Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel.

Unser junger Freund verfolgte den Lauf des Baches bis an die Grenze des Parks. Hier hatte ein früherer Besitzer, der die Geselligkeit liebte, auf einer rasenbedeckten Anhöhe eine Art von Pavillon erbauen lassen, von dem aus man eine hübsche Aussicht auf die darunterliegende Landstraße hatte. Mechanisch stieg der Erbe der Chillinglys die Anhöhe hinan, setzte sich in den Pavillon und stützte nachdenklich das Kinn auf die Hand. Selten betrat ein menschlicher Fuß das Gartenhäuschen, seine regelmäßigen Bewohner waren Spinnen. Von diesen fleißigen Insekten enthielt es eine wohlangebaute Kolonie. Ihre vom Staube geschwärzten und mit den Flügeln, Beinen und Skeletten manches unglücklichen Reisenden 104 geschmückten Gewebe bedeckten die Ecken und das Fenstergesims, bildeten eine Guirlande um den zerbrechlichen Tisch, auf welchen Kenelm seinen Arm stützte, und beschrieben geometrische Figuren wie Kreise und Rhomboiden zwischen dem Gitterwerk, welches die Lehnen ehrwürdiger Sessel bildete. Eine große schwarze Spinne, die wahrscheinlich die älteste Bewohnerin war und die den besten Platz am Fenster inne hatte, wo sie sich immer bereit hielt, jedem geflügelten Reisenden, der sich versucht fühlen möchte, von der Landstraße her hier einzukehren, um eine kühle Rast zu halten, einen perfiden Willkomm zu bieten, stürzte bei dem Eintritt Kenelm's aus der Tiefe ihres Verstecks hervor und blieb inmitten ihres Gespinnstes, den Blick starr auf ihn gerichtet, regungslos sitzen. Sie schien nicht ganz sicher zu sein, ob der Fremde zu groß für sie sei oder nicht.

»Es ist ein wunderbarer Beleg für die Weisheit der Vorsehung«, dachte Kenelm, »daß, so oft ein große Anzahl von Geschöpfen ein Gemeinwesen oder eine Corporation bildet, sich ein geheimes Element der Uneinigkeit in das Herz der die Gesammtheit bildenden Individuen einnistet und sie verhindert, freudig und erfolgreich für ihr gemeinsames Interesse zusammenzuwirken. Die Flöhe würden mich aus 105 dem Bett gezogen haben, wenn sie einig gewesen wären, sagte der große Curran; und unzweifelhaft würde ich, wenn alle dieses Gemeinwesen bildenden Spinnen gleichzeitig auf mich losgingen, ihrem vereinigten Angriffe zum Opfer fallen. Aber die in einer Gegend sich zusammenfindenden Spinnen können sich, obgleich sie einer und derselben Race angehören und von denselben Instinkten beseelt sind, nicht einmal über einen Angriff gegen einen Schmetterling einigen; jede sucht ihren eigenen Vortheil und nicht den des Gemeinwesens. Und wie vollständig gleicht doch das Leben jedes Wesens darin dem Kreise, daß es einen anderen Kreis nie in mehr als einem Punkte berühren kann. Ja, ich zweifle, ob zwei Wesen sich auch nur in diesem einen Punkte berühren; jedes Atom ist von jedem anderen durch einen Zwischenraum getrennt; das Ich ist immer egoistisch. Und doch gibt es bedeutende Lehrer auf dem Gebiete der neuen Ideen, welche uns glauben machen möchten, daß die arbeitenden Klassen der ganzen civilisirten Welt jeden Unterschied der Race, des Glaubens, des Verstandes, der persönlichen Neigungen und Interessen aufheben und Alles zu einem gemeinsamen, für Alle bereiten Vorrath verschmelzen könnten!«

