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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Fast anderthalb Jahre waren verflossen. Zwei Fremde hatten sich auf einem der Berge, welche die Höhen von Pausilippo durchziehen, gelagert; der eine saß, der andere lag ausgestreckt im Grase. Vor ihnen lag das stille, sonnenbeschienene Meer, dessen spiegelglatte Flut kein Windhauch kräuselte, zur Linken gewährten offene Stellen im Gebüsch einen Blick in die Ferne auf die öffentlichen Gärten und die weiße Chiaja. Es waren zwei Freunde, die sich unerwarteterweise im Ausland getroffen, sich vereinigt hatten und viele Monate, namentlich im Orient, gereist waren. Sie waren erst seit wenigen Tagen in Neapel. Der ältere hatte wichtige Geschäfte in England, welche ihn längst dahin hätten zurückführen müssen; aber er ließ es seinen Freund nicht wissen. Seine Geschäfte schienen ihm weniger wichtig 336 als seine Pflichten gegen einen Freund, mit welchem jene tiefe und edle Liebe ihn verband, die stärker ist als Bruderliebe, denn mit brüderlicher Liebe vereinigt sich bei ihr Dankbarkeit und Ehrfurcht. Er wußte auch, daß sein Freund von einem geheimen Kummer bedrückt sei, dessen Ursache er errieth, ohne daß der andere sie ihm mitgetheilt hätte.

Einen ihm so theuren Manne mit seinem Kummer in fremden Landen allein zu lassen, war ein Gedanke, den ein so zärtlicher Freund nicht zu fassen vermochte; denn die Freundschaft dieses Mannes hatte jene Art von Zärtlichkeit, welche einer durchaus männlichen Natur einen Anflug von Weiblichkeit verleiht.

Es war Winter, aber der Tag war unter dem südlichen Himmel Neapels mild wie ein nordischer Spätsommertag. Die Sonne stand schon tief im Westen und sammelte an dem azurblauen, sonst wolkenlosen Himmel bereits rosige und purpurne Lämmerwölkchen um sich. Beide hatten eine Zeit lang geschwiegen; endlich sagte der im Grase liegende jüngere Mann plötzlich und ohne daß der Inhalt seiner Aeußerung durch irgend etwas Vorhergehendes vorbereitet gewesen wäre: »Legen Sie Ihre Hand aufs Herz, Tom, und antworten Sie mir aufrichtig. Sind Ihre Gedanken so frei von schmerzlichen Empfindungen, 337 wie der Himmel über uns frei von Wolken ist? Der Mensch sammelt schmerzliche Empfindungen aus Thränen, die zu fließen aufgehört haben, wie der Himmel aus dem Regen, der zu fallen aufgehört hat, Wolken sammelt.«

»Schmerzliche Empfindungen? O, Sie meinen wegen des Mädchens, das ich einst bis zur Raserei liebte! Nein; darüber habe ich mich vor vielen, vielen Monaten, als ich Ihr Gast in Moleswick war, deutlich gegen Sie ausgesprochen.«

»Ja, aber ich habe seitdem nie wieder mit Ihnen über diese Sache gesprochen. Ich wagte es nicht. Es scheint mir so natürlich, daß ein Mann in dem ersten Kampfe zwischen Liebe und Vernunft sagt: Die Vernunft soll siegen und hat gesiegt, und doch im Laufe der Zeit empfindet, daß Eroberer, welche den Aufruhr nicht niederzuhalten vermögen, sich in ihrer Herrschaft sehr unbehaglich fühlen. Antworten Sie mir nicht, wie in Moleswick während des ersten Kampfes, sondern wie Sie jetzt in den Tagen, wo die Reaction des Kampfes sich geltend zu machen pflegt, empfinden.«

»Auf mein Ehrenwort«, antwortete der Freund, »ich bin mir durchaus keiner solchen Reaction bewußt. Ich war vollkommen geheilt, nachdem ich Jessie ein einziges Mal als das Weib eines andern Mannes, 338 als die Mutter seines Kindes, glücklich in ihrer Ehe und, gleichviel, ob sie verändert war oder nicht, sehr anders wiedergefunden hatte, als ich mir die Frau denke, die ich jetzt, wo ich kein Dorfschmied mehr bin, heirathen möchte.«

»Und ich erinnere mich, daß Sie von einem andern Mädchen sprachen, das Sie jetzt heirathen möchten. Sie sind nun lange von ihr entfernt gewesen. Denken Sie noch an sie, noch an sie als Ihr künftiges Weib? Können Sie sie lieben? Können Sie, der Sie einst so treu geliebt haben, wieder lieben?«

»Ganz gewiß. Ich liebe Emily jetzt mehr, als da ich England verließ. Wir correspondiren. Sie schreibt so hübsche Briefe.« Tom zögerte, erröthete und fuhr dann schüchtern fort: »Ich möchte Ihnen wohl einen ihrer Briefe zeigen.«

»Thun Sie das.«

Tom zog ihren letzten Brief aus der Brusttasche.

