Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

Der Baronet Sir Peter Chillingly von Exmundham war der Repräsentant einer alten Familie und ein Grundbesitzer von einiger Bedeutung. Er hatte sich jung verheirathet, nicht aus besonderer Neigung für den Ehestand, sondern auf den Wunsch seiner Eltern, die sich auch der Mühe unterzogen hatten, eine Frau für ihn zu wählen. Ihre Wahl hätte vielleicht besser, sie hätte aber auch schlimmer ausfallen können, was man von der Wahl vieler Männer, die sich ihre Frauen selbst aussuchen, nicht sagen kann. Fräulein Karoline Brotherton war in jeder Beziehung eine passende Partie. Sie hatte ein hübsches Vermögen, das sich sehr nützlich für den Ankauf einiger Pachthöfe erwies, deren Erwerb die Chillinglys schon lange als 2 zur Abrundung ihres Besitzes nothwendig gewünscht hatten; sie war von sehr guter Familie und brachte jene Kenntniß des fashionablen Lebens mit aufs Land, welche junge Damen sich erwerben, wenn sie einen dreijährigen Cursus von Bällen in London durchgemacht haben, um schließlich ehrenvoll unter die Haube zu kommen. Sie war hübsch genug, um dem Stolz eines Ehemannes zu schmeicheln, aber nicht schön genug, um die Eifersucht eines Ehemannes beständig wach zu halten; sie galt für sehr talentvoll, das heißt, ihr Klavierspiel war der Art, daß jeder Musiker, der sie hörte, sagte, sie sei sehr gut unterrichtet, aber kein Verlangen trug, sie zum zweiten Male zu hören; sie malte Aquarell zu ihrem Vergnügen; das Französische und Italienische beherrschte sie mit so vornehmer Eleganz, daß sie, obgleich sie in diesen Sprachen nur ausgewählte Stücke berühmter Autoren gelesen hatte, dieselben mit einem correcteren Accente sprach, als wir ihn bei Rousseau oder Ariost zu vermuthen Grund haben. Was eine junge Dame sich sonst noch aneignen muß, um für hochgebildet zu gelten, maße ich mir zu wissen nicht an, bin aber überzeugt, daß unsere junge Dame allen Anforderungen der besten Lehrer genügt haben würde. Die Partie war nicht nur eine wünschenswerthe, sondern eine glänzende für Sir Peter 3 Chillingly und auch für Fräulein Karoline Brotherton war sie durchaus tadellos.

Dieses vortreffliche Ehepaar lebte so glücklich wie die meisten vortrefflichen Ehepaare. Bald nach seiner Verheirathung gelangte Sir Peter durch den Tod seiner Eltern, welchen, nachdem sie ihren Sohn und Erben verheirathet hatten, das Leben nichts mehr bot, was ihm hätte Reiz verleihen können, in den Besitz der Familiengüter; er lebte neun Monate des Jahres auf Exmundham und verbrachte die drei übrigen Monate in London. Lady Chillingly und er gingen sehr gern nach London, weil sie sich in Exmundham langweilten, und gingen sehr gern wieder nach Exmundham zurück, weil sie sich in London langweilten. Mit einer einzigen Ausnahme konnte man die Ehe, wie Ehen nun einmal sind, eine außerordentlich glückliche nennen. In kleinen Dingen ging Alles nach Lady Chillingly's, in großen nach Sir Peter's Willen. Kleine Dinge kommen täglich vor, große vielleicht alle drei Jahre einmal. Nur alle drei Jahre einmal mußte sich Lady Chillingly dem Willen Sir Peter's fügen. In Haushaltungen, in denen ein solches Verhältniß herrscht, geht es friedlich her, und was unserem Paare zum vollen Glücke fehlte, war doch am Ende etwas, dem abzuhelfen in keines Menschen Gewalt stand. Ihre 4 Liebe zu einander war so groß, daß sie sich nach einem Pfande derselben sehnten; vierzehn Jahre lang hatten sie den kleinen Ankömmling vergebens erwartet.

Nun ging aber Sir Peter's Grundbesitz in Ermangelung eines männlichen Sprößlings auf einen entfernten Vetter als nächsten Erben über und dieser präsumtive Erbe hatte seit vier Jahren aus seiner Ueberzeugung, daß er in Wahrheit bereits wirklicher Erbe sei, kein Hehl gemacht und hatte, obgleich Sir Peter viel jünger war als er und sich der besten Gesundheit erfreute, seine Erwartung einer baldigen Erbfolge in unliebsamer Weise zu erkennen gegeben. Er hatte seine Zustimmung zu einem Austausch kleiner Stücke Landes, durch welchen Sir Peter von einem benachbarten Grundbesitzer ein Stück guten Ackerlandes gegen einen entferntliegenden Wald, der nichts ertrug als Bündelholz und Kaninchen, mit der groben Erklärung verweigert, daß er, der präsumtive Erbe, ein Freund der Kaninchenjagd sei und daß der Wald ihm in der nächsten Saison, wenn er bis dahin, was sehr möglich sei, in den Besitz desselben gelangt sein werde, sehr willkommen sein würde. Er bestritt Sir Peter das Recht, in gewohnter Weise Holz fällen zu lassen, und hatte ihn deshalb sogar mit einer Klage vor dem Kanzleigericht bedroht. Kurz, dieser präsumtive Erbe 5 war einer von den Menschen, die einen Gutsbesitzer dahin bringen können, sich noch in seinem achtzigsten Jahre in der Hoffnung zu verheirathen, Nachkommenschaft zu erzielen.

