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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

»Ich habe meinen Auftrag ausgerichtet«, sagte Kenelm, als er zu seinem Reisegefährten zurückkehrte. »Herr Compton läßt Dir sagen, er werde in einer halben Stunde hier sein.«

»Haben Sie ihn gesprochen?«

»Natürlich; ich versprach ja, Deinen Brief nur ihm selbst zu übergeben.«

»War er allein?«

»Nein, er war beim Abendessen mit seiner Frau.«

»Seiner Frau? Was wollen Sie damit sagen? Er hat keine Frau.«

»Der Schein trügt. Er war wenigstens mit einer Dame zusammen, die ihn in einem so hämischen Ton ›lieber Freund‹ und ›mein Engel‹ nannte, als wenn sie seine Frau wäre, und als ich aus der Hausthür trat, 171 sagte mir ein Bursche, der mich anrannte, ich möge eine Hutschachtel an Frau Compton geben.«

Der Junge wurde todtenbleich, schwankte ein paar Schritte zurück und sank in einen Stuhl.

Das bestärkte Kenelm in einem Verdacht, der bereits während seiner Abwesenheit in seinem forschenden Geiste aufgetaucht war. Sachte trat er auf den ihm vom Schicksal aufgedrängten Genossen zu, rückte sich einen Stuhl heran und flüsterte ihm leise zu:

»So geberdet sich kein Knabe. Wenn Sie betrogen oder mißleitet sind und ich Ihnen irgendwie rathen oder helfen kann, so rechnen Sie auf mich, wie Frauen unter solchen Umständen auf Männer von Ehre rechnen dürfen.«

Der Junge sprang auf und durchmaß das Zimmer mit schwankenden Schritten, während sich auf seinem Gesichte ein Kampf der Leidenschaften, den er vergebens zu verbergen suchte, spiegelte. Plötzlich stand er still, ergriff Kenelm's Hand, drückte sie krampfhaft und sagte mit einer fast von Thränen erstickten Stimme:

»Ich danke Ihnen, Gott segne Sie. Aber jetzt lassen Sie mich, bitte, allein. Ich muß auch allein sein, wenn ich mit diesem Manne spreche. Vielleicht, daß doch noch ein Mißverständniß obwaltet. Gehen Sie.«

172 »Versprechen Sie mir, das Haus nicht zu verlassen, bis ich zurückkomme?«

»Ja, das verspreche ich Ihnen.«

»Und wenn die Sache sich verhält, wie ich fürchte, wollen Sie sich dann von mir rathen lassen?«

»Der Himmel sei mir gnädig, wenn es sich so verhält! Wem anders sollte ich mich dann wohl anvertrauen? Gehen Sie, gehen Sie!«

Kenelm war gleich darauf wieder auf der Straße, wo sich das Licht der Gaslaternen mit dem Schein des in der Sommernacht leuchtenden Mondes vermischte. Er ging mechanisch weiter, bis er an das Ende der Stadt gelangte. Hier machte er Halt, setzte sich auf einen Meilenstein und überließ sich folgenden Betrachtungen:

»Mein lieber Kenelm, du bist in einer noch schlimmeren Patsche, als in der ich dich vor einer Stunde glaubte. Du hast dir jetzt offenbar ein Weib aufgeladen. Was in aller Welt willst du mit ihr anfangen? Ein entlaufenes Weib, das – so wunderlich und widersprechend geht es im menschlichen Leben her – in der Absicht, mit einem Andern davonzulaufen, statt dessen mit dir davongelaufen ist. Welcher Sterbliche kann darauf hoffen, ungefährdet durchs Leben zu gehen? Nichts lag mir, als ich diesen Morgen aufstand, ferner, als daß mich, bevor der Tag zu Ende ginge, das 173 andere Geschlecht in irgend welche Ungelegenheit bringen könne. Wenn ich Anlage hätte, mich zu verlieben, so könnten die Parzen berechtigt erscheinen, mich in diese Falle zu locken, so aber haben diese sich in Alles mischenden alten Jungfern dazu durchaus kein Recht. Mein lieber Kenelm, glaubst du, du könntest dich je verlieben? Und wenn du dich verliebtest, glaubst du, du könntest dich noch mehr zum Narren machen, als du es schon jetzt thust?«

