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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Es war ungefähr drei Wochen her, daß die von Sir Peter und Lady Chillingly eingeladenen Gäste in Exmundham eingetroffen waren, und sie waren noch da, während sonst die zum Besuch auf dem Lande eingeladenen Leute selten Mitleid genug mit der Langenweile ihrer Wirthe haben, um länger als drei Tage auszuhalten. Herr Chillingly Mivers hatte in der That diesen von der conventionellen Rechtgläubigkeit vorgeschriebenen Termin nicht überschritten. Während seines Aufenthalts hatte er das Benehmen des jungen Gordon gegen Cecilia und das ihrige gegen diesen ruhig beobachtet und die Ueberzeugung gewonnen, daß kein Grund vorliege, Sir Peter zu beunruhigen oder ihn die Einladung, die er an den begabten jungen 230 Verwandten hatte ergehen lassen, bereuen zu lassen. Für alle zurückbleibenden Gäste hatte Exmundham einen besondern Reiz.

Für Lady Glenalvon, weil sie in der Wirthin ihre vertrauteste Jugendfreundin wiederfand und weil es ihr Vergnügen machte, das Interesse zu beobachten, welches Cecilia Travers an der Stätte nahm, an die sich so viele Erinnerungen an den Mann knüpften, mit welchem Lady Glenalvon sie einmal verbunden zu sehen hoffte; für Gordon Chillingly, weil es keine günstigere Gelegenheit zur Verfolgung seiner wohlverborgenen Pläne auf Herz und Hand der Erbin geben konnte. Der Reiz, den der Ort für die Erbin selber hatte, bedarf keiner nähern Erläuterung.

Auf Leopold Travers übten die Reize Exmundhams unstreitig eine geringere Anziehungskraft. Und doch war auch er es zufrieden, seinen Aufenthalt zu verlängern. Sein thätiger Geist fand eine Unterhaltung daran, ein Gut zu durchwandern, dessen Umfang eine viel höhere Einnahme zu bedingen schien, und Sir Peter sowohl über das altmodische Bewirthschaftungssystem, welches dieser gutmüthige coulante Grundbesitzer seinen Pachtern anzuwenden erlaubte, als über die Anzahl von überflüssigen Arbeitern zur Rede zu stellen, welche in den Gärten und bei der allgemeinen 231 Verwaltung des Gutes beschäftigt waren, wie Zimmerleute, Säger, Jäger, Maurer und Schmiede.

Als Travers sagte: »Sie könnten ebenso gut mit dem Dritttheil dieses kostspieligen Arbeiterpersonals auskommen«, gab Sir Peter, indem er sich unbewußt eines Plagiats schuldig machte, die Antwort des alten französischen Grandseigneur: »Sehr wahrscheinlich; aber es fragt sich, ob die Uebrigen auch ebenso gut ohne mich auskommen könnten.«

Die Unterhaltung von Exmundham war in der That sehr kostspielig. Das vor drei Jahrhunderten von einem ehrgeizigen Chillingly erbaute Haus würde für einen Besitzer von dreifach größerer Einnahme noch groß genug gewesen sein; und obgleich der Blumengarten kleiner war als der in Braefieldville, so gab es doch Fußsteige und Fahrwege, die meilenweit durch junge Anpflanzungen und alte Waldungen führten und einer Armee von Arbeitern eine müßiggängerische Beschäftigung verschafften. Kein Wunder, daß Sir Peter, trotz seiner nominellen Einnahme von jährlich zehntausend Pfund, doch weit entfernt war, ein reicher Mann zu sein. Exmundham verschlang wenigstens die Hälfte dieser Einnahme.

