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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Als am nächsten Mittag Kenelm und sein Gast am Flußufer spazieren gingen, machten sie vor Isaak Walton's Pavillon Halt und traten auf Kenelm's Vorschlag hinein, um hier mit größerer Ruhe und Behaglichkeit ihre begonnene Unterhaltung fortsetzen zu können.

»Sie haben mir eben gesagt«, sagte Kenelm, »es sei Ihnen jetzt, nachdem Sie Jessie Somers wiedergesehen haben, zu Muthe, als wäre Ihnen eine Last vom Herzen genommen, und Sie fänden sie so verändert, daß Sie sie nicht mehr liebten. Was die Veränderung betrifft, so bekenne ich, daß ich dieselbe als eine Verbesserung in Erscheinung, Manieren und Charakter betrachte; ich würde das natürlich nicht sagen, wenn ich nicht vollkommen von der 178 Aufrichtigkeit Ihrer Versicherung überzeugt wäre, daß Sie von der alten Wunde geheilt seien. Aber es interessirt mich so lebhaft zu erfahren, wie eine einmal gehegte und in dem Herzen eines so innigliebenden und so warm fühlenden Mannes wie Sie wohnende Liebe sich plötzlich infolge einer einzigen Begegnung verlieren oder in das ruhige Gefühl der Freundschaft umwandeln kann, daß ich Sie mir das zu erklären bitte.«

»Das zu begreifen wird mir selbst schwer«, antwortete Tom, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, »und ich weiß nicht, ob ich es erklären kann.«

»Denken Sie nach und versuchen Sie es.«

Tom sann einige Augenblicke nach und fing dann an: »Sie wissen, Herr Chillingly, daß ich selbst ein ganz anderer Mensch war, als ich mich in Jessie Wiles verliebte und sagte: Komme, was da wolle, das Mädchen soll mein Weib werden. Kein Anderer soll sie haben.«

»Zugegeben. Fahren Sie fort.«

»Aber während ich ein anderer Mensch wurde, stellte ich sie mir doch, wenn ich an sie dachte, und ich dachte immer an sie, noch als dieselbe Jessie Wiles vor; und als ich sie nach ihrer 179 Verheirathung in Graveleigh wiedersah, an jenem Tage –«

»Wo Sie sie vor der Insolenz des Squire schützten –«

»War sie erst kürzlich verheirathet und ich konnte sie mir noch nicht als verheirathet vorstellen. Ich sah ihren Mann nicht und meine innere Umwandlung hatte eben erst begonnen. Nun, obgleich ich in Luscombe die ganze Zeit las und dachte und daran arbeitete, mein altes Selbst zu bessern, verfolgte mich doch noch immer das Bild Jessie Wiles' als des einzigen Mädchens, das ich je geliebt hatte und je würde lieben können; es schien mir unmöglich, jemals eine Andere zu heirathen. Und als ich letzthin sehr gedrängt wurde, eine Andere zu heirathen, wie meine ganze Familie es wünscht, schwebte mir das Bild Jessie's vor und ich sagte zu mir: Ich würde ein gemeiner Mensch sein, wenn ich ein Mädchen heirathete, während ich den Gedanken an ein anderes nicht loswerden kann. Ich mußte Jessie noch einmal sehen, mußte erfahren, ob ihr Gesicht jetzt noch wirklich das Gesicht sei, welches mich verfolgt, wenn ich allein sitze; und ich habe sie gesehen und es ist nicht das Gesicht; es ist vielleicht schöner geworden, aber es ist nicht mehr das Gesicht eines Mädchens, es ist das Gesicht einer Frau und 180 einer Mutter. Und gestern Abend wurde ich mir, während sie mit einer Offenherzigkeit sprach, die ich nie an ihr gekannt hatte, der innern Umwandlung, die seit etwa zwei Jahren im Stillen mit mir vorgegangen war, eigenthümlich bewußt. Als ich nur noch ein elender, unerzogener kleiner Dorfschmied war, bestand keine Ungleichheit zwischen mir und einem Bauermädchen oder vielmehr das Bauermädchen war mir in allen Dingen, bis auf das Vermögen, bedeutend überlegen. Aber gestern Abend fragte ich mich, während ich sie beobachtete und ihren Worten zuhörte: Wenn Jessie jetzt frei wäre, würde ich sie drängen, mein Weib zu werden? und ich antwortete mir: Nein.«

Kenelm hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu und rief kurz, aber leidenschaftlich aus: »Warum?«

»Es könnte scheinen, als wenn ich mich wichtig machen wolle, indem ich sage warum. Aber, Herr Chillingly, seit kurzem bin ich in die Gesellschaft von Leuten, Männern sowohl als Frauen, gekommen, die von besserer Herkunft sind als ich; und in meiner Frau würde ich eine Genossin haben wollen, welche diesen Leuten gesellschaftlich gleich stände und mir meine gesellschaftliche Stellung erhalten hälfe; und ich habe nicht die Empfindung, als ob ich eine solche Genossin in Frau Somers finden könnte.«

