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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Buch.

Erstes Kapitel.

Noch nie in seinem Leben war Sir Peter's Gemüth so aufgeregt gewesen wie während und nach der Durchlesung von Kenelm's hochfliegendem Schreiben. Er erhielt es beim Frühstück, öffnete es hastig und durchflog eifrig den Inhalt, bis er sehr bald auf Stellen gerieth, die ihn mit Entsetzen erfüllten. Lady Chillingly, die glücklicherweise mit dem Thee beschäftigt war, entging die Veränderung, die mit seinem Gesichtsausdrucke vorgegangen war. Nur Cecilia und Gordon entging dieselbe nicht. Keins von beiden errieth, von wem der Brief sei.

»Hoffentlich keine schlimmen Nachrichten«, sagte Cecilia sanft.

»Schlimme Nachrichten?« wiederholte Sir Peter. 245 »Nein, meine Liebe, nein, ein Geschäftsbrief. Er scheint entsetzlich lang.« Und indem er ihn in die Tasche steckte, murmelte er vor sich hin: »Ich will ihn nachher lesen.«

»Ihr liederlicher Pachter Nostack ist vermuthlich bankrott« sagte Herr Travers und bemerkte beim Aufblicken, wie die Lippen seines Wirthes zitterten. »Ich habe Ihnen das vorausgesagt – und ein so schöner Pachthof! Lassen Sie mich einen andern Pachter für Sie aussuchen.«

Sir Peter schüttelte matt lächelnd den Kopf.

»Nostack wird nicht Bankrott machen, die Nostacks sitzen schon in der sechsten Generation auf dem Pachthof.«

»Das glaube ich wohl«, sagte Travers trocken.

»Und – und«, stammelte Sir Peter, »wenn der letzte des Geschlechts insolvent wird, so soll er an mir eine Stütze finden, und wenn einer von uns beiden fallen muß, so soll es nicht –«

»Soll es nicht dieser querköpfige Schafskopf sein; das heißt die Güte zu weit treiben, mein lieber Sir Peter.«

Hier kamen der Takt und das savoir vivre Chillingly Gordon's dem Wirthe zu Hülfe. Er nahm die Times zur Hand und stieß alsbald einen aufrichtig 246 gemeinten oder simulirten Schrei der Ueberraschung aus und las laut eine Stelle aus dem Leitartikel vor, der einen bevorstehenden Wechsel des Kabinets ankündigte.

Sir Peter eilte, sobald er den Frühstückstisch verlassen konnte, in sein Arbeitszimmer und ging hier an ein sorgfältiges Studium von Kenelm's unwillkommener Mittheilung. Er verweilte lange dabei; denn zu wiederholten Malen mußte er, von dem Kampf seiner Gefühle überwältigt, inne halten; bald war er tief gerührt von der leidenschaftlichen Beredtsamkeit eines bisher von aller Liebesromantik so unberührt gebliebenen Sohnes und bald erfüllte ihn die Aussicht auf die Vereitelung seiner liebsten Hoffnungen mit banger Besorgniß. Dieses unerzogene Landmädchen würde für einen Mann wie Kenelm nie eine so hülfreiche Genossin sein können, wie es Cecilia Travers gewesen sein würde. Als er endlich den Brief zu Ende gelesen hatte, vergrub er sein Gesicht in seine gefalteten Hände und versuchte es mit aller Anstrengung, sich eine Situation klar zu machen, welche Vater und Sohn in einen so directen Gegensatz brachten.

»Aber«, murmelte er vor sich hin, »am Ende handelt es sich doch um das Glück des Jungen. Wenn er nicht auf meine Weise glücklich werden will, welches 247 Recht habe ich zu sagen, daß er es auch nicht auf seine werden soll?«

Grade in diesem Augenblick trat Cecilia leise ins Zimmer. Sie hatte das Privilegium, zu jeder Zeit in die Bibliothek zu kommen; bisweilen that sie es, um sich ein von ihm empfohlenes Buch zu holen, bisweilen, um ihm seine Briefe zu adressiren und zu siegeln – Sir Peter war für jede ihm abgenommene Unbequemlichkeit äußerst dankbar – und bisweilen, besonders zu dieser Stunde, um ihn zu seinen gewohnten Gesundheitsspaziergängen zu überreden.

Bei dem Klang ihrer herannahenden Tritte und ihrer gewinnenden Stimme blickte er auf und sein Gesicht sah so traurig aus, daß ihr beim Anblick desselben die Thränen in die Augen traten. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte in bittendem Ton: »Lieber Sir Peter, was haben Sie, was haben Sie?«

»O mein liebes Kind«, sagte Sir Peter, indem er die zerstreuten Blätter von Kenelm's Erguß mit zitternden Händen zusammenlas, »fragen Sie mich nicht, reden Sie nicht davon; es ist nur eine der Enttäuschungen, denen wir alle ausgesetzt sind, wenn wir unsere Hoffnungen auf den unberechenbaren Willen Anderer setzen.«

Dann, als er sah, wie die Thränen an den schönen 248 blassen Wangen des Mädchens herabrollten, ergriff er ihre Hand mit seinen beiden Händen, küßte sie auf die Stirn und sagte flüsternd: »Sie liebes Kind, wie gut sind Sie gegen mich gewesen! Gott segne Sie! Was für eine vortreffliche Frau werden Sie Ihrem Manne sein!«

Mit diesen Worten schleppte er sich durch die geöffnete Glasthür zum Zimmer hinaus. Sie folgte ihm und fragte sich, was es wohl sein möge; aber noch ehe sie ihn eingeholt hatte, kehrte er sich um, winkte ihr mit einer sanft abwehrenden Handbewegung und ging seines Weges allein durch dichte Baumgänge von Tannen, die zu Ehren von Kenelm's Geburt gepflanzt worden waren. 249

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