Kenelm war in der mit sich selbst gehaltenen Berathung noch nicht zu einer Entscheidung über diese verwickelte Frage gelangt, als die Klänge einer sanften Musik an sein Ohr drangen. Es waren nur die Töne eines Saiteninstruments, die vielleicht dünn und klimperig geklungen haben würden, wenn nicht die Nacht so still gewesen und der Musik jene eigenthümliche Fülle verliehen hätte, die sie gewinnt, wenn sie in vollkommen ruhiger Luft erschallt. Im nächsten Augenblick ließ sich aus der Ferne eine das Instrument begleitende Singstimme vernehmen. Es war eine volle schöne Männerstimme, aber die Worte blieben Kenelm unverständlich. Unwillkürlich ging er der Richtung nach, von welcher her die Töne erklangen; denn Kenelm Chillingly hatte eine für Musik empfängliche Seele, wenn er es auch selbst nicht recht wußte. Er kam an 174 einen Rasenplatz, auf welchem eine einsame Ulme und darunter eine Ruhebank für Wanderer stand. Diesen Rasenplatz umgaben in einem weiten Halbkreise theils Läden, theils der Kaffeegarten eines hübschen ländlichen Wirthshauses. An den zerstreut im Garten stehenden Tischen saßen in Gruppen ruhige Gäste, die offenbar der Klasse kleiner Ladeninhaber und besserer Handwerker angehörten. Sie sahen höchst anständig und respektabel aus und hörten der Musik mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Das thaten auch viele, die vor den Thüren ihrer Läden standen oder an den offenen Fenstern der oberen Stockwerke saßen. Auf dem Rasen, ein wenig vor dem Ruhesitz, aber noch unter dem Schatten des Baumes, stand der Musikus und in diesem Musikus erkannte Kenelm den Wanderer, durch dessen Unterhaltung die Lust zu seiner Fußwanderung, die ihn schon jetzt in eine so unangenehme Lage gebracht hatte, in ihm geweckt worden war. Das Instrument, auf welchem der Sänger sich begleitete, war eine Guitarre, und was er sang, war offenbar ein Liebeslied, obgleich Kenelm den eigentlichen Sinn des Liedes, das eben zu Ende ging, nicht vollständig erfassen konnte. Aber er hörte genug, um zu gewahren, daß die Worte wenigstens von jener Plattheit, welche Straßenliedern gewöhnlich anhaftet, frei und 175 doch einfach genug waren, um einer sehr anspruchslosen Zuhörerschaft zu gefallen.

Als der Sänger geschlossen hatte, erschallten keine Beifallsrufe; aber die Zuhörer waren ersichtlich von einem Gefühl bewegt, wie es uns ergreift, wenn etwas, was allgemeine Freude erregt hat, plötzlich aufhört. Jetzt trat auf einmal der weiße Spitz, der sich bisher unter der Ruhebank verborgen gehalten hatte, mit einem kleinen zinnernen Teller zwischen den Zähnen vor, näherte sich, nachdem er sich nachdenklich umgesehen hatte, als ob er sich überlege, wem von den Zuhörern er die Ehre erweisen wolle, den ersten Beitrag zu der allgemeinen Sammlung spenden zu dürfen, mit ernster Miene Kenelm, setzte sich auf seine Hinterbeine, starrte ihn an und präsentirte ihm den Teller.

Kenelm warf einen Schilling darauf und der Hund ging mit dankbarem Blick seines Weges weiter nach dem Kaffeegarten.

