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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Kenelm übernachtete in London und beschloß am nächsten Tage, da es außerordentlich schönes Wetter war, zu Fuß nach Moleswick zu gehen. Er hatte diesmal nicht nöthig, sich mit einem Ränzel zu beschweren; er hatte eine hinreichende Garderobe in Cromwell-Lodge zurückgelassen.

Gegen Abend langte er in einem der hübschesten Dörfer an, bei welchem

Die weiße Themse fließt dahin,
Ihr Weg sich silbern windet.

Es lag nicht an der graden Straße von London nach Moleswick, aber es war ein angenehmer Weg für einen Fußgänger. Und als er die lange heiße, durch das Dorf führende Straße passirt hatte und an das sich sanft dem Wasser zuneigende Ufer gelangte, 268 war er froh, eine Weile auszuruhen, sich der Kühle der plätschernden Fluten zu erfreuen und ihrem sanften Gemurmel in dem Schilfe zuzuhören. Er hatte noch reichlich Zeit. Seine von Cromwell-Lodge aus gemachten Streifereien hatten ihn mit der Gegend um Moleswick auf Meilen hin vertraut gemacht und er wußte, daß ein Fußsteig durch die Felder zur Rechten ihn in weniger als einer Stunde an das Ufer des Nebenflüßchens bringen würde, an welchem Cromwell-Lodge der hölzernen Brücke gegenüber lag, welche nach Grasmere und Moleswick führte.

Für einen, der Sinn für die Romantik der englischen Geschichte hat, ist die Themse in ihrem ganzen Lauf voll Reiz. O könnte ich zu den Tagen zurückkehren, in welchen jüngere Generationen denn die Kenelm Chillinglys noch ungeboren waren, als jede Welle des Rheins mir von Geschichte und Romantik erzählte, welche Feen sollten sich an deinen Ufern begegnen, o du, unsere heimische Themse! Vielleicht wird eines Tages ein deutscher Pilger dir den Tribut, den der englische Vetter dem Vater Rhein gezollt hat, zehnfach zurückbezahlen.

Als Kenelm dem Rauschen des Schilfes zuhörte, war es ihm, als flüsterte ihm der Geist des Stromes seine Legenden zu. Mancher poetische Vorfall und 269 manche Ueberlieferung aus alten Chroniken, mancher geweihte Vers aus Gesängen, welche unsern Voreltern theuer waren, drängten sich nebelhaft und verwirrt seinem Gedächtnisse zu, welches wenig darauf bedacht gewesen, solch anmuthigen Schmuck mit liebendem Gemüthe zu hegen. Aber Alles, was sich von Kindheit an in uns mit Romantik verknüpft hat, lebt mit frischerer Blüte in dem Gedächtniß dessen wieder auf, der liebt.

Und bei diesem Mann, der in der ersten gefährlichen Jugendzeit vor den gewöhnlichsten Jugendgefahren so merkwürdig bewahrt geblieben war, bei diesem beflissenen Schüler des Realismus, diesem gelehrten Adepten aus der Schule eines Welby und eines Mivers, bei diesem Manne hatte sich die Liebe endlich wie mit der verhängnißvollen Macht der Göttin Cytheras eingestellt, und mit dem Eintritt dieser Liebe wurden ihm alle Realismen des Lebens Ideale, verwandelten sich alle die strengen Linien unseres täglichen Lebenslooses in Wellenlinien der Schönheit, stimmten sich alle die gewöhnlichen Töne unseres täglichen Lebens in zarte Melodien um. Wie voll von hochfliegender, aber noch träumerischer Seligkeit war sein Herz und schien seine Zukunft in dem sanften Hauch und der gedämpften Glut jenes Sommerabends! Am nächsten 270 Morgen sollte er Lily wiedersehen und sein Mund durfte nun Alles offen aussprechen, was er bis jetzt noch zurückgehalten hatte.

Plötzlich wurde er aus der halb wachen, halb träumenden Glückseligkeit, die wir in den Momenten empfinden, wo wir uns ins Elysium versetzt glauben, durch den Gesang einer Stimme aufgeschreckt, die sich mit lauterem Jubel vernehmen ließ als die Stimme seines eigenen Herzens.

»Mit Gesang, mit Gesang, mit lustigem Gesang
Zum Walde heraus, die Hunde voran,
Trabt der Ritter von Nierenstein.«

Kenelm drehte den Kopf so rasch um, daß Max, der schon etwa eine Minute lang mit erhobener Pfote und unsicher schnüffelnd, ob er einen alten Bekannten wiedergefunden habe, hinter ihm gestanden hatte, heftig erschrak und laut bellend zu seinem Herrn zurücklief.