181 »Ich verstehe Sie jetzt, Tom. Aber Sie zerstören mir einen albernen romantischen Traum. Ich hatte mir eingebildet, das kleine Mädchen mit dem Blumenball würde Ihnen, wenn sie erwachsen wäre, den Verlust Jessie's ersetzen können; und ich kenne das menschliche Herz so wenig, ich dachte, es würde aller der Jahre, die das kleine Mädchen braucht, um ein Weib zu werden, bedürfen, bevor an einen Ersatz des Verlustes der alten Liebe zu denken sei. Ich sehe jetzt, daß das arme kleine Kind mit dem Blumenball keine Chance hat.«

»Chance? Wie so, Herr Chillingly?« rief Tom offenbar sehr gereizt. »Susy ist ein liebes kleines Mädchen, aber sie ist doch eigentlich nur ein Armenkind. Als ich Sie zuletzt in London besuchte, Herr Chillingly, berührten Sie schon diesen Gegenstand, als ob ich noch der Sohn des Dorfschmieds wäre, der die Tochter eines Dorftagelöhners heirathen könnte. Aber«, fügte Tom hinzu, indem er seinen gereizten Ton zu dämpfen suchte, »selbst wenn Susy von guter Herkunft wäre, so glaube ich doch, daß ein Mann einen großen Mißgriff begehen würde, wenn er glaubte, er könne ein kleines Mädchen dazu erziehen, ihn als Vater zu betrachten, und dann, wenn sie erwachsen ist, sich ihr als Liebhaber präsentiren.«

182 »So, glauben Sie das?« rief Kenelm eifrig und indem er seine vor Freude funkelnden Augen nach dem Rasen von Grasmere hinüberschweifen ließ. »Also das glauben Sie; sehr verständig! Nun, und Sie sind also gedrängt worden zu heirathen und haben sich gesträubt, bis Sie Frau Somers wiedergesehen hatten. Jetzt werden Sie zu einem solchen Schritt besser aufgelegt sein; erzählen Sie mir etwas Näheres darüber.«

»Ich erzählte Ihnen gestern Abend, daß einer der ersten Kapitalisten in Luscombe, der erste Kornhändler, mir proponirt habe, sein Associé zu werden. Und dieser Mann hat eine einzige Tochter, ein sehr liebenswürdiges Mädchen, das eine ausgezeichnete Erziehung genossen hat, die feinsten Manieren besitzt und sich sehr angenehm zu unterhalten weiß. Wenn ich dieses Mädchen heirathete, würde ich bald der erste Mann in Luscombe sein, und Luscombe schickt, wie Sie ohne Zweifel wissen, zwei Mitglieder ins Parlament; wer weiß, ob nicht der Schmiedssohn noch einmal –« Tom hielt plötzlich inne; er schämte sich des ehrgeizigen Gedankens, welcher, während er sprach, das frische Roth seines Gesichts erhöht und aus seinen ehrlichen Augen geleuchtet hatte.

»Ach!« sagte Kenelm fast traurig, »muß es denn 183 so sein; muß jeder Mann in seinem Leben verschiedene Rollen spielen? Ehrgeiz folgt auf Liebe, der raisonnirende Kopf tritt an die Stelle des leidenschaftlichen Herzens. Es ist wahr, Sie haben sich verändert. Mein Tom Bowles hat zu existiren aufgehört.«

»Nicht aufgehört in seiner unzerstörbaren Dankbarkeit gegen Sie, Herr Chillingly«, sagte Tom in großer Aufregung. »Ihr Tom Bowles würde alle seine Träume von Reichthum und höherer Lebensstellung bereitwillig aufgeben und durch Feuer und Wasser gehen, um dem Freunde zu dienen, der ihn zuerst ein neuer Tom Bowles werden hieß! Verachten Sie in mir nicht Ihr eigenes Werk. An jenem schrecklichen Tage, wo mir der Wahnsinn auf der Stirn stand und das Verbrechen in meinem Herzen lauerte, sagten Sie zu mir: Ich will Ihnen der treueste Freund sein, den ein Mann je an dem andern gefunden hat. Und das sind Sie mir gewesen. Sie hießen mich lesen, Sie hießen mich denken, Sie lehrten mich, daß der Körper der Diener des Geistes sein müsse.«

»Still, still, die Zeiten haben sich geändert. Jetzt können Sie mich lehren. Lehren Sie mich, wie ersetzt der Ehrgeiz die Liebe? Wie wird der Wunsch, eine höhere Lebensstellung zu erlangen, die allbeherrschende Leidenschaft und, wenn er erfüllt wird, der für Alles 184 entschädigende Trost unsers Lebens? Wir können nie, und wenn wir den Thron der Cäsaren bestiegen, so glücklich werden, wie wir uns träumen, daß wir es geworden wären, wenn der Himmel uns nur gestattet hätte, in dem bescheidensten Dorfe an der Seite des Weibes, das wir lieben, zu leben.«

Tom war außerordentlich betroffen von einem solchen Ausbruch unbezähmbarer Leidenschaft von dem Manne, der ihm gesagt hatte, daß man nur einmal im Leben einen Freund finde, Liebchen aber so reichlich vorhanden seien wie Brombeeren. Er fuhr sich wieder mit der Hand über die Stirn und erwiderte zögernd:

