Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel.

In der Umgegend von Moleswick lagen viele hübsche Villen deren Bewohner größtentheils wohlhabend waren, und doch gab es unter ihnen wenig geselligen Verkehr, vielleicht, weil sich unter den Bewohnern wenige Mitglieder der gewöhnlich sogenannten aristokratischen Klassen befanden und eben deshalb bei ihnen die schlimmsten aristokratischen Prätensionen herrschten. Die Familie des Herrn A., der durch Speculationen an der Börse reich geworden war, rümpfte die Nase über die Familie des Herrn B., welcher ein noch größeres Vermögen als Leinenhändler erworben hatte, und die Familie des Herrn B. hielt sich wieder sehr fern von der Familie des Herrn C., der als Pfandleiher noch reicher als jene beiden geworden war und dessen 62 Frau Diamanten trug, aber mit der Grammatik auf einem einigermaßen gespannten Fuße stand. England würde ein so aristokratisches Gemeinwesen werden, daß man nicht mehr darin leben könnte, wenn man das, was man jetzt Aristokratie nennt, ausrotten könnte. Braefields waren die einzigen Leute, welche die antagonistischen Atome der Moleswicker Gesellschaft wirklich zusammenbrachten, zum Theil weil sie anerkanntermaßen die vornehmsten Leute in der Gegend waren, nicht nur vermöge ihrer alten Niederlassung – die Braefields hatten Braefieldsville seit vier Generationen inne – sondern auch vermöge ihres in den großartigsten commerziellen Unternehmungen erworbenen Reichthums und ihres für den schönsten in der Gegend geltenden Landsitzes; namentlich aber, weil Elsie mit ihrem außerordentlich heitern, sympathischen Temperament eine gewisse schon bei ihrer jugendlichen Thorheit bewiesene Willenskraft besaß, welche die Leute, die sie bei sich sah, zwang, gegeneinander höflich zu sein. Sie hatte diese anmuthige Aufgabe mit der Einführung von Kindergesellschaften begonnen, welche die Folge hatten, daß, wenn die Kinder sich befreundeten, die Eltern nothwendig zusammenkamen. Aber sie hatte erst seit kurzem an der Lösung dieser Aufgabe zu arbeiten angefangen und ihre Bemühungen hatten noch nicht ihre 63 volle Wirkung gethan. So geschah es, daß, obgleich es in Moleswick bekannt wurde, daß der junge Erbe eines großen Gutes und ein künftiger Baronet in Cromwell-Lodge wohne, ihm doch von den A.s, B.s und C.s keine Avancen gemacht wurden.

Der Pfarrer, welcher Kenelm am Tage nach dem Diner in Braefieldsville besuchte, gab ihm Aufschluß über die geselligen Verhältnisse des Ortes. »Sie begreifen«, sagte er, »daß Sie es keinem Mangel an Höflichkeit von seiten meiner Nachbarn zuschreiben dürfen, wenn sie Ihnen keinerlei Abwechslung in dem Vergnügen der Einsamkeit offeriren. Sie müssen sich das einfach damit erklären, daß sie schüchtern, nicht daß sie unhöflich sind. Und in Rücksicht darauf wage ich es, Sie, auf die Gefahr hin, zudringlich zu erscheinen, zu bitten, im Pfarrhause morgens oder abends vorzusprechen, so oft Sie Ihrer eigenen Gesellschaft überdrüssig sind. Wie wäre es denn, wenn Sie heute Abend bei uns Thee tränken? Sie finden eine junge Dame, deren Herz Sie bereits gewonnen haben.«

»Deren Herz ich gewonnen habe!« stammelte Kenelm, dem das Blut dabei in die Wangen schoß.

