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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Als Kenelm allein und mit gesenkten Blicken wieder durch den öden, blumenlosen Garten ging, fühlte er sich, an der Gartenpforte angelangt, am Arme leicht berührt. Er sah auf und erblickte Frau Cameron.

»Ich habe Sie von meinem Fenster aus ins Haus gehen sehen und habe hier auf Sie gewartet. Ich wünschte Sie allein zu sprechen. Erlauben Sie mir, Sie eine Strecke weit zu begleiten.«

Kenelm machte eine zustimmende Kopfbewegung, gab aber keine Antwort.

Als sie ungefähr in der Mitte des Weges zwischen Grasmere und dem Kirchhof angelangt waren, nahm Frau Cameron in einem von ihrer gewohnten matten Ruhe merkwürdig abstechenden, raschen, aufgeregten Ton wieder auf:

369 »Mir lastet etwas schwer auf dem Herzen, einen Gewissensbiß kann ich es nicht nennen. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Aber, Herr Chillingly, wenn ich geirrt, wenn ich falsch geurtheilt habe, sagen Sie, daß Sie wenigstens mir vergeben.« Sie ergriff seine Hand und drückte sie krampfhaft. Kenelm murmelte unhörbar etwas vor sich hin – die furchtbar schmerzliche Aufregung war bei ihm einer Art stumpfer Trauer gewichen. Frau Cameron fuhr fort: »Sie hätten Lily nicht heirathen können, Sie wissen, Sie hätten es nicht gekonnt. Das Geheimniß ihrer Geburt hätte ehrenhafter Weise vor Ihren Eltern nicht verborgen gehalten werden können. Sie hätten Ihrer Heirath nicht zustimmen können, und selbst wenn Sie ohne diese Zustimmung und trotz des Geheimnisses darauf beharrt hätten, selbst wenn sie die Ihrige geworden wäre –«

»Würde sie vielleicht jetzt noch leben«, rief Kenelm wild.

»Nein, nein; das Geheimniß hätte an den Tag kommen müssen, die grausame Welt würde es herausgefunden haben, es würde ihr zu Ohren gekommen sein und die Schande würde sie getödtet haben. Und wie verbittert würde dadurch ihr kurzes Leben gewesen sein! Jetzt ist sie ergeben und glücklich von dannen 370 gegangen. Aber ich bekenne, daß ich sie nicht verstand, nicht verstehen konnte, daß ich nicht ahnen konnte, was sie für Sie empfand. Ich glaubte, daß sie bei einer Einkehr in ihr eigenes Herz finden werde, daß die Liebe zu ihrem Vormunde ihre stärkste Neigung sei. Sie willigte anscheinend ohne Kampf ein, sein Weib zu werden, und sie schien ihn immer so gern zu haben, und wie hätte es anders sein können? Aber mir hatte der Schein getrogen. Von dem Augenblicke an, wo Sie sie zum letzten Male sahen, fing sie an hinzusiechen. Aber Walter reiste wenige Tage nach Ihnen ab und ich glaubte, sie traure wegen seiner Abwesenheit. Sie gestand mir erst, daß es Ihre Abwesenheit sei, die sie betraure, als es zu spät war, zu spät – grade als mein betrübter Brief ihn zurückgerufen hatte, drei Tage vor ihrem Tode. Hätte ich das früher gewußt, als noch Hoffnung für ihre Wiederherstellung vorhanden war, ich hätte Ihnen schreiben müssen, wenn auch die Hindernisse, die Ihrer Verbindung mit ihr im Wege waren, fortbestanden. O ich flehe Sie abermals an, sagen Sie mir, daß, wenn ich geirrt habe, Sie mir vergeben. Sie hat mir unter zärtlichen Küssen vergeben. Wollen Sie es nicht auch thun? Es würde ihr Wunsch gewesen sein.«

»Ihr Wunsch? Glauben Sie, daß ich den 371 unerfüllt lassen könnte? Ich weiß nicht, ob ich irgend etwas zu vergeben habe. Wenn aber, wie sollte ich nicht Ihnen, die sie geliebt hat, vergeben? Gott tröste uns beide!«

Er neigte sich und küßte Frau Cameron auf die Stirn. Die arme Frau schlang ihren Arm in dankbarer Zärtlichkeit um ihn und brach in Thränen aus.

