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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

In Exmundham hatte es große Festlichkeiten zur Feier der Ehre gegeben, welche der Welt durch die Thatsache, daß Kenelm Chillingly einundzwanzig Jahre in derselben gelebt hatte, widerfahren war.

Der junge Erbe hatte an die versammelten Pachter und andere zugelassene Festgenossen eine Rede gehalten, welche keineswegs dazu beigetragen hatte, den Vorgang heiterer zu gestalten. Er sprach mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, welche für einen jungen Mann, der zum ersten Mal vor einer großen Versammlung spricht, erstaunlich war. Aber seine Rede war nicht heiter.

Der bedeutendste Pachter auf dem Gute hatte in seinem Toast auf Kenelm natürlich auf die lange Reihe seiner Vorfahren Bezug genommen. Er hatte der Verdienste seines Vaters als Mensch und als 84 Gutsbesitzer enthusiastisch gedacht und hatte die glücklichsten Vorzeichen für seine Zukunft theils in seiner Zugehörigkeit zu einer so ausgezeichneten Familie, theils in den vielversprechenden Auszeichnungen, die er auf der Universität erlangt habe, erblickt.

In seiner Erwiderung machte Kenelm den ausgiebigsten Gebrauch von jenen neuen Ideen, welche die aufstrebende Generation beherrschen sollten und mit welchen er sich durch das Journal des Herrn Mivers und den Umgang mit Herrn Welby vertraut gemacht hatte.

Mit der auf die Vorfahren bezüglichen Seite der Frage machte er kurzen Proceß. Er sagte, es sei merkwürdig, zu beobachten, wie lange eine bestimmte Familie oder Dynastie in irgend einem Winkel der Schöpfung wie eine Reihenfolge von Ernten prosperiren könne, ohne irgend welche höhere geistige Fähigkeiten zu entfalten. »Es ist unbestreitbar wahr«, sagte er, »daß die Chillinglys vom Vater auf den Sohn ungefähr während des vierten Theils der Dauer der Weltgeschichte seit dem Tage der Sündfluth, wie ihn Sir Isaak Newton bestimmt, auf diesem Gute gelebt haben. Aber soweit es sich nach vorhandenen Ueberlieferungen beurtheilen läßt, ist die Welt durch ihre Existenz in keiner Weise klüger oder besser geworden. Sie waren 85 geboren, um so lange wie möglich zu essen, und als sie nicht mehr essen konnten, starben sie. Nicht daß sie in dieser Beziehung um ein Haar weniger unbedeutend gewesen wären als die überwiegende Mehrzahl ihrer Mitmenschen. Die meisten von uns, die wir hier versammelt sind«, fuhr der jugendliche Redner fort, »sind nur geboren, um zu sterben, und der Haupttrost unseres durch die Einräumung dieser Thatsache verletzten Stolzes liegt in der Wahrscheinlichkeit, daß unsere Nachkommen für den Plan der Schöpfung von nicht größerer Bedeutung sein werden, als wir selbst es sind.«

Von dieser philosophischen Betrachtung über seine Vorfahren im Besonderen und des Menschengeschlechts im Allgemeinen ging Kenelm dann zu einer völlig leidenschaftslosen Analyse der seinem Vater als Mensch und Gutsbesitzer gespendeten Lobpreisungen über.

»Als Mensch«, sagte er, »verdient mein Vater unzweifelhaft alles Lob, das ein Mensch dem andern spenden kann. Aber was ist der Mensch im besten Falle? Ein roher, ringender, unentwickelter Embryo, dessen höchste Begabung darin besieht, daß er ein unbestimmtes Bewußtsein davon hat, daß er nur ein Embryo ist und sich nicht vervollständigen kann, bis er aufhört ein Mensch zu sein, das heißt, bis er ein 86 anderes Wesen in einer anderen Existenzform wird. Wir können einen Hund als einen Hund preisen, weil ein Hund ein vollständiges Wesen und nicht ein Embryo ist. Aber einen Menschen als Menschen preisen und vergessen, daß er nur ein Keim ist, aus welchem schließlich eine ganz andere Gestalt hervorgehen soll, widerspricht ebenso sehr dem der heiligen Schrift gemäßen Glauben an seine gegenwärtige Rohheit und Unvollkommenheit, wie einer psychologischen oder metaphysischen Untersuchung einer geistigen Anlage, die offenbar auf Zwecke berechnet ist, die der Mensch als Mensch nie erfüllen kann. Daß mein Vater ein nicht unvollständigerer Embryo ist als irgend einer der Anwesenden, ist vollkommen wahr; aber das heißt, wie Sie bei näherem Nachdenken erkennen werden, sehr wenig über ihn sagen. Selbst was die vielgepriesene physische Körperbildung von uns Menschen betrifft, so wissen Sie, daß der Bestgestaltete unter uns den neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen zufolge nur eine Weiterentwickelung eines abscheulichen behaarten Thieres, wie etwa des Gorillas ist. Und der Urgorilla selbst hatte wieder seinen Urvorvater in einem kleinen, wie eine doppelhalsige Flasche gestalteten Seethier. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden auch wir eines Tages durch eine neu entwickelte Gattung ausgerottet werden.