Leopold Travers' thätiger Geist fand auch reichliche Nahrung an dem großen Bücherschatz seines Wirthes. Travers, der nie viel studirt hatte, war 232 darum doch keineswegs ein Verächter des Wissens und legte sich bald auf historische und archäologische Untersuchungen mit dem Eifer eines Mannes, der jede Beschäftigung, welche sich ihm als Rettung vor Müßiggang darbietet, mit Energie ergreift; er konnte nie müßig sein. Aber noch mehr als diese Beschäftigungen interessirte ihn die Gesellschaft Chillingly Gordon's und brachte den Strom seiner Gedanken in lebhafteren Fluß. Immer freudig bereit, sich in der Gesellschaft junger Leute in seine eigene Jugend zurückzuversetzen, und von jenem theilnehmenden Wesen, welches herzlichen Naturen eigen ist, war er, wie wir gesehen haben, sehr bereitwillig auf die ehrgeizigen Absichten George Belvoir's eingegangen und hatte sich leicht in die Grillen Kenelm Chillingly's gefunden. Aber der eine von diesen beiden war doch ein wenig gar zu gewöhnlich, der andere ein wenig gar zu excentrisch, als daß sich mit ihnen ein so vollkommen gutes Verhältniß hätte herstellen lassen, wie es das war, in welches der ebenso begabte wie praktische Leopold Travers zu dem sehr begabten und sehr praktischen Repräsentanten der aufstrebenden Generation, Chillingly Gordon, trat. In politischer wie in anderer Beziehung verband sie eine gemeinschaftliche Verachtung altmodischer, wenn auch unschädlicher Begriffe, zu welcher sich in Leopold 233 Travers' Geist noch eine Verachtung gesellte, die vollständig gewesen wäre, wenn sich nicht eine gewisse Furcht hineingemischt hätte, die Verachtung neumodischer schädlicher Ideen, welche ihm in seinen Gedanken den drohenden Ruin seines Landes, den Sturz der Thorheiten der bestehenden Gesellschaft bedeuteten, während er dieser Verachtung nur unter der Hülle der weltmännischen Phrase »eine für mich zu weit gehende Richtung« Ausdruck gab. Von dem viel gebildeteren Geist und dem unendlich viel weitergreifenden Ehrgeiz Chillingly Gordon's mochten dieselben Ideen etwa so angesehen und kritisirt werden: Könnte ich diese Doctrinen acceptiren? Ich sehe nicht, wie ich Premierminister in einem Lande werden kann, in welchem Religion und Kapital noch zu berücksichtigende Mächte sind. Und wenn ich von Religion und Kapital abstrahire, sehe ich doch nicht, wie ich nicht, wenn diese Doctrinen Gesetz würden, leiden müßte, solange ich einen guten Rock trage. Entweder würde man mir als dem Träger eines guten Rocks und folgeweise einem Kapitalisten den Rock vom Leibe reißen, oder man würde mich, wenn ich im Namen moralischer Rechtlichkeit demonstrirte, als einen Anhänger der Religion umbringen.

Wenn daher Travers sagte: »Natürlich müssen wir vorwärts«, lächelte Chillingly Gordon und 234 antwortete: »Gewiß, vorwärts.« Und wenn Leopold Travers hinzufügte: »Aber wir können zu weit gehen«, schüttelte Chillingly Gordon den Kopf und erwiderte: »Wie wahr ist das! Gewiß zu weit.«

Außer der Harmonie ihrer politischen Gesinnungen gab es noch andere freundschaftliche Berührungspunkte zwischen dem ältern und dem jüngern Mann. Beide waren außerordentlich angenehme Weltleute, und obgleich Leopold Travers gewisse Tiefen in Chillingly Gordon's Natur nicht ergründen konnte – und in der Natur jedes Menschen gibt es Tiefen, auf deren Grund sein scharfsichtigster Beobachter nicht hinabzublicken vermag – so hatte er doch nicht Unrecht, wenn er sich sagte: »Gordon ist ein Gentleman.«