Als sie sich von ihrer Aufregung wieder erholt hatte, sagte sie:

»Und nun kann ich mit so viel leichterem Herzen ihren Auftrag an Sie ausrichten. Aber bevor ich Ihnen diese Zeilen übergebe, können Sie mir etwas versprechen? Sagen Sie Melville nie, wie sehr sie Sie geliebt hat. Sie war so ängstlich darauf bedacht, es ihn nie ahnen zu lassen. Und wenn er wüßte, daß es der Gedanke an eine Verbindung mit ihm war, der sie tödtete, er würde nie wieder froh werden können.«

»Sie würden es nicht nöthig finden, mir ein solches Versprechen abzufordern, wenn Sie ahnen könnten, wie mir das Geheimniß, das Sie mir anvertraut haben, heiliger ist als Alles auf der Welt. Durch dieses Geheimniß verwandelt sich ihr Grab für mich in einen Altar. Unsere Hochzeit ist jetzt nur eine Weile verschoben.«

372 Frau Cameron überreichte Kenelm einen Brief und eilte, nachdem sie leise schluchzend vor sich hingeflüstert hatte: »Sie gab ihn mir am Tage vor ihrem Tode«, mit raschen schwankenden Schritten nach ihrem Hause zurück. Sie verstand ihn jetzt endlich zu gut, um nicht zu fühlen, daß er beim Lesen dieses Briefes allein mit der Todten sein müsse.

Es ist sonderbar, daß wir so wenig von unserm gegenseitigen Thun und Treiben zu wissen brauchen, um einander zu lieben. Noch nie hatten Kenelm's Augen auf Lily's Schriftzügen geruht und er betrachtete jetzt die förmliche Adresse auf dem Couvert mit einer Art ehrfurchtsvoller Scheu. Eine aus einer unbekannten Welt an ihn gelangende Handschrift – eine zarte, zitternde Hand, die Handschrift nicht eines Erwachsenen, aber auch nicht die eines Kindes, dem man ein langes Leben hätte versprechen mögen.

Er bewegte das Couvert zwischen den Fingern hin und her, nicht ungeduldig, wie es der Liebende thut, dessen Herz bei dem Ton der nahenden Fußtritte höher schlägt, sondern zögernd, schüchtern. Er konnte sich nicht entschließen, den Brief zu erbrechen.

Er war dem Kirchhofe so nahe. Wo konnte er wohl den ersten, je von ihr empfangenen Brief, den einzigen, den er überhaupt von ihr empfangen konnte, 373 ehrfurchtsvoller und mit liebenderem Herzen lesen als an ihrem Grabe!

Er ging nach dem Kirchhof, setzte sich auf das Grab und erbrach den Brief; ein einfacher kleiner Ring mit einem bescheidenen kleinen Türkis fiel heraus und blieb zu seinen Füßen liegen. Der Brief enthielt nur die folgenden Worte:

»Hier erhalten Sie Ihren Ring zurück. Ich konnte es nicht ertragen, einen Andern zu heirathen. Ich wußte nicht, wie sehr ich Sie liebte, bis – bis ich zu beten anfing, Sie möchten mich nicht zu sehr lieben. Theurer, geliebter Mann, leben Sie wohl!

Lily.

Lassen Sie Löwe diese Zeilen nie sehen und nie erfahren, was ich Ihnen darin gesagt habe. Er ist so gut und verdient es so sehr, glücklich zu sein. Erinnern Sie sich des Tages, an welchem Sie mir den Ring gaben? O mein Geliebter!«

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