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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Am nächsten Tage ging Kenelm zur Stadt, gab seinen volumiuösen Brief an Sir Peter auf die Post und sprach dann in Will Somers Laden vor, in der Absicht, einige Ankäufe von Korbwaaren oder von andern Kleinigkeiten aus Jessie's hübschem Vorrath, wie sie dem Geschmack seiner Mutter zusagen möchten, zu machen.

Bei dem Eintritt in den Laden schlug sein Herz rascher. Er sah zwei junge Gestalten, die über den Ladentisch gebeugt den Inhalt eines Glaskastens in Augenschein nahmen. Eine dieser Kunden war Clemmy, die schlanke graziöse Gestalt der andern konnte nur Lily Mordannt sein. Clemmy rief eben: »O wie hübsch ist das, Frau Somers; aber«, fügte sie in traurigem Ton hinzu, indem sie ihre Blicke von dem Ladentisch 210 ab auf eine seidene Geldbörse in ihrer Hand fallen ließ, »ich kann es nicht kaufen, ich habe nicht Geld genug bei mir, bei weitem nicht genug.«

»Und was ist es, Fräulein Clemmy?« fragte Kenelm.

Die beiden Mädchen wandten sich bei diesen Worten um und Clemmy's Gesicht verklärte sich.

»Sehen Sie einmal her«, sagte sie, »ist das nicht reizend?«

Der so bewunderte und ersehnte Gegenstand war ein kleines goldenes Medaillon, das mit einem aus kleinen Perlen bestehenden Kreuz geziert war.

»Ich versichere Ihnen, Fräulein«, sagte Jessie, die sich die ganze einschmeichelnde Ueberredungskunst einer Verkäuferin angeeignet hatte, »es ist wirklich sehr billig. Fräulein Mary Burrows, die kurz vor Ihnen hier war, hat ein bei weitem nicht so hübsches gekauft und zehn Schillinge mehr dafür bezahlt.«

Fräulein Mary Burrows war ebenso alt wie Fräulein Clementina Emlyn und diese beiden jugendlichen Schönheiten waren in Bezug auf ihren Putz Rivalinnen. »Fräulein Burrows!« seufzte Clemmy mit einem Ausdruck von bitterm Hohn.

Aber Kenelm's Aufmerksamkeit wurde von Clemmy's Medaillon auf einen kleinen Ring abgelenkt, den 211 Lily an ihrem Finger zu versuchen sich von Frau Somers hatte überreden lassen und den sie jetzt kopfschüttelnd wieder abzog. Frau Somers, welche sah, daß sie wenig Aussicht habe, das Medaillon an Clemmy zu verkaufen, wandte sich darum an das ältere Mädchen, von dem es wahrscheinlicher war, daß es hinreichend mit Taschengeld versehen sein werde, und dem sie auf jeden Fall ganz sicher Credit geben konnte.

»Der Ring paßt Ihnen so gut, Fräulein Mordannt, und jede junge Dame Ihres Alters trägt wenigstens einen Ring; darf ich ihn nicht für Sie beiseite legen?« Und in einem leisern Ton fügte sie hinzu: »Wir haben diese Artikel zwar nur in Comission, aber es ist uns doch einerlei, ob wir jetzt oder zu Weihnachten bezahlt werden.«

»Es nützt Ihnen nichts, mich in Versuchung zu führen, Frau Somers«, sagte Lily lachend und fuhr dann mit ernster Miene fort: »Ich habe Löwe, ich meine meinen Vormund, gelobt, mich nie in Schulden zu stürzen, und das will ich auch nicht.«

Damit kehrte Lily, nachdem sie ein neues Band, das sie für Blanche gekauft, zu sich genommen hatte, entschlossen dem gefährlichen Ladentisch den Rücken und Clemmy folgte ihr widerstrebend auf die Straße.

