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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Kenelm traf in Exmundham grade noch zeitig genug ein, um vor Tische Toilette zu machen. Seine Ankunft war nicht unerwartet; denn am nächsten Morgen, nachdem Sir Peter seinen Brief erhalten, hatte dieser zu Lady Chillingly gesagt, daß Kenelm ihm geschrieben habe und jeden Tag eintreffen könne.

»Es wird Zeit, daß er kommt«, sagte Lady Chillingly. »Hast Du seinen Brief bei Dir?«

»Nein, liebe Karoline. Er läßt Dich natürlich herzlichst grüßen, der arme Junge.«

»Warum armer Junge? Ist er krank gewesen?«

»Nein; aber er scheint etwas auf dem Herzen zu haben. Wenn dem so ist, müssen wir thun, was wir können, ihm zu helfen. Er ist ein vortrefflicher Sohn, Karoline.«

250 »Ich habe gewiß nichts gegen ihn, außer«, fügte Lady Chillingly nachdenklich hinzu, »daß ich wünschte, er wäre ein wenig mehr wie andere junge Männer.«

»Hm, zum Beispiel wie Chillingly Gordon?«

»Nun ja, Gordon ist ein ausgezeichnet verständiger, wohlerzogener junger Mann. Wie verschieden von seinem unangenehmen bärbeißigen Vater, der einen Prozeß mit Dir anfing!«

»Allerdings sehr verschieden, aber doch mit demselben Chillingly'schen Blut. Wie aus der Chillingly'schen Familie je ein Kenelm hat hervorgehen können, ist eine viel intrikatere Frage.«

»O lieber Peter, laß doch solche Räthselfragen! Du weißt, wie ich die hasse.«

»Und doch, Karoline, habe ich Dir für ein Räthsel zu danken, das ich mit meinem Kopf nie lösen kann. Es gibt sehr viele Räthsel in der menschlichen Natur, die nur mit dem Herzen gelöst werden können.«

»Sehr wahr«, sagte Lady Chillingly. »Kenelm soll doch wohl sein altes, dem Gordon's grade gegenüberliegendes Zimmer haben?«

»Ja, ja, grade gegenüber. Ihr Lebelang werden Sie sich gegenüberstehen. Denke nur, Karoline, ich habe eine Entdeckung gemacht.«

»Lieber Gott, nur das nicht! Deine Entdeckungen 251 sind gewöhnlich sehr kostspielig und bringen uns mit so sonderbaren Leuten in Berührung.«

»Diese Entdeckung soll uns keinen Heller kosten, und ich kenne keinen Menschen, der sonderbar genug wäre, um sie nicht zu verstehen. Die Sache ist kurz folgende: Herz ist das erste Erforderniß des Genies. Das Talent aber bedarf seiner gar nicht. Meine liebe Karoline, Gordon ist der talentvollste junge Mann, den ich kenne; aber das erste Erforderniß des Genies fehlt ihm. Ich bin keineswegs überzeugt, daß Kenelm Genie hat, aber unzweifelhaft hat er das erste Erforderniß des Genies – Herz. Das Herz ist ein sehr verwickeltes, launenhaftes, irrationales Ding; und das erklärt vielleicht die Unfähigkeit der meisten Menschen, das Genie zu begreifen, während jeder Narr das Talent begreifen kann. Meine liebe Karoline, Du weißt, daß ich selten öfter als alle drei Jahre einmal meinen Willen gegen den Deinigen durchzusetzen verlange; aber sollte es sich in einem gegebenen Augenblick um das Herz unseres Sohnes handeln, dann muß, unter uns gesagt, Dein Wille sich dem meinigen fügen.«

»Mein Mann wird jeden Tag sonderbarer«, sagte Lady Chillingly bei sich, als Peter fortgegangen war. »Aber er meint es nicht böse und es gibt schlimmere Ehemänner in der Welt.«

252 Dann klingelte sie ihrer Kammerjungfer, gab die nöthigen Ordres für die Herrichtung von Kenelm's Zimmer, in welchem seit vielen Monaten niemand geschlafen hatte, und consultirte diesen weiblichen Beamten über die Frage, ob sich eins ihrer Kleider, das zu kostbar war, um abgelegt zu werden, wohl nach der Façon eines weniger kostbaren Kleides, welches Lady Glenalvon als la dernière mode von Paris mitgebracht, ändern lassen werde.

Grade an dem Tage, wo Kenelm in Exmundham ankam, hatte Chillingly Gordon folgenden Brief von Gerard Danvers erhalten.

»Lieber Gordon! Bei den von den öffentlichen Blättern als Gerücht angekündigten ministeriellen Veränderungen, welche Sie als sicher annehmen können, wird der reizende kleine Cherub *** entsandt werden, in der Höhe zu thronen und dort für das Leben des armen Jack, das heißt, der Regierung, die er unter sich zurückläßt, zu beten. Durch die Annahme der Pairswürde, zu der ich ihm gerathen haben würde, schafft *** eine Vacanz für den Wahlflecken *, der ganz der rechte Platz für Ihre Candidatur und in jeder Beziehung viel besser wäre als Saxborough. *** verspricht Sie seinen Wählern zu empfehlen. Kommen Sie sofort nach London.

