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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Am nächsten Morgen ging Tom fort. Jessie noch einmal zu sehen, lehnte er mit der kurzen Erklärung ab: »Ich möchte den Eindruck, den sie neulich Abend auf mich gemacht hat, nicht der Gefahr aussetzen, wieder abgeschwächt zu werden.«

Kenelm war nicht in der Stimmung, die Abreise seines Freundes zu bedauern. Ungeachtet aller Verbesserungen in Tom's Manieren und Bildung, welche ihn an die Bildungsstufe des feinen und unterrichteten Erben der Chillinglys so viel näher heranreichen ließen, würde Kenelm sich doch sympathischer zu dem alten trostlosen Wandergefährten, der mit ihm auf dem Grase gelegen und auf die Worte oder Verse des Troubadours gehorcht hatte, hingezogen gefühlt haben, als zu dem praktischen, aufstrebenden Bürger von Luscombe. 189 Für den jugendlichen Liebhaber Lily Mordannt's lag ein Zwiespalt, ein Mißklang in dem ihm aufgedrängten Bewußtsein, daß das menschliche Herz solche wohlüberlegte, wohlgerechtfertigte Wechsel der Treue und Huld zuläßt: heute eine Jessie und morgen eine Emily – La reine est morte; vive la reine!

Etwa eine Stunde nachdem Tom fort war, ging Kenelm fast mechanisch des Weges nach Braefieldville. Er hatte instinctiv Elsie's geheime Wünsche in Bezug auf ihn und Lily errathen, wie geschickt sie dieselben auch verborgen zu haben glaubte.

In Braefieldville würde er auf dem Schauplatz, auf welchem er Lily zuerst gesehen hatte, von Lily reden hören.

Er fand Frau Braefield allein in ihrem Salon, vor einem mit Blumen bedeckten Tisch, die sie für die Vasen, für welche sie bestimmt waren, sortirte und mischte.

Es frappirte ihn, daß sie reservirter als gewöhnlich und etwas verlegen war, und als er sich nach einigen einleitenden gewöhnlichen Unterhaltungsphrasen kühn in medias res stürzte und Frau Braefield fragte, ob sie Frau Cameron kürzlich gesehen habe, erwiderte sie kurz: »Ja, ich habe sie neulich besucht«, und ging sofort auf einen andern Gesprächsgegenstand, auf den bedrohlichen Zustand des Continents über.

190 Kenelm war entschlossen, sich nicht so kurz abspeisen zu lassen, und ging sofort wieder zur Attake über.

»Neulich proponirten Sie eine Excursion nach der römischen Villa und sagten, Sie würden Frau Cameron auffordern, von der Partie zu sein. Haben Sie das vielleicht vergessen?«

»Nein, aber Frau Cameron lehnt es ab. Wir können statt dessen Emlyns auffordern. Er wird ein vortrefflicher Cicerone sein.«

»Vortrefflich! Warum lehnte denn Frau Cameron ab?«

Elsie zögerte, blickte ihn aber dann mit ihren klaren braunen Augen an und war plötzlich entschlossen, die Sache zur Entscheidung zu bringen.

»Ich kann nicht sagen, warum Frau Cameron ablehnte, aber jedenfalls war es sehr weise und ehrenwerth von ihr gehandelt. Hören Sie mich an, Herr Chillingly. Sie wissen, wie hoch ich Sie schätze und wie herzlich ich Ihnen zugethan bin, und wenn ich nach dem urtheile, was ich mehrere Wochen hindurch, vielleicht länger, empfand, als wir uns in Tor-Hadham getrennt hatten –« sie zögerte abermals, fuhr aber alsbald halblachend und leicht erröthend fort: »Wenn ich Lily's Tante oder ältere Schwester 191 wäre, so würde ich grade so handeln wie Frau Cameron; ich würde es ablehnen, Lily viel mit einem jungen Manne zusammenkommen zu lassen, der an Vermögen und Stellung viel zu hoch über ihr steht, als daß –«

»Halt!« rief Kenelm in einem hochmüthigen Ton, »ich kann nicht zugeben, daß das Vermögen und die Stellung irgend eines Mannes ihn zu der Anmaßung berechtigen könnten, sich für höher stehend als Fräulein Mordannt zu halten.«

»Gewiß nicht an natürlicher Grazie und Feinheit des Wesens. Aber in der Welt gelten andere Rücksichten, welche bei Sir Peter und Lady Chillingly vielleicht schwer ins Gewicht fallen würden.«

»Vor Ihrem letzten Besuch bei Frau Cameron hatten Sie daran nicht gedacht.«

»Aufrichtig gesagt, nein. Ueberzeugt, daß Fräulein Mordannt von adliger Geburt sei, hatte ich an andere Ungleichheiten nicht hinreichend gedacht.«

»Sie wissen also, daß sie von adliger Geburt ist?«

»Ich weiß es nur wie alle Leute hier, durch die Versicherung von Frau Cameron, von der niemand bezweifeln wird, daß sie eine Lady ist. Aber es gibt verschiedene Grade von Ladies und Gentlemen, die im 192 gewöhnlichen gesellschaftlichen Verkehr wenig beachtet werden, sich aber, wenn es sich um eheliche Verbindungen handelt, sehr bemerkbar machen, und Frau Cameron selbst erklärt grade heraus, daß ihre Nichte nicht der Lebenssphäre angehöre, aus welcher Sir Peter und Lady Chillingly sehr natürlich wünschen würden ihre Schwiegertochter gewählt zu sehen. Verzeihen Sie mir«, schloß sie, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte, »wenn ich Ihnen wehe gethan oder Sie verletzt habe. Ich spreche als Ihre und Lily's wahre Freundin. Ich rathe Ihnen dringend, wenn Fräulein Mordannt die Ursache Ihres Aufenthaltes hier sein sollte, diesen Ort zu verlassen, so lange es noch für Ihren und Lily's Seelenfrieden Zeit ist.«

»Ihr Seelenfrieden«, murmelte Kenelm, der von dem, was Frau Braefield sagte, sonst nichts gehört hatte, leise vor sich hin, »ihr Seelenfrieden. Glauben Sie wirklich, daß sie sich etwas aus mir macht, sich etwas aus mir machen könnte, wenn ich hier bliebe?«

»Ich wollte, ich könnte Ihnen eine bestimmte Antwort geben. Ich bin nicht in die Geheimnisse ihres Herzens eingeweiht. Ich kann nur vermuthen, daß es gefährlich für den Seelenfrieden jedes jungen Mädchens werden könnte, einen Mann wie Sie zu viel zu sehen, vielleicht zu errathen, daß er sie liebe, und nicht zu 193 wissen, daß er sie nicht mit Zustimmung seiner Familie zur Frau begehren könne.«

Kenelm senkte den Kopf, bedeckte sein Gesicht mit seiner rechten Hand und schwieg einige Augenblicke. Dann stand er mit bleichen Wangen auf und sagte:

»Sie haben Recht, Fräulein Mordannt's Seelenfrieden muß mir das Wichtigste sein. Aber entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie so plötzlich verlasse. Sie haben mir viel zu denken gegeben und ich kann es nur gehörig überdenken, wenn ich allein bin.« 195

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