Kenelm blieb noch eine Weile, suchte in großer 212 Eile ein paar Kleinigkeiten aus, die ihm noch an demselben Abend mit einigen Korbflechtereien, deren Auswahl er dem Geschmack und der Discretion Will's überließ, geschickt werden sollten, und kaufte dann das Medaillon, an welchem Clemmy's Herz hing; während der ganzen Zeit aber dachte er nur an den Ring, den Lily versucht hatte. Es war kein Verstoß gegen die Etikette, das Medaillon einem Kinde wie Clemmy zu schenken; aber würde es nicht eine grausame Impertinenz sein, Lily ein Geschenk anzubieten?

Jessie sagte:

»Fräulein Mordannt hat sich ganz in diesen Ring verliebt, Herr Chillingly. Ich bin überzeugt, ihre Tante würde es gern sehen, wenn sie ihn bekäme. Ich habe große Lust, ihn in der Hoffnung, daß Frau Cameron bald einmal bei uns vorspricht, zurückzulegen. Es wäre schade, wenn jemand anders ihn kaufen sollte!«

»Ich denke, ich kann mir die Freiheit nehmen«, sagte Kenelm, »ihn Frau Cameron zu zeigen. Sie wird ihn ohne Zweifel für ihre Nichte kaufen. Setzen Sie ihn mir auf meine Rechnung.« Er nahm den Ring zu sich und ging damit fort; es war ein sehr bescheidener, einfacher kleiner Ring, mit einem einzigen Stein in Gestalt eines Herzens, nicht halb so theuer wie das Medaillon.

213 Kenelm erreichte die jungen Damen grade an der Stelle, wo der Fußsteig sich in zwei Wege spaltete, von denen der eine direct nach Grasmere, der andere über den Kirchhof nach dem Pfarrhause führte. Er offerirte Clemmy das Medaillon mit kurzen freundlichen Worten, die jeden Skrupel, ob sie es auch annehmen dürfe, leicht bei ihr beseitigten, und entzückt lief sie fort nach dem Pfarrhause, ungeduldig, ihren Schatz ihrer Mama und ihren Schwestern und vor allem Mary Burrows zu zeigen, die zum Frühstück zu ihnen kommen sollte.

Kenelm ging langsam neben Lily her.

»Sie haben ein gutes Herz, Herr Chillingly«, sagte sie etwas abrupt. »Wie angenehm muß es Ihnen sein, solche Freude zu bereiten! Die liebe kleine Clemmy!«

Dieses schmucklose Lob und diese reine, von Neid oder Gedanken an sich selbst völlig freie Freude, die sich bei der Erfüllung des Wunsches ihrer Freundin kundgab, obgleich der ihrige nicht erfüllt war, entzückten Kenelm.

»Wenn es angenehm ist, Freude zu bereiten«, sagte er, »so ist jetzt die Reihe an Ihnen, sich diese angenehme Empfindung zu verschaffen, Sie können mir eine solche Freude bereiten.«

214 »Wie das?« fragte sie stammelnd und mit einem raschen Wechsel der Farbe.

»Indem Sie mir dasselbe Recht zugestehen, welches Ihre kleine Freundin mir gewährt hat.«

Und dabei zog er den Ring heraus.

Lily warf in einer ersten Regung von Hochmuth den Kopf in den Nacken. Aber als ihre Blicke den seinigen begegneten, senkte sich ihr Kopf wieder und ein leichter Schauer überlief sie.

»Fräulein Mordannt«, nahm Kenelm wieder auf, indem er sein leidenschaftliches Verlangen, ihr zu Füßen zu fallen und zu sagen: »O, in diesem Ringe biete ich Ihnen meine Liebe, verpfände ich Ihnen meine Treue!« bemeisterte, »Fräulein Mordannt, ersparen Sie mir den Jammer, denken zu müssen, daß ich Sie beleidigt habe; nie möchte ich das weniger als an diesem Tage; denn es wird vielleicht eine kleine Weile dauern, bis ich Sie wiedersehe. Ich gehe auf einige Tage nach Hause wegen einer Angelegenheit, von der das Glück meines Lebens abhängen kann und über welche ich, wenn ich nicht ein schlechter Sohn und ein unwürdiger Edelmann sein will, den zu Rathe ziehen muß, der mich dazu erzogen hat, in Betreff alles dessen, was meine Neigungen berührt, an ihn, den Vater, in Allem, was meine Ehre betrifft, an ihn, den Edelmann, zu wenden.«

