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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

So würde also Kenelm Chillingly, wenn er nicht damals unter dem Balkon in Luscombe jene allzubeflissene Warnung ausgesprochen hätte, vielleicht niemals Walter Melville zum Nebenbuhler bekommen haben. Aber man würde sich eine falsche Vorstellung von Kenelm's Charakter machen, wollte man annehmen, daß ein solcher Gedanke die Bitterkeit seines Kummers vermehrt hätte, für ihn konnte nichts Kummervolles in dem Gedanken liegen, daß er eine große Seele vor einer großen Sünde bewahrt habe.

Der gute Mensch thut Gutes schon, indem er existirt, und das Gute, das er thut, kann oft seine für sein eigenes Glück gefaßten Pläne vereiteln, aber er 332 wird es nie bedauern können, daß der Himmel ihm gestattet hat, Gutes zu thun.

Was Kenelm empfand, wird sich vielleicht am besten aus seinem hier folgenden Briefe an Sir Peter ersehen lassen:

»Theuerster Vater!

Nie werde ich vergessen, mit welchen zärtlichen Wünschen für mein Glück, unter Hintansetzung aller weltlichen Rücksichten und aller Deiner Lieblingspläne für Deinen Erben, Du mich aus Deinem Hause entließest. Deine Worte klangen mir in den Ohren wie der Schall von Freudenglocken: ›Wähle, wie Du willst, und sei meines Segens gewiß; mein Herz hat noch Platz für ein zweites Kind, Dein Weib soll meine Tochter sein.‹ Es ist mir ein unaussprechlicher Trost, mir jetzt diese Worte ins Gedächtniß rufen zu können. Von allen menschlichen Gefühlen ist Dankbarkeit gewiß das heiligste, und dieses Gefühl erhält noch eine religiöse Weihe, wenn es Dankbarkeit gegen einen Vater ist. Gräme Dich daher nicht zu sehr meinetwegen, wenn ich Dir sage, daß die Hoffnungen, die mich beseligten, als wir von einander Abschied nahmen, nicht in Erfüllung gehen sollen. Ihre Hand ist einem Andern bestimmt, einem Andern, gegen dessen Ansprüche die meinigen nicht aufkommen können; auch verdient 333 er, abgesehen von Geburt und Vermögen, in jeder Beziehung den Vorzug vor mir. Dieser Gedanke, ich meine den Gedanken, daß der Mann, den sie gewählt hat, ihrer würdiger ist als ich und daß sie in seinem Glück das ihrige finden wird, wird mir Trost verleihen, sobald ich die erste, die Alles überwiegende Regung der Selbstsucht, welche dem Gefühl eines unerwarteten und unersetzlichen Verlustes zu folgen pflegt, niedergekämpft haben werde. Inzwischen wirst Du es nicht unnatürlich finden, daß ich die Hülfe suche, welche ein Wechsel des Orts für einen Wechsel der Stimmung bieten kann. Ich reise heute Abend ab und zwar direct nach Venedig, das ich noch nicht kenne. Ich fühle mich unwiderstehlich angezogen von den stillen Kanälen und den darauf hingleitenden Gondeln. Ich werde Dir und Mama am Tage meiner Ankunft schreiben. Und ich hoffe zuversichtlich, daß ich heiter über Alles, was ich gesehen habe, werde berichten können. Aber, liebster Vater, berühre in Deinen Briefen mit keiner Silbe den Kummer, den selbst Deine zärtlichsten Worte nur zu einem noch empfindlicheren Schmerz machen würden. Am Ende ist doch eine unglückliche Liebe ein sehr gewöhnliches Loos. Und wir begegnen alle Tage Männern und Frauen, welchen dieses Loos beschieden war und die doch völlig geheilt sind. Der 334 männlichste unserer modernen Dichter hat das sehr edle und ohne Zweifel richtige Wort gesprochen: ›Ertragen heißt uns zum Herrn unseres Schicksals machen.‹

Dein Dich liebender Sohn

K. E.« 335

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