Bei dieser Betrachtung hielt Kenelm plötzlich in 106 seinem Selbstgespräch inne, lehnte sich zum Fenster hinaus und blickte auf die Landstraße. Es war eine sehr schöne, grade und ebene, durch in regelmäßigen Zwischenräumen erhobenes Wegegeld vortrefflich in Stand gehaltene Chaussee. Ein frischer Rasenrand faßte sie zu beiden Seiten ein und unterhalb des Pavillons hatte ein wohlwollender Vorfahre Kenelm's einen kleinen Trinkbrunnen zur Erfrischung der Wanderer herrichten lassen. Dicht neben dem Brunnen stand auf einer Erhöhung eine von einer großen Weide überschattete rohe Steinbank, von der aus man einen weiten Ausblick auf Kornfelder, Wiesen und ferne Hügel hatte, die von mildem Sonnenlicht übergossen dalagen. Auf dieser Landstraße passirten nach einander ein Bauerwagen, in welchem eine alte Frau, ein hübsches Mädchen und zwei Kinder auf Stroh saßen; ein stattlicher Pachter, der in seinem Einspänner zu Markte fuhr; drei kleine Wagen, auf welchen Güter nach der nächsten Eisenbahn gebracht wurden; ein hübscher junger Mann zu Pferde in Begleitung einer hübschen jungen Dame, von einem Stallknechte gefolgt. Man sah leicht, daß der junge Mann und die junge Dame ein Liebespaar waren. Das zeigten seine glühenden Blicke, der ernste Ausdruck um seinen Mund, der sich nur öffnete, um allein für sie bestimmte Worte zu 107 flüstern, ihre gesenkten Augen und ihr Erröthen. »Ach, sie haben keine Ahnung von dem Loose, das ihrer harrt!« murmelte Kenelm vor sich hin. »Welche Qualen bereiten diese unglücklichen Opfer ihrer Leidenschaft sich selbst und ihren Nachkommen! Wenn ich ihnen doch Decimus Roach's ›Annäherung an die Engel‹ leihen könnte!« Jetzt wurde die Landstraße einige Minuten lang einsam und still und alsbald vernahm Kenelm zu seiner Rechten ein munteres Lied, das von einer wohlklingenden Stimme mit auffallend deutlicher Aussprache, sodaß Kenelm die Worte genau verstehen konnte, halb gesungen, halb recitirt wurde. Sie lauteten wie folgt:

»Der schwarze Karl blickt vom Hause her,
Er blickt in des Waldes Hain,
Da trabt, seine Hunde voran, daher
Der Ritter von Nierenstein.
Mit Gesang, mit Gesang, mit lust'gem Gesang,
Zum Walde heraus, die Hunde voran,
Trabt der Ritter von Nierenstein.«

Eine so englische Stimme, die ein so deutsches Lied sang, erregte Kenelm's ganze Aufmerksamkeit, und als er seine Blicke die Landstraße abwärts schweifen ließ, sah er aus dem Schatten der Buchen, welche die Parkumzäunung überhingen, eine Gestalt hervortauchen, die nicht ganz zu der Vorstellung von dem Ritter von 108 Nierenstein stimmte. Nichtsdestoweniger war die Gestalt malerisch genug. Der Mann war in einen etwas fadenscheinigen Anzug von grünem Tuch gekleidet, trug auf dem Kopfe einen hohen Tirolerhut und auf dem Rücken ein Ränzel. Begleitet war er von einem Spitz, der ersichtlich einen schlimmen Fuß hatte, aber sein Bestes that, als tüchtiger Jäger zu erscheinen, indem er seinem Herrn einige Schritte voranhumpelte und in den Hecken nach Ratten, Mäusen und anderem solchen kleinen Gethier herumschnüffelte.

Grade in dem Augenblick, wo der Wanderer den Schlußrefrain seines Liedes beendet hatte, erreichte er den Brunnen und begrüßte denselben mit einem Ausruf der Freude. Er ließ den Tornister von seinem Rücken gleiten und füllte den eisernen Becher, der an dem Brunnen befestigt war; dann rief er den Hund bei dem Namen Max und hielt ihm den Becher zum Trinken hin. Erst nachdem das Thier seinen Durst gestillt hatte, trank auch sein Herr. Dann nahm er seinen Hut ab, benetzte sich das Gesicht und die Schläfe und setzte sich auf die Bank, während der Hund sich auf den Rasen zu seinen Füßen lagerte. Nach einer kleinen Pause fing der Wanderer in einem leiseren und langsameren Ton wieder an, seinen Refrain zu singen, und ging dann in ruckweisen Absätzen dazu 109 über, eine neue Stanze auf den Refrain folgen zu lassen. Offenbar versuchte er es, entweder sich derselben zu erinnern oder sie neu zu erfinden, und es klang mehr nach der letzteren und schwierigeren Geistesthätigkeit.