Kenelm richtete sich im Grase auf, nahm den Brief und las langsam und aufmerksam, während Tom vergebens danach spähte, ob nicht ein zustimmendes Lächeln das schöne, dunkle, melancholische Gesicht erhellen möchte.

Der Brief war der Art, daß ein Verliebter ihn wohl mit einigem Stolz seinem Freunde zeigen mochte; 339 es war der Brief einer wohlerzogenen, wohlunterrichteten Dame, die ihre Neigung, aber auch ihre Intelligenz im bescheidenen Maße zu erkennen gab, ein Brief, an welchem eine Mutter, welche ihre Tochter liebt und mit deren Wahl zufrieden ist, nichts auszusetzen gehabt haben würde.

Als Kenelm den Brief zurückgab, begegneten seine Blicke denen seines Freundes, in dessen Augen sich ein lebhaftes, ungeduldiges Verlangen nach Lob malte. Kenelm machte sich innerlich bittere Vorwürfe wegen jener schlimmsten Sünde in der Freundschaft, dem Mangel an Sympathie, und dieses unbehagliche Gefühl drängte ihm Glückwünsche auf die Lippen, welche vielleicht nicht ganz aufrichtig waren, den Liebhaber aber vollkommen befriedigten. Indem er so sprach, stand Kenelm auf, schlang seinen Arm um den Nacken seines Freundes und sagte: »Sind Sie des Aufenthalts hier nicht überdrüssig, Tom? Ich bin es. Lassen Sie uns morgen wieder nach England reisen.« Tom's ehrliches Gesicht strahlte. »Wie egoistisch bin ich gewesen«, fuhr Kenelm fort. »Ich hätte mehr an Sie, an Ihre Laufbahn, an Ihre Heirath denken sollen, verzeihen Sie mir.«

»Ihnen verzeihen, verzeihen! Verdanke ich Ihnen nicht Alles, verdanke ich Ihnen nicht auch Emily? 340 Wenn Sie nicht nach Graveleigh gekommen wären, wenn Sie nicht zu mir gesagt hätten: Sei mein Freund, was wäre wohl aus mir geworden? Was – was?«

Am nächsten Tage reisten die beiden Freunde von Neapel nach England, ohne sich unterwegs viel mit einander zu unterhalten. Der alte gesprächige, grillenhafte Humor Kenelm's war von ihm gewichen. Einen langweiligeren Gefährten, als er es geworden war, kann man sich nicht vorstellen. Er hätte den Helden des Erstlingsromans einer jungen Dame abgeben können.

Erst als sie in London von einander Abschied nahmen, gab Kenelm mehr Energie des Wollens und mehr Aufregung zu erkennen als einer seiner Wappenweißfische, die von dem Grunde eines unbewegten Teiches zur Oberfläche auf und wieder auf den Grund hinabsteigen.

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, Tom, so bewerkstelligte sich die ganze Veränderung Ihrer Gefühle, diese Heilung von quälender Sehnsucht dauernd und so, daß Ihr Herz für thätiges Handeln und den Genuß einer friedlichen Häuslichkeit frei wurde, an jenem Abend, wo Sie sie, deren Gesicht Sie bis dahin verfolgt hatte, als die glückliche Frau eines andern 341 Mannes wiedersahen. Entweder muß da ihr Gesicht verändert gewesen sein oder Ihr Herz sich verändert haben.«

»Ganz wahr. Ich würde es vielleicht anders ausdrücken, aber die Thatsache bleibt dieselbe.«

»Gott segne Sie, Tom, segne Sie in Ihrem Fortkommen und in Ihrer Häuslichkeit«, sagte Kenelm, seinem Freunde an der Thür des Wagens die Hand drückend, welcher den weiland Dorfbramarbas zu Liebe, Reichthum und angesehener Stellung auf jenen Eisenschienen führen sollte, welche, jetzt die prosaischste Realität, einst für die wildeste Phantasie eines Dichters eine zu kühne Vorstellung gewesen wäre. 342

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