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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfzehntes Kapitel.

Kenelm lenkte seine Schritte unter dem Schatten seiner altererbten Bäume wieder heimwärts. Man sollte denken, sein Weg längs des Rasens und am Ufer des geschwätzigen Baches hin hätte angenehmer und mehr geeignet sein müssen, friedliche Gedanken zu pflegen, als die breite, staubige Landstraße, auf welcher der Wanderer, den er eben verlassen hatte, seines mühseligen Weges weiter ging. Aber ein der Träumerei ergebener Mensch bildet sich seine eigenen Landschaften und färbt sich seinen Himmel selbst.

»Ich habe schon lange das sonderbare Verlangen gehegt«, sagte Kenelm zu sich, »aus mir selbst herauszugehen, so zu sagen, mich in die Haut eines anderen Menschen zu stecken und mir ein wenig Abwechslung 117 und Emotion zu verschaffen. Unser Ich ist immer dasselbe Ich und darum gähne ich so oft. Aber wenn ich mich nicht in die Haut eines anderen Menschen stecken kann, so ist das Nächstbeste, was ich thun kann, mich mir selbst so unähnlich wie möglich zu machen. Laß einmal sehen, was mein Ich ist. Mein Ich ist Kenelm Chillingly, Sohn und Erbe eines reichen Mannes. Aber ein Bursche mit einem Ränzel auf dem Rücken, der in Wirthshäusern an der Landstraße schläft, hat durchaus nichts mit Kenelm Chillingly gemein, besonders wenn er sehr knapp an Geld und gelegentlich um eine Mahlzeit verlegen ist. Aber vielleicht sieht ein solcher Bursche die Dinge heiterer an; trübseliger kann er sie nicht ansehen. Muth, mein Ich! Du und ich müssen es nur versuchen.«

Während der nächsten zwei Tage fand man Kenelm ungewöhnlich liebenswürdig. Er gähnte viel weniger häufig, ging mit seinem Vater spazieren, spielte mit seiner Mutter Piquet, kurz, war mehr wie andere Menschen. Sir Peter war entzückt; er schrieb diese glückliche Veränderung den Vorbereitungen zu, die er für eine standesgemäße Reise Kenelm's machte. Der stolze Vater stand in eifriger Correspondenz mit seinen reichen Londoner Freunden, von denen er sich Empfehlungsbriefe für Kenelm an alle europäischen Höfe 118 zu verschaffen suchte. Koffer mit allen erdenklichen modernen Einrichtungen wurden bestellt; ein erfahrener Kurier, der alle Sprachen sprechen und nöthigenfalls französische Gerichte kochen konnte, wurde aufgefordert, seine Bedingungen zu stellen.

Kurz, alle durch den Eintritt eines jungen Patriciers in die Welt gebotenen Arrangements nahmen den besten Fortgang, als Kenelm Chillingly plötzlich mit Hinterlassung des folgenden Briefes auf Sir Peter's Schreibtisch verschwand.

»Theuerster Vater!

Deinen Wünschen gehorsam reise ich ab, um das reale Leben und reale Menschen oder die besten Imitationen derselben aufzusuchen. Verzeih' mir, darum bitte ich Dich inständigst, wenn ich diese Aufsuchung auf meine eigene Art beginne. Ich habe für jetzt Damen und Herren genug gesehen, sie müssen sich in der ganzen Welt einander ziemlich ähnlich sein. Du wünschest, daß ich mich amüsire. Ich will versuchen, ob es möglich ist. Damen und Herren sind nicht amüsant; je fashionabler und eleganter sie sind, desto insipider finde ich sie. Lieber Vater, ich gehe, Abenteuer zu suchen, wie Amadis von Gallien, wie Don Quixote, wie Gil Blas, wie Roderick Random, kurz, wie die einzigen realen 119 Menschen, die reales Leben gesucht haben, die Menschen, welche nur in Büchern existiren. Ich wandere zu Fuß und allein. Ich habe mich mit mehr Geld versehen, als ich von Rechtswegen ausgeben sollte, weil jeder Mensch seine Erfahrungen erkaufen muß und das Lehrgeld theuer ist. Ich habe fünfzig Pfund in Banknoten in mein Taschenbuch und fünf Sovereigns und siebzehn Schillinge in meine Börse gesteckt. Diese Summe müßte für ein Jahr reichen; aber ich fürchte, meine Unerfahrenheit wird mich in einem Monat darum bringen, wir wollen sie daher für nichts rechnen. Da Du mich aufgefordert hast, selbst zu bestimmen, was ich brauchen will, so bitte ich Dich freundlichst, schon heute Deinem Banquier aufzugeben, meine Anweisungen bis zum Belaufe von fünf Pfund und ferner monatlich zu demselben Belaufe, also jährlich bis zum Belaufe von sechzig Pfund zu honoriren. Mit dieser Summe kann ich nicht verhungern, und wenn ich mehr brauche, so wird es mich vielleicht amüsiren, mir das durch Arbeit zu verschaffen. Bitte, schicke mir niemand nach, stelle keine Nachforschungen an, bringe das Haus nicht in Aufruhr und mache mich nicht zum Gespräch der Gegend durch irgend welche Erwähnung meines Planes oder Deines Erstaunens 120 darüber. Ich werde nicht verfehlen, Dir von Zeit zu Zeit Nachricht von mir zu geben.