Kenelm trat auf den Sänger zu, zog den Hut vor ihm – denn er war auf seine Weise ein sehr höflicher Mann – und sagte, indem er sicher darauf rechnete, daß der Fremde, dem er nur einmal in seinem Leben begegnet war, ihn in seiner veränderten Kleidung nicht wiedererkennen würde:

»Schön nach dem Wenigen, was ich gehört habe, 176 zu urtheilen, singen Sie sehr gut, mein Herr. Darf ich fragen, von wem die Worte sind?«

»Sie sind von mir«, antwortete der Sänger.

»Und die Melodie?«

»Auch von mir.«

»Ich mache Ihnen mein Compliment; ich hoffe, Sie finden bei diesen Manifestationen Ihres Genius Ihre Rechnung.«

Der Sänger, der bisher nur den bäurischen Anzug des Fragenden eines flüchtigen Blickes gewürdigt hatte, heftete jetzt seine Augen fest auf Kenelm und sagte lächelnd: »Ihre Stimme verräth Sie, Herr, wir sind uns schon einmal begegnet.«

»Allerdings, aber damals habe ich Ihre Guitarre nicht bemerkt und, obgleich ich Ihr poetisches Talent kennen lernte, nicht vermuthet, daß Sie sich dieser primitiven Methode, dasselbe zur Geltung zu bringen, bedienen.«

»So wenig, wie ich voraussah, daß ich das Vergnügen haben würde, Ihnen noch einmal in der Gestalt eines Bauerburschen zu begegnen. Pst! Lassen Sie uns jeder des anderen Geheimniß bewahren. Ich bin hier in der Gegend unter dem Namen des wandernden Troubadours bekannt.«

»In der Eigenschaft eines Troubadours rede ich 177 Sie an. Wenn meine Frage nicht unbescheiden ist, kennen Sie auch Lieder, welche die Sache von der entgegengesetzten Seite auffassen?«

»Welche Sache? Ich verstehe Sie nicht, mein Herr.«

»Das Lied, das Sie vorhin sangen, schien zum Lobe jenes Liebe genannten Scheinwesens gedichtet zu sein. Glauben Sie nicht, daß Sie etwas sagen könnten, was neuer und wahrer wäre, wenn Sie diese Abirrung von der Vernunft mit der gebührenden Verachtung behandelten?«

»Nicht, wenn ich mir meine Reisekosten damit verdienen will.«

»Wie, ist denn die Thorheit so populär?«

»Sagt Ihnen das nicht Ihr eigenes Herz?«

»Nicht im mindesten, eher das Gegentheil. Ihre Zuhörer da scheinen Leute zu sein, die von ihrer Hände Arbeit leben und daher wenig Zeit für ein solches müßiges Spiel der Phantasie haben können; denn wie Ovid, ein Dichter, der über diese Dinge viel geschrieben und sich der vertrautesten Bekanntschaft mit ihnen gerühmt hat, treffend bemerkt: Müßiggang ist aller Liebe Anfang. Können Sie nicht etwas zum Lobe eines guten Mittagessens singen? Jeder Mensch, der stark arbeitet, erfreut sich eines guten Appetits.«

178 Der Sänger sah Kenelm wieder mit einem forschenden Blicke an, war aber, als er in dem ernsten Gesicht, das er vor sich hatte. nicht die leiseste Spur von Humor entdeckte, in einiger Verlegenheit, was er antworten solle, und schwieg deshalb.