87 Was die meinem Vater als Gutsbesitzer zugeschriebenen Verdienste anlangt, so kann ich mich bei allem Respekt mit dem ihm so voreilig gespendeten Lobe nicht einverstanden erklären. Denn alle gesunden Denker müssen darin übereinstimmen, daß die erste Pflicht eines Landeigenthümers nicht denen gilt, denen er sein Land verpachtet, sondern der ganzen Nation. Es ist seine Pflicht, darauf zu sehen, daß das Land dem Gemeinwesen den höchstmöglichen Ertrag liefert. Um diesen Zweck zu erreichen, müßte ein Landeigenthümer eine Concurrenz unter den Bewerbern um seine Pachthöfe eröffnen und die höchstmögliche Pachtsumme nehmen, die er nur irgend von verantwortlichen Bewerbern erlangen kann. Bewerberprüfungen heißt die erleuchtete Losung unserer erleuchteten Zeit, selbst bei solchen Berufsarten, bei welchen die Begabung der besten Männer jede Prüfung ausschließen zu müssen scheinen würde. Glücklicherweise ist das Princip der Bewerberprüfung bei der Landwirthschaft der Wahl des tüchtigsten Mannes nicht so entgegen, wie es zum Beispiel bei der Diplomatie sein muß, wo ein Talleyrand wegen seiner Unkenntniß jeder anderen als seiner eigenen Sprache durchfallen würde, und noch mehr bei dem Militär, wo man einem Offizier, der wie Marlborough nicht richtig buchstabiren könnte, die 88 Beförderung versagen würde. Aber bei der Landwirthschaft hat ein Landeigenthümer nur danach zu gehen, wer, im Besitz des größten Kapitals, die höchste Rente zahlen kann und sich der durch die strengsten gesetzlichen Strafen zu erzwingenden Beobachtung eines, von den wissenschaftlich gebildetsten Landwirthen unter Festsetzung von Geldstrafen durch die vorsichtigsten Notare dictirten Pachtcontracts fügen will. Durch Beobachtung eines solchen Verfahrens, wie es die liberalsten Nationalökonomen empfehlen, der noch liberaleren gar nicht zu gedenken, welche leugnen, daß Landeigenthum überhaupt Eigenthum sei, durch die Beobachtung eines solchen Verfahrens, sage ich, thut ein Landwirth seine Pflicht gegen sein Vaterland. Er sichert sich Pachter, welche durch ihr in Folge einer mit den Conten ihrer Banquiers angestellten Bewerberprüfung erwiesenes und von der Sicherheit, die sie zu leisten im Stande sind, gewährleistetes Kapital und durch die Strenge eines von einem Liebig vorgeschlagenen und von einem Chitty in eine gesetzliche Form gebrachten Contracts in den Stand gesetzt werden, den höchsten Ertrag für das Gemeinwesen zu erzielen. Aber auf dem Gute meines Vaters finde ich eine große Menge von Pachtern mit wenig Geschick und noch weniger Kapital, die nichts von einem Liebig wissen und sich 89 gegen einen Chitty sträuben, und kein kindlicher Enthusiasmus kann mich bewegen, wenn ich aufrichtig sein will, zu sagen, daß mein Vater ein guter Landwirth sei. Er hat seine persönliche Zuneigung zu Individuen seinen Pflichten gegen das Gemeinwesen vorgezogen. Die Frage ist nicht, meine Freunde, ob eine Handvoll Pachter wie Ihr ins Armenhaus wandern muß oder nicht. Es handelt sich hier um das Interesse der Consumenten. Producirt Ihr den höchstmöglichen Ertrag an Korn für den Consumenten?

Was mich selbst anlangt«, fuhr der Redner mit einer Wärme fort, die in dem Maße stieg, wie die durch seine Worte hervorgebrachte Kälte in der Versammlung sich fühlbarer zu machen begann, »was mich selbst anlangt, so leugne ich nicht, daß ich, dank meinem zufälligen Genuß einer sehr fehlerhaften und engherzigen Art von Unterricht, sogenannte Auszeichnungen auf der Universität Cambridge erlangt habe; aber Sie dürfen diese Thatsache nicht als eine Gewähr dafür betrachten, daß ich auf meiner bevorstehenden Lebenslaufbahn irgend etwas Ersprießliches leisten werde. Die unnützesten Menschen, besonders beschränkte und bigotte, haben schon bisweilen viel höhere Auszeichnungen auf der Universität erlangt, als sie mir zugefallen sind.

90 Ich bin Ihnen nichtsdestoweniger dankbar für die freundlichen Dinge, die Sie über mich und meine Familie gesagt haben; aber ich werde versuchen, dem Grabe, dem wir alle verfallen sind, mit einer ruhigen Gleichgültigkeit gegen Alles, was die Leute von mir während einer so kurzen Reise sagen mögen, entgegenzuwandeln. Und, meine Freunde, je früher wir das Ziel unserer Reise erreichen, desto größer ist unsere Chance, einer großen Menge von Schmerzen, Widerwärtigkeiten, Sünden und Krankheiten zu entgehen. Und so müssen Sie, wenn ich auf Ihre Gesundheit trinke, sich bewußt sein, daß ich Ihnen in Wahrheit eine baldige Befreiung von den Uebeln wünsche, welchen das Fleisch unterworfen ist und welche so regelmäßig mit unseren Jahren zunehmen, daß eine gute Gesundheit kaum vereinbar ist mit der dem Alter eigenen Abnahme der Kräfte. Meine Herren, auf Ihre Gesundheit!« 91

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