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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

»Bei den Mächten, die über der Unschuld und über dem Cölibat wachen, da bin ich mit genauer Noth davongekommen,« dachte Kenelm Chillingly bei sich. »Und wer weiß, wenn das amphibische Wesen statt in Knabenzeug in Mädchenkleidern gesteckt hätte, als sie wie eine dea ex machina plötzlich erschien, ob nicht meine Wappenfische heißes Blut bekommen hätten. Freilich läßt es sich schwerlich annehmen, daß ein junges Mädchen, das noch gestern in Herrn Compton bis über die Ohren verliebt war, ihre Neigung heute mir hätte zuwenden können. Und doch sah sie danach aus, und das beweist entweder, daß man nie dem 204 Herzen oder daß man nie den Blicken eines Weibes trauen darf. Decimus Roach hat Recht. Ein Mann darf nie müde werden, die Frauen zu fliehen, wenn er danach strebt, sich den Engeln zu nähern.

Diese Betrachtungen machte Kenelm Chillingly, als er der Stadt, in welcher so schwere Versuchungen an ihn herangetreten waren, den Rücken gekehrt hatte und nun seines einsamen Weges längs eines Fußsteiges ging, der sich durch Wiesen und Kornfelder schlängelte und die Entfernung bis zu einer durch ihre Kathedrale berühmten Stadt, in welcher er zu übernachten beabsichtigte, um eine gute Stunde abkürzte.

So war er mehrere Stunden gewandert und die Sonne fing schon an sich in der Richtung der im Westen in blauer Ferne liegenden Hügel zu senken, als er an das Ufer eines rauschenden, von schmalblätterigen Weiden und dem zitternden Laub italienischer Silberpappeln überschatteten Baches gelangte. Angelockt von der Ruhe und Kühle dieses anmuthigen Plätzchens, warf er sich an dem Ufer nieder, nahm aus seinem Ränzel einige Brodrinden, mit denen er sich vorsichtigerweise versehen hatte, tauchte dieselben in das reine Naß, das über dem Kieselbett dahinfloß, und genoß eins jener köstlichen Mahle, für welche Epikuräer ihre Gelage hingeben würden, wenn sie dafür den gesunden 205 Appetit der Jugend eintauschen könnten. Dann überließ er sich, am Ufer auf wilden Thymian gebettet, der am besten in bewässertem Waldesdickicht gedeiht, jenem Zwischenzustande von Denken und Träumen, den wir Träumerei nennen. Aus geringer Entfernung vernahm er den leisen, ruhigen Klang einer mähenden Sense und die Luft küßte seine Stirn mit dem würzigen Duft frisch gemähten Heus.

Aus dieser Träumerei wurde er plötzlich durch einen sanften Schlag auf die Schulter aufgeschreckt, und als er sich lässig umwandte, sah er vor sich ein gutmüthiges, heiteres Gesicht auf einem Paar derber Schultern und hörte eine frische und gewinnende Stimme sagen: »Junger Mensch, wenn Sie nicht zu müde sind, wollen Sie mir helfen mein Heu einbringen? Wir sind sehr knapp an Arbeitern und ich fürchte, wir bekommen bald Regen.«

Kenelm stand auf, schüttelte sich, betrachtete den Fremden mit ernstem Blick und erwiderte in seiner gewohnten sententiösen Weise: »Der Mensch ist geboren, seinem Nebenmenschen zu helfen, besonders Heu einzubringen, solange die Sonne scheint. Ich stehe Ihnen zu Diensten.«

»Sie sind ein braver Bursche und ich bin Ihnen sehr dankbar. Sehen Sie, ich hatte auf einen Trupp 206 umherziehender Mäher gerechnet, aber sie sind mir von einem andern Pachter weggekapert. Hier geht der Weg.« Mit diesen Worten ging er, von Kenelm gefolgt, durch eine Lichtung im Gebüsch voran, nach einer großen Wiese, von der ein Stück noch abzumähen war, während auf dem größeren Theile Männer und Frauen damit beschäftigt waren, das abgeschnittene Gras zum Trocknen auszubreiten. Unter diesen fand sich Kenelm bald in Hemdsärmeln wie die Uebrigen, aber mit seinem gewöhnlichen melancholischen Ausdruck der Resignation damit beschäftigt, das Gras auszubreiten. Obgleich anfänglich ein wenig ungeschickt in der Handhabung der ihm fremden Geräthschaften, fand er sich doch in kurzer Zeit vermöge seiner Vertrautheit mit allen athletischen Uebungen, durch welche er die unschätzbare Eigenschaft der Gewandtheit erworben hatte, so gut damit zurecht, daß er sich bald durch die Behendigkeit und Präcision auszeichnete, mit welcher er seine Arbeit verrichtete. Etwas – war es nun sein Gesicht oder war es der Reiz der Fremdheit – zog die Aufmerksamkeit des weiblichen Theiles der Mäher auf ihn, und ein sehr hübsches Mädchen, das näher bei ihm stand als die Uebrigen, versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen.

