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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Lily saß unter einem Kastanienbaum im Grase. Eine weiße Katze, die noch kürzlich ein Kätzchen gewesen war, lag neben ihr in sich zusammengerollt und schlummerte. Auf ihrem Schooß hatte Lily ein offenes Buch, in welchem sie mit Entzücken las.

Frau Cameron trat aus dem Hause, sah sich um, bemerkte Lily und näherte sich ihr. Ging sie so leise oder war Lily so vertieft in ihr Buch, sie wurde sie erst gewahr, als sich eine sanfte Hand auf ihre Schulter legte und sie, sich umsehend, in das sanfte Gesicht ihrer Tante blickte.

»O Fee, Fee, das alberne Buch! Und Du solltest doch Deine französischen Verbes lernen. Was wird Dein Vormund sagen, wenn er herkommt und findet, wie schlecht Du Deine Zeit angewandt hast!«

»Er wird sagen, daß Feen ihre Zeit nie schlecht 25 anwenden, und wird Dich schelten, daß Du das zu mir sagst.« Mit diesen Worten warf Lily ihr Buch weg, sprang auf, umschlang Frau Cameron und küßte sie zärtlich. »So, heißt das meine Zeit schlecht anwenden? Ich habe Dich so lieb, Tante. An einem Tage, wie der heutige, ist mir, als müßte ich alle Menschen und alle Dinge lieb haben!« Bei diesen Worten richtete sie ihre geschmeidige Gestalt auf, schaute zu dem blauen Himmel empor und schien mit geöffneten Lippen Luft und Sonnenschein einzuschlürfen. Dann weckte sie die schlummernde Katze und fing an, sie um den Grasplatz herumzujagen.

Frau Cameron stand still und sah ihr mit feuchten Augen zu. Grade in diesem Augenblick trat Kenelm durch die Gartenpforte ein. Auch er stand still und verfolgte mit seinen Blicken die Wellenbewegungen der reizenden Feengestalt. Sie hatte ihren Liebling gefangen und spielte jetzt mit ihm, nahm ihren Strohhut ab und zog das an demselben hängende Band neckend auf dem Rasen hinter sich her. Ihr reiches, so freigewordenes und durch die Bewegung aufgelöstes Haar fiel ihr zum Theil in leicht geringelten Löckchen über das Gesicht und ihr melodisches Lachen und ihre der Katze im neckischen Spiel gegebenen Namen klangen für Kenelm's Ohr heiterer als das Trillern der 26 Lerche, anmuthiger als das Girren der Turteltaube.

Er näherte sich Frau Cameron. Lily wandte sich plötzlich um und wurde seiner ansichtig. Instinctiv strich sie ihre aufgelösten Flechten zurück, setzte ihren Strohhut wieder auf und trat mit ernster Miene an seine Seite, grade in dem Augenblick, wo er ihre Tante angeredet hatte.

»Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, Frau Cameron. Ich habe Ihnen dieses Billet von Frau Braefield zu überbringen.« Während die Tante das Billet las, wandte er sich an die Nichte.

»Sie haben mir versprochen, mir das Bild zu zeigen, Fräulein Mordannt.«

»O, das ist lange her.«

»Zu lange, als daß man noch auf die Erfüllung des Versprechens einer Dame rechnen dürfte?«

Lily schien über diese Frage nachzudenken und zögerte mit ihrer Antwort.

»Ich will Ihnen das Bild zeigen. Ich glaube nicht, daß ich schon je ein gegebenes Versprechen nicht erfüllt habe, aber ich werde mich doch in Zukunft mit dem Versprechen noch mehr in Acht nehmen.«

»Warum denn das?«

»Weil Sie, als ich mein Versprechen gab, keinen 27 Werth darauf legten, und das verletzte mich.« Lily blickte mit einer bezaubernden Miene von hoher Würde auf und fügte hinzu: »Ich war beleidigt.«

»Frau Braefield ist sehr gütig«, sagte Frau Cameron; »sie ladet uns auf übermorgen zu Tische ein. Möchtest Du hingehen, Lily?«

