Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Obgleich Kenelm es nicht für nothwendig hielt, seinen Eltern und Londoner Bekannten seine letzten Bewegungen und seinen gegenwärtigen Ruheaufenthalt mitzutheilen, kam es ihm doch nicht in den Sinn, in der unmittelbaren Nähe von Lily's Hause auf der Lauer zu liegen und Gelegenheiten zu suchen, sie heimlich zu treffen. Er ging am nächsten Morgen zu Frau Braefield, fand sie zu Hause und sagte in einem etwas suffisanteren Ton, als er ihm sonst eigen war: »Ich habe in Ihrer Nähe am Ufer des Flusses, um Forellen zu fangen, eine Wohnung gemiethet. Sie werden mir erlauben, Sie bisweilen zu besuchen, und nächstens werden Sie mir hoffentlich das Diner geben, das ich vor einigen Tagen so unhöflich abgelehnt habe. Ich 13 wurde damals sehr gegen meinen Willen plötzlich abgerufen.«

»Ja, mein Mann hat mir erzählt, daß Sie plötzlich mit einem wilden Ausruf über Pflicht von ihm wegliefen.«

»Ganz richtig. Meine Vernunft und, ich kann wohl sagen, mein Gewissen waren durch eine mir äußerst wichtige und ganz neue Angelegenheit in Verwirrung gebracht. Ich ging nach Oxford, dem Orte, wo Fragen der Vernunft und des Gewissens gründlicher als irgendwo anders in Erwägung gezogen und vielleicht am wenigsten befriedigend gelöst werden. Als ich mein Gemüth durch einen Besuch bei einer der größten Zierden dieser Universität erleichtert hatte, glaubte ich mir einige Sommerferien gönnen zu dürfen, und da bin ich!«

»O ich verstehe, Sie hatten religiöse Skrupel, dachten vielleicht daran, katholisch zu werden. Ich hoffe, Sie werden das nicht thun?«

»Meine Skrupel waren nicht von der Art, daß man sie nothwendig religiös nennen müßte. Auch die Heiden nährten sie.«

»Worin sie auch bestanden haben mögen, jedenfalls sehe ich mit Vergnügen, daß sie Sie nicht verhindert haben, zu uns zurückzukehren«, sagte Frau 14 Braefield mit anmuthiger Freundlichkeit. »Aber wo haben Sie eine Wohnung gefunden? Warum sind Sie nicht zu uns gekommen? Mein Mann würde sich kaum weniger gefreut haben als ich, Sie bei uns aufzunehmen.«

»Sie sagen das so aufrichtig und herzlich, daß ein kurzes ›Ich danke Ihnen‹ als eine steife und herzlose Antwort erscheinen würde. Aber es gibt Zeiten im Leben, wo man sich danach sehnt, allein zu sein, mit seinem eigenen Herzen zu verkehren und sich womöglich ruhig zu verhalten; ich bin eben in einer solchen Stimmung. Haben Sie Nachsicht mit mir.«

Frau Braefield sah ihn mit freundlich zärtlichem Interesse an. Auch sie hatte ihrer Zeit die Last einer jungen romantischen Liebe in der Einsamkeit getragen. Sie erinnerte sich ihrer träumerischen und ihr so gefährlichen Mädchenjahre, wo auch sie sich danach gesehnt hatte, allein zu sein.«

»Mit Ihnen Nachsicht haben? Als ob es dessen bedürfte! Ich wollte, Herr Chillingly, ich wäre Ihre Schwester und Sie vertrauten sich mir an. Etwas quält Sie.«

»Quält mich? Nein. Ich trage mich mit glücklichen Gedanken, und wenn sie mich auch bisweilen verwirren mögen, so quälen sie mich doch nicht.«

15 Kenelm sagte das in einem sehr milden Ton, und in dem warmen Ausdruck seiner sinnenden Augen, dem anmuthigen Spiel seines ruhigen Lächelns lag etwas, das seine Worte nicht Lügen strafte.

»Sie haben mir noch nicht gesagt, wo Sie eine Wohnung gefunden haben«, sagte Frau Braefield etwas abrupt.

»Nicht?« erwiderte Kenelm, indem er unwillkürlich zusammenfuhr, wie wenn er plötzlich aus einer tiefen Träumerei aufgerüttelt würde. »Ich wohne, glaube ich, bei einem recht distinguirten Mann, denn als ich ihn diesen Morgen nach der genauen Adresse seines Hauses fragte, um mein weniges Gepäck hinbringen zu lassen, gab er mir seine Karte mit einer großartigen Miene und sagte: ›Ich bin ziemlich bekannt in Moleswick und Umgegend.‹ Ich habe seine Karte noch nicht angesehen. Ah, da habe ich sie! Algernon Sidney Gale Jones, Cromwell-Lodge. Sie lachen? Was wissen Sie von ihm?«

»Ich wollte, mein Mann wäre hier, der würde Ihnen mehr von ihm erzählen können. Herr Jones ist eine ganz originelle Persönlichkeit.«