»Du zu Fuß, Du zu Fuß, Ritter Karl?« er sprach
»Und nicht wie sonst hoch zu Roß?«

»Hoch zu Roß – hm – Roß?«

»Zu heftig für mich war des Unglücks Schlag,
Meinem Pferd gab's den Todesstoß.«

»So wird's gehen, so ist's gut!«

»Das nennt er gut? Der ist leicht befriedigt!« murmelte Kenelm vor sich hin. »Aber solche Wanderer passiren nicht alle Tage die Landstraße; ich muß mit ihm reden.« Mit diesen Worten ließ er sich sachte zum Fenster hinaus, stieg den Hügel hinab, trat durch ein verdecktes Pförtchen auf die Landstraße und stellte sich leise unter das Laubdach der Weide hinter den Wanderer.

Der Mann war jetzt still geworden. Vielleicht war er des Reimens müde, oder es war bei ihm an die Stelle des Versemachens jene Art von Träumerei getreten, wie sie bei Leuten, die sich mit Versemachen befassen, so gewöhnlich ist. In der That aber hatte die liebliche Aussicht seinen Blick gefesselt, der sich ganz in die Betrachtung der Waldlandschaft 110 versenkte, die sich bis zu der Hügelreihe, auf welcher der Himmel zu ruhen schien, erstreckte.

»Ich möchte wohl die übrigen Verse der deutschen Ballade hören!« sagte plötzlich eine Stimme.

Der Wanderer wandte sich erschreckt um und zeigte Kenelm ein Gesicht von reifster Männlichkeit, umrahmt von vollen Locken und einem Bart von dunklem Braun, mit klaren blauen Augen und einem wunderbaren, unsagbaren Reiz sowohl der Züge als des Ausdrucks, der heiter und offen war und dabei eines gewissen achtunggebietenden Adels nicht entbehrte.

»Verzeihen Sie die Unterbrechung«, sagte Kenelm, indem er den Hut zog; »aber ich habe Ihre Recitation mit angehört; ich vermuthe, daß Ihr Verse aus dem Deutschen übersetzt sind, wenn ich mich auch keiner ähnlichen aus den mir zufällig bekannten deutschen Volksdichtungen erinnere.«

»Die Verse sind nicht übersetzt«, erwiderte der Wanderer. »Ich war nur bemüht, einige Gedanken an einander zu reihen, die mir an diesem schönen Morgen durch den Kopf gingen.«

»Sie sind also ein Dichter?« fragte Kenelm, indem er sich neben ihn auf die Bank setzte.

»Ich wage nicht mich einen Dichter zu nennen. Ich bin ein Versemacher.«

111 »Ich verstehe den Unterschied. Viele sehr geschätzte Dichter unserer Zeit sind außerordentlich schlechte Versemacher. Ich für mein Theil könnte sie mir viel leichter als gute Dichter vorstellen, wenn sie gar keine Verse machten. Aber darf ich die Ballade nicht zu Ende hören?«

»Ach, leider ist die Ballade noch nicht fertig. Die Fabel, die ich behandle, ist ziemlich lang und meine Schwingen sind sehr kurz.«

»Das spricht sehr zu Ihren Gunsten und hat nichts mit der Poesie, wie sie jetzt Mode ist, gemein. Sie scheinen mir in dieser Gegend nicht heimisch zu sein. Haben Sie und Ihr Hund noch eine weite Reise vor?«

»Ich habe jetzt Ferien und schweife den Sommer hindurch umher. Ich reise weit, denn ich habe lange Zeit, bis zum September. Das Leben im Grünen ist sehr lustig.«

»Wirklich?« fragte Kenelm sehr naiv. »Ich hätte gedacht, Sie müßten schon lange vor September der Felder, des Hundes und Ihrer selbst sehr überdrüssig werden. Aber freilich haben Sie eine Quelle der Unterhaltung im Versemachen und das scheint ja für alle, die sich damit befassen, von jeher eine sehr angenehme und absorbirende Beschäftigung gewesen zu sein, 112 von unserem alten Freunde Horaz, der auf seinen Sommerstreifereien durch die wasserreiche Waldlandschaft des alten Tibur die steife alcäische Strophe zu anmuthigen Versen verwandte, bis zu Cardinal Richelieu, der sich in den freien Momenten, die ihm das Abhauen adliger Köpfe übrig ließ, mit der Anfertigung französischer Reime befaßte. Für das Vergnügen des Versemachers selbst scheint nicht viel darauf anzukommen, ob die Verse schlecht oder gut sind, denn Richelieu fand an seiner Beschäftigung ebenso viel Geschmack wie Horaz, obgleich seine Verse nichts weniger als horazisch waren.«