»Vermuthlich lauter erwachsene Leute? Nein, ich danke, liebe Tante. Geh Du allein, ich möchte lieber zu Hause bleiben. Darf ich mir nicht die kleine Clemmy einladen und mit ihr spielen? Sie bringt dann Juba mit und Blanche liebt Juba sehr, obgleich sie ihn kratzt.«

»Gut, liebes Kind, Du sollst Deine Spielkameradin haben und ich werde allein gehen.«

Kenelm stand bestürzt da. »Sie wollen nicht kommen, Fräulein Mordannt? Das wird Frau Braefield außerordentlich leid thun. Und wenn Sie nicht kommen, mit wem soll ich mich dann unterhalten? Ich mag erwachsene Leute ebenso wenig leiden wie Sie.«

»Gehen Sie denn hin?«

»Gewiß.«

»Und wenn ich komme, wollen Sie sich mit mir unterhalten? Ich fürchte mich vor Herrn Braefield, er ist so weise.«

28 »Ich will Sie vor ihm retten und kein weises Wort soll über meine Lippen kommen.«

»Tante, ich will hingehen.«

Mit diesen Worten machte Lily einen Sprung und ergriff Blanche, die sich ihre Küsse resignirt gefallen ließ und mit ersichtlicher Neugierde Kenelm anstarrte.

In diesem Augenblick erklang in dem Hause eine Glocke, die das zweite Frühstück ankündigte. Frau Cameron lud Kenelm ein, an dieser Mahlzeit Theil zu nehmen. Ihm war zu Muthe, wie Romulus zu Muthe sein mochte, als er zum ersten Mal eingeladen wurde, das Ambrosia der Götter zu kosten. Und doch war das Frühstück nicht der Art, wie es Kenelm Chillingly in jenen Tagen des Mäßigkeits-Hotels gefallen haben möchte. Aber seit kurzem hatte er seinen Appetit verloren und heute genügten ihm eine sehr bescheidene Portion von einem kleinen Gericht Hühnerfricassée und ein paar mit Weinblättern hübsch aufgeputzte Kirschen, welche Lily für ihn ausgesucht hatte, wie wahrscheinlich auch Romulus, während er seine Augen an Hebe weidete, sich mit sehr wenig Ambrosia begnügte.

Nachdem das Frühstück beendet war, führte Lily, während Frau Cameron ihre Antwort an Elsie schrieb, 29 Kenelm in ihr Zimmer, gewöhnlich ihr Boudoir genannt, obgleich es nicht aussah, als ob jemals jemand darin boudirt hätte. Es war allerliebst, nicht wie eine Frau, sondern wie ein Kind es sich erträumen würde, wunderbar zierlich und kühl und rein; das Tapetenmuster war ein Spalier von Rosen und Geißblatt mit Vögeln und Schmetterlingen; an den Fenstern hingen mit zierlichen Quasten und Bändern geschmückte Mullgardinen; in dem Zimmer stand ein winziges Bücherschränkchen, das, nach den hübschen Einbänden zu urtheilen, wohl ausgestattet war, und ein kleiner Schreibtisch von französischer Marqueterie-Arbeit, der zu frisch und fleckenlos aussah, als daß man hätte glauben können, er habe schon schwere Dienste geleistet. Das Fenster war geöffnet und im Einklang mit der Tapete rankten Geißblatt und Rosen an dem Fensterrahmen empor und erfüllten, von lauen Sommerwinden bewegt, das kleine Zimmer mit lieblichen Düften.

Kenelm trat ans Fenster und warf einen Blick auf die Aussicht. »Ich hatte Recht«, sagte er zu sich, »ich habe errathen.« Aber obgleich er die Worte nur leise und wie nach innen vor sich hin flüsterte, hörte Lily, die seinen Bewegungen mit Staunen gefolgt war, sie doch.

»Sie haben es errathen? Was haben Sie errathen?«

30 »Nichts, nichts; ich sprach nur mit mir selbst.«

»Sagen Sie mir, was Sie errathen haben, ich bestehe darauf!« Und dabei stampfte die kleine Fee mit ihren zierlichen Füßchen auf den Boden.