215 Man kann sich wohl kaum eine Rede denken, welche den Worten, die ein Darsteller der Sitten unserer Tage einem Liebhaber in den Mund legen würde, unähnlicher und mehr dazu geeignet wäre, von einem Kritiker im »Londoner« der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden, als diese Worte Kenelm's. Aber merkwürdigerweise verstand diese arme kleine Schmetterlingszähmerin und Märchenerzählerin augenblicklich Alles, was der excentrischste aller Menschen so frostig ungesagt ließ. Es senkte sich tiefer in ihr innerstes Herz, als es die glühendste Erklärung aus dem Munde der Laffen und vaut-riens gethan haben würde, in welchen die Sittenschilderer unserer Tage nur zu oft die herrliche, in dem Worte »Liebender« verkörperte Ritterlichkeit herabwürdigen.

Zufällig waren beide, während sie miteinander sprachen, an der Stelle des längs des Flüßchens hinführenden Fußwegs stehen geblieben, wo die Bank stand, auf welcher sie vor einigen Wochen gesessen hatten. Einige Augenblicke später saßen sie wieder auf dieser Bank. Nicht lange und der dürftige kleine Ring mit seinem Herzen von Türkis steckte an Lily's Finger. Und da saßen sie wohl noch eine halbe Stunde, nicht viel redend, aber wunderbar glücklich. Kein Gelöbniß der Treue wurde zwischen ihnen gewechselt, nein, nicht 216 einmal ein Wort, dem man den Sinn: Ich liebe Dich! hätte beilegen können. Und doch wußten beide, als sie von der Bank aufstanden und schweigend längs des Flusses nebeneinander hergingen, daß sie sich liebten.

Als sie an der Gartenpforte von Grasmere anlangten, fuhr Kenelm leicht zusammen. Frau Cameron stand über das Gitter gelehnt. Mochte Kenelm sich bei ihrem Anblick beunruhigt fühlen, Lily empfand sicherlich nichts der Art. Leichten Fußes schritt sie ihm voraus, küßte ihre Tante auf die Wangen und hüpfte singend über den Rasen.

Kenelm blieb vor Frau Cameron am Gitter stehen. Sie öffnete die Pforte, nahm seinen Arm und führte ihn eine Strecke weit längs des Flusses hin.

»Ich bin überzeugt, Herr Chillingly«, sagte sie, »daß Sie meinen Worten keine ernstere Bedeutung beilegen werden, als ich sie beabsichtige, wenn ich Sie daran erinnere, daß uns keine noch so bescheidene Stellung vor der Bosheit der Klatschsucht sichert, und Sie werden zugeben, daß meine Nichte sich der Gefahr aussetzt, ein Opfer dieser Klatschsucht zu werden, wenn man sie auf diesen Dorfwegen mit einem Manne Ihres Alters und Ihrer Stellung, dessen Aufenthalt in dieser Gegend ohne irgend welchen plausibeln Zweck 217 bereits angefangen hat, zu allerhand Vermuthungen Veranlassung zu geben, allein gehen sieht. Ich nehme keinen Augenblick an, daß Sie meine Nichte in einem andern Lichte als dem eines naiven Kindes betrachten, dessen phantastische Originalität Sie vielleicht ergötzt, und noch weniger fällt es mir ein zu glauben, daß sie in Gefahr ist, die ihr von Ihnen erwiesenen Aufmerksamkeiten zu mißdeuten. Aber um ihretwillen bin ich verpflichtet, an das zu denken, was Andere vielleicht sagen werden. Verzeihen Sie mir daher, wenn ich hinzufüge, daß ich auch Sie durch Ihre Ehre und Ihre edle Gesinnung für verpflichtet halte, dasselbe zu thun. Herr Chillingly, ich würde mich sehr erleichtert fühlen, wenn es Ihren Plänen nicht zuwider liefe, diese Gegend zu verlassen.«