»Ich kann mir nicht anmaßen zu sagen, wie es mit Andern steht. Aber nach mir zu urtheilen liegt die Sache so: Ein junger Mann, der außer seinem Geschäft nichts hat, was ihn interessirt oder aufregt, findet Befriedigung, Interesse und Aufregung, wenn er sich verliebt. Und dann denkt er, es gebe in guten wie in bösen Tagen nichts der Liebe Vergleichbares und gibt für den Ehrgeiz nicht das! Wieder und wieder forderte mein verstorbener Onkel mich auf, zu ihm nach Luscombe zu kommen, und stellte mir alle die weltlichen Vortheile vor, die damit für mich verbunden sein würden; aber ich konnte mich nicht entschließen, das 185 Dorf zu verlassen, in welchem Jessie lebte, und überdies fühlte ich mich nicht dazu gemacht mehr zu werden, als ich war. Aber nachdem ich einige Zeit in Luscombe gewesen war und mich allmälig an eine andere Art von Leuten und eine andere Art von Unterhaltung gewöhnt hatte, fing ich an mich für dieselben Gegenstände wie die Menschen, unter denen ich lebte, zu interessiren. Und als ich, theils infolge meines Umgangs mit besser erzogenen Leuten, theils infolge meiner Bemühungen, mich selbst zu erziehen, fühlte, daß ich mich jetzt leichter über die Lebensstellung meines Onkels würde erheben können, als ich mich zwei Jahre früher über die Stellung eines Dorfschmieds hätte erheben können, da fing der Ehrgeiz, eine höhere Stufe zu ersteigen, sich in mir zu regen an und wurde von Tag zu Tag stärker. Ich glaube nicht, Herr Chillingly, daß Sie den Geist eines Menschen erwecken können, ohne zugleich seinen Wetteifer zu erwecken. Und Wetteifer ist am Ende Ehrgeiz.«

»Dann habe ich vermuthlich keine Spur von Wetteifer in mir, denn ich habe keinen Ehrgeiz.«

»Das kann ich nicht glauben, Herr Chillingly; andere Gedanken mögen Ihren Ehrgeiz verdecken und eine Zeit lang niederhalten. Aber früher oder 186 später wird dieser Ehrgeiz durchbrechen, wie er es bei mir gethan hat. Im Leben weiter zu kommen, sich von denen, die uns kennen, je älter wir werden, desto mehr geachtet zu sehen, das nenne ich einen männlichen Wunsch. Ich bin überzeugt, daß dieser Wunsch sich bei einem Engländer so natürlich einstellt wie – wie –«

»Wie es der Wunsch thut, einen andern Engländer, der ihm im Wege ist, niederzuhauen. Ich sehe jetzt, daß Sie immer ein sehr ehrgeiziger Mann waren, Tom, der Ehrgeiz hatte nur eine andere Richtung genommen. Cäsar wäre vielleicht

Nur der erste Ringer auf dem Plan

geworden! Und jetzt geben Sie wohl den Gedanken ans Reisen auf und kehren von allem Kummer über Jessie's Verlust geheilt nach Luscombe zurück. Sie werden die junge Dame, von der Sie mir sagen, heirathen und so stufenweise zum Alderman, zum Mayor und endlich zum Parlamentsmitglied von Luscombe aufsteigen.«

»Das kann nach und nach Alles werden«, erwiderte Tom ohne Empfindlichkeit über Kenelm's ironischen Ton: »aber ich beabsichtige doch noch zu reisen; ein so zugebrachtes Jahr muß mich für jede Stellung, die ich ambitionire, fähiger machen. Ich werde nach 187 Luscombe zurückkehren, um meine Angelegenheiten zu ordnen, mich mit Herrn Leland, dem Kornhändler, über die Bedingungen meines Eintritts in sein Geschäft zur Zeit meiner Rückkehr verständigen und –«

»Die junge Dame muß bis dahin warten.«

»Emily –«

»Heißt sie so? Das ist ein viel eleganterer Name als Jessie.«

»Emily«, fuhr Tom mit einer Gelassenheit fort, die in Betracht der gesteigerten Bitterkeit, mit welcher Kenelm seine gewohnten Süßigkeiten des Indifferentismus vertauscht hatte, wahrhaft engelgleich zu nennen war, »Emily weiß, daß, wenn sie meine Frau wäre, ich stolz auf sie sein würde, und sie wird mich nur um so höher achten, wenn sie fühlt, wie entschlossen ich bin, dafür zu sorgen, daß sie sich nie meiner zu schämen habe.«

»Verzeihen Sie mir, Tom«, sagte Kenelm besänftigt und legte dabei mit brüderlicher Zärtlichkeit seine Hand auf die Schulter seines Freundes. »Die Natur hat Sie zu einem rechten Gentleman geschaffen, und Sie könnten nicht edler denken und reden, wenn Sie als das Haupt aller Howards auf die Welt gekommen wären.« 188

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