Meine Leser würden diesen begabten jungen Mann völlig mißverstehen, wenn sie dafür hielten, er sei ein Heuchler wie Klifil oder Joseph Surface. Chillingly Gordon war in jedem privaten Sinne des Wortes ein Gentleman. Wenn er sein ganzes Vermögen bei einem Robber Whist eingesetzt hätte und ein unbemerkter Blick in die Karten seines Gegners ihm zum Gewinn hätte verhelfen können, würde er weggesehen und gesagt haben: »Halten Sie Ihre Karten besser vor sich.« Auch die Motive, die ihn bei seinem geheimen Entschluß, die Hand der Erbin zu gewinnen, leiteten, hatten, wie ich 235 schon früher zu erklären Gelegenheit gehabt habe, nichts mit denen des gewöhnlichen Glücksjägers gemein. Er gab gar nicht zu, daß zwischen ihr und ihm eine Ungleichheit der weltlichen Güter bestehe. Er sagte sich: »Wieviel Vermögen sie mir auch mitbringen mag, wird es, wenn ich Succeß habe, durch meine Stellung in der Welt reichlich aufgewogen werden, und Succeß werde ich sicher haben. Selbst wenn ich auch so reich wäre wie Lord Westminster und dabei noch den Wunsch hegte, Premierminister zu werden, würde ich doch immer sie als das passendste Mädchen für die Frau eines Premierministers wählen.«

Wir werden ihm die Anerkennung nicht versagen können, daß dieses Selbstgespräch, wenn nicht das eines glühenden Liebhabers, doch das eines sehr verständigen Mannes war, der, von hoher Selbstachtung erfüllt, sein ganzes Absehen darauf gerichtet hat, den Preis einer öffentlichen Laufbahn zu erringen, und der sich in seiner Gattin eine Frau zu sichern wünscht, welche der Stellung, die er im geheimen anstrebt, zur Zierde gereichen würde. In der That würde ein so fähiger Mann nie den ehrgeizigen Gedanken gefaßt haben, Minister zu werden, wenn er sich nicht in allem dem, was im Privatleben den englischen Gentleman ausmacht, von jedem Vorwurf frei gewußt hätte.

236 Er war im öffentlichen Leben nur das, was mancher im Privatleben rechtschaffene Gentleman vor ihm gewesen ist, ein ehrgeiziger, entschlossener Egoist, keineswegs ohne persönliche Zuneigungen, die sich aber alle den Zwecken seines persönlichen Ehrgeizes unterordnen mußten, und mit Ausnahme des einzigen, Alles beherrschenden Princips der Nützlichkeit in Bezug auf seine Carrière völlig principlos. Aber Nützlichkeit hielt er für das einzig rationelle Princip des Staatsmannes. Und für die Erwägungen der Nützlichkeit brachte er einen sehr vorurtheilslosen Geist mit, der ganz dazu gemacht war, unbefangen darüber zu entscheiden, ob die öffentliche Meinung eines freien und erleuchteten Volkes dafür sei, die St.-Paulskathedrale in einen Tempel der Freiheit zu verwandeln oder nicht.

So hatte er seine Sommerferien den Rasenplätzen und Baumgängen Exmundhams gewidmet.

Leopold Travers war nicht die einzige Person, deren Gunst sich Chillingly Gordon erworben hatte. Er hatte sich auch des lebhaftesten Beifalls der Frau Campion zu erfreuen. Seine Unterhaltung erinnerte sie an die Gespräche, die sie im Hause ihres verstorbenen Gatten zu führen gewohnt gewesen war. Cecilia gegenüber pflegte sie ihn mit Kenelm zu vergleichen und zwar nicht zu Gunsten dieses letztern, dessen 237 Grillen ihr durchaus unverständlich waren und den sie beharrlich »so affectirt« nannte. »Ein höchst ausgezeichneter junger Mensch, dieser Herr Gordon, so wohlunterrichtet, so verständig und vor allem so natürlich.« So lautete ihr Urtheil über den noch nicht offen auftretenden Bewerber um Cecilia's Hand, und Frau Campion bedurfte keines offenen Auftretens, um die Bewerbung zu errathen. Selbst Lady Glenalvon hatte angefangen, ein freundliches Interesse an der Carrière dieses vielversprechenden jungen Mannes zu nehmen. Die meisten Frauen haben Sympathie für jugendlichen Ehrgeiz. Sie war überzeugt von seinen Fähigkeiten und hatte einen hohen Respekt vor der Concentration dieser Fähigkeiten auf praktische Zwecke, auf die Erlangung von Macht und Ruhm. Auch sie fing wie Frau Campion an, Vergleiche zwischen den beiden Vettern anzustellen, die ungünstig für Kenelm ausfielen; der eine, allem Anscheine nach, so träge, entschlossen, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, der andere so ehrlich bestrebt, sein Licht vor den Leuten leuchten zu lassen. Es verdroß sie auch und verstimmte sie, daß Kenelm sich grade in dem Augenblick von dem väterlichen Hause fern hielt, wo sie dasselbe zum ersten Mal besuchte und wo er eine so glückliche Gelegenheit gefunden haben würde, das Mädchen näher kennen zu 238 lernen, von dem er wußte, daß es nach Lady Glenalvon's Ueberzeugung, wenn er sich nur in gehöriger Weise um seine Hand bewerben wollte, die passendste Frau für ihn sein würde.