»Meine liebe Frau Cameron«, erwiderte Kenelm, der diese Ansprache mit dem Ausdrucke unerschütterlicher Ruhe angehört hatte »ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Aufrichtigkeit und freue mich über die mir von Ihnen gebotene Gelegenheit, Ihnen mitzutheilen, daß ich im Begriff stehe, diese Gegend in der Hoffnung zu verlassen, in wenigen Tagen zurückkehren zu können und Ihr Mißverständniß in Betreff der Art, wie ich ihre Nichte betrachte, zu berichtigen. Mit einem Wort« – und hier ging mit seinem 218 Gesichtsausdruck und dem Ton seiner Stimme eine plötzliche Veränderung vor – »es ist der innigste Wunsch meines Herzens, mich von meinen Eltern ermächtigt zu sehen, Ihnen zu sagen, mit welcher Freude sie Ihre Nichte als Tochter willkommen heißen werden, wenn sie sich dazu verstehen sollte, meiner Bewerbung ein geneigtes Ohr zu leihen und ihr Glück mir anzuvertrauen.«

Frau Cameron stand plötzlich still und starrte ihn mit einem Blicke an, in welchem sich unaussprechlicher Jammer malte.

»Nein, Herr Chillingly«, rief sie, »das darf nicht sein, das kann nicht sein. Schlagen Sie sich einen so tollen Gedanken aus dem Kopf. Das ist nichts als eine jugendlich romanhafte, unausführbare Idee. Ihre Eltern können Ihrer Verbindung mit meiner Nichte nicht zustimmen; ich sage Ihnen im voraus, Sie können es nicht!«

»Aber warum nicht?« fragte Kenelm, dem die Leidenschaftlichkeit, mit welcher Frau Cameron ihn beschwor, keinen großen Eindruck gemacht hatte, leicht lächelnd.

»Warum?« wiederholte sie leidenschaftlich, faßte sich dann wieder und fuhr mit etwas von ihrer gewöhnlichen matten Ruhe fort: »Das Warum ist leicht 219 erklärt. Sie sind der Sohn eines sehr alten Hauses und wie ich höre, der Erbe eines bedeutenden Grundbesitzes. Meine Nichte ist eine mittellose Waise ohne Verbindungen, das Mündel eines Künstlers von niedriger Herkunft, dem sie das Dach dankt, das sie schützt; sie hat nicht einmal die gewöhnliche Erziehung eines Mädchens von guter Herkunft; sie hat von der Welt, in welcher Sie leben, nichts gesehen. Ihre Eltern haben nicht das Recht, einem Sohn von so jugendlichem Alter zu gestatten, durch eine so übereilte und unverständige Verbindung aus der ihm gemäßen Lebenssphäre herauszutreten. Und nie würde ich, nie würde Walter Melville seine Zustimmung dazu geben, daß sie in eine Familie einträte, die sie nur mit Widerstreben aufnehmen würde. So, das genügt. Lassen Sie den so leicht genährten Gedanken fahren und leben Sie wohl.«

