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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Die Mittagsgesellschaft bei Herrn Braefield war nicht ganz klein, wie Kenelm vorausgesetzt hatte. Als Herr Braefield von seiner Frau hörte, daß Kenelm kommen werde, schien es ihm nur höflich gegen den jungen Mann, noch einige andere Personen einzuladen.

»Siehst Du, liebes Kind«, sagte er zu Elsie, »Frau Cameron ist eine sehr gute, einfache Frau, aber nicht grade besonders amüsant, und Lily, wenn auch ein hübsches Mädchen, so entsetzlich kindisch. Wir sind diesem Herrn Chillingly viel Dank schuldig, süße Elsie –« und bei diesen Worten sprach sich in seinem Blick und Ton eine tiefe Empfindung aus – »und wir müssen es ihm bei uns so angenehm wie möglich zu machen suchen. Ich will meinen Freund Sir 43 Thomas aus der Stadt mitbringen; lade du Herrn Emlyn und seine Frau ein. Sir Thomas ist ein sehr verständiger und Emlyn ein sehr gelehrter Mann. So wird Herr Chillingly Leute finden, mit denen er sich unterhalten kann. Beiläufig, wenn ich zur Stadt fahre, will ich einen Rehrücken von Croves herausschicken.«

Als daher Kenelm kurz vor sechs Uhr eintrat, fand er im Salon den Ehrw. Charles Emlyn, Pfarrer von Moleswick, mit seiner Frau und einen stattlichen Mann von mittleren Jahren, der Kenelm als Sir Thomas Pratt vorgestellt wurde. Sir Thomas war ein bedeutender Londoner Banquier. Als die Vorstellungsförmlichkeiten vorüber waren, schlich sich Kenelm an Elsie's Seite.

»Ich dachte, ich sollte Frau Cameron treffen; ich sehe sie aber nicht.«

»Sie wird gleich kommen. Es sieht nach Regen aus und ich habe den Wagen hingeschickt, um sie und Lily zu holen. Ah, da kommen sie.«

Frau Cameron, die sich immer in Schwarz kleidete, trug ein schwarzseidenes Kleid und Lily folgte ihr in einem lilienweißen Kleide ohne jeden andern Schmuck als eine dünne goldene Kette, an der ein einfaches Medaillon befestigt war, und eine einzige rothe Rose im Haar. Sie sah wunderbar lieblich aus 44 und mit dieser Lieblichkeit verband sich ein unsagbar distinguirter Ausdruck, der sich vielleicht aus der Zartheit ihrer Gestalt und Farbe, vielleicht aber auch aus der Grazie ihrer Haltung, die nicht ohne einen gewissen Stolz war, erklären ließ.

Herr Braefield, der ein sehr pünktlicher Mann war, gab seinem Diener ein Zeichen und im nächsten Augenblicke ging man zu Tische. Sir Thomas führte natürlich die Wirthin, Herr Braefield die Frau des Pfarrers, welche die Tochter eines Dechanten war, Kenelm Frau Cameron und der Pfarrer Lily. Bei Tische saß Kenelm an der linken Seite der Wirthin und von Lily durch Frau Cameron und Herrn Emlyn getrennt, und als der Pfarrer das Tischgebet gesprochen hatte, warf Lily hinter seinem und ihrer Tante Rücken Kenelm einen Blick zu, den dieser erwiderte, und machte ihm, was die Franzosen une moue nennen. Er hatte sein ihr gegebenes Versprechen nicht gehalten. Sie saß zwischen zwei sehr erwachsenen Männern, dem Pfarrer und dem Wirth. Kenelm erwiderte die moue mit einem traurigen Lächeln und einem unwillkürlichen Achselzucken.

Alle schwiegen, bis Sir Thomas, nachdem er seine Suppe gegessen und sein erstes Glas Sherry getrunken hatte, das Wort ergriff.

45 »Ich glaube, Herr Chillingly, wir haben uns schon einmal getroffen, obgleich ich damals nicht die Ehre hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Sir Thomas hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: »Es ist noch nicht lange her; es war auf dem letzten Hofball im Buckingham-Palaste.«

Kenelm nickte zustimmend mit dem Kopf. Er war auf jenem Ball gewesen.