»Das merke ich.«

»Ein großer Radicaler und ein sehr geschwätziger Kannegießer; aber unser Pfarrer, Herr Emlyn, sagt, 16 er sei im Grunde ein harmloser Mensch, sein Bellen sei schlimmer als sein Beißen, und seine republikanischen oder radicalen Ideen kämen auf Rechnung seines Gevatters! Zu seinem Namen Jones erhielt er in der Taufe unglücklicherweise den Namen Gale, weil Gale Jones ein zur Zeit seiner Geburt bekannter radicaler Redner war. Und ich denke mir, die Namen Algernon Sidney wurden dem Namen Gale noch vorangestellt, um den Neugeborenen noch entschiedener dem Dienste republikanischer Principien zu weihen.«

»Sehr natürlich taufte daher Algernon Sidney Gale Jones sein Haus Cromwell-Lodge, in Betracht, daß Algernon Sidney einen besondern Abscheu vor dem Protectorat hegte und daß der originale Gale Jones, wenn er ein ehrlicher Radicaler war, im Hinblick auf die unsanfte Behandlung, welche den Fürsprechern parlamentarischer Reformen von Seiten seiner Hoheit widerfuhr, denselben Abscheu hegen mußte. Aber wir müssen nachsichtig gegen Leute sein, welche zu ihrem Unglück getauft worden sind, ehe sie eine Wahl in Betreff der Namen treffen konnten, welche bestimmend für ihr Schicksal werden sollten. Ich selbst würde weniger grillenhaft geworden sein, wäre ich nicht nach einem Kenelm genannt worden, der an sympathetische Pulver glaubte. Abgesehen von 17 seinen politischen Doctrinen gefällt mir mein Hauswirth, er hält seine Frau vortrefflich in Ordnung. Sie scheint bei dem Klang ihrer eigenen Fußtritte zu erschrecken und schleicht, ein bleiches Bild demüthiger Weiblichkeit, in Pantoffeln aus Tuchflecken durchs Haus.«

»Sicherlich eine große Empfehlung und Cromwell-Lodge liegt sehr hübsch. Beiläufig, es liegt sehr in der Nähe von Frau Cameron's Haus.«

»Ja, es ist wahr, es fällt mir jetzt ein, daß Sie Recht haben«, sagte Kenelm in einem ganz unschuldigen Ton.

O mein lieber Kenelm, du Feind alles Scheins, du Wahrheitsfreund par excellence, wohin ist es mit dir gekommen! Wie sind die Mächtigen gesunken!

»Wenn Sie bei uns essen wollen, lassen Sie uns für übermorgen verabreden, und ich will Frau Cameron und Lily einladen.«

»Uebermorgen – mit dem größten Vergnügen.«

»Paßt Ihnen eine frühe Zeit?«

»Je früher, desto besser.«

»Ist sechs Uhr zu früh?«

»Zu früh? Gewiß nicht, im Gegentheil. Leben Sie wohl, ich muß jetzt zu Frau Somers, sie hat meinen Koffer in Gewahrsam.«

Mit diesen Worten stand Kenelm auf.

18 »Das liebe Kind, die arme Lily«, sagte Frau Braefield, »ich wollte, sie wäre weniger Kind.«

Kenelm setzte sich wieder.

»Ist sie ein Kind? So kommt sie mir nicht vor.«

»Nicht an Jahren, sie ist zwischen siebzehn und achtzehn; aber mein Mann sagt, sie sei zu kindisch, und bittet mich immer, sie ihm abzunehmen; er unterhält sich lieber mit Frau Cameron.«

»So?«

»Ich finde aber doch etwas an ihr.«

»Wirklich?«

»Ich finde sie nicht grade kindisch und auch nicht ganz wie ein erwachsenes Mädchen.«

»Wie denn?«

»Ich kann es nicht recht definiren. Aber wissen Sie, welchen Lieblingsbeinamen Herr Melville und Frau Cameron ihr geben?«

»Nein.«

»Fee! Feen haben kein Alter; eine Fee ist weder ein Kind noch erwachsen.«

»Fee! Wird sie Fee von denen genannt, die sie am besten kennen? Fee!«

»Und sie glaubt an Feen.«

»So? Ich auch. Verzeihen Sie, ich muß fort. Auf übermorgen also um sechs Uhr.«

19 »Warten Sie einen Augenblick«, sagte Elsie, an ihren Schreibtisch tretend. »Sie kommen auf Ihrem Rückwege bei Grasmere vorüber, wollen Sie die Freundlichkeit haben, dieses Billet abzugeben?«

»Ich meinte, Grasmere sein ein im Norden gelegener See?«

»Ja, aber Herr Melville hat dem Landhause den Namen des Sees gegeben. Ich glaube, das erste Bild, das er je verkauft hat, war eine Ansicht von dem am See gelegenen Wordsworth-House. In dem Billet lade ich Frau Cameron ein, mit Ihnen bei uns zu essen; wenn Sie aber meine Botschaft nicht übernehmen wollen –«

»Nicht übernehmen wollen! Liebe Frau Braefield, ich komme ja, wie Sie sagen, dicht an dem Landhause vorüber.« 20

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.