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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Als Kenelm wieder in die Straße einlenkte, in welcher sich das Mäßigkeitshotel befand, huschte eine malerisch in einen spanischen Mantel gehüllte Gestalt eilig an ihm vorüber, aber doch nicht eilig genug, um nicht von ihm als der Tragöde erkannt zu werden. »Hm«, murmelte Kenelm vor sich hin, »eine sehr triumphirende Miene macht der, scheint mir, nicht. Ich fürchte, er hat sich bös herunterkanzeln lassen müssen.«

Der Junge, wenn wir Kenelm's Reisebegleiter noch so nennen dürfen, stand an den Kaminsims gelehnt, als Kenelm wieder in das Eßzimmer trat. In der selbstvergessenen Haltung, in den schmachtenden, thränenlosen Augen des Knaben drückte sich eine tiefe Niedergeschlagenheit aus.

»Mein liebes Kind«, sagte Kenelm in dem sanftesten 183 Tone seiner melancholischen Stimme, »vertrauen Sie mir nichts an, was Ihnen mitzutheilen peinlich sein könnte. Aber lassen Sie mich hoffen, daß Sie jeden Gedanken, jemals auf die Bühne zu geben, ganz aufgegeben haben.«

»Ja«, lautete die kaum hörbare Antwort.

»Jetzt bleibt also nur noch die Frage, was sollen nur thun?«

»Das weiß ich wirklich nicht, und es kümmert mich auch nicht.«

»Dann überlassen Sie es also mir, das zu wissen und mich darum zu kümmern. Nehmen Sie also einen Augenblick als wahr an, was eine der größten Lügen dieser lügnerischen Welt ist, nämlich, daß alle Menschen Brüder sind, und betrachten Sie mich als einen älteren Bruder, der Sie berathen und beaufsichtigen wird, wie er es mit einer unbesonnenen jüngeren Schwester thun würde. Ich kann mir sehr gut denken, wie die Sache zusammenhängt. Sie haben wahrscheinlich Herrn Compton als Romeo oder Richard III. bewundert und haben ihn dann als Herrn Compton kennen gelernt. Er hat Sie zu dem Glauben verleitet, daß er unverheirathet sei, und in einem Augenblick romantischer Schwärmerei sind Sie mit der Absicht, auf die Bühne zu gehen und Frau Compton zu werden, fortgelaufen.«

184 »Ach!« rief das Mädchen – da wir doch nun einmal ihr Geschlecht nicht länger verhehlen können – »ach«, rief sie leidenschaftlich aus, »was für eine Thörin bin ich gewesen! Nur denken Sie nicht schlechter von mir, als ich es verdiene. Der Mann hat mich betrogen; er dachte nicht, daß ich ihn beim Worte nehmen und ihm hierher folgen würde, sonst würde seine Frau sich nicht haben blicken lassen. Ich würde nicht erfahren haben, daß er eine Frau hat und – und –« Hier versagte ihr die Stimme.

»Aber jetzt, wo Sie hinter die Wahrheit gekommen sind, lassen Sie uns dem Himmel danken, daß er Sie vor Schande und Elend bewahrte. Ich muß sofort ein Telegramm an Ihren Onkel abschicken, sagen Sie mir seine Adresse.«

»Nein, nein.«

»Von einem Nein kann hier nicht die Rede sein, mein liebes Kind. Ihr Ruf und Ihre Zukunft müssen gerettet werden. Ueberlassen Sie es mir, Ihrem Onkel Alles zu erklären. Er ist Ihr Vormund; ich muß nach ihm schicken, ja, ja, da gibt es keine Wahl. Wenn Sie mich auch jetzt hassen, weil ich Ihnen Zwang anthue, so werden Sie mir nachher nur desto dankbarer sein. Und lassen Sie sich das gesagt sein, mein junges Fräulein: wenn es Ihnen peinlich ist, 185 Ihren Onkel wiedersehen und seine Vorwürfe anhören zu müssen, jeder Fehler zieht seine Strafe nach sich. Tapfere Naturen unterziehen sich dieser Strafe, mit welcher sie ihre Schuld zum Theil wieder gutzumachen hoffen, mit heiterem Muth. Sie sind tapfer. Ergeben Sie sich in Ihr Schicksal und seien Sie in Ihrer Ergebung getrost.«

In Kenelm's Stimme und Wesen lag etwas so Freundliches und zugleich Gebietendes, daß das wunderliche Geschöpf, mit welchem er es hier zu thun hatte, sich ihm gefangen geben mußte. Sie gab ihm die Adresse Ihres Onkels: Herr John Bovill, Oakdale bei Westmere, und heftete dann einen traurigen Blick auf ihren jungen Rathgeber, indem sie in einem pathetischen, aber doch einfachen und traurigen Tone sagte: »Wollen Sie mich nun mehr achten, oder vielmehr, wollen Sie mich weniger verachten?«

Sie sah bei diesen Worten so jung, ja, so ganz wie ein Kind aus, daß Kenelm mit einem väterlichen Gefühle die Lust überkam, sie auf seinen Schooß zu ziehen und ihre Thränen wegzuküssen. Aber er drängte diesen Antrieb weislich zurück und sagte mit einem melancholischen Lächeln:

»Wenn menschliche Wesen sich einander verachten wollten, weil sie jung und thöricht sind, so könnten wir 186 ja nur wünschen, daß der Zeitpunkt, wo wir von einer höheren Race, die uns auf Erden folgen wird, ausgerottet werden, recht nahe sein möge. Jetzt sage ich Ihnen Lebewohl, bis Ihr Onkel kommt.«

»Wie! Sie wollen mich hier allein lassen?«

»Ja; meinen Sie nicht, daß Ihr Onkel, wenn er mich jetzt, wo ich weiß, daß Sie seine Nichte sind, unter demselben Dache mit Ihnen fände, ein Recht hätte, mich zum Fenster hinauszuwerfen? Erlauben Sie mir selbst für meinen Theil die Vorsicht zu üben, die ich Ihnen predige. Bitten Sie die Wirthin, Ihnen ein Zimmer anzuweisen, schließen Sie sich ein, gehen Sie zu Bett und weinen Sie nicht mehr, als unerläßlich ist.«

Kenelm nahm seinen Tornister, den er in eine Ecke des Zimmers hingelegt hatte, auf den Rücken, erkundigte sich nach dem Telegraphenamt, expedirte ein Telegramm an Herrn Bovill, ließ sich im Commercialhotel ein Zimmer geben und schlief ein, indem er die verständigen Worte vor sich hinmurmelte:

»Rochefoucauld hatte vollkommen Recht, als er sagte, sehr wenige Menschen würden sich verlieben, wenn sie nicht so viel davon reden gehört hätten.« 187

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