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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Kenelm fand es viel schwieriger, als er es sich gedacht hatte, Lady Glenalvon für seine Sache zu gewinnen. Bei dem lebhaften Interesse, das sie an seiner Zukunft nahm, konnte ihr der Gedanke an seine Verbindung mit einem unbekannten mittellosen Mädchen, das er erst seit einigen Wochen kannte und von dessen Familie er nichts zu wissen schien, als daß es – und auch das nur auf eine Versicherung hin – ihm ebenbürtig sei, nur aufs äußerste widerstreben. Und der von ihr fast ebenso innig wie von Sir Peter gehegte Wunsch, daß Kenelm ein seiner Wahl in jeder Beziehung so würdiges Mädchen wie Cecilia Travers zur Frau nehmen möge, ließ sie das Scheitern ihrer Pläne mit ebenso viel Entrüstung wie Bedauern betrachten.

262 Im ersten Augenblick war sie so aufgebracht, daß sie ihn nicht einmal anhören wollte. Sie ließ ihn mit einer Rücksichtslosigkeit, wie sie sie noch nie gegen jemand geübt hatte, mitten im Gespräch stehen, verweigerte ihm eine zweite Zusammenkunft zum Zweck einer abermaligen Erörterung der Sache und erklärte, sie wolle, weit entfernt, ihren Einfluß zu Gunsten seiner romantischen Thorheit zu verwenden, bei Lady Chillingly und Sir Peter energisch dagegen remonstriren, daß sie darein willigten, ihn sich so wegwerfen zu lassen.

Erst am dritten Tage nach seiner Ankunft ließ sie sich, durch die tiefe, aber stolze Trauer seines Ausdrucks gerührt, dazu herbei, in einer vertraulichen Unterhaltung mit Sir Peter den Gründen des würdigen Baronets ein geneigtes Ohr zu leihen. Sie führte ihre Drohung, bei Lady Chillingly zu remonstriren, nicht aus. Aber nur mit Widerstreben gab sie Sir Peter's Behauptung zu, daß ein Sohn, der mit der Aussicht auf die absolut freie Verfügung über ein Gut sich großmüthigerweise freiwillig zu einer neuen, für seine beiden Eltern außerordentlich günstigen Festsetzung in Betreff dieses Gutes entschlossen habe, einen Anspruch auf ein Opfer ihrer Neigungen bei einer Frage habe, von welcher nach seiner Ueberzeugung sein Lebensglück 263 abhänge, und daß er mündig sei und in seiner Wahl ganz frei sein würde, wenn ihn nicht ein ihm früher von seinem Vater abgenommenes Versprechen bände, ein Versprechen, welches streng genommen nicht für Lady Chillingly, sondern nur für Sir Peter als Haupt der Familie und Herrn des Hauses Geltung habe. Er, der Vater, habe seine Zustimmung bereits gegeben, und wenn Kenelm in seiner Ehrfurcht vor seinen beiden Eltern der Zustimmung seiner Mutter nicht entrathen könne, so sei es die Aufgabe einer wahren Freundin, ihm jeden Gewissensskrupel zu ersparen und jedes Hinderniß einer Liebe aus dem Wege zu räumen, die man nicht verdammen dürfe, weil sie uneigennützig sei.

Nach dieser Unterhaltung suchte Lady Glenalvon Kenelm auf, fand ihn am Ufer des Forellenbaches finster brütend, nahm seinen Arm, führte ihn auf die dunkeln Wege des Tannenwäldchens und hörte Alles, was er zu sagen hatte, geduldig an. Selbst jetzt ließ sich ihr Frauenherz nicht durch seine Gründe gewinnen und ließ sich erst überwinden, als er pathetisch ausrief: »Sie haben mir einst für die Rettung des Lebens Ihres Sohnes gedankt und gesagt, Sie würden mir Ihre Schuld nie abtragen können; Sie können sie mir jetzt zehnfach abtragen. Glauben Sie, daß Ihr Sohn, der jetzt, wie wir vertrauen, im Himmel ist, wenn er 264 herabblicken und zwischen uns entscheiden könnte, Ihnen Recht geben würde, wenn Sie mir diesen Dienst versagen?«

