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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Der Salon war leer, die Damen waren im Garten. Als Kenelm und Herr Emlyn mit einander auf die Damen zugingen, während ihnen Sir Thomas und Herr Braefield in einiger Entfernung folgten, fragte der erstere etwas abrupt:

»Was für eine Art von Mann ist Fräulein Mordannt's Vormund, Herr Melville?«

»Das wüßte ich kaum zu sagen. Ich sehe ihn wenig, wenn er herkommt. Früher pflegte er ziemlich oft mit einer Gesellschaft wilder Gesellen, ich glaube, junger Maler, nach Cromwell-Lodge herauszukommen; in Grasmere war kein Platz für sie. Seit einigen Jahren bringt er diese Leute nicht mehr mit, und wenn er allein kommt, ist es immer nur auf einige Tage. Er steht im Rufe, ein sehr wilder Patron zu sein.«

52 Die Unterhaltung wurde hier unterbrochen. Die beiden Männer waren, während sie so mit einander sprachen, von dem graden, über den Rasen zu den Damen führenden Wege abgekommen und in einen abgelegenen Fußsteig durchs Gebüsch gerathen, von wo sie jetzt wieder auf den offenen Rasen und zwar grade vor einem Tische heraustraten, auf welchem der Kaffee servirt war und um welchen sich die ganze übrige Gesellschaft versammelt hatte.

»Ich hoffe, Herr Emlyn«, sagte Elsie mit ihrer muntern Stimme, »daß Sie Herrn Chillingly abgerathen haben, katholisch zu werden. Sie haben sich wenigstens Zeit genug dazu gelassen.«

Herr Emlyn, der durch und durch ein guter Protestant war, trat wie erschreckt ein wenig von Kenelm's Seite zurück.

»Denken Sie wirklich daran –« Er konnte seinen Satz nicht beenden.

»Beruhigen Sie sich, mein werther Herr. Ich habe Frau Braefield nur bekannt, daß ich nach Oxford gegangen sei, um dort mit einem gelehrten Manne über eine Frage zu conferiren, die mir zu schaffen mache und die so abstract sei wie heutzutage der Theologie genannte weibliche Zeitvertreib. Ich kann Frau Braefield nicht überzeugen, daß Oxford sich mit 53 noch anderen Lebensräthseln beschäftigt als solchen, welche die Damen amüsiren.«

Bei diesen Worten ließ sich Kenelm auf einen Stuhl neben Lily nieder.

Lily kehrte ihm halb den Rücken zu.

»Habe ich Sie wieder beleidigt?«

Lily zuckte leicht die Achseln und antwortete nicht.

»Ich fürchte, Fräulein Mordannt, die Natur hat Ihnen bei so vielen guten Eigenschaften doch eine versagt. Ihr besseres Selbst sollte dieselbe ersetzen.«

In diesem Augenblick wandte Lily ihm plötzlich ihr Gesicht zu. Das Tageslicht fing an zu schwinden, aber die Abendsonne beschien das Gesicht.

»Wie? Was wollen Sie damit sagen?«

»Soll ich Ihnen höflich oder wahr antworten?«

»Wahr, o wahr! Was ist das Leben ohne Wahrheit!«

»Selbst wenn man an Feen glaubt?«

»Die Feen sind in gewisser Weise wahr. Aber Sie sind nicht wahr. Sie dachten nicht an Feen, als Sie –«

»Als ich was?«

»An mir etwas zu tadeln fanden.«

»Das glaube ich doch. Aber ich will Ihnen meine Gedanken, soweit ich sie selbst zu lesen vermag, 54 verdolmetschen, und um das zu thun, will ich wieder auf die Feen zurückkommen. Nehmen wir an, eine Fee habe ihr Kind in die Wiege eines Sterblichen gelegt, sie lege in die Wiege alle Arten von Feengeschenken, welche Sterblichen nicht zu Theil werden, vergesse aber eine sterbliche Gabe. Das Feenkind wächst heran und bezaubert seine Umgebung, man gibt ihm in Allem nach und verzieht es. Aber es kommt ein Moment, wo seine Bewunderer und Freunde das Fehlen der einen sterblichen Gabe empfinden. Rathen Sie, worin diese Gabe besteht.«

Lily dachte nach. »Jetzt sehe ich, was Sie meinen, das Gegentheil der Wahrheit, die Höflichkeit.«

»Nein, das ist es nicht ganz, obgleich es die Höflichkeit mit einschließt; es ist eine sehr bescheidene, sehr unpoetische Eigenschaft, eine Eigenschaft, die viele langweilige Menschen besitzen, und doch kann ohne sie keine Fee Sterbliche entzücken, sobald sich auf dem Antlitz der Fee die erste Falte einstellt. Können Sie es nicht errathen?«

»Nein, Sie quälen mich, Sie machen mich unglücklich.« Und Lily stampfte ungeduldig mit dem Fuß, wie sie es schon einmal in Kenelm's Gegenwart gethan hatte. »Sprechen Sie deutlich, ich will es.«

»Verzeihen Sie, Fräulein Mordannt, ich wage es 55 nicht«, sagte Kenelm, indem er aufstand und eine Verbeugung machte, wie man sie vor der Königin macht. Und damit ging er zu Frau Braefield hinüber.

Lily verharrte in zornigem Schmollen.

Sir Thomas setzte sich auf den Stuhl, von welchem Kenelm aufgestanden war. 56

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