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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Kenelm ging nach dem Theater und fragte bei dem Thürsteher nach Herrn Herbert Compton. Dieser Beamte erwiderte: »Herr Compton spielt heute Abend nicht und ist auch nicht im Hause.«

»Wo wohnt er?«

Der Thürsteher deutete auf einen Krämerladen an der gegenüberliegenden Seite der Straße und sagte kurz. »Da – Privateingang – klopfen und klingeln Sie.«

Kenelm that, wie ihm geheißen war. Ein unordentlich aussehendes Dienstmädchen öffnete die Thür und antwortete auf seine Frage, daß Herr Compton zu Hause, aber beim Abendessen sei. »Es thut mir leid, wenn ich ihn störe«, sagte Kenelm mit erhobener Stimme, denn er hörte in einem an der linken Seite 165 des Vorplatzes liegenden Zimmer ein Geklapper von Messern und Tellern; »aber ich muß ihn sogleich in Geschäften sprechen«, und bei diesen Worten schob er das Mädchen beiseite und trat ohne weiteres in den anstoßenden Speisesaal. Vor einem saftigen, stark nach Zwiebeln riechenden geschmorten Stück Fleisch saß in sehr bequemer Haltung in Hemdsärmeln und ohne Halstuch ein sehr hübscher Mann mit kurz geschnittenem Haar und glatt rasirtem Gesicht, wie es sich für einen Schauspieler ziemt, der Perrücken und Bärte in allen Farben und Formen zu seiner Verfügung hat. Der Mann war nicht allein; ihm gegenüber saß eine vielleicht einige Jahre jüngere Dame mit etwas verblühtem Teint, aber noch hübsch, mit einem recht für die Bühne passenden Ausdruck und einem Kopf voll blonder Locken.

»Ich habe wohl die Ehre, Herrn Compton vor mir zu sehen«, sagte Kenelm mit einer feierlichen Verbeugung.

»Ich heiße Compton; haben Sie mir etwas vom Theater zu bestellen oder was wünschen Sie von mir?«

»Ich? Nichts!« erwiderte Kenelm und fuhr dann, indem er seine von Natur schon so melancholisch klingende Stimme noch tiefer sinken ließ, in einem 166 bedeutungsvoll tragischen Tone fort: »Wer etwas von Ihnen wünscht, das mögen Sie aus diesem hier ersehen.« Mit diesen Worten legte er den Brief, mit dessen Uebergabe er betraut war, in Herrn Compton's Hände und fügte dann mit gesenkten Armen und gefalteten Händen in der Stellung Talma's als Julius Cäsar noch hinzu: Qu'en dis-tu, Brute?«

War es das finstere Aussehen und die ehrfurchtgebietende Redeweise oder die ὑπόκρισις des Boten oder der Anblick der Handschrift auf der Adresse des Briefes, Herrn Compton's Gesicht nahm plötzlich eine betroffene Miene an und seine Hand schien unentschlossen, als wage sie es nicht, den Brief zu öffnen.

»Nimm doch keine Rücksicht auf mich, lieber Freund!« sagte die Dame mit den blonden Locken in einem Tone sauersüßer Freundlichkeit. »Lies doch Dein Billetdoux; laß den jungen Mann nicht warten, mein Engel«

»Unsinn, Mathilde, Unsinn! Ein schönes Billetdoux. Wahrscheinlich eine Rechnung vom Schneider Dux. Entschuldige mich einen Augenblick, liebes Kind; folgen Sie mir, mein Herr!« Mit diesen Worten stand er, noch immer in Hemdsärmeln, auf, verließ das Zimmer, ging Kenelm voran über den Vorplatz in ein an der gegenüberliegenden Seite desselben 167 liegendes kleines Zimmer und überflog hier bei dem Licht einer von der Decke herabhängenden Gaslampe rasch den, wie es schien, sehr kurzen Brief, der ihm gleichwohl verschiedene Ausrufe entlockte. »Guter Gott! Wie entsetzlich albern! Was ist dabei zu machen?« Dann steckte er den Brief in die Hosentasche und heftete auf Kenelm ein Paar glänzend schwarze Augen, die er aber bald vor dem festen Blick dieses mürrischen Abenteurers wieder senken mußte.

»Sind Sie im Vertrauen der Person, welche diesen Brief geschrieben hat?« fragte Herr Compton in einiger Verwirrung.

»Ich bin nicht der Vertraute dieser Person«, antwortete Kenelm, »aber augenblicklich bin ich ihr Beschützer.«

»Beschützer?«

»Beschützer.«

Herr Compton maß den Boten abermals mit den Blicken; er wurde, als ihm jetzt die gladiatorenhaft entwickelten Körperformen dieses dunkeln Fremden klar vor die Augen traten, bedeutend bleicher und wich unwillkürlich in der Richtung des Glockenzuges zurück.

»Nach einer kurzen Pause sagte er: »Ich werde hier gebeten, die fragliche Person zu besuchen. Darf ich darauf rechnen, daß, wenn ich dieser Aufforderung 168 Folge leiste, die Zusammenkunft ohne alle Zeugen stattfinden wird?«

»Soweit es auf mich ankommt, ja, unter der Bedingung, daß kein Versuch gemacht wird, die Person aus dem Hause zu entfernen.«

»Gewiß nicht, gewiß nicht! Ganz im Gegentheil!« rief Herr Compton mit ungekünstelter Emphase. »Ich will also in einer halben Stunde kommen.«

»Ich will Ihre Bestellung ausrichten«, sagte Kenelm mit einer leichten, aber höflichen Verbeugung; »und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie daran erinnere, daß ich mich den Beschützer der fraglichen Person genannt habe und daß, wenn die Jugend und Unerfahrenheit dieser Person im mindesten gemißbraucht oder Plänen einer Entführung von Haus und Familie die leiseste Ermunterung zu Theil würde, das Theater eine ihrer Zierden verlieren und Herbert Compton von der Bühne verschwinden würde.« Mit diesen Worten verließ Kenelm den Schauspieler, der wie versteinert stehen blieb. Als er zur Hausthür hinausging, rannte ein Bursche mit einer Hutschachtel so gegen ihn an, daß er beinahe umfiel.

»Dummer Kerl!« schrie der Bursche. »Können Sie nicht sehen, wo Sie hintreten? Geben Sie das an Frau Compton.«

169 »Ich würde die Bezeichnung, mit der Sie mich beehren, verdienen, wenn ich den Dienst, für den Sie bezahlt werden, umsonst leisten wollte«, erwiderte Kenelm und ging seines Weges. 170

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