»Gnädige Frau«, erwiderte Kenelm sehr ernst, »glauben Sie mir, daß, wenn ich nicht die der Gewißheit nahe kommende Hoffnung hegte, daß die von Ihnen gegen meine Anmaßung angeführten Gründe bei meinen Eltern nicht so schwer ins Gewicht fallen werden, wie Sie voraussetzen, ich mich nicht so offen gegen Sie ausgesprochen haben würde. So jung ich bin, so darf ich doch das Recht in Anspruch nehmen, 220 die Wahl meiner künftigen Gattin selbst zu treffen. Aber ich habe meinem Vater das bindende Versprechen gegeben, keinem Mädchen einen förmlichen Heirathsantrag zu machen, bevor ich ihn von meinem Wunsche, das zu thun, in Kenntniß gesetzt und seine Zustimmung zu meiner Wahl erlangt habe; und er ist der letzte Mensch auf der Welt, der mir diese Zustimmung vorenthalten würde, wenn mein Herz daran hängt, wie es jetzt der Fall ist. Ich brauche keine vermögende Frau zu heirathen, und sollte ich je wünschen, meine Stellung in der Welt zu verbessern, so würde mir das zustimmende Lächeln eines geliebten Weibes dazu förderlicher sein als irgend eine Verbindung in der Welt. Es gibt nur Eins, was meine Eltern von meiner Wahl eines Mädchens, das unsern Namen tragen soll, zu fordern sich für berechtigt halten würden. Ich meine, daß sie die Erscheinung, die Manieren, die Grundsätze und – wenigstens würde meine Mutter das noch hinzufügen – die Geburt eines adligen Mädchens habe. Nun, was Erscheinung und Manieren betrifft, so habe ich, obgleich ich von Jugend auf viel in der feinen Gesellschaft gelebt habe, unter den Höchstgeborenen keine gefunden, welche an auserlesener Feinheit des Wesens und an angeborener Delicatesse jeder Empfindung die übertroffen hätte, auf welche ich, 221 wenn sie die Meine wird, ebenso stolz sein werde, wie ich sie lieben werde. Was den Mangel an dem Tand und Flitter einer Pensionserziehung anlangt, so läßt sich dem sehr leicht abhelfen. Es bleibt also nur der letzte Punkt, die Geburt. Frau Braefield sagt mir, daß Sie ihr versichert haben, Fräulein Mordannt sei, obgleich Umstände, nach denen mich zu erkundigen ich bis jetzt noch kein Recht habe, sie zum Mündel eines Mannes von niedriger Herkunft gemacht haben, von adliger Geburt. Ist dem so?«

»Ja«, sagte Frau Cameron zögernd, aber mit einem stolzen Ausdruck und fuhr dann fort: »Ja, ich kann nicht leugnen, daß meine Nichte von Ahnen abstammt, welche an Adel der Geburt Ihren Vorfahren gleichstanden. Aber«, fügte sie in einem Tone bitteren Kleinmuths hinzu, »Gleichheit der Geburt verliert ihre Bedeutung, wenn man der Armuth, der Obscurität, der Vernachlässigung, dem Nichts verfällt!«

»Das ist in der That eine krankhafte, Ihnen zur Gewohnheit gewordene Anschauung. Aber da wir so vertraulich miteinander gesprochen haben, wollen Sie mich nicht in den Stand setzen, die Frage, welche man mir wahrscheinlich thun wird und deren Beantwortung, wie ich nicht zweifle, jedes meinem Glücke im Wege stehende Hinderniß beseitigen wird, zu 222 beantworten? Was auch immer die Gründe sein mögen, aus denen Sie mit Fug und Recht hier, wo Sie so ruhig leben, ein discretes Schweigen über Fräulein Mordannt und Ihre eigene Familie beobachtet haben, und ich weiß sehr wohl, daß diejenigen, welche sich durch veränderte Glücksumstände zu einer veränderten Lebensweise genöthigt sehen, es oft verschmähen, sich vor Fremden ihrer Ansprüche auf eine höhere Lebensstellung als diejenige, in die sie sich gefunden haben, zu rühmen, was auch immer, sage ich, diese Gründe Ihres Schweigens gegen Fremde sein mögen, dürfen dieselben Sie abhalten, einem Bewerber um die Hand Ihrer Nichte ein Geheimniß anzuvertrauen, welches doch schließlich ihrem künftigen Gatten nicht wird verborgen bleiben können?«

»Ihrem künftigen Gatten? Gewiß nicht«, erwiderte Frau Cameron. »Aber ich muß es ablehnen, diese Frage einem Manne zu beantworten, den ich vielleicht nie wiedersehen werde und von dem ich so wenig weiß. Ich muß in der That jede Mitwirkung dazu ablehnen, irgend ein Hinderniß einer Verbindung mit meiner Nichte zu beseitigen, welche ich in jeder Beziehung für beide Theile für unpassend halte. Ich habe nicht einmal Veranlassung zu glauben, daß meine Nichte Ihren Antrag annehmen würde, wenn Sie 223 berechtigt wären, ihr denselben zu machen. Sie haben doch wohl noch nicht mit ihr als Bewerber um ihre Hand gesprochen, haben ihr Ihre Neigung nicht erklärt und haben nicht versucht, ihrer Unerfahrenheit Worte zu entlocken, die Sie zu der Annahme berechtigen könnten, daß ihr Herz brechen würde, wenn sie Sie nie wiedersähe?«

