Fäuste als Hörner voran, gewaltig auf ihn los. Durch dieses Manöver erreichte er aber nichts, als daß sein Kopf sich zwischen Kenelm's linker Seite und dessen linkem Arm wie in einer Schraube fing, sodaß Kenelm es in seiner Gewalt gehabt hätte, das nun schutz- und hülflose Gesicht mit seiner rechten Faust unbarmherzig zu zerprügeln. Es ist das eine Lage, in welche sich die rohe Ueberlegenheit der Kraft bei Faustkämpfen nicht selten bringt und in der sie von der disciplinirten Ueberlegenheit eines geschickteren Gegners selten geschont wird. Kenelm hielt mit erhobener rechter Faust einen Augenblick inne, befreite dann durch Loslassen des linken Arms den Kopf des Gegners aus seiner Schlinge, gab ihm einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und sagte, zu den Zuschauern gewandt, im Tone der Entschuldigung: »Es wäre ein Jammer, ihm sein schönes Gesicht zu verderben.«

Tom's gefährliche Lage war allen so klar und der gutmüthige Verzicht auf den Vortheil, den diese Lage dem Gegner gab, erschien so großmüthig, daß die 262 Arbeiter in ein Hurrahgeschrei ausbrachen. Tom selbst kam sich vor, als werde er wie ein Kind behandelt, und als er sich jetzt herumdrehte und sich wieder sammelte, fiel sein Blick leider auf Jessie's Gesicht. Sie stand da mit vor sprachlosem Entsetzen geöffnetem Munde; er aber bildete sich ein, ihr geöffneter Mund bedeute ein geringschätziges Lächeln. Und jetzt wurde er fürchterlich. Er focht wie der Stier, der in Gegenwart der jungen Kuh kämpft, die, wie er nur zu gut weiß, sich auf die Seite des Siegers schlagen wird.

Wenn Tom noch nie mit einem von einem Preiskämpfer unterrichteten Gegner gekämpft hatte, so hatte Kenelm noch nie einer Körperkraft gegenübergestanden, welche, wenn ihr nicht eben jener Unterricht gefehlt hätte, seine Kraft überwunden haben würde. Er durfte sich jetzt nicht länger auf der Defensive halten, er konnte jetzt nicht mehr wie ein geschickter Fechter mit den gewaltigen Schmiedehämmern dieser Arme spielen. Diese Hämmer durchbrachen jetzt seine Parade, sie fielen ihm dröhnend auf die Brust wie auf einen Ambos. Er fühlte, daß, wenn diese Schläge seinen Kopf träfen, er ein verlorener Mann sei und daß die Schläge, die er auf die Brust seines Gegners fallen ließ, so wirkungslos seien wie die Streiche eines Spazierstocks auf das Fell eines Rhinoceros. Aber jetzt fingen seine 263 Nüstern zu schnauben, seine Augen zu funkeln an. Kenelm Chillingly hatte aufgehört der Philosoph zu sein.

Krachend fiel sein Schlag, ganz anders als die in der Irre umherfahrenden, unsicher treffenden Schläge Tom Bowles', genau auf die ins Auge gefaßte Stelle, wie der Büchsenschuß eines Tirolers oder eines englischen Schützen in Aldershot, mit der ganzen Energie, welche ihm die Concentration der Muskel- und Geisteskraft auf einen Zweck verlieh; krachend fiel der Schlag grade auf die zwischen den Augen liegende Stelle der Stirn und unmittelbar darauf, mit der Schnelligkeit eines Blitzes, folgte ein anderer, weniger gewaltiger, aber noch lähmenderer Schlag mit der linken Faust grade auf die Stelle, wo das linke Ohr mit dem Hals und dem Kinnbackenknochen zusammentrifft.

Bei dem ersten Schlag hatte Tom Bowles geschwankt und getaumelt, bei dem zweiten fuhr er mit den Händen in die Luft, sprang auf, als ob ihn ein Schuß ins Herz getroffen hätte, und fiel dann wie eine schwere, leblose Masse vornüber zu Boden. Die Zuschauer drängten sich entsetzt an ihn heran. Sie hielten ihn für todt. Kenelm kniete vor ihn hin, fuhr rasch mit der Hand über Tom's Lippen, Puls und Herz und sagte dann wieder aufstehend demüthig und als ob er sich entschuldigen wolle: »Wenn er nicht 264 einen solchen Riesenkörper hätte, würde ich meinen zweiten Schlag nie riskirt haben, das versichere ich Euch auf meine Ehre. Für jeden von der Natur nicht so wundervoll ausgestatteten Menschen würde der erste Schlag hingereicht haben. Hebt ihn sachte auf und bringt ihn nach Hause. Sagt seiner Mutter einen freundlichen Gruß von mir, daß ich morgen hinkommen werde, um ihn und sie zu besuchen. Und, halt, trinkt er manchmal zu viel Bier?«