Der Troubadour achtete der am Ufer ausgestreckten Gestalt wenig und würde leichten Schrittes und lustig singend weiter marschirt sein, wenn nicht Kenelm aufgesprungen wäre und die Hand ausstreckend gesagt hätte: »Ich hoffe, Sie sind nicht auch wie Max erschrocken, mich wiederzusehen?«

»O sieh da, mein junger Philosoph; sind Sie es wirklich?«

271 »Wenn ich als Philosoph bezeichnet werden soll, so bin ich es nicht. Und aufrichtig gesagt bin ich nicht mehr derselbe, der vor zwei Jahren den angenehmen Tag in den Feldern bei Luscombe mit Ihnen zubrachte.«

»Oder der Sie mir in Tor-Hadham riethen, meine Leier zum Lobe eines Beefsteaks zu stimmen. Ich bin auch nicht mehr derselbe, dessen Hund Sie mit einem zinnernen Teller anbettelte.«

»Aber Sie durchwandern doch immer noch singend die Welt?«

»Selbst diese Zeit des singenden Umherwanderns ist so ziemlich vorüber. Aber ich habe Sie in Ihrer Ruhe gestört. Wenn Sie erlauben, ruhe ich mit Ihnen aus. Sie gehen wahrscheinlich nicht meinen Weg, und da ich keine Eile habe, möchte ich nicht gern die glückliche Gelegenheit versäumen, die der Zufall mir bietet, die Bekanntschaft mit Jemand zu erneuern, mit dem ich mich oft in Gedanken beschäftigt habe, seitdem wir uns zuletzt getroffen haben.«

Mit diesen Worten lagerte sich der Troubadour behaglich am Ufer und Kenelm folgte seinem Beispiel.

Offenbar war eine Veränderung mit dem Troubadour vorgegangen, eine Veränderung in der Toilette, in der Haltung, in jener unbeschreiblichen Selbstbewußtheit, die 272 wir Benehmen nennen. Die Toilette war weder jener Zigeuneranzug, in welchem Kenelm zuerst dem wandelnden Troubadour begegnet war, noch die sorgfältigere hübsche Kleidung, welche er während seines Besuches in Luscombe getragen und welche seiner schönen Gestalt so gut gestanden hatte. Jetzt trug er einen zierlich einfachen, kühlen Sommeranzug. Und als er jetzt seinen Hut abnahm, um sich von der kühlen Luft anwehen zu lassen, frappirte Kenelm eine ernstere Würde in dem Rubens ähnlichen Gesicht des Mannes, ein Ausdruck tiefern Denkens auf der hohen Stirn, und in den dicken kastanienbraunen Locken des Haupthaares und Bartes fand sich hier und da ein graues Haar. In seinem noch immer sehr offenen Benehmen lag doch eine Nüance von nicht verletzender, aber männlicher Selbstzuversicht, wie sie einem Mann von reiferen Jahren und von einer gewissen Stellung im Leben einem viel jüngern Manne gegenüber, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach außer der ihm durch den Zufall der Geburt angewiesenen noch gar keine Stellung erlangt hat, wohl ansteht.

»Ja«, sagte der Troubadour mit einem halbunterdrückten Seufzer, »das letzte Jahr meiner Wanderferien geht zu Ende. Ich erinnere mich, daß ich Ihnen an jenem Tage, wo wir uns zuerst bei dem Brunnen 273 an der Landstraße trafen, rieth, es mir nachzuthun und auf Fußreisen Vergnügen und Abenteuer zu suchen. Jetzt, wo ich Sie, der Sie offenbar nach Geburt und Erziehung ein Gentleman sind, noch immer als Fußreisenden finde, ist mir, als müßte ich zu Ihnen sagen: Lassen Sie sich an Ihren bisherigen Erfahrungen genügen; das Vagabundenleben hat seine Reize, aber auch seine Gefahren; stellen Sie es ein und fangen Sie ein stetiges Leben an.«

»Das denke ich zu thun«, erwiderte Kenelm lakonisch.

»In einem bestimmten Beruf? Als Militär, als Advocat, als Arzt?«

»Nein.«

»Ah, in der Ehe also. Das ist recht. Geben Sie mir Ihre Hand. So hat also ein Frauenkleid doch endlich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im wirklichen Leben seinen Zauber auf Sie geübt.«

»Ich schließe«, sagte Kenelm ohne von dieser scherzhaften Anspielung Notiz zu nehmen, »aus Ihrer Bemerkung, daß Sie im Begriff stehen, ein stetiges Leben in der Ehe zu beginnen.«

»Ja, hätte ich das früher thun können, so würde mich das vor vielen Irrthümern bewahrt haben und ich würde mich viel früher dem Ziele genähert haben, 274 welches mein Auge durch den Nebel meiner jugendlichen Träume hindurch blendete.«

»Was ist das für ein Ziel? Das Grab?«

»Das Grab? Nein. Das, was kein Grab kennt – der Ruhm.«

»Ich sehe, daß Sie ungeachtet dessen, was Sie vorhin sagten, noch immer die Welt zu durchziehen denken, um den Ruhm eines Dichters zu suchen.«

»Ach nein! Ich verzichte auf diesen Traum«, sagte der Troubadour wieder leicht seufzend. »Es war nicht ausschließlich, aber zum großen Theil die Hoffnung auf den Dichterruhm, die mich zu einem Faulenzer in dem Streben nach dem machte, was das Schicksal und die geringen, mir von der Natur verliehenen Gaben mir als mein eigentliches und einziges Ziel bestimmt hatten. Aber welch ein sonderbares täuschendes Irrlicht ist doch die Liebe zum Versemachen! Wie selten täuscht sich ein verständiger Mensch in Betreff seiner Begabung für andere Dinge; aber wenn er einmal den Reiz des Versemachens gekostet hat, nimmt alsbald dieser Zauber seinen Verstand gefangen, und wie lange dauert es, bis er sich überzeugt, daß die Welt ihm nicht aufs Wort glaubt, wenn er Sonne, Mond und Sterne zu Zeugen anruft, daß auch er ein Poet sei. Unter welchen Todeskämpfen, als ob sich die Seele 275 vom Leibe losreißen sollte, ergibt er sich endlich in die Ueberzeugung, daß es im Grunde auf dasselbe hinauskomme, ob er oder ob die Welt Recht habe. Wer kann seine Sache vor einem Gerichtshof vertreten, der ihn nicht anhören will?«