»Ich habe so grausame und höhnische Fragen nicht verdient«, sagte Kenelm entrüstet. »Aber ich will jetzt nichts mehr sagen. Lassen Sie mich hoffen, daß Sie mich, wenn wir uns wiedersehen, weniger unfreundlich behandeln werden. Leben Sie wohl!«

»Halt, Herr Chillingly. Noch ein Wort. Beharren Sie dabei, Ihre Eltern um ihre Zustimmung dazu zu bitten, daß Sie sich um die Hand meiner Nichte bewerben?«

»Gewiß thue ich das.«

»Und Sie versprechen mir auf Ihr Wort als Gentleman, daß Sie Ihren Eltern offen alle die Gründe mittheilen wollen, welche ihrer Zustimmung entgegenwirken könnten; die Armuth, die dürftige Erziehung, die mangelhafte Bildung meiner Nichte, sodaß sie nicht nachher sagen können, Sie hätten ihre Zustimmung erschlichen, und sich für ihre Täuschung durch ein geringschätziges Benehmen gegen sie rächen können?«

224 »O gnädige Frau, Sie stellen in der That meine Geduld auf eine zu harte Probe. Aber nehmen Sie mein Versprechen, wenn Ihnen das Versprechen eines Menschen, den Sie einer überlegten Täuschung für fähig halten, von irgend welchem Werth sein kann.«

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Chillingly, haben Sie Nachsicht mit meinen unverbindlichen Worten. Ich war so überrascht, ich weiß kaum, was ich gesagt habe. Aber lassen Sie uns uns vollkommen verständigen, ehe wir uns trennen. Wenn Ihre Eltern Ihnen ihre Zustimmung verweigern, so werden Sie es mir mittheilen, mir allein, nicht Lily. Ich wiederhole es, ich weiß nichts darüber, wie es mit ihrem Herzen steht. Aber es könnte das Leben jedes Mädchens verbittern, sich verleitet zu sehen, jemand zu lieben, den sie nicht heirathen könnte.«

»Das soll geschehen. Aber wenn sie ihre Zustimmung geben?«

»Dann werden Sie mit mir reden, bevor Sie eine Zusammenkunft mit Lily suchen, denn dann entsteht eine andere Frage: Wird ihr Vormund seine Zustimmung geben? Und – und –«

»Und was?«

»Einerlei. Ich verlasse mich bei dieser Bitte wie in jeder andern Beziehung auf Ihre Ehrenhaftigkeit. Leben Sie wohl.«

225 Raschen Schrittes ging sie nach Hause und murmelte vor sich: »Aber sie werden ihre Zustimmung nicht geben. Gott gebe, daß sie nicht zustimmen; wenn sie es aber thun, was soll ich dann sagen oder thun? O daß Walter Melville hier wäre oder daß ich wüßte, wohin ich ihm schreiben könnte!«

Auf seinem Heimwege nach Cromwell-Lodge fand sich Kenelm von dem Pfarrer eingeholt.