Du wirst selbst am besten beurtheilen können, was Du meiner lieben Mutter mittheilen willst. Wenn Du ihr die Wahrheit sagst, was ich natürlich thun würde, wenn ich ihr überhaupt etwas davon sagte, so wäre mein Zweck dadurch thatsächlich vereitelt und meine Person würde zum Gespräch in der ganzen Grafschaft werden. Ich weiß, Du hältst es nicht für unmoralisch, die Unwahrheit zu sagen, wenn sie zufällig nützlich ist, wie sie das ja in diesem Falle sein würde.

Ich beabsichtige ein bis anderthalb Jahre fortzubleiben; wenn ich meine Reise noch weiter fortsetze, soll es in der von Dir gewünschten Weise geschehen. Dann will ich meinen Platz in der eleganten Gesellschaft einnehmen, mich wegen aller Kosten an Dich wenden und für meine eigene Rechnung flunkern, so viel es jene von Illusionen beherrschte und von Scheinwesen bevölkerte fictive Welt nur irgend verlangt.

Gott behüte Dich, lieber Vater! Verlasse Dich darauf, daß, wenn ich in irgend eine schlimme Lage gerathen sollte, in der man eines Freundes bedarf, ich mich an Dich wenden werde. Bis jetzt habe ich 121 keinen anderen Freund auf der Welt und mit Vorsicht und Glück werde ich vielleicht der Heimsuchung eines solchen entgehen.

Dein Dich zärtlich liebender

Kenelm.

N. S. Lieber Vater, ich öffne meinen Brief in Deiner Bibliothek, um noch einmal zu sagen: Gott behüte Dich! und Dir zu erzählen, wie zärtlich ich Deine alten Handschuhe von Biberfell, die ich auf Deinem Tische fand, geküßt habe.«

Als Sir Peter diese Nachschrift gelesen hatte, nahm er seine Brille ab und trocknete sie; die Gläser waren sehr feucht geworden. Dann versank er in tiefes Nachdenken.

Sir Peter war, wie ich bereits erwähnt habe, ein gelehrter Mann; er war auch in einigen Beziehungen ein verständiger Mann und er hatte ein sehr sympathisches Verständniß für die humoristische Seite des grillenhaften Charakters seines Sohnes. Aber was sollte er Lady Chillingly sagen? Diese Dame hatte sich durchaus nichts zu Schulden kommen lassen, was sie des Vertrauens ihres Gatten in einer ihren einzigen Sohn betreffenden Angelegenheit hätte berauben können. Sie war eine tugendsame Matrone von 122 tadelloser Reinheit der Sitten, von würdevollem und echt freifraulichem Benehmen.