Der Troubadour hatte diese Worte in so leidenschaftlicher und offenbar schmerzlicher Aufregung gesprochen, daß Kenelm vermöge seiner sympathischen Theilnahme zu Muthe war, als ob sich seine eigene Seele von ihm loszureißen ringe. Aber Kenelm war ein so excentrischer Sterblicher, daß, wenn das acute Leiden eines sterblichen Mitmenschen ihm faßbar vor die Sinne geführt wurde, er ebenso litt wie dieser Mitmensch. So drängte ihn jetzt, obgleich es nichts in der Welt gab, was zu vollbringen er weniger den Wunsch hegte, als Verse machen, sein Geist unwillkürlich dazu, die Argumente aufzusuchen, mit welchen er den Schmerz des Versemachers am besten zu lindern hoffen konnte. »So weit ich es bei meiner sehr bescheidenen Bücherkenntniß beurtheilen kann«, sagte er, »theilen Sie die Liebe des Versemachens mit den ausgezeichnetsten Männern, welche das Ziel des Ruhmes erreicht haben. Es muß also wohl eine sehr edle Liebe sein. Augustus, Pollio, Varius, Mäcenas, die größten Staatsmänner ihrer Tage, waren alle Versemacher. 276 Und so waren auch in neuerer Zeit Richelieu, Walter Raleigh und Philipp Sidney, Fox, Burke, Sheridan, Warren Hastings, Canning und selbst der große Pitt Versemacher. Das Versemachen verzögerte nicht, im Gegentheil die dazu erforderlichen Eigenschaften beschleunigten ohne Zweifel ihren Lauf nach dem Ziele des Ruhmes. Und was für große Maler sind Versemacher gewesen! Michel Angelo, Leonardo da Vinci, Salvator Rosa.«

Der Himmel weiß, wie viele andere große Namen Kenelm noch würde aufgezählt haben, wenn ihn der Troubadour hier nicht mit der Frage unterbrochen hätte:

»Wie, alle diese gewaltigen Maler waren Versemacher?«

»Und zwar so gute Versemacher, namentlich Michel Angelo, der größte von allen Malern, daß sie auch als Dichter berühmt geworden sein würden, wenn nicht zum Unglück für dieses Ziel des Ruhms ihre Glorie in der Schwesterkunst der Malerei jenen Ruhm überstrahlt hätte. Aber wenn Sie Ihrer Gabe des Gesanges den bescheidenen Titel des Versemachens geben, so erlauben Sie mir zu bemerken, daß Ihre Gabe von der des Versemachers durchaus verschieden ist. Ihre Gabe, mag sie nun beschaffen sein, wie sie wolle, würde nicht ohne eine gewisse Sympathie für das 277 nichtversemachende menschliche Herz bestehen können. Ohne Zweifel haben Sie nicht nur auf Ihren Fußwanderungen durch Beobachtung Vertrautheit mit der äußern Natur erlangt, mit der zu jeder Stunde wechselnden Färbung ferner Höhen, mit den länger werdenden Schatten, wie sie die untergehende Sonne hier auf das Wasser zu unsern Füßen wirft, mit den Gewohnheiten der Drossel, die sich hier furchtlos neben mir niedergelassen hat, mit dem durch die Nähe des träufelnden Schilfes befeuchteten Rasen; das Alles könnte ich ebenso genau beschreiben wie Sie, wie ein Peter Bell es vielleicht ebenso genau beschreiben könnte wie ein William Wordsworth! Aber in denjenigen von Ihren Gesängen, die Sie mir zu hören erlaubt haben, scheinen Sie sich von diesem elementaren Beiwerk zur Kunst des Dichters frei gemacht und, gleichviel, wie leicht, das einzige dauernde Interesse berührt zu haben, welches das allgemeine Herz der Menschheit an dem Gesange des Dichters haben kann, nämlich den Ton, welchen die persönliche Sympathie des Dichters dem verborgenen Strom dieses allgemeinen Herzens entlockt. Was Sie die Welt nennen, ist doch nicht mehr als die Mode des Tages? Wie weit sich das Urtheil dieser Welt der Mühe des Dichters verlohnt, das zu bestimmen maße ich mir nicht an. Aber Eins weiß ich gewiß. So sicher 278 ich ebenso wenig einen einem einfachen Zuhörerkreise zu Herzen gehenden Liedervers machen könnte, wie ich die Quadratur des Zirkels finden kann, so sicher könnte ich die Art von Versmacherei, welche die Mode des Tages charakterisirt, ellenlang ausspinnen.«

Sehr geschmeichelt und nicht wenig ergötzt kehrte der wandernde Troubadour sein freundliches, nicht mehr umwölktes Gesicht seinem lässig hingestreckten Tröster zu und antwortete munter: »Sie sagen, Sie könnten Verse nach der Mode des Tages ellenlang ausspinnen. Ich möchte Sie bitten, mir eine Probe Ihrer Geschicklichkeit in dieser Handarbeit zu geben.«

