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Kenelm Chillingly. Erster Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Erster Band
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Herr Welby traf ein und gefiel Allen. Er war ein Mann von dem einnehmendsten Wesen, von leichten und verbindlichen Manieren. Er hatte nichts Pedantisches und doch konnte man bald genug sehen, daß sein Wissen ein weites Gebiet umfasse und auch an nicht wenigen Stellen in die Tiefe gehe. Er entzückte den Pfarrer durch seine Auslegungen des Chrysostomos, er imponirte Sir Peter durch seine Vertrautheit mit der Geschichte des alten Britannien; er gewann Kenelm durch sein bereitwilliges Eingehen auf jene bestreitbarste aller Wissenschaften, die man Metaphysik nennt, während seine Unterhaltung mit Lady Chillingly und den drei Schwestern, welche eingeladen waren, ihn zu treffen, leichterer Art, aber nicht weniger instructiv war. Gleich bewandert in Romanen wie in 74 guten Büchern, gab er den alten Jungfern eine Liste harmloser Werke beider Gattungen; für Lady Chillingly aber hatte er ein wahres Feuerwerk von Anekdoten aus dem fashionablen Leben, die neuesten Bonmots und die letzten Skandalgeschichten in Bereitschaft. In der That war Herr Welby einer jener glänzenden Geister, welche jeder Gesellschaft, in die sie gerathen, zur Zierde gereichen. Wenn er in seinem Innern ein verfehltes Leben beklagte, so verbarg sich doch diese innere Unzufriedenheit hinter einer gleichmüthigen Heiterkeit; er hatte einstmals große und berechtigte Hoffnungen auf eine glänzende Carrière und einen dauernden Ruf als Theolog und Prediger gehegt; das unerwartete Ereigniß, das ihn im Alter von dreiundzwanzig Jahren in den Besitz eines Gutes hatte gelangen lassen, hatte seinem Ehrgeiz eine andere Richtung gegeben. Seine Liebenswürdigkeit war so groß, daß er alsbald in die Mode kam und sich durch sein eigenes heiteres Temperament zu jener geringeren, aber angenehmeren Art von Ehrgeiz verlocken ließ, der sich an den Erfolgen in der Gesellschaft und dem Genuß des Augenblicks genügen läßt. Als seine Verhältnisse ihn nöthigten, seine Einnahme durch den Ertrag literarischer Arbeiten zu verbessern, gerieth er in das Geleise einer journalistischen Thätigkeit und verzichtete auf jeden Gedanken 75 an ein größeres selbstständiges Werk, welches anhaltende Arbeit erfordert, sehr viel Zeit gekostet und vielleicht sehr geringen Gewinn gebracht haben würde. Seine Beliebtheit in der Gesellschaft wurde dadurch nicht vermindert und vielleicht ließ ihn gerade sein allgemeiner Ruf großer Fähigkeiten fürchten, diesen Ruf durch eine größere literarische Arbeit aufs Spiel zu setzen. Er war nicht wie Mivers ein Verächter aller Menschen und aller Dinge, aber er betrachtete Menschen und Dinge, wie ein gleichgültiger, wenn auch wohlwollender Zuschauer sich das Gedränge auf der Straße von den Fenstern eines Salons aus betrachtet. Man konnte ihn nicht blasirt nennen, aber er war durchaus desillusionirt. Sein einst ultraromantischer Sinn war jetzt so ganz in die gleichgültigen Farben des realen Lebens getaucht, daß alles Romantische, wie das Eindrängen schreiender Farben in ein bescheidenes Gewebe, seinen Geschmack verletzte. Er war sowohl in seinen kritischen Grundsätzen wie in seiner Art zu denken und zu handeln ein vollständiger Realist geworden. Aber Pfarrer John bemerkte das nicht; denn Welby hörte den Lobreden dieses Herrn auf die idealistische Schule zu, ohne sich die Mühe zu geben, ihm zu widersprechen. Er war zu indolent geworden, um in der Unterhaltung noch die Debatte zu suchen, und nur 76 noch in seinen Kritiken entwickelte er die Art von Kampflust, in der sich die feine Grausamkeit des Sarkasmus Luft macht.

Aus einem von dem Pfarrer und Sir Peter mit ihm angestellten Examen in Betreff seiner kirchlichen Rechtgläubigkeit ging er glänzend hervor. In der dichten Wolke von theologischer Gelehrsamkeit, mit der er sich umhüllte, verschwanden seine eigenen Ansichten hinter denen der Kirchenväter. In Wahrheit war er in der Religion wie in allem Uebrigen Realist. Er betrachtete das Christenthum als einen Typus bestehender Civilisation, dem man gleiche Verehrung zollen müsse wie den übrigen Typen dieser Civilisation, zum Beispiel der Preßfreiheit, dem Repräsentativsystem, der weißen Halsbinde, dem Frack und so weiter. Er gehörte daher der von ihm selbst so genannten eklektisch-christlichen Schule an und accommodirte die Raisonnements des Deismus den Lehren der Kirche, wenn nicht als einem Glauben, doch wenigstens als einer Institution. Schließlich vereinigte er alle Stimmen der Chillingly'schen Familie auf sich und nahm bei seiner Abreise Kenelm behufs seiner Einführung in die neuen Ideen, die seine Generation beherrschen würden, mit sich. 77

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