»Das ist Ihnen wohl etwas Neues«, sagte sie lächelnd.

207 »Nichts ist mir neu«, antwortete Kenelm in feierlich trübem Ton. »Aber erlauben Sie mir die Bemerkung, daß, wenn man eine Sache gut thun will, man nur eins zur Zeit thun darf. Ich will jetzt Heu machen und mich nicht unterhalten.«

»Nun, nun«, rief das Mädchen höchst erstaunt aus und wandte sich, indem sie ihr hübsches Köpfchen in den Nacken warf, ab.

»Ich möchte wohl wissen, ob die Dirne einen Onkel hat«, dachte Kenelm.

Der Pachter, der selbst mit Hand anlegte und von Zeit zu Zeit in seiner Arbeit innehielt, um sich umzusehen, nahm Kenelm's tüchtiges Behaben beifällig wahr und trat bei Eintritt des Feierabends an ihn heran, um ihm herzlich die Hand zu schütteln, in die er ein Zweischillingstück gleiten ließ. Der Erbe der Chillinglys starrte dieses Honorar an und drehte es mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand um.

»Ist es nicht genug?« fragte der Pachter gekränkt.

»Verzeihen Sie«, antwortete Kenelm, »aber die Wahrheit zu gestehen, es ist das erste Geld, das ich je mit meiner Hände Arbeit verdient habe, und ich betrachte es mit ebenso viel Neugierde wie Ehrfurcht. Aber wenn Sie es mir nicht übel nehmen wollen, ich hätte lieber gehabt, daß Sie mir statt des Geldes etwas 208 zu essen angeboten hätten; denn ich habe seit heute Morgen nichts als Brod und Wasser genossen.«

»Sie sollen das Geld und etwas zu essen dazu haben, mein Junge«, sagte der Pachter freundlich. »Und wenn Sie bleiben und mir helfen wollen, bis ich mein Heu völlig eingebracht habe, so kann meine gute Frau Ihnen, glaube ich, ein besseres Bett geben, als Sie eins in der Dorfschenke bekommen, wenn Sie dort überhaupt eins finden.«

»Sie sind sehr gütig. Aber bevor ich Ihre Gastfreundschaft annehme, erlauben Sie mir eine Frage. Haben Sie Nichten bei sich?«

»Nichten!« wiederholte der Pachter, indem er die Hände mechanisch in die Hosentaschen senkte, als ob er dort etwas suche. »Nichten bei mir! Was wollen Sie damit sagen? Ist das etwa ein neumodischer Ausdruck für Kupfer?«

»Nicht für Kupfer, wenn auch vielleicht für Blech. Aber ich sprach ganz unfigürlich. Ich bin gegen Nichten aus abstracten Principien, deren Richtigkeit mir die Erfahrung bestätigt hat.«

Der Pachter starrte ihn an und dachte bei sich, mit der geistigen Gesundheit seines neuen Freundes sei es wohl nicht ganz so gut bestellt wie mit seiner physischen, erwiderte aber lachend: »Dann können Sie 209 sich beruhigen; ich habe nur eine Nichte und die ist an einen Eisenhändler verheirathet und wohnt in Exeter.«

Als sie das Pachterhaus betraten, führte Kenelm's Wirth ihn direct in die Küche und rief einer stattlichen Frau von mittleren Jahren, die neben einem kräftigen Mädchen am Herde beschäftigt war, in herzlichem Tone zu: »Halloh, Alte, ich bringe einen Gast mit, der sein Abendessen wohl verdient hat, denn er hat für zwei gearbeitet, und dem ich auch ein Bett versprochen habe.«

Die Pachtersfrau drehte sich rasch um. »Zum Abendessen soll er herzlich willkommen sein; ob ich ihm ein Bett geben kann«, sagte sie in zweifelndem Ton, »weiß ich nicht.« Bei diesen Worten aber heftete sie ihre Augen auf Kenelm und fand sein Aussehen so ganz anders, als sie es bei einem umherziehenden Mäher erwartet hatte, daß sie unwillkürlich einen Knix machte und sich in verändertem Ton verbesserte:

»Der Herr soll das Fremdenzimmer haben; aber es wird eine Weile dauern, bis es in Ordnung ist. Du weißt, John, die Möbel sind alle überzogen.«

»Nun, Frau, dazu wird ja noch Zeit genug sein, er wird ja nicht ins Nest kriechen, ehe er zu Abend gegessen hat.«

210 »Gewiß nicht«, sagte Kenelm, dem ein sehr angenehmer Duft in die Nase stieg.