»Sie unterhielten sich damals mit einer charmanten Frau, einer Freundin von mir, Lady Glenalvon.«

Sir Thomas war Lady Glenalvon's Banquier.

»Ich erinnere mich sehr gut«, sagte Kenelm. »Wir saßen in der Bildergallerie. Sie kamen, sich mit Lady Glenalvon zu unterhalten, und ich überließ Ihnen meinen Platz auf dem Sopha.«

»Ganz richtig; und ich glaube, Sie gesellten sich zu einer sehr schönen jungen Dame, der großen Erbin Fräulein Travers.«

Kenelm verneigte sich wieder, wandte sich so höflich wie möglich ab und redete Frau Cameron an. Sir Thomas, dem es zur Genugthuung gereichte, der Gesellschaft die Thatsachen seiner Freundschaft mit Lady Glenalvon und seiner Anwesenheit auf dem Hofball zu Gemüthe geführt zu haben, ließ jetzt sein Unterhaltungstalent dem Pfarrer zu gute kommen, der, 46 nachdem sein Versuch, etwas aus Lily herauszubringen, völlig mißlungen war, den Avancen des Baronets mit dem Eifer eines allzulange zum Schweigen verurtheilten Causeurs entgegenkam.

Kenelm fuhr ungestört fort, näher mit Frau Cameron bekannt zu werden. Sie schien indeß seinen einleitenden gewöhnlichen Bemerkungen über Gegend und Wetter kein sehr aufmerksames Ohr zu leihen, sondern sagte, als er zuerst innehielt:

»Sir Thomas sprach von einem Fräulein Travers – ist sie verwandt mit einem Herrn, der früher einmal bei den Garden stand, Leopold Travers?«

»Sie ist seine Tochter. Haben Sie Leopold Travers gekannt?«

»Ich habe ihn vor langer, langer Zeit von Freunden nennen hören«, erwiderte Frau Cameron in einem bei ihr nicht ungewöhnlichen Ton schlaffer Mattigkeit und ging dann, wie wenn sie den Erinnerungen aus alter Zeit nicht weiter nachhängen wolle, zu einem andern Gegenstande über.

»Lily sagt mir, daß Sie bei Herrn Jones in Cromwell-Lodge wohnen, Herr Chillingly. Ich hoffe, Sie sind da gut aufgehoben.«

»Sehr gut, die Lage ist besonders hübsch.«

»Ja, es gilt für den hübschesten Platz an dem 47 Ufer des Flüßchens und pflegte ein beliebtes Quartier für Liebhaber des Fischens zu sein, aber die Forellen sind, glaube ich, selten geworden, wenigstens klagt der arme Herr Jones jetzt, wo das Fischen in der Themse erleichtert ist, daß seine alten Einlogirer ihm untreu werden. Sie haben die Zimmer natürlich des Fischens wegen gemiethet; ich hoffe, der Fischfang stellt sich besser heraus, als man sagt.«

»Daran liegt mir wenig; ich mache mir nicht viel aus dem Angeln, und seit Fräulein Mordannt das Buch, welches mich zuerst reizte, es mit dem Fischen zu versuchen, grausam genannt hat, ist es mir, als wären die Forellen so geheiligt, wie die Krokodile es für die alten Aegypter waren.«

»Lily ist, wenn sie von solchen Dingen spricht, ein närrisches Kind; sie kann den Gedanken nicht ertragen, irgend einem Thiere Schmerz zu bereiten. Grade vor unserm Garten sind im Bache einige Forellen, welche sie gezähmt hat. Sie fressen ihr aus der Hand; ihr ist immer bange, sie möchten fortziehen und gefangen werden.«

»Aber Herr Melville fischt doch?«

»Vor einigen Jahren that er bisweilen, als ob er fische, aber ich glaube, es war mehr ein Vorwand, im Grase zu liegen und in dem grausamen Buche zu 48 lesen, oder vielleicht noch mehr, Skizzen zu machen. Aber jetzt kommt er selten vor dem Herbst her, wo es zu kalt für ein solches Vergnügen ist.«

