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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

»Und nun«, sagte Kenelm, als die beiden jungen Leute unter dem Rothdorn neben dem kleinen Teiche, der hier am Rande mit hohem Schilf bewachsen war, über welches der laue Sommerwind mit anmuthigem Geräusch hinwehte, sitzend ihr einfaches Mahl beendet hatten, »und nun will ich mit Ihnen von Tom Bowles reden. Ist es wahr, daß Sie diesen tapferen jungen Burschen nicht mögen? Ich sage jung, weil ich das als selbstverständlich annehme.«

»Ihn mögen? Ich kann ihn nicht vor Augen sehen.«

»War Ihnen sein Anblick immer so verhaßt? Sie müssen ihm doch früher einmal ein Recht gegeben haben, zu glauben, daß das nicht der Fall sei?«

Das Mädchen schwieg verlegen und nahm eine 241 Narzisse vom Boden auf, die sie erbarmungslos zerpflückte.

»Ich fürchte, Sie lieben es, mit Ihren Bewunderern umzugehen, wie Sie es mit dieser unglücklichen Blume thun«, sagte Kenelm in einem etwas strengen Ton. »Aber in die Blume versteckt sich bisweilen der Stachel einer Biene. Ich sehe an Ihrem Gesicht, daß Sie Tom Bowles erst gesagt haben, Sie haßten ihn, nachdem seine Liebe zu Ihnen ihn schon um seinen Verstand gebracht hatte.«

»Nein, so schlimm habe ich es nicht gemacht«, sagte Jessie, die sich gleichwohl etwas zu schämen schien. »Aber ich habe mich albern und dumm benommen, das gebe ich zu, und als er zuerst Notiz von mir nahm, gefiel mir das, ohne daß ich viel darüber nachgedacht hätte, weil – sehen Sie, Herr Bowles – und sie betonte das »Herr« – steht höher als so ein armes Mädchen wie ich. Er ist ein Handwerker und ich bin nur eines Schäfers Tochter, das heißt, mein Vater ist eigentlich mehr als ein bloßer Schäfer, Herrn Saunderson's Aufseher über das Vieh. Aber ich habe die Sache nie ernst genommen und auch nicht geglaubt, daß er es thäte – das heißt, zuerst.«

»Also Tom Bowles ist ein Handwerker. Was hat er für ein Handwerk?«

242 »Er ist Hufschmied, Herr.«

»Und wie ich höre, ein sehr hübscher junger Mann.«

»Das weiß ich nicht; er ist sehr groß.«

»Und was hat ihn Ihnen verhaßt gemacht?«

»Was ihn mir zuerst verhaßt gemacht hat, war, daß er meinen Vater insultirte, der ein sehr ruhiger, schüchterner Mann ist, und ihm, ich weiß nicht womit drohte, wenn mein Vater mich nicht zwänge, gut Freund mit ihm zu sein. Mich zwingen! Aber Herr Bowles ist ein gefährlicher, tückischer, leidenschaftlicher Mensch – lachen Sie mich nicht aus, Herr, in einer Nacht träumte mir, er ermorde mich. Und ich glaube, das thut er auch noch, wenn er hier bleibt, und seine Mutter glaubt das auch und möchte, daß er fortginge; aber er will nicht.«

»Jessie«, sagte Kenelm sanft, »ich habe Ihnen gesagt, ich möchte gern, daß wir gute Freunde seien. Glauben Sie, daß Sie mich als Freund brauchen können? Ich kann nie mehr als Ihr Freund werden, aber das wäre ich gern. Können Sie Vertrauen zu mir als einem Freunde fassen?«

»Ja«, antwortete das Mädchen mit fester Stimme, und als sie jetzt wieder zu ihm aufschaute, waren ihre Blicke frei von jeder Koketterie, nur Unschuld, Offenheit und Dankbarkeit spiegelten sich in ihnen.

243 »Gibt es keinen anderen jungen Mann hier, der sich höflicher um Sie bewirbt als Tom Bowles und den Sie wirklich von Herzen lieben könnten?«

Jessie sah sich nach einer anderen Narzisse um und begnügte sich, als sie keine finden konnte, mit einer blauen Glockenblume, die sie aber nicht in Stücke zerriß, sondern mit der Hand zärtlich liebkoste. Kenelm heftete seine Blicke auf ihr reizendes Gesicht, in seinen Augen lag dabei etwas, was selten darin zum Vorschein kam, etwas von jener unreflectirten, unaussprechlichen Menschenliebe, welche Schulphilosophen erbarmungslos verurtheilen. Hätten gewöhnliche Sterbliche, Ihr und ich, in diesem Augenblick durch die Blätter des Rothdorns geblickt, wir würden je nach unseren verschiedenen Temperamenten geseufzt oder die Stirn gerunzelt haben, aber wir würden alle, gleichviel, ob in boshaftem oder in neidischem Tone, gesagt haben: »Glückliches Liebespaar!« und würden uns dabei alle gleich gründlich geirrt haben.