Der Ihrige

G. Danvers.«

253 Gordon zeigte diesen Brief Herrn Travers und erwiderte, als dieser ihm von ganzem Herzen Glück wünschte, mit einer halb echten, halb gemachten Aufregung: »Sie können sich nicht denken, welche Bedeutung die Erfüllung Ihrer freundlichen Wünsche für mich haben würde. Ich bin mir so starker Antriebe zu energischem Handeln bewußt, daß ich, ohne zu fürchten, von Ihnen für sehr eingebildet gehalten zu werden, sagen zu dürfen glaube: wenn ich erst einmal im Unterhause sitze, so rechne ich sicher auf parlamentarische Erfolge.«

»Mein lieber Gordon, ich bin so fest überzeugt, daß Sie Erfolg haben werden, wie ich von meinem Dasein überzeugt bin.«

»Und wenn ich Erfolg haben, wenn es mir gelingen sollte, den großen Kampfpreis des öffentlichen Lebens davonzutragen und mich zu einer Stellung zu erheben, die meine Anmaßung rechtfertigen würde, würden Sie mir dann gestatten, zu Ihnen zu kommen und zu sagen: Es gibt ein Ziel des Ehrgeizes, das mir theurer ist als Macht und Amt und dessen Erreichung meine Hoffnung und in dieser Hoffnung der stärkste meiner Antriebe zum Handeln war? Und darf ich bei dieser Hoffnung auch auf die guten Wünsche von Cecilia Travers rechnen?«

254 »Mein lieber Freund, geben Sie mir Ihre Hand; Sie sprechen männlich und offen, wie es einem Gentleman ansteht. Ich antworte Ihnen in demselben Geiste. Ich will nicht behaupten, daß nicht bei meinem Gedanken an einen Bewerber um Cecilia's Hand erblicher Rang und festgegründetes Vermögen eine Rolle gespielt haben, obgleich ich diese Dinge nie zu unerläßlichen Bedingungen gemacht haben würde. Dazu bin ich weder vornehm noch Parvenu genug; und ich kann nie vergessen« – und bei diesen Worten zuckte es in jedem Muskel seines Gesichtes – »daß ich selbst aus Liebe geheirathet habe und so glücklich gewesen bin – wie glücklich, weiß nur Gott. Aber doch würde ich, wenn Sie vor einigen Wochen so zu mir gesprochen hätten, keine sehr günstige Antwort auf Ihre Frage gegeben haben. Aber jetzt, nachdem ich Sie näher kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe, antworte ich Ihnen: Auch wenn Sie nicht gewählt werden, wenn Sie gar nicht ins Parlament gelangen, dürfen Sie darum nicht weniger auf meine guten Wünsche rechnen. Wenn es Ihnen gelingt, das Herz meiner Tochter zu gewinnen, so weiß ich keinen Mann, dem ich ihre Hand lieber geben würde. Da ist sie ja selbst und allein im Garten. Gehen Sie und reden Sie mit ihr.«

Gordon zögerte. Er wußte nur zu gut, daß er 255 ihr Herz nicht gewonnen habe, obgleich er keine Ahnung davon hatte, daß es bereits einem Andern gehörte. Und er war viel zu gescheidt, um nicht zu wissen, wie viel der wagt, der bei einer Liebeswerbung vorschnell zu Werke geht.

»O!« sagte er, »ich finde keinen Ausdruck des Dankes für so großmüthige, so ermuthigende Worte. Aber ich habe noch nie ein Wort gegen Ihr Fräulein Tochter zu äußern gewagt, das sie an mich als einen Bewerber um ihre Hand auch nur hätte denken lassen können. Und ich glaube kaum, daß ich den Muth behalten würde, bei der Parlamentswahl als Candidat aufzutreten, wenn der Kummer über eine Abweisung meines Antrags mein Herz betrübte.«

»Gut, lassen Sie sich erst wählen. Inzwischen verabschieden Sie sich doch jedenfalls von Cecilia.«

Gordon verließ Travers und ging zu Cecilia, entschlossen, zwar keine förmliche Erklärung zu riskiren, aber doch das Terrain zu sondiren.

Die Unterhaltung war sehr kurz. Er sondirte das Terrain sehr geschickt, fand aber, daß ein Betreten desselben sehr unsicher sein würde. Der Vortheil der erlangten Zustimmung des Vaters war zu groß, um ihn durch eine jener entscheidenden Antworten der Tochter einzubüßen, welche, namentlich einem armen 256 Gentleman, der sich um die Hand einer Erbin bewirbt, keine Appellation gestatten.

Er ging wieder zu Travers und sagte einfach: »Ich nehme neben Ihren guten Wünschen auch die Ihrer Tochter mit mir, mehr aber nicht. Ich lasse mein Schicksal in Ihren freundlichen Händen.«

Damit eilte er fort, sich von seinen Wirthen zu verabschieden und einige bedeutungsvolle Worte zu Frau Campion, in der er bereits eine Verbündete gewonnen hatte, zu sagen. Und eine Stunde später fuhr er mit der Eisenbahn an einem Zuge vorüber, der Kenelm nach Exmundham brachte, nach London. Gordon war in bester Laune. Er glaubte sich Cecilia's so sicher wie seiner Wahl.

»Mir ist noch nie etwas, was ich gewünscht habe, fehl geschlagen«, sagte er zu sich, »weil ich mich immer mit größter Vorsicht vor dem Fehlschlagen gehütet habe.«

Die Ursache von Gordon's plötzlicher Abreise rief in dem ruhigen Kreise in Exmundham bei allen, außer bei Sir Peter und Cecilia, eine große Aufregung hervor. 257

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