Als daher eines Tages Frau Campion allein mit Lady Glenalvon durch den Garten spazierte, während Chillingly-Gordon Arm in Arm mit Leopold Travers aus dem Garten in den Park ging, und ihre Begleiterin plötzlich fragte: »Glauben Sie nicht, daß Herr Gordon in Cecilia verliebt ist, obgleich er es bei seinem bescheidenen Vermögen nicht offen zu bekennen wagt? Und glauben Sie nicht, daß jedes Mädchen, wenn es auch so reich wäre, wie Cecilia es einmal werden wird, auf einen Mann wie Chillingly Gordon stolzer sein würde als auf einen albernen Grafen?« antwortete Lady Glenalvon kurz, aber in etwas bekümmertem Ton: »Ja«, und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: »Es gibt einen Mann, von dem ich einst glaubte, daß sie mit ihm glücklicher werden würde als mit irgend einem andern; einen Mann, der mir theurer sein müßte als Herr Gordon, denn er hat meinem Sohne das Leben gerettet, und der, wenn auch vielleicht weniger begabt als Herr Gordon, doch Talente genug besitzt, die sich geltend machen und ihn – was soll ich sagen? – zu einem nützlichen und ausgezeichneten Mitgliede der 239 Gesellschaft machen könnten, wenn er ein Mädchen heirathete, das jeden Mann, dem es seine Hand reicht, so sicher emporheben würde, wie Cecilia Travers. Aber wenn ich diese Hoffnung aufgeben und die mir bekannten jungen Männer Musterung passiren lassen muß, so weiß ich, wenn ich von Rang und Vermögen absehe, keinen, den ich lieber für eine begabte Tochter wählen möchte, welche von ganzem Herzen und ganzer Seele den Ehrgeiz eines begabten Mannes theilen würde, als Herrn Gordon. Aber Frau Campion, ich habe diese Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, und solange ich das nicht thue, glaube ich noch immer, daß es einen Mann gibt, dem ich Cecilia, wenn sie meine Tochter wäre, noch lieber geben würde.«

Mit diesen Worten brach Lady Glenalvon das Gespräch über diesen Gegenstand so entschieden ab, daß Frau Campion dasselbe nicht ohne einen Verstoß gegen die gute Sitte und den feinen weiblichen Takt, einen Verstoß, dessen niemand weniger fähig war als sie, wieder hätte aufnehmen können.

Lady Chillingly mußte wohl Gefallen an Gordon finden. Er hatte ein umgängliches Wesen, amüsirte ihre Gäste und war immer bereit, wenn es erforderlich war, als vierter Mann bei einem Robber Whist auszuhelfen.

Mit zwei Leuten wußte sich jedoch Gordon nicht 240 zu stellen, nämlich mit Pfarrer John und Sir Peter. Als Travers ihn eines Tages wegen der Solidität seiner Talente und seines gesunden Urtheils lobte, erwiderte der Pfarrer bissig: »Ja, solid und gesund; wie einer jener Tische, die man beim Trödler kauft: unter dem dicken Firniß verbergen sich die Mängel der Arbeit; das ganze Gefüge ist gebrechlich.« Als aber Travers den Pfarrer entrüstet drängte, seine Gründe für ein so hartes Urtheil anzugeben, konnte er nur mit einer Behauptung antworten, die in Travers' Augen nichts war als ein rhetorischer Ausbruch geistlicher Unduldsamkeit.

