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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Kenelm sah weder seinen Vater noch seine Mutter, ehe er bei Tische erschien. Hier saß er neben Cecilia. Aber beide sprachen nur wenig miteinander; den fast ausschließlichen Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung bildeten Gordon's Aussichten bei der bevorstehenden Wahl und Conjecturen über seine Haltung im Parlament.

»Wo«, sagte Lady Glenalvon, »eine solche Dürre an talentvollen jungen Männern herrscht, daß er, wenn er auch nur halb so gescheidt wäre, wie er ist, eine Acquisition sein würde –«

»Eine Acquisition für wen?« fragte Sir Peter verdrießlich. »Für sein Land? Um das schert er sich, glaube ich, nicht einen Pfifferling.«

Dieser Behauptung trat Leopold Travers mit 258 Wärme entgegen und fand sich dabei ebenso warm von Frau Campion unterstützt.

»Ich meinestheils«, sagte Lady Glenalvon in versöhnlichem Tone, »halte dafür, daß jeder fähige Mann im Parlament ein Gewinn für das Land ist, dem er vielleicht nicht weniger wirksam dient, auch wenn er nicht mit seiner Liebe für dasselbe prahlt. Die Politiker, die ich am meisten fürchte, sind die jetzt in Frankreich so üppig wuchernden patriotischen Schreier. Als Sir Robert Walpole sagte: Alle diese Männer haben ihren Preis, deutete er auf die Männer, die sich Patrioten nannten.«

»Bravo«, rief Travers.

»Sir Robert Walpole gab seine Liebe für sein Land dadurch zu erkennen, daß er es corrumpirte. Es gibt noch außer der Bestechung viele Wege, ein Land zu corrumpiren«, sagte Kenelm in mildem Ton, und in dieser Bemerkung bestand sein einziger Beitrag zu der allgemeinen Unterhaltung.

Erst nachdem sich die übrige Gesellschaft zurückgezogen hatte, fand die von Kenelm herbeigesehnte, von Sir Peter gefürchtete Zusammenkunft im Bibliothekzimmer statt. Sie dauerte bis tief in die Nacht hinein.

Beide trennten sich mit erleichtertem Herzen und 259 einer noch zärtlicheren Liebe für einander. Kenelm hatte ein so reizendes Bild von der Fee entworfen und Sir Peter so gründlich überzeugt, daß seine Gefühle für sie nicht eine vorübergehende jugendliche Laune, sondern die der Liebe seien, die im tiefsten Herzen wurzelt, daß der Vater, wenn auch noch immer mit einem schweren Seufzer, den Gedanken an Cecilia aufgab. Halb getröstet, daß Lily von adliger Herkunft und daß ihr Name Mordannt der alter illustrer Häuser sei, sagte er endlich: »Es hätte schlimmer kommen können, mein lieber Junge. Ich hatte schon zu fürchten angefangen, es wäre trotz der Lehren von Mivers und Welby am Ende doch die Müllerstochter geworden. Aber eine schwere Aufgabe steht uns noch bevor, wir müssen Deine gute Mutter gewinnen. Zur Beschönigung Deiner ersten Flucht aus dem Hause habe ich ihr unglücklicherweise die Idee mit Lady Jane, einer Herzogstochter, in den Kopf gesetzt, und diese Idee hat sie nie wieder fahren lassen. Das kommt vom Flunkern.«

»Ich rechne außer Deinem eigenen auf Lady Glenalvon's Einfluß auf Mama«, sagte Kenelm. »Wenn ein von der großen Welt so anerkanntes Orakel sich zu meinen Gunsten erklärt und verspricht, meine Frau bei Hofe vorzustellen und sie in die Mode zu 260 bringen, so wird und Mama hoffentlich erlauben, die alten Familiendiamanten für ihr nächstes Wiedererscheinen in London neu fassen zu lassen. Und dann kannst Du ihr auch sagen, daß ich mich um die Vertretung der Grafschaft bewerben will. Ich will mich ins Parlament wählen lassen, und wenn ich dann dort unsern gescheidten Vetter treffe und finde, daß er sich nicht einen Pfifferling um das Land schert, verlaß Dich darauf, daß ich ihn leichter unterkriege, als ich Tom Bowles untergekriegt habe.«

»Tom Bowles! Wer ist das? Ah, ich erinnere mich eines Deiner Briefe, in welchem Du von einem Moralphilosophen Bowles sprachst, dessen Lieblingsstudium die Menschheit sei.«

»Moralphilosophen«, antwortete Kenelm, »haben ihr Gehirn durch den Alkohol neuer Ideen so betäubt, daß ihre moralischen Beine wacklig geworden sind und daß ein menschlich Fühlender ihnen lieber ins Bett helfen würde, als sie unterkriegen. Mein Tom ist ein muskulöser Christ, der nicht weniger muskulös, aber viel christlicher wurde, nachdem er untergekriegt war.«

Und in dieser anmuthigen Weise beschlossen diese beiden Sonderlinge ihre Zusammenkunft und gingen, die Arme gegenseitig um die Schultern geschlungen, auf ihre Zimmer, sich zur Ruhe zu begeben. 261

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