»Nun«, sagte einer der Arbeiter, »trinken kann Tom schon gehörig.«

»Ich dachte es mir wohl. Er hat zu viel Fleisch für seine Muskeln. Gehe einer zu dem nächstwohnenden Doctor. Wollt Ihr? Gut, macht Euch rasch auf den Weg, mein Junge. Gefahr ist nicht vorhanden. Vielleicht muß ihm zur Ader gelassen werden.«

Tom Bowles wurde von vier der stärksten Männer sachte aufgehoben und nach Hause gebracht, ohne daß er ein Zeichen von Bewußtsein von sich gegeben hätte; sein Gesicht sah, wo es nicht mit Blut befleckt war, sehr bleich und ruhig aus, nur vor dem Munde stand ihm ein wenig Schaum.

Kenelm zog seine Hemdärmel wieder herab, seinen Rock an und wandte sich nach Jessie um.

265 »Nun, meine junge Freundin, zeigen Sie mir Will's Häuschen.«

Bleich und zitternd kam das Mädchen auf ihn zu. Sie wagte nicht zu reden. Der Fremde war für sie zu einem neuen Menschen geworden. Vielleicht flößte er ihr kein geringeres Entsetzen ein, als es Tom Bowles gethan hatte, aber sie ging mit beschleunigten Schritten an dem Wirthshaus vorüber, bis sie an das andere Ende des Dorfes gelangte. Kenelm ging neben ihr und murmelte etwas vor sich hin. Jessie hörte seine Worte, verstand aber zum Glück nicht den Sinn; denn sie wiederholten einen jener bittern Vorwürfe gegen ihr Geschlecht, als die Hauptquelle alles Kampfes, Blutvergießens und überhaupt alles Unglücks, von denen die Schriften der classischen Autoren voll sind. Nachdem er seine üble Laune durch die Erinnerung an die Lehren der Alten beschwichtigt hatte, wandte sich Kenelm endlich an seine schweigende Begleiterin und sagte freundlich, aber ernst:

»Herr Bowles hat mir sein Versprechen gegeben und es ist nur billig, wenn ich jetzt auch von Ihnen ein Versprechen verlange. Hören Sie, was ich verlange: Denken Sie nur, wie leicht ein so hübsches Mädchen wie Sie die Ursache des Todes eines Mannes sein kann. Hätte Bowles mich an den Stellen 266 getroffen, wo ich ihn getroffen habe, ich brauchte jetzt keinen Arzt mehr.«

»O«, stöhnte Jessie schaudernd, indem sie sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckte.

»Und abgesehen von dieser Lebensgefahr, bedenken Sie, daß ein Mann nicht nur auf den Kopf, sondern auch ins Herz tödtlich getroffen werden kann und daß ein Mädchen, welches, gleichviel, was ihr dabei zur Entschuldigung dient, vergißt, wie viel Elend und wie viel Schuld sie durch ein Wort von ihren Lippen und durch einen Blick aus ihren Augen heraufbeschwören kann, viel zu verantworten hat. Bedenken Sie das und versprechen Sie mir, daß Sie, gleichviel, ob Sie Will Somers heirathen oder nicht, nie wieder einem Manne Veranlassung geben wollen, zu glauben, daß Sie ihm gut sein könnten, wenn Ihnen nicht Ihr eigenes Herz sagt, daß Sie das wirklich können. Wollen Sie mir das versprechen?«

»Das will ich, das will ich mit Freuden.« Die Stimme der armen Jessie versagte ihr vor Schluchzen.

»So, so, liebes Kind; ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie nicht weinen sollen, weil ich weiß, wie gern Frauen weinen, und in diesem Falle thut es Ihnen gut. Aber hier sind wir am Ende des Dorfes; wo ist denn Will's Häuschen?«

267 Jessie blickte auf und wies auf ein kleines, einzeln stehendes, mit Stroh bedecktes Haus hin.

»Ich würde Sie bitten, mit mir hineinzugehen und mich vorzustellen, aber das möchte zu sehr danach aussehen, als wollte ich über den armen Tom Bowles triumphiren. Schlafen Sie also wohl, Jessie, und verzeihen Sie mir meine Predigt.« 268

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