»Gut; aber unter einer Bedingung: Sie müssen mich für meine Mühe durch eine Probe Ihrer eigenen Verse belohnen, nicht nach der Mode des Tages, sondern etwas, was ich verstehen kann. Es soll Ihnen schwer werden, meine Verse zu verstehen.«

»Gut.«

»Lassen Sie uns also annehmen, daß wir ein augusteisches Zeitalter der Poesie hätten und daß unsere Sprache wie die lateinische todt wäre. Nehmen Sie an, ich schriebe zur Bewerbung um eine Preismedaille in unserer Sprache, wie ich auf der Universität zur Bewerbung um eine Preismedaille lateinisch geschrieben habe. Natürlich werde ich in dem Maße 279 Erfolg haben, wie es mir gelingt, die unserm augusteischen Zeitalter eigenthümlichen eleganten Wendungen anzubringen und der für diese classische Epoche charakteristischen Auffassung gerecht zu werden. Nun wird aber, glaube ich, jeder scharf beobachtende Kritiker zugeben, daß die frappantesten Merkmale der modernsten Poesie, also des augusteischen Zeitalters, bestehen erstens in einer Auswahl von eleganten Wendungen, welche dem barbarischen Geschmack des vorigen Jahrhunderts auf das äußerste widerstrebt haben würden, und zweitens in einer sehr erhabenen Verachtung aller prosaischen Herablassung zu gesundem Menschenverstande und einer sorgfältigen Pflege jenes Elements des Erhabenen, welches Burke in dem Kapitel vom ›Dunkeln‹ behandelt. Wenn Sie diese Voraussetzungen zugeben, so habe ich Sie nur noch zu bitten, das Metrum zu bestimmen; reimlose Jamben sind grade jetzt sehr mode.«

»Bah, reimlose Jamben! Ich werde mich wohl hüten, Ihnen bei Ihrem Experimente die Schwierigkeit des Reimes zu erlassen.«

»Mir ist Alles einerlei«, sagte Kenelm gähnend. »Also meinetwegen Reime! Sollen es heroische oder lyrische sein?«

»Heroische sind altmodisch; aber die Chaucerstrophe, 280 wie sie von unsern modernen Dichtern so vollendet gehandhabt wird, scheint mir die passendste.«

»Gut, ich acceptire die moderne Chaucerstrophe.«

»Und was soll der Gegenstand sein?«

»O, danach dürfen Sie nicht fragen. Was auch immer für eine Ueberschrift unser augusteischer Dichter seinem Gedichte als Etikette aufklebt, er verschmäht es doch wie Pindar, sich durch den Gegenstand beschränken zu lassen. Hören Sie zu und lassen Sie Max, wenn er irgend umhin kann, nicht heulen.«

Und Kenelm fing in einem affectirten, aber emphatischen Singsang an:

»In Attika der edle Pythias wohnt,
In Jugend und in Reichthum stolz er thront,
Doch fehlt ihm die erträumte Seligkeit.
Sophronia, die dunkle, war 'ne holde Maid.
Und eines Sommertags – Neptunus hebt
Den stolzen Nacken nicht und Liebe durch den Hain hinschwebt.
Und am Iliß, zu Deiner Leier Klang, Harmonia,
Sprach er: »Ich liebe Dich, sei mein, Sophronia!«
Crocus und Iris, da sie sein Wort gehört,
Neigen freudig das Haupt; Bienen mit Honig beschwert
Werden zum Altar; die Taube am Waldessaum
Glättet die Federn. Das ist der Liebe Traum! –
Bist mehr zu hören du gewillt,
Wart', bis vier Bände ich damit gefüllt, 281
Die die Kritik weit über Chaucer stellt.
Sie will mir wohl. Nimm's hin für baares Geld,
Nur lies mich nicht, denn sonst bist Du geprellt.«

»Sie haben wahrhaftig Ihr Wort gehalten«, sagte der Troubadour lachend. »Und wenn wir im augusteischen Zeitalter lebten und unsere Sprache todt wäre so verdienten Sie die Preismedaille.«

»Sie schmeicheln mir«, sagte Kenelm bescheiden. »Aber wenn ich, der ich noch nie in meinem Leben zwei Reime zusammengeleimt habe, so fertig im Stil der Jetztzeit improvisiren kann, warum sollte nicht ein Praktiker im Reimen wie Sie in einer Sitzung einen ganzen Band und noch mehr in demselben Stil zu Stande bringen können? Sie müßten nur alle erborgten eleganten Wendungen geschickt verhüllen, den Reiz der Delicatessen des Reimes noch durch das häufige Einschieben eines Verses, der sich nicht scandiren läßt, erhöhen und Ihren Versen einen noch erhabeneren Schwung dadurch verleihen, daß Sie noch unverständlicher würden. Thun Sie das und ich verspreche Ihnen den glühendsten Lobeserguß im ›Londoner‹, denn ich werde ihn selber schreiben.«

»Im ›Londoner‹?« rief der Troubadour zornig erröthend. »Meinem bittern, beharrlichen Feind?«