»Er hat«, sagte Pfarrer John, »keine Liebe zu den Menschen und keine Ehrfurcht vor Gott. Und kein Wesen ist gesund und solid, welches sich auf Kosten seiner innern Festigkeit ausbreitet.«

Sir Peter's anfänglich günstiges Urtheil über Gordon aber war in dem Maße in sein Gegentheil umgeschlagen, als er, dem Winke folgend, den Mivers ihm ursprünglich gegeben, aber nicht zu wiederholen für nöthig gehalten hatte, die Mühe, die sich der junge Mann gab, sich bei Herrn Travers und Frau Campion zu insinuiren, und die künstliche und halbverhüllte Galanterie in seinem Benehmen gegen die Erbin zu beobachten Gelegenheit hatte.

241 Vielleicht hätte Gordon es nicht gewagt, in dieser Weise »Fühlung zu suchen«, bis Mivers abgereist war, oder vielleicht machte Sir Peter seine väterliche Besorgniß in diesem Falle zu einem feinern Beobachter, als es der Weltmann war, dessen natürlicher Scharfsinn bei Herzensangelegenheiten nicht selten durch seine Philosophie des Indifferentismus gelähmt wurde.

Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde war Cecilia während ihres Aufenthaltes in Sir Peter's Hause ihm theurer geworden und immer mehr befestigte sich in ihm der Wunsch, sie zur Schwiegertochter zu gewinnen. Er fühlte sich unendlich geschmeichelt durch ihre Vorliebe für seine Gesellschaft. Immer war sie bereit, ihn auf seinen gewöhnlichen Spaziergängen, seinen freundlichen Besuchen in den Hütten der Bauern oder den Häusern kleiner Pachter zu begleiten, wo beide sicher sein konnten, manche einfache Anekdote aus der Kindheit Kenelm's, Anekdoten von grillenhaften Einfällen oder gutmüthigen Zügen, von Proben zarten Mitleids oder rücksichtslosen Muthes zu hören.

Durch alle diese mannichfach abgestuften Gedanken und Gefühle in dem gesellschaftlichen Kreise um sie her hindurch bewahrte Lady Chillingly sich die unerschütterliche Ruhe ihrer würdevollen Haltung. Sie 242 war gewiß eine sehr gute Frau und sehr comme il faut. Niemand hätte einen Flecken in ihrem Charakter oder eine ungleiche Falte an ihren Falten entdecken können. Sie war nur, wie die Götter des Epikur, zu gut, um ihr hehres Dasein durch die Sorgen einfacher Sterblicher zu trüben. Nicht daß sie für eine heitere Genugthuung über den Tribut, den die Welt auf ihren Altären niederlegte, unempfänglich gewesen, oder daß sie in ihrer Gottähnlichkeit über die häuslichen Freuden erhaben gewesen wäre, welche die Menschheit den Bürgern und Bewohnern der Erde zutheilt. Sie liebte ihren Mann, wie die meisten ältlichen Frauen ihre ältlichen Männer lieben. Für Kenelm hegte sie noch eine etwas wärmere Liebe, in die sich ein gewisses Mitleid mischte. Seine Excentricitäten würden ihr zu schaffen gemacht haben, wenn sie sich überhaupt mit irgend etwas zu schaffen gemacht hätte; es incommodirte sie weniger, sie zu bemitleiden. Sie theilte nicht den Wunsch ihres Gatten in Betreff seiner Verbindung mit Cecilia. Sie glaubte, daß ihr Sohn eine höhere Stellung in der Grafschaft gewinnen würde, wenn er Lady Jane, die Tochter des Herzogs von Clanville, heirathete, und das sollte er thun, sagte Lady Chillingly zu sich. Ihr lag die Besorgniß fern, welche Sir Peter veranlaßt hatte, sich von Kenelm das 243 Versprechen geben zu lassen, sich nicht ohne Genehmigung seines Vaters zu verloben. Daß der Sohn Lady Chillingly's eine Mesalliance sollte schließen können, war bei aller seiner sonstigen Grillenhaftigkeit ein Gedanke, den zu fassen sie so außer Fassung gebracht haben würde, daß sie ihn nicht faßte.

So war der Zustand der Dinge in Exmundham, als das lange Schreiben Kenelm's in Sir Peter's Hände gelangte. 244

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