»Aber«, fuhr der Pfarrer lächelnd fort, »sie hat bis jetzt noch keine Heirathsabsichten auf Sie. Sie ist erst zwölf Jahre alt, es ist meine kleine Tochter Clemmy.«

64 »Clemmy ist Ihre Tochter? Das habe ich nicht gewußt. Ich nehme Ihre Einladung sehr dankbar an.«

»Ich darf Sie nicht länger von Ihrem Vergnügen abhalten. Der Himmel ist grade bewölkt genug zum Fischen. Welchen Köders bedienen Sie sich?«

»Um die Wahrheit zu sagen, glaube ich kaum, daß der Strom mit seinen Forellen einen großen Reiz auf mich ausüben wird, und ich schweife lieber durch Feld und Wald, als daß ich

Geräuschlos einsam wie der Angler

sitze. Ich bin ein unermüdlicher Fußgänger und die hier gefällt mir sehr. Außerdem«, fügte Kenelm, der fühlte, daß er wohl einen plausiblern Grund als die landschaftlichen Reize der Gegend für einen längern Aufenthalt in Cromwell-Lodge anführen müsse, hinzu, »außerdem beabsichtige ich mich viel mit Lectüre zu beschäftigen. Ich bin in letzterer Zeit sehr träge gewesen und die Einsamkeit dieses Ortes muß dem Studium sehr günstig sein.«

»Sie wollen sich doch vermuthlich auf keinen gelehrten Beruf vorbereiten?«

»Gelehrter Beruf«, erwiderte Kenelm, »ist ein gehässiger Ausdruck, den wir eifrig bemüht sind aus der Sprache zu verbannen. Alle Berufsarten bedürfen heutzutage ungefähr desselben Quantums erlernten Wissens. 65 Das Wissen des militärischen Berufs ist auf ein höheres, das scholastische Wissen auf ein niedrigeres Niveau zu bringen. Kabinetsminister höhnen über die Nützlichkeit des Griechischen und Lateinischen. Und selbst so männliche Studien wie Jurisprudenz und Medicin müssen sich in Akademien für junge Damen nach Rücksichten des Geschmacks und der Schicklichkeit behandeln lassen. Nein, ich bereite mich auf keinen Beruf vor; aber doch wird ein unwissender Mensch wie ich vielleicht nicht schlechter, wenn er dann und wann ein ernstes Buch liest.«

»Sie scheinen aber hier schlecht mit Büchern versorgt zu sein«, sagte der Pfarrer, indem er sich im Zimmer umsah, in welchem auf einem Tische in der Ecke ein halbes Dutzend alt aussehender Bücher lag, die offenbar nicht dem Einlogirer, sondern dem Hauswirth gehörten. »Aber, wie gesagt, meine Bibliothek steht Ihnen zu Diensten. Welche Art von Bücher lieben Sie besonders?«

Kenelm war betroffen und konnte es auch in seinem Aussehen nicht verhehlen. Aber nach einer kleinen Pause antwortete er:

»Je ferner ihr Inhalt unserer Zeit liegt, desto lieber sind sie mir. Sie sagten, Ihre Bibliothek sei reich an Werken der mittelalterlichen Literatur. Aber 66 das Mittelalter ist von den modernen Barbaren so nachgeahmt worden, daß ich ebenso gut Uebersetzungen von Chaucer lesen könnte. Wenn Sie irgend ein Buch über die Sitten und Gewohnheiten derjenigen besitzen, welche den neuesten wissenschaftlichen Ideen zufolge unsere halbmenschlichen Vorfahren in dem Uebergangsstadium zwischen einem Seethier und einem Gorilla waren, so würde ich Ihnen für die Darleihung eines solchen Buches sehr dankbar sein.«

»Leider«, erwiderte Herr Emlyn lachend, »haben wir keine solchen Bücher überkommen.«