»Da muß ich also fürchten, daß Sie die kritische 282 Presse des augusteischen Zeitalters ebenso wenig studirt haben, wie Sie Ihre Muse mit dem classischen Geiste seiner Verse getränkt haben. Um die Kunst des Schreibens zu erlangen, muß man sich selber cultiviren. Um es aber in der Kunst sich kritisiren zu lassen zu etwas zu bringen, muß man die Bekanntschaft der Kritiker cultiviren. In dem augusteischen Zeitalter fallen die Begriffe Kritik und Clique zusammen. Man braucht nur einer Clique anzugehören, um Horaz oder Tibull zu sein. Wenn man aber keiner Clique angehört, so ist man natürlich Bavius oder Maevius. Der ›Londoner‹ ist der Feind keines Menschen, er hat die gleiche Verachtung für alle Menschen. Da er aber, um zu amüsiren, mißhandeln muß, so entschädigt er das Publikum für die Lobpreisungen, welche er den Mitgliedern seiner Clique zu ertheilen genöthigt ist, dadurch, daß er über alle, welche cliquenlos sind, die ganze Schale seines Hohns ausgießt. Nur gehörig losgeschlagen auf den, der hat keine Freunde.«

»O«, sagte der Troubadour, »ich glaube, es ist viel Wahres in dem, was Sie da sagen. Ich habe noch nie einen Freund unter den Mitgliedern der Clique gehabt. Und der Himmel weiß, mit welcher Beharrlichkeit diejenigen, von denen ich in meiner völligen Unbekanntschaft mit den Regeln, welche die 283 sogenannten Organe der öffentlichen Meinung beherrschen, in der Zeit meines Ringens auf ein wenig Sympathie, auf eine freundliche Aufmunterung gehofft hatte, sich vereinigt haben, mich niederzuhalten. Lange Zeit gelang ihnen das. Aber endlich darf ich hoffen, daß sie mir nichts mehr anhaben können. Glücklicherweise hat mich die Natur mit einem sanguinischen, elastischen, heitern Temperament ausgestattet. Wer nie verzweifelt, geht selten ganz zu Grunde.«

Diese Aeußerungen machten Kenelm etwas betroffen, denn hatte nicht der Troubadour erklärt, die Tage des Gesanges seien für ihn vorüber und er habe sich entschlossen, dem Versemachen Valet zu sagen? Welche andere Bahn des Ruhms, von welcher die Kritiker nicht im Stande gewesen waren ihn auszuschließen, verfolgte er denn jetzt, er, von dem Kenelm angenommen hatte, daß er einer kaufmännischen Firma angehöre? Ohne Zweifel eine weniger schwierige Branche der Prosa, wahrscheinlich als Romanschreiber. Jedermann schreibt heutzutage Romane, und da das Publikum Romane liest, ohne daß man es dazu auffordert, und keine Poesie liest, wenn man es nicht ausdrücklich darauf hinweist, so sind Romane vielleicht nicht so völlig abhängig von der Gnade der: Cliquen, wie es die Gedichte unseres augusteischen Zeitalters sind.

284 Indessen dachte Kenelm nicht daran, weiter in den Troubadour zu dringen. Sein Geist ging leicht begreiflicher Weise in diesem Augenblick von Büchern und Kritikern zu dem Gedanken an Liebe und Ehe über.

»Unser Gespräch«, sagte er, »hat sich auf kitzelige Gebiete verirrt; erlauben Sie mir, zu unserm Ausgangspunkte zurückzukehren. Sie stehen im Begriff, sich ein friedliches Hauswesen zu gründen. Ein friedliches Hauswesen ist wie ein gutes Gewissen. Der herabströmende Regen dringt nicht durch das Dach; der pfeifende Wind kann seine Mauern nicht erschüttern. Wenn es nicht unbescheiden ist – kennen Sie Ihre Braut schon lange?«

»Ja, sehr lange.«

»Und haben sie immer geliebt?«

»Immer, von ihrer frühesten Kindheit an. Aus dem ganzen weiblichen Geschlechte war sie ausersehen, meine Lebensgenossin und die Reinigerin meiner Seele zu werden. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn der Gedanke an sie mich nicht auf allen meinen Wegen wie mein Schutzengel begleitet hätte. Denn wie bei vielen Vagabunden der breitgetretenen Heerstraße der Welt liegt in meiner Natur etwas von jener Gesetzlosigkeit, welche mit einer Ueberfülle des Lebenstriebes, mit der Lust an Abenteuern und mit 285 dem warmen Blut, welches sich in Gesang verwandelt, hauptsächlich weil der Gesang der Ausdruck der Lust ist, verbunden zu sein pflegt. Und ohne Zweifel muß ich, wenn ich auf mein verflossenes Leben zurückblicke, bekennen, daß ich mich zu oft von meinem mir von der Vernunft vorgesteckten und mit Liebe umfaßten Ziele durch falsche Impulse oder muthwillige Einfälle habe ablenken lassen.«

»Vermuthlich Frauenkleiderinteressen«, schaltete Kenelm trocken ein.