»So? Da muß ich wohl gehorchen. Ich habe mir für kurze Zeit in Cromwell-Lodge am andern Ufer des Flüßchens eine Wohnung gemiethet, und als ich von dort Ihr Haus liegen sah, errieth ich, daß Ihr Zimmer hier liegen müsse. Wie lieblich ist hier der Blick aufs Wasser! Ah! Da drüben ist Isaak Walton's Pavillon.«

»Reden Sie nicht von Isaak Walton, oder ich zanke mich mit Ihnen, wie ich es mit Löwe gethan habe, als er einmal von mir verlangte, ich solle das grausame Buch gern lesen.«

»Wer ist Löwe?«

»Löwe? Natürlich mein Vormund. Ich habe ihm den Namen als kleines Kind gegeben, als ich in einem seiner Bücher das Bild eines Löwen sah, der mit einem kleinen Kinde spielt.«

»O, ich kenne die Zeichnung sehr gut«, sagte Kenelm mit einem leichten Seufzer. »Das Original befindet sich auf einer antiken griechischen Gemme. Aber der Löwe spielt nicht mit dem Kinde, sondern das 31 Kind bemeistert den Löwen und die Griechen nannten das Kind Liebe.«

Diese Idee schien Lily's Fassungskraft etwas zu übersteigen. Nach einer kleinen Pause antwortete sie mit der Naivetät eines sechsjährigen Kindes:

»Jetzt verstehe ich, warum ich Blanche, die sonst von niemand etwas wissen will, bemeistern kann – ich liebe Blanche. O, da fällt mir ein, kommen Sie und sehen Sie sich das Bild an.«

Sie trat an die Wand über dem Schreibtisch, zog einen seidenen Vorhang von einem kleinen, in zierlichem Sammtrahmen befindlichen Bilde zurück und rief, indem sie auf dasselbe hindeutete, triumphirend:

»Sehen Sie da! Ist das nicht schön?«

Kenelm hatte sich darauf gefaßt gemacht, eine Landschaft, eine Gruppe oder irgend etwas zu sehen, nur nicht das, was er zu sehen bekam – Blanche in ihrer Jugend.

Wenig erhaben wie der Gegenstand war, war er doch mit phantasievoller Grazie behandelt. Das Kätzchen hatte ersichtlich aufgehört mit einem Baumwollenknäuel, der zwischen ihren Pfoten lag, zu spielen und heftete ihren Blick mit gespannter Aufmerksamkeit auf einen Buchfinken, der sich auf einem für sie erreichbaren Zweig niedergelassen hatte.

32 »Sie verstehen«, sagte Lily, indem sie ihre Hand auf Kenelm's Arm legte und ihn an eine Stelle zog, von der aus er nach ihrer Meinung das Bild im besten Lichte sehen konnte. »Es ist der Moment, wo Blanche zum ersten Mal eines Vogels ansichtig wird. Sehen Sie nicht, wie sie halb vor Freude, halb vor Furcht plötzlich überrascht ist? Sie hört auf mit ihrem Knäuel zu spielen. Ihr Verstand oder, wie Herr Braefield sagen würde, ihr Instinkt wird zum ersten Mal wach. Von diesem Augenblick war Blanche kein Kätzchen mehr und es bedurfte der sorgfältigsten Erziehung, um sie zu lehren, die kleinen Vögel nicht mehr zu tödten. Jetzt thut sie das nicht mehr, aber es hat mir unsägliche Mühe gekostet.«

»Ich kann offen gestanden nicht behaupten, daß ich in dem Bilde alles das sehe, was Sie darin sehen. Aber es scheint mir sehr hübsch gemalt und war ohne Zweifel Blanche in ihrer Jugend sprechend ähnlich!«