»In Ihrem Alter, mein Herr, und bei Ihrer Erziehung –«

»Sagen Sie Bildung, das ist der moderne Ausdruck.«

»Gut, bei Ihrer Bildung müssen Sie auch Verse gemacht haben.«

»Lateinische Verse ja, und gelegentlich auch griechische. Dazu wurde ich auf der Schule gezwungen; aber es amüsirte mich nicht.«

»Versuchen Sie es doch einmal in unserer Sprache.«

Kenelm schüttelte den Kopf. »Nein – Schuster bleib' bei Deinem Leisten.«

»Nun gut, lassen wir das Versemachen auf sich beruhen. Finden Sie nicht Vergnügen an solchen 113 einsamen Sommerwanderungen, wo man ganz mit der Natur lebt, Vergnügen daran, den ewigen Wechsel ihres Antlitzes, ihr Lachen, ihr Lächeln, ihre Thränen, ja ihr Stirnrunzeln zu beobachten?«

»Wenn ich annehmen muß, daß Sie unter der Natur eine mechanische Reihe äußerer Phänomene verstehen, so protestire ich dagegen, daß Sie von einem Mechanismus wie von einer Person weiblichen Geschlechts reden – ihr Lachen, ihr Lächeln und so weiter. Ebenso gut könnte man von dem Lachen und dem Lächeln einer Dampfmaschine sprechen. Aber um wieder verständig zu reden, ich gebe zu, daß einsames Umherstreifen bei schönem Wetter und in einer hübschen Gegend seinen Reiz hat. Sie sagen, Sie seien jetzt auf einer Ferienreise begriffen; ich darf daher wohl annehmen, daß Sie eine praktische Thätigkeit haben, welche sonst Ihre Zeit in Anspruch nimmt?«

»Jawohl. Ich bin nicht geradezu ein Müßiggänger. Ich arbeite bisweilen, wenn auch nicht so fleißig, wie ich sollte. Ernst ist das Leben, wie der Dichter sagt. Aber ich und mein Hund haben uns jetzt ausgeruht und da ich noch einen weiten Marsch vor mir habe, muß ich Ihnen Lebewohl sagen.«

»Ich fürchte«, sagte Kenelm mit einer ernsten und anmnthigen Urbanität in Ton und Wesen, die ihm 114 gelegentlich zu Gebote stand und die in ihrer Verschiedenheit von rein conventioneller Höflichkeit einen eigenthümlichen Zauber übte, »ich fürchte, Sie durch eine Frage verletzt zu haben, die Ihnen inquisitorisch, vielleicht gar impertinent erschienen sein muß; verzeihen Sie mir; ich begegne so selten jemand, der mich interessirt. Sie aber interessiren mich.« Mit diesen Worten reichte er seine Hand dem Wanderer, der sie sehr herzlich schüttelte.

»Ich müßte ja ein wahrer Tölpel sein, wenn ich mich durch Ihre Frage verletzt fühlte. Der Vorwurf der Impertinenz trifft vielleicht eher mich, wenn ich mir, auf mein höheres Alter gestützt, herausnehme, Ihnen einen Rath zu ertheilen. Verachten Sie nicht die Natur oder betrachten Sie sie nicht wie eine Dampfmaschine; Sie werden an ihr eine sehr angenehme und umgängliche Freundin finden, wenn Sie vertrauten Umgang mit ihr pflegen wollen. Und ich kenne in Ihrem Alter und bei Ihren starken Gliedern keine bessere Art, das zu thun, als sich ein Ränzel auf den Rücken zu schnallen und wie ich den Wanderstab in die Hand zu nehmen.«

»Ich danke Ihnen für Ihren Rath, mein Herr, und ich hoffe zuversichtlich, daß wir uns wieder begegnen und unsere Ideen über das Ding austauschen 115 werden, welches Sie Natur nennen, ein Ding, welches die Wissenschaft und die Kunst offenbar nie mit demselben Auge ansehen. Wenn die Natur für einen Künstler eine Seele hat, nun, so hat eine Dampfmaschine auch eine solche. Die Kunst stattet alle Materie, die sie betrachtet, mit einer Seele aus; die Wissenschaft verwandelt Alles, was schon mit einer Seele ausgestattet ist, in Materie. Leben Sie wohl, mein Herr.«

Mit diesen Worten kehrte Kenelm plötzlich in den Park zurück, während der Wanderer schweigend und nachdenklich seines Weges ging. 116

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.