»Ich wollte, ich könnte aufrichtig antworten: Nein«, sagte der Troubadour hocherröthend. »Aber vor dem Schlimmsten, vor Allem, was die Laufbahn, auf welche ich alle meine Hoffnungen setze, für immer vereitelt haben würde, vor allem, was mich der reinen Liebe, welche jetzt, wie ich vertraue, meiner harrt, um meine Glücksträume zu krönen, unwürdig gemacht haben würde, bin ich durch das unablässig mich begleitende Lächeln eines unschuldigen Kindergesichtes bewahrt geblieben. Nur einmal war ich in großer Gefahr, mit Schaudern erinnere ich mich jener Stunde der Gefahr. Es war in Luscombe.«

»In Luscombe?«

»Im Augenblick der Versuchung zu einem schrecklichen Verbrechen war mir, als hörte ich eine Stimme 286 sagen: ›Unheil! Gedenke des kleinen Kindes.‹ In jener eigenthümlichen Spannung des Gemüthes, wo wir so leicht eine göttliche Warnung zu vernehmen glauben, wo die Phantasie krankhaft erregt ist und wo das Gewissen, wenn auch für einen Augenblick eingelullt, doch so leicht schlummert, daß ein Windhauch, das Fallen eines Blattes es plötzlich unter Entsetzen aufrütteln kann, nahm ich die Stimme für die meines Schutzengels. Als ich später darüber nachdachte und die Stimme mit der Moral jener geheimnißvollen Zeilen, die Sie mir zu so sehr passender Zeit vorlasen, verglich, gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß die Stimme, die mich rettete, die Ihrige gewesen sei.«

»Ich bekenne mich zu der Anmaßung. Sie verzeihen mir!«

Der Troubadour ergriff Kenelm's Hand und drückte sie mit Inbrunst.

»Ihnen verzeihen? O wenn Sie ahnen könnten, welche Ursache ich habe, Ihnen dankbar, ewig dankbar zu sein, wie dieser plötzliche Ruf, die Gewissensbisse und das Entsetzen meines innern Selbst, welches er in mir traf, verschärft durch jene holperigen Verse, welche mich am nächsten Tage ›vor dem Antlitz meiner bösen Lust‹ zurückschrecken ließen, auf mich gewirkt haben! Dann kam die entscheidende Wendung meines 287 Lebens. Von jenem Tage an war der gesetzlose Vagabund in mir todt. Ich meine nicht die Liebe zur Natur und zum Gesange, welche den Vagabunden zuerst verlockt hatten, sondern den Haß gegen stete Gewohnheiten und ernste Arbeit – der war todt. Ich nahm es von da an nicht mehr leicht mit meinem Beruf, ich lag demselben wie einer ernsten Pflicht ob. Und als ich nun sie, die das Schicksal mir zu meinem Weibe bestimmt und erzogen hat, wiedersah, da erschien mir ihr Gesicht nicht mehr als das des spielenden Kindes, die Seele des Weibes dämmerte in ihm auf. Seit jenem für mich so ereignißreichen Tage sind erst zwei Jahre vergangen. Und doch ist mein Glück schon jetzt gesichert. Und wenn mein Ruf noch nicht feststeht, so bin ich doch endlich in einer Lage, die mich zu ihr, die ich liebe, zu sagen berechtigt: Die Zeit ist gekommen, wo ich Dich ohne Besorgniß für Deine Zukunft bitten kann, die Meine zu werden.«

Der Mann sprach mit so glühender Leidenschaft, daß Kenelm ihm schweigend Zeit ließ, seine gewohnte Selbstbeherrschung wiederzugewinnen; er schwieg nicht ungern, benutzte nicht ungern den Moment, in dieser milden Stunde des Ueberganges vom rosigen Sonnenuntergang zu sternenbeleuchtetem Zwielicht vor sich hin zu murmeln: »Und auch für mich ist die Zeit gekommen!«

288 Nach einigen Minuten nahm der Troubadour in leichtem, heiterem Ton wieder auf:

»Jetzt ist die Reihe an Ihnen, mein Herr. Kennen Sie die Dame, um die Sie geworben und die Sie gewonnen haben, schon lange? Nach unserer frühern Unterhaltung zu urtheilen, kann Ihre Liebe noch nicht alt sein.«

Da Kenelm bis jetzt um die fragliche Dame noch weder geworben, noch sie gewonnen hatte und es nicht für nothwendig hielt, auf die Einzelheiten seiner Liebesgeschichte näher einzugehen, antwortete er mit einer allgemeinen Bemerkung:

»Mir scheint, das Erscheinen der Liebe ist wie das Erscheinen des Frühlings; der Tag läßt sich nicht nach dem Kalender berechnen. Er kann langsam und allmälig, er kann aber auch schnell und plötzlich kommen. Aber wenn wir am Morgen erwachen und die Wandlung, welche mit der Welt da draußen vor sich gegangen ist, mit Augen schauen und hören: Grün auf den Bäumen, Knospen auf dem Rasen, warmen Sonnenschein und süße Töne in der Luft, dann sagen wir: Der Frühling ist da!«

»Ihr Bild gefällt mir. Und wenn es müßig ist, einen Liebhaber zu fragen, wie lange er die Geliebte kennt, so ist es fast ebenso müßig, zu fragen, ob sie 289 schön sei. Er kann nicht anders als in ihrem Gesichte die Schönheit erblicken, welche sie der Welt um ihn her verliehen hat.«

»Das ist wahr, und dieser so poetische Gedanke erinnert mich daran, daß ich Ihnen die jungfräuliche Probe meiner Dichtkunst unter der Bedingung zu hören gegeben habe, daß Sie mich für meine Mühe durch eine Probe Ihrer Meisterschaft in dieser Kunst belohnen. Und ich nehme das Recht in Anspruch, Ihnen das Thema vorzuschlagen. Es sei –«