»Wo sind die Mädchen?« fragte der Pachter.

»Sie sind vor fünf Minuten hinaufgegangen, um sich zum Abendessen in Ordnung zu bringen.«

»Was für Mädchen?« stammelte Kenelm, indem er nach der Thür zurückwich. »Ich hatte verstanden, Sie hätten keine Nichten.«

»Die habe ich auch nicht; ich habe aber nicht gesagt, daß ich keine Töchter hätte. Sie fürchten sich doch nicht vor ihnen, wie?«

»Mein Herr«, erwiderte Kenelm, indem er einer directen Beantwortung der Frage ebenso höflich wie klug aus dem Wege ging, »wenn Ihre Töchter ihrer Mutter gleichen, so können Sie nicht behaupten, sie seien nicht gefährlich.«

»Gehen Sie«, rief der Pachter, dem die Antwort sehr zu gefallen schien, während seine Frau erröthend lächelte, »gehen Sie, das ist ja eine so verbindliche Redensart, als wollten Sie hier in der Grafschaft gewählt werden. Sie scheinen mir nicht unter Mähern aufgewachsen zu sein, und vielleicht habe ich mich gar gegen einen Vornehmeren zu frei benommen.«

»Wie?« fragte der höfliche Kenelm. »Wollen Sie 211 damit zu verstehen geben, Sie seien mit Ihren Schillingen zu freigebig gewesen? Es thut mir leid, wenn Sie das bereuen, aber ich glaube nicht, daß Sie Ihre Schillinge wiederbekommen. Ich habe nicht so viel von der Welt gesehen wie Sie, aber nach meiner Erfahrung hat man, wenn man sein Geld einmal, gleichviel ob an Vornehmere oder Geringere, weggegeben hat, keine Aussicht, es je wiederzubekommen.«

Ueber diesen Ausspruch wollte sich der Pachter todt lachen; seine Frau kicherte und selbst die Magd grinste. Kenelm, der wie gewöhnlich keine Miene verzog, dachte bei sich: »Der Witz besteht in dem epigrammatischen Ausspruch eines Gemeinplatzes und die geistloseste Bemerkung über den Werth des Geldes ist einer beifälligen Aufnahme fast ebenso sicher wie die geistloseste Bemerkung über den Unwerth der Frauen. Ich habe da eben wahrhaftig, ohne es zu wissen, einen Witz gemacht.«

In diesem Augenblick berührte ihn der Pachter an der Schulter, berührte ihn und klopfte nicht, wie er es noch vor zehn Minuten gethan haben würde – und sagte:

»Wir dürfen meine Frau nicht stören, sonst bekommen wir nichts zu essen. Ich will eben nach den Kühen sehen. Verstehen Sie etwas von Kühen?«

212 »O ja, Kühe produciren Sahne und Butter. Die besten Kühe sind die, welche mit den geringsten Kosten die beste Sahne und die beste Butter produciren. Wie aber die beste Sahne und die beste Butter so billig herzustellen sind, daß sie umsonst auf dem Frühstückstisch des armen Mannes erscheinen können, das ist eine Frage, die von einem reformirten Parlamente und einer liberalen Verwaltung gelöst werden muß. Inzwischen lassen Sie uns das Abendessen nicht verzögern.«

Der Pachter und sein Gast verließen die Küche und traten auf den Hof.

»Sind Sie völlig fremd in dieser Gegend?«

»Völlig.«

»Wissen Sie auch nicht einmal meinen Namen?«

»Nein, außer daß ich Sie von Ihrer Frau John rufen gehört habe.«

»Mein Name ist John Saunderson.«

»O, Sie stammen also aus dem Norden? Deshalb sind Sie auch so verständig und schlau. Namen die auf »son« endigen, werden meistens von Abkömmlingen der Dänen geführt, welchen König Alfred gesegneten Andenkens nicht weniger als sechzehn englische Grafschaften überwies, und wenn bei den Dänen einer jemandes Sohn genannt wurde, so ist das ein 213 Zeichen, daß sein Vater etwas zu bedeuten gehabt hatte.«

»Das habe ich weiß Gott noch nie gehört.«

»Wenn ich geglaubt hätte, daß Sie es schon einmal gehört hätten, würde ich es nicht gesagt haben.«

»So, jetzt habe ich Ihnen meinen Namen gesagt, wie heißen Sie denn?«

»Ein weiser Mann thut Fragen und ein Narr beantwortet sie. Nehmen Sie einen Augenblick an, ich sei kein Narr.«

Pachter Saunderson kratzte sich hinterm Ohre und sah verlegener aus, als es dem Abkömmling eines von König Alfred im Norden Englands begüterten Dänen wohl anstand.

