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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Wieder war ein Jahr verflossen. Es war in den ersten Frühlingstagen in London. Die Bäume in den Parks und auf den Squares trugen Blätter und Blütenknospen.

Leopold Travers hatte eine kurze, aber ernste Unterhaltung mit seiner Tochter gehabt und war jetzt ausgeritten. Er war noch immer ein schöner Mann und fand, so oft er in London war, mit Vergnügen, daß er auch jetzt noch bei den jungen Leuten kaum weniger in der Mode war, als da er selbst noch ein junger Mann war. Er ritt längs der Serpentine hin, ein vorzüglicher Reiter, in der gewähltesten Toilette, von angenehmster Erscheinung und der beliebteste Causeur, der auch jetzt seine Begleiter gut zu unterhalten schien.

Cecilia saß allein mit Lady Glenalvon in dem 375 kleineren Wohnzimmer, welches zu ihrer ausschließlichen Verfügung stand.

»Ich bekenne, meine theure Cecilia«, sagte Lady Glenalvon, »daß ich mich endlich auf die Seite Deines Vaters stellen muß. Wie sehnlich ich zu einer Zeit gehofft habe, Kenelm Chillingly möchte um die werben und sie gewinnen, die mir am besten dazu gemacht schien, sein Leben zu schmücken und zu erheitern, das brauche ich nicht zu sagen. Als er mich aber in Exmundham bat, seine Wahl einer Andern zu begünstigen und seine Mutter mit dieser offenbar nicht passenden Wahl auszusöhnen, da gab ich ihn auf. Und obgleich es mit dieser Geschichte vorüber ist, so scheint doch wenig Aussicht dazu vorhanden, daß er sich je zur Erfüllung praktischer Pflichten und zur Annahme häuslicher Gewohnheiten herbeilassen werde. Man hört nichts von ihm, als daß er sich müßig in fernen Landen mit wunderlichen Gefährten umhertreibt. Vielleicht kehrt er nie wieder nach England zurück«

»Er ist jetzt in England und zwar in London«, erwiderte Cecilia.

»Ist es möglich? Wer hat Dir das gesagt?« fragte Lady Glenalvon.

»Sein Vater«, entgegnete Cecilia, »der mit ihm hier ist. Sir Peter besuchte uns gestern und sprach 376 so freundlich mit mir.« Bei diesen Worten wandte sich Cecilia ab, um die Thränen zu verbergen, die ihr in die Augen getreten waren.

»Hat Dein Vater Sir Peter gesehen?« fragte Lady Glenalvon.

»Ja«, erwiderte Cecilia, »und ich glaube, es muß etwas zwischen ihnen vorgefallen sein, was meinen Vater veranlaßte, zum ersten Mal in meinem Leben fast streng mit mir zu sprechen.«

»Um Gordon Chillingly's Bewerbung zu befürworten?« schaltete Lady Glenalvon ein.

»Und mir zu befehlen, die Zurückweisung seines Antrags noch einmal zu überlegen. Es ist Gordon gelungen, meinen Vater ganz für sich einzunehmen.«

»Mich auch«, sagte Lady Glenalvon. »Natürlich könntest Du unter andern Bewerbern um Deine Hand einen viel vornehmeren und viel reicheren wählen, da Du aber diese andern Bewerber bereits zurückgewiesen hast, so geben Gordon's Verdienste ihm einen um so begründeteren Anspruch auf billige Berücksichtigung seiner Bewerbung. Er hat sich schon zu einer Stellung aufgeschwungen, welche bloßer Rang und bloßer Reichthum nicht verleihen können. Männer aller Parteien reden mit der größten Achtung von seinen parlamentarischen Talenten, die öffentliche Meinung 377 bezeichnet ihn bereits als einen Mann der Zukunft, einen künftigen Minister von hervorragender Bedeutung. Er ist jung, er sieht gut aus; sein Lebenswandel ist vorwurfsfrei, und doch sind seine Manieren so ganz frei von affectirter Strenge, so offen und so sympathisch! Jede Frau müßte sich in seiner Gesellschaft gefallen, und Du mit Deinem Verstande, Deiner Bildung, Du, die Du so ganz für eine hohe gesellschaftliche Stellung gemacht bist, Du könntest mehr als jede Andere stolz darauf sein, die Sorgen seiner Laufbahn und die Erfolge seines Ehrgeizes zu theilen.«

Cecilia preßte ihre Hände zusammen und rief: »Ich kann nicht, ich kann nicht! Das mag Alles wahr sein; ich weiß nichts gegen Herrn Gordon, aber meine ganze Natur widerstrebt der seinigen, und selbst wenn dem nicht so wäre –«

Sie hielt plötzlich inne, eine tiefe Röthe hatte ihr schönes Gesicht überflogen, um sofort einer tödtlichen Blässe zu weichen.

»Du hast also noch nicht einmal Deinen ersten Mädchentraum überwunden, hast den Undankbaren noch nicht vergessen?« sagte Lady Glenalvon, indem sie sie zärtlich küßte.

Cecilia ließ den Kopf auf die Brust ihrer Freundin sinken und flüsterte in flehendem Ton. »Sagen 378 Sie nichts gegen ihn, er ist so unglücklich gewesen. Wie innig muß er geliebt haben!«

»Aber er hat nicht Dich geliebt.«

»Hier in meinem Herzen sagt mir etwas, daß er mich noch lieben wird, und wenn nicht, so will ich mich damit begnügen, seine Freundin zu sein.« 379

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