»Ueber ein Beefsteak?«

»Bah, diesen geschmacklosen Witz haben Sie nun schon auf meine Kosten zu Tode gehetzt. Der Gegenstand muß Liebe sein, und wenn Sie ein paar Stanzen improvisiren könnten, welche die eben von Ihnen ausgesprochene Idee zum Ausdruck brächten, so würde ich noch aufmerksamer zuhören.«

»Leider bin ich kein Improvisator. Aber ich will mich doch für Ihre frühere Geringschätzung meines Talents dadurch rächen, daß ich Ihnen ein kleines Lied vorsinge, welches dem Gedanken, den Sie mich in Verse zu bringen bitten, einigermaßen entspricht, das Sie aber damals in Tor-Hadham, wenn Sie auch Max einen Schilling auf seinen zinnernen Teller warfen, nicht anhören wollten. Es ist eins der Lieder, die ich 290 an jenem Abend sang, und wurde von meinen bescheidenen Zuhörern nicht übel aufgenommen.

Die Schönheit der Geliebten liegt im Auge des Liebenden.

        Ist sie nicht schön, mein Maiblümlein?
Zwar hat sie niemand Blümlein noch genannt.
Sind fehlerlos nicht ihre Züge fein,
Ob ich es gleich bis jetzt nur fand?

Wie herrlich, daß mit Augen so wie ich
Niemand sie noch hat angeblickt!
Wie selig, daß vom Himmel sie für mich
Sich niederließ und mich beglückt.«

Sobald der Troubadour mit diesem höchst kunstlosen Lied zu Ende war, stand er auf und sagte:

»Jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen. Mein Weg führt mich durch jene Wiesen, der Ihrige ohne Zweifel über die Landstraße.«

»Doch nicht. Erlauben Sie mir, Sie zu begleiten. Ich habe mir nicht weit von hier eine Wohnung genommen, zu welcher der kürzeste Weg über die Felder führt.«

Der Troubadour warf Kenelm einen überraschten, halb forschenden Blick zu. Aber er fühlte vielleicht, daß, da er seinem Reisegefährten jede nähere Mittheilung in Betreff seines Namens und Standes 291 vorenthalten hatte, er auch kein Recht habe, von diesem Herrn irgend eine ihm nicht freiwillig gemachte vertrauliche Mittheilung in Anspruch zu nehmen, und sagte daher vorsichtig, er wünschte, der Weg wäre länger, da er ihn in so angenehmer Gesellschaft zubringen würde, und brach rasch auf.

Die Dämmerung war jetzt in eine sternhelle Sommernacht übergegangen, und tiefe Einsamkeit herrschte auf den Feldern. Beide Männer, die hier neben einander hergingen, fühlten sich unendlich glücklich. Aber das Glück wirkt wie der Wein verschieden, je nach den verschiedenen Temperamenten der Liebenden. In diesem Falle machte es den einen, der warmblütig sinnlich und für die Eindrücke der äußern Natur so empfänglich war wie eine Aeolsharfe für einen vorüberziehenden Windhauch, geschwätzig, und ein wenig ruhmredig, den andern aber schweigsam, zurückhaltend in seiner Ausdrucksweise, schwermüthig, nachdenklich und, wenn auch nicht stumpf gegen die Eindrücke der äußern Natur, doch gleichgültig gegen den Werth derselben, außer wo diese Eindrücke auf dem Gebiet des Sinnlichen in das des Geistigen übergehen und wo die menschliche Seele der seelenlosen Natur ihre Fragen und Antworten dictirt.

Der Troubadour sorgte allein für die 292 Unterhaltung und sein Reden bezauberte seinen Zuhörer. Seine Worte wurden so echt beredt durch den Klang seiner Stimme, durch seinen lebendigen Vortrag, daß ich dieselben so wenig treu wiedergeben könnte, wie ein Berichterstatter, wenn er auch noch so treu jedes Wort eines Redners berichtet, das wiedergeben kann, was, abgesehen von allen Worten, der Persönlichkeit des Redners angehört.