»Ja, das war es. Löwe machte seine erste Bleistiftskizze nach dem Leben, und als er sah, wie sehr sie mir gefiel, malte er sie – ach, es war so lieb von ihm! – auf die Leinwand und ließ mich bei ihm sitzen, während er daran arbeitete. Dann nahm er das Bild mit und brachte es mir vorigen Mai fertig 33 und eingerahmt, wie Sie es da sehen, als Geschenk zu meinem Geburtstag.«

»Sie sind also im Mai geboren – mit den Blumen.«

»Die besten aller Blumen, die Veilchen, sind vor mir geboren.«

»Aber sie sind im Schatten geboren und hängen ihm an. Sie aber als Kind des Mai lieben sicherlich die Sonne!«

»Ich liebe die Sonne, sie ist nie zu hell, nie zu warm für mich. Aber ich glaube nicht, daß ich, obgleich im Mai geboren, im Sonnenlicht geboren bin. Ich fühle mich mehr als mein eigenes ursprüngliches Selbst, wenn ich in den Schatten krieche und einsam dasitze. Dann kann ich weinen.«

Bei diesen letzten, schüchtern ausgesprochenen Worten hatte sich der Ausdruck ihres Gesichtes ganz verändert; die kindliche Heiterkeit war verschwunden. Ein feierlicher, nachdenklicher, ja trauriger Ausdruck hatte sich auf die zärtlichen Augen und um die zitternden Lippen gelagert.

Kenelm war so gerührt, daß er keine Worte finden konnte, und einige Augenblicke schwiegen beide. Endlich sagte Kenelm langsam:

»Sie sagen, Ihr eigenes ursprüngliches Selbst. 34 Fühlen Sie denn, wie ich oft thue, daß es ein zweites, vielleicht ursprüngliches Selbst gibt, das tief unter dem Selbst verborgen liegt, nicht blos dem, welches wir der Welt gewöhnlich zeigen – das kann eine bloße Maske sein – sondern dem Selbst, das wir gewöhnlich, auch wenn wir allein sind, als unser eigenes gelten lassen; ein allerinnerstes Selbst, das, von dem ersten ganz verschieden, so selten aus seinem Versteck herauskommt, dann aber sein Herrscherrecht geltend macht und das andere Selbst verdunkelt, wie die Sonne einen Stern verdunkelt?«

Wenn Kenelm so zu einem gescheidten Weltmann, zu einem Chillingly Mivers, zu einem Chillingly Gordon gesprochen hätte, würden sie ihn gewiß nicht verstanden haben. Aber zu solchen Männern würde er auch nicht so gesprochen haben. Er wagte zu hoffen, daß dieses kindische Mädchen trotz ihres vielen kindischen Geredes ihn verstehen würde. Und sie verstand ihn sofort.

Sie trat dicht an ihn heran, legte wieder ihre Hand auf seinen Arm, schaute mit erstaunten, nicht mehr traurigen, aber auch nicht heitern Augen zu seinem gesenkten Antlitz auf und sagte:

»Wie wahr! Haben Sie das auch empfunden? Wo liegt aber dieses innerste Selbst? So tief unten, so 35 tief! und ist doch, wenn es hervortritt, so viel höher, so unendlich viel höher als unser tägliches Selbst? Dieses Selbst zähmt nicht die Schmetterlinge, es verlangt zu den Sternen aufzusteigen. Und dann, dann, ach! wie bald sinkt es wieder zusammen! Sie haben das empfunden! Macht es Ihnen nicht zu schaffen?«

»Sehr viel.«

»Gibt es keine weisen Bücher darüber, die uns das erklären helfen?«

»Soweit meine sehr beschränkte Kenntniß reicht, gibt es keine weisen Bücher, die dieses Räthsel auch nur berühren. Ich denke mir, daß das eine jener Fragen ist, die zwischen dem Kinde und seinem Schöpfer ungelöst bleiben. Geist und Seele sind nicht dasselbe und die von Ihnen und mir so genannten weisen Männer vermengen diese beiden beständig.«

Zum Glück für alle Theile, namentlich für den Leser, denn Kenelm hatte eben eins seiner besondern Steckenpferde, den Unterschied zwischen Psychologie und Metaphysik, die wissenschaftliche oder logische Betrachtung von Seele und Geist, bestiegen, trat in diesem Augenblick Frau Cameron ins Zimmer und fragte Kenelm, wie ihm das Bild gefalle.