Aber doch läßt sich die Thatsache nicht in Abrede stellen, daß ein hübsches Gesicht unbilligerweise sehr im Vortheil ist gegen ein häßliches. Und sehr zur Unehre von Kenelm's Philanthropie sei es gesagt, man darf mit Grund bezweifeln, ob er, wenn Jessie Wiles von der Natur mit einer Stülpnase und einem schielenden 244 Auge ausgestattet gewesen wäre, ihr seine Freundschaftsdienste angeboten oder an einen Kampf mit Tom Bowles um ihretwillen gedacht haben würde.

Aber es lag keine Spur von Neid oder Eifersucht in dem Tone, mit dem er sagte: »Ich sehe, daß es einen gibt, den Sie lieben und heirathen möchten und daß Sie die Narzisse und die blaue Glockenblume sehr verschieden behandeln. Wer und was ist der junge Mann, den die blaue Glockenblume vorstellt? Bekennen Sie!«

»Wir sind mit einander aufgewachsen«, sagte Jessie, mit noch immer gesenktem Blick, und indem sie die Blätter der Glockenblume zu glätten fortfuhr. »Seine Mutter wohnte Haus an Haus mit uns, und meine Mutter hatte ihn sehr gern und mein Vater auch, und als ich noch nicht zehn Jahre alt war, pflegten sie zu lachen, wenn der arme Will mich seine kleine Frau nannte.« In diesem Augenblick fingen die Thränen, die schon eine Weile in Jessie's Auge standen, über die Blume zu rinnen an. »Aber jetzt will mein Vater nichts davon hören und es kann nicht sein, und ich habe es versucht, mir etwas aus einem Anderen zu machen, aber ich kann nicht, und das ist die Wahrheit!«

»Aber warum? Ist er krank geworden? Oder hat er sich aufs Wildern gelegt oder sich dem Trunk ergeben?«

245 »Nein, nein, nein, er ist ein so guter und solider Mensch, wie es je einen gegeben hat. Aber, aber –«

»Nun – aber?«

»Er ist jetzt ein Krüppel und ich habe ihn deshalb nur um so lieber.« Bei diesen Worten fing Jessie heftig zu schluchzen an.

Kenelm war sehr gerührt und verhielt sich weislich schweigend, bis sie wieder ein wenig zu sich gekommen war. Dann aber fragte er ihr sanft ab, daß Will Somers, der bis dahin ein gesunder und starker Bursche gewesen war, in seinem siebzehnten Jahre von einem hohen Gerüste herabgefallen und dabei so schwer zu Schaden gekommen sei, daß er gleich ins Hospital habe gebracht werden müssen. Als er aus dem Hospital entlassen worden, sei er durch den Sturz und durch die lange Krankheit, die der Unfall nach sich gezogen habe, nicht nur auf Lebenszeit zum Krüppel, sondern so schwächlich geworden, daß er zur Arbeit außer dem Hause und zu dem harten Leben eines Landmanns nicht mehr tauglich gewesen sei. Er war der einzige Sohn einer Wittwe und die einzige Beschäftigung, womit er sie ernähren konnte, war sehr prekärer Natur. Er hatte sich auf das Korbmachen gelegt, und obgleich er nach Jessie's Versicherung sehr geschickt und hübsch arbeitete, gab es doch in der Gegend nur wenige 246 Abnehmer für seine Arbeiten. Und ach, selbst wenn Jessie's Vater sich dazu hätte entschließen wollen, seine Tochter dem armen Krüppel zur Frau zu geben, wie konnte er genug verdienen, um eine Frau zu ernähren!

»Und«, sagte Jessie, »ich bin doch noch immer so glücklich, wenn ich am Sonntag des Abends mit ihm ausgehen oder bei ihm und seiner Mutter sitzen kann; denn wir sind beide jung und können warten. Aber daran darf ich jetzt nicht mehr denken, denn Tom Bowles hat geschworen, daß, wenn ich es thue, er ihn vor meinen Augen schlagen will, und Will ist stolz, und es würde mir das Herz brechen, wenn ihm um meinetwillen ein Leid geschähe.«

»Was Herrn Bowles betrifft, so wollen wir jetzt nicht weiter an ihn denken. Aber wenn Will sich selbst und Sie ernähren könnte, da würde doch Ihr Vater nichts dagegen haben und Sie auch nicht, daß Sie den armen Krüppel heiratheten, nicht wahr?«

»Mein Vater würde nichts dagegen haben und ich, wenn es nicht wäre, weil ich nicht ungehorsam gegen meinen Vater sein darf, ich heirathete ihn morgen. Ich kann ja doch arbeiten.«

»Jetzt gehen Sie wieder an die Arbeit, aber wenn der Feierabend kommt, lassen Sie mich mit Ihnen 247 nach Hause gehen und zeigen Sie mir Will's Häuschen und Herrn Bowles' Laden oder Schmiede.«

»Aber Sie werden doch nicht Herrn Bowles irgend etwas davon sagen? Er würde sich nichts daraus machen, daß Sie ein Gentleman sind, wie ich jetzt sehe, daß Sie einer sind, Herr, und er ist gefährlich, o, so gefährlich und so stark!«

»Seien Sie ohne Sorge«, sagte Kenelm in einem Ton, der dem Lachen näher war als irgend einer, den er seit seiner Kindheit von sich gegeben hatte; »aber wenn Feierabend ist, warten Sie ein paar Minuten auf mich an jenem Gitter.« 248

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