In diesem Augenblick erhob Sir Thomas seine Stimme so laut, daß die Unterhaltung zwischen Kenelm und Frau Cameron dadurch unterbrochen wurde. Er war in seinem Gespräch mit dem Pfarrer auf politische Fragen gekommen, über welche die beiden Herren verschiedener Ansicht waren und die Discussion drohte einen erregten Charakter anzunehmen, als Frau Braefield mit echt weiblichem Takt einen neuen Gegenstand aufs Tapet brachte, für den sich Sir Thomas sofort lebhaft interessirte. Es handelte sich um die Construction eines Treibhauses für Orchideen, welches er auf seinem Landsitze errichten zu lassen beabsichtigte, und bei der sich entspinnenden Unterhaltung wurde häufig an Frau Cameron appellirt. welche für eine ausgezeichnete Blumenkennerin galt und Gelegenheit gehabt zu haben schien, sich eine sehr vertraute Bekanntschaft mit der kostbaren Familie der Orchideen anzueignen.

Als Kenelm, nachdem die Damen sich in den Salon zurückgezogen hatten, seinen Platz neben Herrn Emlyn erhielt, setzte ihn dieser durch ein verbindliches Citat aus einem seiner eigenen lateinischen Universäts-Preisgedichte in Erstaunen, sprach die Hoffnung aus, 49 er werde sich einige Zeit in Moleswick aushalten, erzählte ihm von den sehenswerthesten Punkten der Umgegend und forderte ihn auf, seine Bibliothek, welche, wie er sich schmeichle, mit den besten Ausgaben griechischer und lateinischer Classiker wie mit Werken der älteren englischen Literatur ziemlich reich ausgestattet sei, nach Belieben zu benutzen. Kenelm fand großes Gefallen an dem gelehrten Pfarrer, besonders als Herr Emlyn anfing, von Frau Cameron und Lily zu reden. Von der ersteren sagte er:

»Sie ist eine jener Frauen, bei welchen die Ruhe so vorherrschend ist, daß es lange dauert, bis man eine Ahnung davon hat, welche Fülle wahrer Herzensgüte unter der anscheinend unbewegten Oberfläche strömt. Ich wünschte jedoch, sie wäre etwas energischer in der Behandlung und Erziehung ihrer Nichte, eines Mädchens, für welches ich mich sehr lebhaft interessire, und das Frau Cameron, wie ich fürchte, nicht versteht. Vielleicht aber kann nur ein Dichter und zwar ein besonderer Dichter sie verstehen; Lily Mordannt ist selbst ein Gedicht.«

»Ihre Art, ihr Wesen aufzufassen, gefällt mir«, sagte Kenelm; »in diesem Wesen liegt sicherlich etwas von der Prosa des Alltagslebens sehr Abweichendes.«

»Sie kennen vermuthlich Wordsworth's Verse: 50

. . . und lauschen soll ihr Ohr
An manchem stillen Ort,
Wo Bächlein über Kiesel springt,
Und Liebreiz, den es murmelnd bringt,
Verklär' sie fort und fort.

Viele Kritiker haben diese Stelle unverständlich gefunden, aber Lily scheint mir ein lebendiger Schlüssel zu ihrem Verständniß zu sein.«

Ueber Kenelm's dunkles Gesicht fuhr es wie ein Lichtglanz, aber er antwortete nicht.

»Wie aber«, fuhr Herr Emlyn fort, »ein solches Mädchen, das sich ganz selbst überlassen ist und gar nicht geschult und erzogen wird, sich in die praktischen Pflichten des Weibes finden soll, das ist eine Frage, an deren schwierige Lösung ich nicht denken kann, ohne traurig zu werden.«

»Nimmt einer der Herren noch ein Glas Wein?« fragte der Wirth, der eben ein Gespräch über commerzielle Angelegenheiten mit Sir Thomas beendet hatte. »Nein? Sollen wir uns zu den Damen verfügen?« 51

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