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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Kenelm ging raschen Schrittes von Frau Braefield nach dem in der Highstreet gelegenen Somers'schen Laden. Jessie stand hinter dem Ladentisch, vor dem sich die Kunden drängten. Kenelm sagte ihr kurz, wohin sie seinen Koffer schicken solle, und ging in das hinter dem Laden gelegene Zimmer, wo ihr Mann mit Korbflechten beschäftigt war, während das Baby in seiner Wiege lag, wo die Großmutter es mechanisch schaukelte und dabei ein herrliches Missionärtractätchen, voll von Erzählungen wunderbarer Bekehrungen – zu was für Christen, wollen wir hier nicht näher untersuchen – las.

»Sie sind also glücklich, Will?« sagte Kenelm, indem 21 er sich zwischen den Korbmacher und die Wiege setzte, neben sich die gute alte Mutter, welcher beim Lesen des Tractätchens ihre Träume vom ewigen Leben mit dem eben erwachenden Leben in der Wiege, die sie schaukelte, verschmolzen. Er sollte nicht glücklich sein! Wie bedauerte er den Mann, der solche Frage thun konnte!

»Ob ich glücklich bin, Herr? Ich sollte es meinen! Es vergeht fast kein Abend, wo nicht Jessie und ich und auch Mutter beten, Sie möchten noch einmal ebenso glücklich werden. Nach und nach wird auch das Baby beten lernen: Gott segne Papa und Mama, Großmama und Herrn Chillingly.«

»Es gibt einen, der Eurer Gebete viel würdiger ist als ich, wenn er ihrer auch weniger bedarf. Sie werden es noch einmal erfahren – lassen wir es jetzt auf sich beruhen. Um auf unsern Gegenstand zurückzukommen, Sie sind glücklich; und wenn ich Sie fragte, warum, würden Sie nicht sagen: Weil ich das Mädchen geheirathet habe, das ich liebe, und weil es mich nie gereut hat?«

»Nun ja, Herr, ungefähr so ist es; obgleich ich, wenn Sie es nicht übel nehmen wollen, glaube, es könnte noch etwas hübscher ausgedrückt werden.«

22 »Darin haben Sie Recht. Aber vielleicht hat noch nie jemand die rechten Worte für Liebe und Glück gefunden. Für heute leben Sie wohl.«

Ah, wenn es wahr wäre was reine Materialisten sagen, daß die Hauptbedingung des Glücks in Gesundheit und Kraft des Körpers bestehe, so würde jene Frage, ob Will glücklich sei, sinnlos oder kränkend erscheinen müssen, wenn man sich die Personen des Fragestellers und des Befragten vergegenwärtigt. Jener ein Mann von der seltensten körperlichen Ausstattung, wie sie die Natur nur zu Genüssen geschickt machen kann, ein Mann, der, solange er denken konnte, nie gewußt hatte, was es heißt, unwohl sein, und der es kaum verstand, wenn man ihm sagte, daß einem der Finger wehe thue, ein Mann, den die Verfeinerungen geistiger Bildung, welche die sinnlichen Genüsse vervielfältigen, in seltenem Grade in den Stand gesetzt hatten, das Glück, welches die bloße Natur und ihre Instinkte gewähren können, zu begreifen; dieser ein bleicher Krüppel, der, wenn sich auch sein Gesundheitszustand seit kurzem sehr gebessert hatte, doch dazu verurtheilt war, sein Lebelang kränklich und leidend zu sein. Aber Will fand die Frage weder sinnlos noch beleidigend. Er, der arme Krüppel, hielt sich für viel glücklicher als den hochgebornen, 23 gebildeten und reichen jungen Hercules, der so wenig vom Glück wußte, daß er den verkrüppelten Korbmacher fragen konnte, ob er glücklich sei – er, der glückliche Gatte und Vater! 24

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