»Keine solchen Bücher? Sie müssen sich irren. Es muß deren irgendwo in Menge geben. Ich gestehe den Schöpfern romantischer Poesie die höchste Erfindungskraft zu, aber doch würden die größten Meister auf diesem Gebiete der Literatur, würden Scott, Cervantes, Goethe, würde selbst Shakespeare nicht gewagt haben, die Vergangenheit ohne die Hülfsmittel, welche sie in den Chroniken fanden, wieder aufzubauen. Und obgleich ich ebenso freudig anerkenne, daß jetzt ein Schöpfer romantischer Poesie unter uns lebt, der unendlich viel erfinderischer ist als jene, indem er unserer Leichtgläubigkeit in einem reizend gemüthlichen Stil die ungeheuerlichsten Wunder zumuthet, so kann ich doch nicht zugeben, daß selbst dieser unvergleichliche Romanschreiber unsern Verstand in dem Grade gefangen nehmen könnte, daß er uns glauben machte, daß, wenn Fräulein Mordannt's Katze sich nicht gern die Füße naß macht, das wahrscheinlich daher komme, daß ihre Vorfahren in der prähistorischen Zeit in dem trockenen Lande Aegypten lebten oder daß, wenn ein gewaltiger Redner, ein Pitt oder ein Gladstone, den groben Angriff seines Gegners mit einem höflichen Lächeln, bei welchem seine hündischen Zähne zum Vorschein kommen, abtrumpft, er damit seine Abstammung von seinem halbmenschlichen Vorfahren verräth, der gewohnt war, nach seinem Feinde zu schnappen. Kein Zweifel, es muß noch irgendwo von Naturforschern vor Adam's Zeiten geschriebene Bücher geben, in welchen, wenn auch nur in mythischen Fabeln, die Anhaltspunkte für solche poetische Erfindungen gegeben sind. Kein Zweifel, alte Chronisten müssen irgendwo aussagen, daß sie gesehen haben, mit ihren eigenen Augen gesehen haben, wie die großen Gorillas sich ihre Behaarung abkratzten, um den jungen Damen ihrer Gattung einen angenehmen Anblick zu gewähren, und daß sie die allmälige Umwandlung eines Thieres in das andere beobachtet haben. Denn wenn Sie mir einwenden, daß dieser berühmte Romanschreiber nur ein vorsichtiger Mann der 68 Wissenschaft sei und daß wir seine Erfindungen nach den nüchternen Gesetzen einer exacten Beweisführung annehmen müssen, so erwidere ich Ihnen, daß es keine noch so unglaubliche Geistergeschichte gibt, die nicht den gesunden Menschenverstand eines Skeptikers besser befriedigte. Wenn Sie keine solchen Bücher besitzen, so leihen Sie mir das unwissenschaftlichste, das Sie haben, zum Beispiel eins über Zauberei oder über den Stein der Weisen.«

»Ich habe einige dergleichen Bücher«, sagte der Pfarrer lachend, »davon können Sie sich wählen.«

»Wenn Sie nach Hause gehen, lassen Sie mich Sie eine Strecke weit begleiten; ich weiß noch nicht, wo die Kirche und das Pfarrhaus sind, und ich möchte es doch wissen, bevor ich heute Abend zu Ihnen komme.«

Kenelm und der Pfarrer gingen nun sehr freundschaftlich mit einander über die Brücke und längs des Flüßchens, an welchem Frau Cameron's Landhaus lag. Als sie an dem Gartenzaun an der Rückseite des Hauses vorüberkamen, hielt Kenelm plötzlich inmitten eines Satzes, welcher Herrn Emlyn interessirt hatte, inne und blieb ebenso plötzlich auf dem Rasenrande am Wege stehen. Vor ihm stand eine alte Bauerfrau, mit welcher sich Lily, an der innern Seite des Gartenzauns stehend, unterhielt. Herr Emlyn, der, überrascht 69 von Kenelm's plötzlichem Innehalten und Schweigen, sich etwas umwandte, um seinen Begleiter anzusehen, bemerkte zuerst nicht, was dieser sah. Das Mädchen gab der alten Frau einen kleinen Korb in die Hand und diese machte einen tiefen Knix und sagte leise: »Gott segne Sie!« So leise das auch geschah, Kenelm hörte es doch und sagte in Gedanken versunken zu Herrn Emlyn: »Gibt es ein stärkeres Band zwischen diesem und dem künftigen Leben als den von der Lippen der Alten auf das junge Mädchen herabgerufenen Segen Gottes?« 70

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.