»Ich sehe«, nahm Kenelm wieder auf, »daß meine Bemerkungen Sie überraschen, sie werden das aber nicht mehr thun, wenn Sie etwas mehr darüber nachdenken. Ein anderer, mehr als Ovid reflectirender Dichter hat gesagt, die Welt werde durch Liebe und Hunger regiert. Aber dem Hunger fällt unzweifelhaft der Löwenantheil an dieser Regierung zu. Und wenn ein Dichter das, was er sich zur Aufgabe macht, nämlich die Natur wiederzugeben, wirklich ausführen will, so müßten sich seine Verse zum größeren Theil mit dem Magen beschäftigen.« Bei diesen Worten legte Kenelm, den sein Gegenstand zu erwärmen anfing, seine Hand vertraulich auf die Schulter des Sängers und seine Stimme nahm einen nahezu enthusiastischen Ton an. »Sie werden mir zugeben, daß ein Mensch, der sich eines normalen Gesundheitszustandes erfreut, sich nicht jeden Tag verliebt, während er bei normalem Gesundheitszustande jeden Tag hungrig ist. Ja, in jenen jungen Jahren, in welchen der Mensch, wie Ihr Dichter behauptet, für die Liebe am empfänglichsten 179 sein soll, ist er so entschieden zum Hunger geneigt, daß kaum weniger als drei Mahlzeiten täglich hinreichen, seinen Appetit zu befriedigen. Sie können einen Menschen Monate lang, Jahre lang, ja sein Leben lang, von seiner ersten Kindheit an bis zu dem höchsten Alter, welches er nach Cornwall Lewes erreichen kann, einsperren, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, sich jemals zu verlieben. Aber wenn Sie ihn auch nur eine Woche lang einsperren, ohne ihm Nahrung zu reichen, so finden Sie ihn am letzten Tage der Woche mausetodt.«

Nach diesen Worten sank der Sänger, der Schritt für Schritt vor dem stürmisch andrängenden Redner zurückgewichen war, auf die Bank unter der Ulme und sagte pathetisch: »Mein Herr, ich muß vor Ihren Argumenten die Segel streichen. Wollen Sie nun gefälligst aus Ihren Prämissen den Schluß ziehen?«

»Mein Schluß ist einfach dieser, daß auf ein menschliches Wesen, welches sich um Liebe kümmert, tausend kommen, welche für die Reize eines Mittagessens empfänglich sind, und wenn Sie der populäre Minnesänger oder Troubadour des Tages sein wollen, so appelliren Sie an die Natur. Lassen Sie alle die abgenutzten Phrasen von rosigen Wangen beiseite und rühren Sie die Saiten ihrer Leier zu einem Loblied auf das Beefsteak.«

180 Der Hund, der schon seit einigen Minuten an die Seite seines Herrn zurückgekehrt war und, seinen mit Kupfermünzen wohlgefüllten Teller zwischen den Zähnen, auf seinen Hinterbeinen saß, ließ jetzt, mit Recht ungehalten über die Unaufmerksamkeit, die ihn so lange in seiner künstlichen Stellung zu verharren zwang, den Teller fallen und knurrte Kenelm an.

In demselben Augenblicke machten sich Zeichen der Ungeduld unter den Zuhörern im Kaffeegarten bemerklich. Sie wollten für ihr Geld noch ein Lied hören. Der Sänger erhob sich und schickte sich an, dieser Aufforderung zu entsprechen. »Entschuldigen Sie mich, mein Herr, aber ich muß –«

»Wieder singen?«

»Ja.«

»Und von dem von mir vorgeschlagenen Gegenstand?«

»Das nun freilich nicht.«

»Was, wieder Liebe?«

»Ich fürchte, es wird nichts Anderes werden.«

»Dann wünsche ich Ihnen einen guten Abend. Sie scheinen ein gut unterrichteter Mann zu sein, desto mehr sollten Sie sich schämen. Vielleicht begegnen wir uns noch einmal wieder auf unseren Streifereien und können dann die Frage gehörig durchdiscutiren.«

181 Kenelm zog den Hut und ging seines Weges. Noch ehe er die Straße erreicht hatte, drang die liebliche Stimme des Sängers wieder an sein Ohr; aber das einzige Wort, das er in der Entfernung unterscheiden konnte, war das am Schluß des Refrains ausklingende Wort »Liebe«.

»Paperlapap«, sagte Kenelm. 182

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