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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Am nächsten Tage wurde man mit dem Mähen fertig und ein großer Theil des Heus wurde auch noch eingefahren, um aufgestapelt zu werden. Kenelm that seine Arbeit mit demselben lobenswerthen Eifer, den Herr Saunderson schon am vorigen Tage so beifällig beobachtet hatte. Statt aber, wie gestern, die Bekanntschaft von Fräulein Jessie Wiles zurückzuweisen, richtete er es heute so ein, daß er gegen Mittag in die Nähe dieser gefährlichen Schönheit zu stehen kam, und alsbald fing er eine Unterhaltung mit ihr an.

»Ich fürchte, ich bin gestern etwas grob gegen Sie gewesen und ich bitte Sie um Verzeihung.«

»O«, antwortete das Mädchen, »ich müßte Sie um Verzeihung bitten, daß ich mir die Freiheit 236 genommen habe, Sie anzureden. Aber ich dachte, Sie würden sich fremd fühlen, und ich meinte es gut.«

»Davon bin ich überzeugt«, erwiderte Kenelm, während er ritterlicher Weise ihre Portion Heu gleichzeitig mit der seinigen zusammenharkte, »und ich möchte gern, daß wir gute Freunde wären. Es wird gleich Mittag sein; Frau Saunderson hat mir die Taschen mit vortrefflichen Butterbroden mit Ochsenbraten gefüllt, wollen Sie nicht, anstatt nach Hause zu gehen, hier mit mir meine Mahlzeit theilen?«

Das Mädchen schwankte und schüttelte dann ablehnend den Kopf.

»Fürchten Sie, daß die Leute darüber reden werden?«

Jessie warf die Lippe mit einer kleinen höhnischen Miene auf, die ihr sehr gut stand, und sagte: »Ich mache mir nicht viel daraus, was die Leute sagen, aber wäre es nicht unrecht?«

»Nicht im mindesten. Lassen Sie mich Sie darüber beruhigen. Ich bleibe hier höchstens ein paar Tage, wir werden uns wahrscheinlich nie wiedersehen; aber es sollte mich freuen, wenn ich Ihnen, ehe ich fortgehe, einen kleinen Dienst erweisen könnte.« Während des Sprechens hatte er mit seiner Arbeit inne gehalten und betrachtete sich jetzt, auf seine Harke 237 gestützt, zum ersten Mal die schöne Mäherin genau. Ja, sie war wirklich sehr hübsch, so hübsch, wie man selten ein Mädchen findet. Sie trug ihr reiches braunes Haar zierlich aufgesteckt und darüber einen Strohhut, den sie ohne Zweifel selbst geflochten hatte; denn man kann behaupten, daß nichts die Landmädchen auf Liebeständeleien so wohl vorbereitet als ihre Geschicklichkeit im Strohflechten. Sie hatte große, sanfte, blaue Augen, feine Züge und einen blühend gesunden und dabei so reinen Teint, wie ländliche Schönheiten ihn sich selten vor den Einflüssen von Wind und Sonne bewahren. Sie lächelte und erröthete leicht, als er sie so scharf ins Auge faßte und warf ihm, aufblickend, einen milden, vertrauensvollen Blick zu, der einen Philosophen bezaubern und einen Roué hätte reizen können. Und doch fühlte Kenelm, vermöge jenes intuitiven Erfassens der Charaktere, welches oft um so zuverlässiger ist, je weniger es durch die Zweifel und Bedenken einer erworbenen Erfahrung getrübt wird, sofort, daß die vielleicht unbewußte Koketterie dieses Mädchens mit kindlicher Unschuld gepaart sei. Er senkte seine Blicke und schloß sie so zärtlich in sein Herz, als ob sie ein Kind gewesen wäre, das dieses Herz um Schutz angefleht hätte.

»Da hilft nichts«, dachte er bei sich, »ich muß 238 Tom Bowles unterkriegen; doch halt, am Ende hat sie ihn doch gern. – Aber nicht wahr«, fuhr er laut fort, »Sie begreifen nicht, wie ich Ihnen einen Dienst leisten kann? Bevor ich mich näher erkläre, lassen Sie mich Sie fragen, wer von den Männern hier auf dem Felde ist denn Tom Bowles?«

»Tom Bowles!« rief Jessie erbleichend in einem Ton besorgten Erstaunens und sah sich dabei rasch um. »Sie haben mich erschreckt, Herr, aber er ist nicht hier, er arbeitet nicht auf dem Felde. Was wissen Sie denn von Tom Bowles?«

»Theilen Sie mein Mahl mit mir und ich will es Ihnen erzählen. Sehen Sie, da ist ein stilles Plätzchen in jenem Winkel unter dem Rothdorn bei dem kleinen Teich. O, da hören sie grade mit der Arbeit auf; ich will rasch eine Kanne Bier holen und dann darf ich mich da zu Ihnen setzen, nicht wahr?«

Jessie schwieg einen Augenblick, wie wenn sie noch zaudere; dann aber blickte sie wieder zu ihm auf und sprach, durch die ernste Güte seines Ausdrucks völlig beruhigt, ein kaum hörbares Ja und ging auf den Rothdorn zu.

Die Sonne stand jetzt senkrecht über ihren Häuptern. Der Zeiger an der Uhr des über die Hecken ragenden Kirchthurms zeigte ein Uhr, alle Arbeit ruhte 239 und es ward plötzlich ganz still; einige von den Mädchen gingen nach Hause; die, welche blieben, gesellten sich zu einander, getrennt von den Männern, die sich unter den Schatten eines großen, aus einer Hecke hervorragenden Eichbaums begaben, wo Bier und Trinkkannen ihrer warteten. 240

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