»Hol's der Henker!« sagte er endlich, »aber ich denke, Sie sind auch aus Yorkshire.«

»Der Mensch, der das eingebildetste aller Geschöpfe ist, nimmt für sich das Vorrecht des Denkens in Anspruch und gesteht den übrigen Thieren nur die niedrige mechanische Operation, die er Instinkt nennt, zu. Aber da der Instinkt unfehlbar ist, während die Gedanken meistens in die Irre gehen, so hat der Mensch sich nach seiner eigenen Begriffsbestimmung keines großen Vorzugs zu rühmen. Wenn Sie sagen, Sie denken, 214 und es damit für ausgemacht halten, daß ich aus Yorkshire bin, so irren Sie. Ich bin nicht aus Yorkshire. Können Sie, wenn Sie sich auf Ihren Instinkt beschränken, errathen, wann wir zu Abend essen werden? Die Kühe, nach denen Sie eben sehen wollen, wissen ganz genau den Augenblick, wo sie gefüttert werden sollen.«

Der Pachter, der sich seiner Ueberlegenheit über den Gast, den er mit einem Abendessen regaliren wollte, wieder bewußt ward, erwiderte: »In zehn Minuten.« Nach einer Pause fuhr er dann in einem Ton der Entschuldigung, wie wenn er fürchte, für vornehmthuerisch gehalten zu werden, fort: »Wir essen nicht in der Küche zu Abend; mein Vater hat es gethan und ich auch noch bis zu meiner Verheirathung; aber meine Beß, die freilich eine so gute Pachtersfrau ist, wie es je eine gegeben hat, war die Tochter eines Kaufmanns und war anders erzogen. Sehen Sie, sie hat mir ein hübsches Sümmchen mitgebracht; aber wenn sie das auch nicht gethan hätte, so hätte ich doch nicht haben mögen, daß ihre Familie hätte sagen können, sie sei durch mich niedriger gestellt worden, und so essen wir jetzt im Wohnzimmer zu Abend.«

Kenelm erwiderte: »Die Hauptsache ist, daß wir überhaupt zu Abend essen. Das zugegeben, kann man 215 behaupten, daß ein Mann, der lieber in seinem Wohnzimmer als in seiner Küche zu Abend ißt, auch mehr Aussicht hat, im Leben fortzukommen. Inzwischen sehe ich hier einen Brunnen; während Sie zu den Kühen gehen, will ich hier bleiben und meine Hände in Unschuld waschen.«

»Halt! Sie scheinen mir ein schlauer Bursche zu sein und sind sicher kein Narr. Ich habe einen Sohn, einen guten schmucken Jungen; aber er ist eingebildet, dünkt sich was Besseres als wir Uebrigen und hat keine geringe Meinung von sich. Sie würden mir einen Dienst leisten und ihm auch, wenn Sie ihn ein bischen ducken wollten.«

Kenelm, der schon damit beschäftigt war, den Pumpenschwengel energisch in Bewegung zu setzen, antwortete nur mit einem gnädigen Kopfnicken. Aber wie er selten eine Gelegenheit zu einer Betrachtung vorübergehen ließ, so dachte er auch jetzt, während er sein Gesicht in dem aus der Röhre fließenden Wasserstrahl wusch: »Man darf sich nicht wundern, daß jeder Niedriggestellte es so angenehm findet, einen Höhergestellten zu ducken, wenn ein Vater einen Fremden bittet, seinen eigenen Sohn zu ducken, blos weil er eine zu hohe Meinung von sich hat. Auf diesem Principe der menschlichen Natur beruht es, daß die Kritik 216 klüglich ihre Ansprüche auf den Rang einer analytischen Wissenschaft aufgibt und zu einem lucrativen Geschäfte wird. Sie verläßt sich dabei auf das Vergnügen, das ihre Leser darüber empfinden, wenn sie einen Mann geduckt sehen.« 217

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