Aber es war nicht nur der sehr natürliche Wunsch, die Hoffnungen dieses unliebenswürdigen Verwandten zu vereiteln, was Sir Peter das Ausbleiben des kleinen Ankömmlings beklagen ließ. Wiewohl er zu jener Klasse von Landedelleuten gehörte, welchen gewisse politische Schwätzer die anderen Mitgliedern des Gemeinwesens gewährte Intelligenz absprechen, erfreute sich Sir Peter doch einer sehr respectablen Belesenheit und fand großen Geschmack an speculativer Philosophie. Er sehnte sich nach einem natürlichen Erben seines Vorrathes an Gelehrsamkeit und, als ein menschenfreundlich gesinnter Mann, nach einem thätigeren und nützlicheren Spender jener Wohlthaten, welche die Philosophen der Menschheit dadurch erweisen, daß sie sich tüchtig an einander reiben, gerade wie in einem Feuerstein, möge er auch noch so voll Funken sein, diese Funken bis zum jüngsten Tage verborgen bleiben würden, wenn sie nicht mit dem Stahl herausgeschlagen würden. Kurz, Sir Peter sehnte sich nach einem Sohn, der reichlich mit der Kampflust begabt wäre, an welcher es ihm selbst mangelte, welche aber die erste und 6 wesentlichste Eigenschaft für alle nach Ruhm Strebenden und besonders für wohlwollende Philosophen ist.

Unter diesen Umständen wird man leicht die Freude begreifen, welche im Herrenhause von Exmundham herrschte und sich auf die ganze Pächterschaft dieses altehrwürdigen Gutes, bei welcher der gegenwärtige Besitzer sehr beliebt und die Aussicht auf jenen präsumtiven Erben mit dem speciellen Absehen auf die Erhaltung der Kaninchen sehr verhaßt war, erstreckte, als der Hausarzt erklärte, daß die gnädige Frau sich in interessanten Umständen befinde, und welchen Höhepunkt diese Freude erreichte, als nach Verlauf der gehörigen Zeit ein Knabe sicher in seiner Wiege thronte. Sir Peter ward an diese Wiege berufen. Er betrat das Zimmer mit geflügelten Schritten und strahlendem Gesicht; er verließ es langsamen Schrittes und mit umwölkter Stirn.

Und doch war das Kind kein Ungeheuer; es war nicht mit zwei Köpfen auf die Welt gekommen, wie von einigen Kindern behauptet wird. Es war gebildet, wie neugeborene Kinder es in der Regel sind, war Alles in Allem ein prächtiger schöner Knabe. Und doch hatte sein Anblick auf den Vater einen beängstigenden Eindruck gemacht, wie schon vorher auf die Wärterin. Das kleine Wesen sah so unaussprechlich feierlich aus! 7 Es heftete seine Augen mit einem melancholisch vorwurfsvollen Blick auf Sir Peter; seine Lippen waren zusammengepreßt und die Mundwinkel herabgezogen, wie wenn es unzufrieden über seine künftige Bestimmung nachdächte. Die Wärterin erklärte in einem bangen Flüsterton, es habe, als es das Licht der Welt erblickt, keinen Schrei ausgestoßen, es habe mit der ganzen Würde stillen Kummers von seiner Wiege Besitz genommen. Trauriger und nachdenklicher hätte kein menschliches Wesen aussehen können, das im Begriff gewesen wäre, die Welt zu verlassen. anstatt sie zu betreten.

»Hm«, dachte Sir Peter bei sich, als er wieder in seiner einsamen Bibliothek saß, »ein Philosoph, der dieses Jammerthal um einen neuen Bewohner vermehrt, nimmt eine sehr ernste Verantwortlichkeit auf sich.«

In diesem Augenblick erklangen die Freudenglocken von dem benachbarten Kirchthurm, schien die Sommersonne in die Fenster, summten die Bienen zwischen den Blumen auf dem Rasen. Sir Peter raffte sich auf. »Am Ende«, sagte er munter, »ist doch das Jammerthal nicht ganz ohne Freude.« 8

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.