Indem ich es daher nicht wage, die Worte dieses eigenthümlichen Wanderers zu wiederholen, begnüge ich mich damit zu sagen, daß der Inhalt dieser Worte den Gegenstand betraf, über welchen, wie man behauptet, die meisten Menschen beredt sein können, seine eigene Person. Er sprach von seinen bis in seine frühesten Erinnerungen zurückreichenden Bestrebungen, sich einen Namen zu machen, von den Hemmnissen niedriger Geburt und beschränkter Verhältnisse, von einer seinem Ehrgeiz noch in seinen Knabenjahren plötzlich durch die Großmuth eines reichen Mannes eröffneten Aussicht, indem dieser Beschützer sagte: »Das Kind hat Genie, ich will ihm die Mittel gewähren, sich auszubilden, es soll der Welt eines Tages abzahlen, was es mir schuldig ist«; von feurig begonnenen, ernst verfolgten, aber schon in früher Jugend traurig unterbrochenen Studien. Wie das gekommen sei, sagte er 293 nicht; er ging rasch darüber hinweg, um bei den Schwierigkeiten zu verweilen, mit denen er zu kämpfen gehabt habe, um für sich und andere von ihm Abhängige den Unterhalt zu schaffen; wie er bei diesen Kämpfen genöthigt gewesen sei, seine Arbeitskraft und seine Energie der systematischen Verfolgung des einmal ins Auge gefaßten Zieles zu entziehen, weil die Geldverlegenheiten so dringend gewesen seien, daß sie von dem Streben nach Ruhm zurücktreten mußten. »Aber«, rief er leidenschaftlich aus, »aber selbst für solche übereilte und rohe Kundgebungen dessen, was in mir liegt, wie sie mir die Verhältnisse abnöthigten, hätte ich bei denen, die sich zu kritischen Autoritäten aufwerfen, ein aufmunterndes Lob finden müssen. Wie viel Besseres würde ich geleistet haben, wenn ich ein solches Lob gefunden hätte! Wie erwärmt doch ein wenig Lob und lockt das Gute, was in einem Menschen liegt, heraus, und wie wirkt der Hohn eines abfälligen Urtheils, von dem er fühlt, daß es ungerecht ist, erkaltend auf seinen Eifer, sich auszuzeichnen! Indessen gelang es mir doch, meinen Weg so weit zu machen, wie es damals am dringendsten für mich noththat, nämlich meine Kunst zum Broderwerb für meine Lieben zu verwenden; und in meinen Ferienstreifereien mit munterem Gesang fand ich ein Vergnügen, das 294 mich für alles Uebrige entschädigte. Aber doch stirbt der einmal in der Kindheit gefaßte und in den Jünglingsjahren genährte Wunsch nach Ruhm nie ab, bevor wir im Grabe liegen. Mag die Pflanze dieses Wunsches mit Knospen, Blättern und Stengel noch so sehr niedergetreten werden, ihre Wurzel liegt zu tief unter der Oberfläche, als daß die rohen Fußtritte ihr etwas anhaben könnten, und Jahr für Jahr richten sich Stengel, Knospe und Blatt wieder empor. Die Liebe mag aus unserm sterblichen Leben weichen; wir trösten uns, die Geliebte wird sich im künftigen Leben wieder mit uns vereinigen. Aber wenn der, welcher sein Herz an den Ruhm gehängt hat, denselben in diesem Leben verliert, was kann ihn trösten?«

»Haben Sie nicht vorhin gesagt, daß es für den Wunsch nach Ruhm kein Grab gebe?«

»Das ist wahr; aber wenn wir ihn nicht erreichen, bevor wir selbst im Grabe liegen, welchen Trost kann uns der Wunsch gewähren? Die Liebe steigt zum Himmel empor, zu dem wir selbst aufzusteigen hoffen; aber der Ruhm bleibt auf der Erde, zu der wir nie wieder zurückkehren werden. Und eben weil der Ruhm erdgeboren ist, ist der Wunsch nach demselben der dauerndste, der Schmerz über seine Entbehrung der 295 bitterste für das Erdenkind. Aber ich werde ihn jetzt erreichen, ich habe ihn schon gefaßt.«

In diesem Augenblick waren die Wanderer der hölzernen Brücke gegenüber neben Cromwell-Lodge am Flüßchen angelangt.

Hier machte der Troubadour Halt und Kenelm sagte mit leicht zitternder Stimme: »Wäre es nicht Zeit, daß wir uns gegenseitig mit unseren Namen bekannt machten? Ich habe keine Veranlassung mehr, den meinigen zu verbergen, ich hatte eigentlich nie eine stärkere Veranlassung, als die in einer Grille lag. Ich bin Kenelm Chillingly, der einzige Sohn Sir Peter's von Exmundham.«

»Ich wünsche Ihrem Vater Glück zu einem so begabten Sohn« sagte der Troubadour mit seiner gewohnten Urbanität. »Sie wissen bereits genug von mir, um überzeugt zu sein, daß ich von viel bescheidenerer Herkunft und Lebensstellung bin als Sie; aber wenn Sie zufällig in diesem Jahr die Ausstellung der Royal Academy besucht hätten – o, ich begreife Ihr Erstaunen! – so würden Sie vielleicht ein Bild wiedererkannt haben, von dem Sie die erste Skizze gesehen haben, das Mädchen mit dem Blumenball, eins von drei Bildern, mit welchen der ›Londoner‹ sehr unglimpflich verfahren ist, die aber trotz dieses mächtigen Feindes 296 glückbringend und ruhmverheißend für den wandernden Troubadour geworden sind, und Sie würden, wenn der Anblick der Bilder Sie veranlaßt hätte, sich danach zu erkundigen, erfahren haben, daß derselbe Walter Melville heißt. Nächsten Januar hoffe ich, Dank diesem Bilde, meinem Namen hinzufügen zu können: Associate of the Royal Academy. Das Publikum wird ihnen trotz des ›Londoner‹ nicht erlauben, mich von der Akademie fern zu halten. Sie werden vielleicht als Gast auf einer der schönen Villas erwartet, aus deren Fenstern uns hier die Lichter entgegenschimmern. Ich gehe nach einem sehr bescheidenen Landhause, in welchem ich fortan eine dauernde Häuslichkeit zu finden hoffe. Ich werde mich jetzt nur einige Tage dort aufhalten, aber bitte, lassen Sie mich Sie dort willkommen heißen, bevor ich wieder fortgehe. Das Landhaus heißt Grasmere.« 297

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