Da weinte Lady Glenalvon, ergriff seine Hand, küßte ihn auf die Stirn wie eine Mutter und sagte: »Sie haben gesiegt; ich will sofort zu Ihrer Mutter gehen. Heirathen Sie die, welche Sie so lieben, aber unter einer Bedingung, heirathen Sie sie von meinem Hause aus.«

Lady Glenalvon gehörte nicht zu den Frauen, die ihren Freunden halb dienen. Sie verstand es vortrefflich, Lady Chillingly günstig zu stimmen und ihres apathischen Temperaments Herr zu werden; sie ließ nicht nach, bis Lady Chillingly selbst auf Kenelm's Zimmer ging und sehr ruhig zu ihm sagte:

»Du willst also um Fräulein Mordannt's Hand anhalten, von den Warwickshire-Mordannts, glaube ich. Lady Glenalvon sagt, sie sei ein charmantes Mädchen und werde sie vor der Hochzeit auf einige Zeit in ihrem Hause besuchen. Und da die junge Dame eine Waise ist, wird Lady Glenalvon's Onkel, der Herzog, der mit dem ältesten Zweige der Mordannts verwandt ist, bei der Hochzeit Vaterstelle an ihr vertreten. Das wird sehr brillant werden. Ich wünsche Dir von Herzen Glück, Du mußt nachgrade ausgetobt haben.«

265 Zwei Tage, nachdem er so die förmliche Zustimmung seiner Eltern erlangt hatte, verließ Kenelm Exmundham. Sir Peter würde ihn begleitet haben, um der Braut seine Aufwartung zu machen, aber die Aufregung, die er durchgemacht hatte, zog ihm einen heftigen Gichtanfall zu, der seine Füße zu einer Flanelleinwickelung verurtheilte.

Als Kenelm fort war, ging Lady Glenalvon zu Cecilia auf ihr Zimmer. Cecilia saß sehr betrübt am offenen Fenster; sie hatte entdeckt, daß Vater und Sohn von etwas Peinlichem präoccupirt gewesen seien, und hatte das mit dem Briefe in Verbindung gebracht, der das ruhige Gemüth Sir Peter's so aufgeregt hatte; aber sie errieth nicht, was dieses Etwas sei, und wenn sie sich auch durch eine gewisse von Kenelm ihr gegenüber beobachtete, gegen sein früheres Benehmen abstechende Zurückhaltung gekränkt fühlte, so empfand sie doch diese Kränkung weniger lebhaft als eine zärtliche Theilnahme für die Trauer, deren Ausdruck sie auf seinem Gesichte beobachtet und die sie zu mildern inniges Verlangen getragen hatte. Seine Zurückhaltung hatte jedoch auch sie zurückhaltender gegen ihn gemacht und dafür schalt sie sich jetzt mehr, als daß sie ihm Vorwürfe machte.

Lady Glenalvon schlang ihre Arme um Cecilia's 266 Hals, küßte sie und flüsterte ihr zu: »Dieser Mensch hat mich bitter getäuscht, er ist des Glückes, das ich einst für ihn erhofft, ganz unwürdig!«

»Von wem reden Sie?« murmelte Cecilia erbleichend.

»Von Kenelm Chillingly. Es scheint, daß er sich in ein mittelloses Mädchen, dem er auf seinen Wanderungen begegnet ist, verliebt hat, hierher gekommen ist, sich die Zustimmung seiner Eltern zu einem ihr zu machenden Heirathsantrage zu erbitten, diese Zustimmung erhalten hat und nun hingereist ist, seinen Antrag zu machen.«

Cecilia saß einen Augenblick mit geschlossenen Augen schweigend da und sagte dann: »Er verdient alles Glück und hat gewiß keine unwürdige Wahl getroffen. Gott segne ihn – und – und –« Sie wollte hinzufügen, »seine Braut«, aber ihre Lippen sträubten sich, das Wort Braut auszusprechen.

»Vetter Gordon ist zehn Kenelms werth«, rief Lady Glenalvon entrüstet aus.

Sie war Kenelm behülflich gewesen, aber sie hatte ihm nicht verziehen. 267

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