»Ich wollte grade zu Ihnen, mein lieber Herr Chillingly, erstens um Ihnen für das allerliebste Geschenk zu danken. durch welches Sie das Herz meiner kleinen Clemmy erfreut haben, und dann Sie zu bitten, heute den Tag ruhig bei mir zuzubringen, um Herrn N., den berühmten Antiquar, zu treffen, der diesen Morgen auf meine Bitte nach Moleswick gekommen ist, um das alte gothische Grab auf unserm Kirchhof zu besichtigen. Denken Sie nur, obgleich er die Inschrift nicht besser lesen kann als wir, kennt er doch die ganze Geschichte des Grabes. Es scheint, daß ein junger, durch seine Tapferkeit berühmter Ritter zur Zeit Heinrich's IV. eine Tochter eines jener großen Grafen von Montfichet, welche damals die mächtigste Familie in dieser Gegend waren, heirathete. Er wurde bei Vertheidigung der Kirche gegen einen Angriff einiger Aufrührer von der Lollard-Partei erschlagen; er 226 fiel grade auf der Stelle, wo jetzt das Grab liegt. Das erklärt die Lage desselben auf dem Kirchhof und nicht in der Kirche. Herr N. fand diese Thatsache in einem alten Mémoire der alten, einst berühmten Familie, welcher der junge Ritter Albert angehörte und welche leider später ein so schmachvolles Ende genommen hat, der Fletwodes, Barone von Fletwodes und Malpas. Welch ein Triumph über die kleine Lily Mordannt, die sich immer eingebildet hat, das Grab müsse das einer Heroine ihrer eigenen romantischen Erfindung sein! Kommen Sie zum Essen, Herr N. ist ein sehr angenehmer Mann und voll von interessanten Anekdoten.«

»Es thut mir außerordentlich leid, aber ich kann nicht. Ich muß sofort auf einige Tage nach Hause reisen. Diese alte Familie Fletwode! Mir ist, als sähe ich, während wir miteinander reden, den großen Thurm vor mir, in welchem sie einst herrschten, und dagegen der letzte des Geschlechts, der dem Fortschritt der Zeit gemäß dem Mammon huldigte und – als verurtheilter Verbrecher endigte! Welch eine schreckliche Satire auf den Geburtsstolz!«

Kenelm reiste noch denselben Abend ab, behielt aber seine Zimmer in Cromwell-Lodge, weil er, wie er sagte, jeden Tag der nächsten Woche ungemeldet zurückkommen könne.

227 Er blieb zwei Tage in London, da er wünschte, daß sein Vater Alles, was er ihm schriftlich mitgetheilt, recht gründlich in sich verarbeitet haben möge, bevor er sich persönlich an ihn wende. Je mehr er über die unfreundliche Art nachdachte, wie Frau Cameron seine Confidence aufgenommen hatte, desto weniger Gewicht legte er darauf. Eine übertriebene Empfindlichkeit gegen ungleiche Glücksumstände bei einer Frau, die ihm jenen Stolz zu haben schien, der bei Leuten, welche bessere Tage gekannt haben, so gewöhnlich ist, verbunden mit einer nervösen Besorgniß, daß seine Familie ihr den Versuch, einen sehr jungen, glücklich gestellten Mann zu einer Heirath mit einer blutarmen Nichte verlockt zu haben, Schuld geben möchte, schien Vieles zu erklären, was ihn anfänglich irre gemacht und erzürnt hatte. Und wenn, wie er vermuthete, Frau Cameron ehemals eine viel höhere Stellung in der Welt eingenommen hatte, als sie es jetzt that, eine Vermuthung, welche ihre unleugbare Eleganz des Wesens zu bestätigen schien, und wenn sie, wie sie es zu verstehen gegeben hatte, thatsächlich von der Güte eines Malers abhängig war, der sich eben erst in seiner Kunst einen gewissen Ruf erworben hatte, so mochte sie wohl vor der Kränkung zurückschrecken, ein Gegenstand des Mitleids für ihre reicheren Nachbarn zu werden. Und wenn 228 er näher darüber nachdachte, so hatte er nicht mehr Recht als diese Nachbarn auf eine vertrauliche Mittheilung über ihre eigene oder Lily's Familie, solange er nicht förmlich berechtigt erschien, einen Anspruch auf ihr specielles Vertrauen zu erheben.

London schien ihm unerträglich todt und langweilig. Er machte nirgends Besuche außer bei Lady Glenalvon, die aber, wie er zu seiner Freude von den Dienern erfuhr, noch in Exmundham war. Er hatte großes Vertrauen zu dem Einfluß dieser Königin der Mode auf seine Mutter, die, wie er voraussah, schwerer zu überreden sein würde als sein Vater, und zweifelte nicht, daß er diese so sympathisch und warm empfindende Königin für sich gewinnen werde. 229

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