Wer sie zum ersten Male sah, mußte sie unwillkürlich »Frau Baronin« anreden. Durfte eine solche Frau bei irgend einer Familienangelegenheit zurückgesetzt werden? Sir Peter's Gewissen antwortete laut: Nein. Als aber Sir Peter sein Gewissen beschwichtigt hatte und nun die Frage als Weltmann erwog, mußte er sich sagen, daß es das denkbar Thörichtste sein würde, was er thun könne, wenn er Lady Chillingly den Inhalt des Briefes seines Sohnes mittheilen wollte. Wenn Lady Chillingly erfahren hätte, daß Kenelm mit der schon in seinem Namen liegenden Familienwürde durchgegangen sei, so hätte sie sich durch keine Autorität eines Ehemannes, es wäre denn, daß dieser Ehemann sich eines solchen Mißbrauchs seiner Gewalt schuldig gemacht hätte, wie er die Klage einer Ehefrau auf Trennung von Tisch und Bett begründet, abhalten lassen, alle Stallknechte nach allen Richtungen hin mit dem strengen Befehl auszuschicken, den Davongelaufenen todt oder lebendig wieder einzubringen. Die Mauern würden sich mit Anschlagszetteln bedeckt haben, auf denen zu lesen gestanden hätte: Vermißt u. s. w.; die Polizei würde ihre geheimen Instructionen von Stadt zu Stadt 123 telegraphirt haben und dieser Skandal würde Kenelm Chillingly sein Lebelang nachgegangen sein. Sein Lebelang würde man, unter verstohlenen Andeutungen von verbrecherischen Neigungen und bedenklichen Geistesstörungen, auf ihn als auf den Mann, der einmal verschwunden war, mit Fingern gedeutet haben. Und verschwinden und wieder erscheinen, anstatt ermordet zu sein, ist das Verächtlichste, was ein Mensch thun kann. Alle Zeitungen bellen ihn an, Phylax, Ami und wie sie alle heißen mögen[; im] Namen des öffentlichen Anstandes fordert man strenge Rechenschaft über die unschickliche Thatsache einer unversehrten Existenz und keine Erklärung wird genügend befunden. Das Leben ist gerettet, aber der gute Ruf für immer dahin.

Sir Peter ergriff seinen Hut und ging von dannen, nicht um zu überlegen, ob er dem Weibe seines Herzens etwas vorflunkern solle oder nicht, sondern um zu überlegen, welcher Art von Flunkerei das Herz seines Weibes am zugänglichsten sein würde.

Ein paar Gänge hin und her auf der Terrasse genügten Sir Peter, um über die beste Lüge mit sich ins Reine zu kommen; ein Beweis, daß er ein alter Praktikus im Flunkern war.

Er trat wieder ins Haus, ging in Miladys gewöhnliches Wohnzimmer und sagte zu ihr im Tone 124 sorgloser Heiterkeit: »Mein alter Freund, der Herzog von Clareville, ist eben im Begriff, mit seiner Familie eine Reise nach der Schweiz anzutreten; seine jüngste Tochter, Lady Jane, ist ein hübsches Mädchen und wäre keine üble Partie für Kenelm.«

»Lady Jane, die jüngste Tochter, mit blondem Haar, die, als ich sie zuletzt sah, ein reizendes Kind war und mit einer niedlichen Puppe spielte, die ihr die Kaiserin Eugenie geschenkt hatte? Die wäre wirklich eine gute Partie für Kenelm.«

»Es freut mich, daß Du meiner Meinung bist. Wäre es nicht eine gute Gelegenheit, diese Verbindung vorzubereiten. und überhaupt eine vortreffliche Sache für Kenelm, wenn er den Continent als Mitglied der Reisegesellschaft des Herzogs besuchte?«

»Gewiß wäre es das.«

»Dann bist Du auch sicherlich mit dem, was ich gethan habe, einverstanden. Der Herzog reist übermorgen ab und ich habe Kenelm ohne weiteres mit einem Brief an meinen alten Freund nach London geschickt. Du wirst verzeihen, daß er, ohne von Dir Abschied zu nehmen, fortgegangen ist. Du weißt ja, er ist bei aller kindlichen Liebe ein sonderbarer Mensch. Als ich ihn daher für die Sache gewonnen hatte, schmiedete ich das Eisen, solange es noch heiß war, 125 und schickte ihn diesen Morgen um neun Uhr mit dem Kurierzuge nach London, aus Furcht, er möchte, wenn ich ihm noch irgend Zeit ließe, wieder auf andere Gedanken kommen.«

»Was? Kenelm ist schon fort? Gerechter Gott!«

Sir Peter schlich sachte zum Zimmer hinaus, ließ seinen Kammerdiener kommen und sagte: »Ich habe den jungen Herrn nach London geschickt. Packen Sie ein, was er an Kleidern wahrscheinlich brauchen wird, so daß ihm dieselben sofort geschickt werden können, sobald er sie verlangt.«

Und so bewahrte der Wahrheitsfreund par excellence, Kenelm Chillingly, vermöge einer verständigen Verletzung der Wahrheit von seiten seines Vaters, die Ehre seines Hauses und seinen eigenen Ruf vor dem giftigen Hauch des Skandals und vor einer polizeilichen Untersuchung.

Er wurde nicht »der Mann, der einmal verschwunden war«. 126

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