»Sehr. Ich verstehe nicht viel von der Kunst. Aber es gefiel mir gleich, und jetzt, nachdem Fräulein 36 Mordannt mir die Intentionen des Malers erklärt hat, bewundere ich es noch mehr.«

»Lily liebt es, seine Intentionen auf ihre eigene Weise auszulegen, und beharrt dabei, daß sich in Blanche's Gesichtsausdruck die Fähigkeit kundgibt, ihren Zerstörungstrieb zu beherrschen und sich die Ueberzeugung beibringen zu lassen, daß es unrecht sei, Vögel zum bloßen Spaß zu tödten. Zu ihrer Ernährung braucht sie sie nicht zu tödten, da sie sieht, wie Lily dafür sorgt, daß sie reichlich zu fressen hat. Aber ich glaube nicht, daß Herr Melville die leiseste Ahnung davon hatte, daß er diese Fähigkeit Blanche's in diesem Bilde ausgedrückt habe.«

»Er muß es aber gethan haben, gleichviel, ob er eine Ahnung davon hatte oder nicht, sonst würde es nicht wahr sein«, sagte Lily sehr positiv.

»Warum nicht wahr?« fragte Kenelm.

»Sehen Sie nicht? Wenn Sie aufgefordert würden, den Charakter eines kleinen Kindes wahr zu schildern, würden Sie da nur von seinen unartigen Trieben, welche allen Kindern gemein sind, und nicht einmal andeutungsweise von der Fähigkeit des Kindes reden, besser zu werden?«

»Vortrefflich!« sagte Kenelm. »Es leidet keinen Zweifel, daß viel wildere Thiere als eine Katze, zum 37 Beispiel ein Tiger oder ein erobernder Held, gelehrt werden können, auf dem denkbar freundschaftlichsten Fuße mit den Geschöpfen zu leben, über welche ihr natürlicher Instinkt sie würde haben herfallen lassen.«

»Ja, ja. Hörst Du, Tante? Erinnerst Du Dich noch der ›glücklichen Familie‹, die wir vor acht Jahren in Moleswick sahen, wo sich eine Katze, die nicht halb so niedlich war wie Blanche, von einer Maus ruhig ins Ohr beißen ließ? Nun denn, würde Löwe nicht schmählich unwahr gegen Blanche gewesen sein, wenn er nicht –«

Lily hielt inne und sah Kenelm halb schüchtern, halb verschmitzt an; dann aber fuhr sie langsam, in tiefgezogenen Tönen fort: »ihr innerstes Selbst hätte durchschimmern lassen?«

»Innerstes Selbst?« wiederholte Frau Cameron betroffen und lächelnd.

Lily schlich sich näher an Kenelm heran und flüsterte:

»Ist nicht unser innerstes Selbst unser bestes Selbst?«

Kenelm lächelte zustimmend. Die kleine Fee bannte ihn immer tiefer in ihren Zauberkreis. Wenn Lily seine Schwester, seine Braut, sein Weib gewesen wäre, wie zärtlich würde er sie geküßt haben! Sie hatte einen 38 Gedanken ausgesprochen, über den er oft unhörbar gebrütet, und sie hatte denselben mit allem Zauber ihrer kindlichen Phantasie, ihrer weiblichen Zärtlichkeit bekleidet! Goethe hat irgendwo gesagt oder soll gesagt haben: »In jedes Menschen Herz ist etwas, das, wenn wir es kennten, uns ihn hassen machen würde.« Was Goethe gesagt hat, noch mehr, was Goethe gesagt haben soll, ist nie ganz buchstäblich zu nehmen. Kein umfassender Genius, der zugleich Dichter und Denker ist, darf je so aufgefaßt werden. Die Sonne bescheint einen Düngerhaufen, aber sie hat keine Vorliebe für ihn. Sie umfaßt nur den Düngerhaufen, wie sie die Rose umfaßt. Aber doch hatte Kenelm diesen verlorenen Strahl von Goethe's reich leuchtendem Stern immer mit einem Abscheu betrachtet, den man für einen Philosophen von so jugendlichem Alter, daß er von Rechtswegen auf die Worte eines so großen Meisters hätte schwören müssen, als höchst unphilosophisch bezeichnen mußte. Kenelm war der Meinung, daß die Wurzel alles persönlichen Wohlwollens, jedes erleuchteten Fortschrittes auf dem Wege socialer Reformen in der Umkehr jenes Satzes liege, daß in jedes Menschen Natur etwas sei, das, könnten wir es nur erfassen, es reinigen, es uns klar vor die Augen führen, uns ihn lieben machen würde. Und bei der ihm hier 39 entgegentretenden spontanen, unreflectirten Sympathie mit dem Ergebniß so vieler mühsamer Kämpfe seines eigenen geschulten Geistes gegen das Dogma des deutschen Riesen war ihm zu Muthe, als habe er eine jüngere, aber eben deshalb um so siegreicher kämpfende Schwester seiner eigenen männlichen Seele gefunden.

Dann überkam ihn das Gefühl ihrer Sympathie mit seinem innersten Selbst, das ein Mann nie mehr als einmal im Leben für ein Weib empfindet, so mächtig, daß er sich nicht zu reden getraute. Er verabschiedete sich bald.

Als er durch den Hintergarten auf die Brücke zuging, welche zu seiner Wohnung führte, sah er am gegenüberliegenden Ufer, an der andern Seite der Brücke, Herrn Algernon Sidney Gale Jones friedlich Forellen angeln.

»Wollen Sie es nicht heute einmal mit dem Fischen versuchen, Herr? Nehmen Sie meine Angel.«

Kenelm erinnerte sich, daß Lily Isaak Walton's Buch ein grausames genannt hatte, und ging freundlich kopfschüttelnd seines Weges nach Hause weiter.

Hier setzte er sich schweigend ans Fenster und 40 schaute nach dem grünen Rasen, der über das Wasser geneigten Weide und den durch die umgebenden Bäume hindurchschimmernden weißen Mauern hinüber, wie er es am Abend zuvor gethan hatte.

»O«, murmelte er endlich, »wenn, ein nur leidlich guter Mensch unbewußt, nur vermöge seines Daseins Gutes thut, wenn ein solcher Mensch seinen Weg von der Wiege bis zum Grabe nicht vollenden kann, ohne auf seinem Wege die Keime der Kraft, der Fruchtbarkeit und der Schönheit auszustreuen, so wenig wie es der achtlose Wind oder der schweifende Vogel kann, ohne, wo er vorüberzieht, die Keime der Eiche, des Kornes oder der Blume auszustreuen, o, wenn dem so ist, wie zehnfach muß das Gute sein, das der Mensch vollbringen kann, wenn er die sanftere und reinere Verdoppelung seines Selbst in jener geheimnißvollen, undefinirbaren Verbindung findet, welche Shakespeare und Tagelöhner mit dem gleichen Namen Liebe nennen. Newton freilich erkannte die Liebe nie an und Descartes, sein einziger Rivale in dem Reiche des zugleich strengen und phantastischen Gedankens, behauptete, sie sei nur eine Folge von Ideenassociationen, und erklärte, daß er schielende Frauen liebe, weil, als er ein Knabe war, ein an diesem Gebrechen leidendes Mädchen ihn über die Mauer seines 41 väterlichen Gartens hinüber angeschielt habe. O, sei diese Verbindung zwischen Mann und Weib, was sie wolle, wenn sie nur wirklich Liebe ist, wirklich das Band, welches das innerste und beste Selbst beider umfaßt, wie müssen wir täglich, stündlich, jeden Augenblick Gott dafür danken, daß er es uns so leicht gemacht hat, gut und glücklich zu sein!« 42

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