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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Band

Sechstes Buch.

Erstes Kapitel.

Auf seinem Rückwege nach Moleswick langte Kenelm kurz vor Sonnenuntergang an den Ufern des geschwätzigen Baches, dem von Lily Mordannt bewohnten Hause fast gegenüber, an. Lange und schweigend stand er an dem Rasenrande und warf seinen dunklen, durch die Strömung gebrochenen Schatten auf das Wasser. Seine Blicke ruhten auf dem gegenüberliegenden Hause und Garten. Die Fenster im obern Stock waren geöffnet. »Ich möchte wohl wissen, welches ihr Fenster ist«, dachte er bei sich. Endlich wurde er des Gärtners ansichtig, der sich eben mit seiner Gießkanne über ein Blumenbeet beugte und dann langsam durch das kleine Gebüsch, vermuthlich nach seinem eigenen Häuschen, ging. Jetzt war der 2 Grasplatz leer bis auf ein paar Drosseln, die sich plötzlich auf den Rasen niederließen.

»Guten Abend, Herr«, ließ sich eine Stimme vernehmen, »ein prächtiger Platz für Forellen.«

Kenelm wandte sich um und gewahrte auf dem Fußwege dicht hinter sich einen respectabel aussehenden ältlichen, allem Anscheine nach zur Klasse der kleinen Ladeninhaber gehörenden Mann mit einer Angel in der Hand und einem Fischkorbe.

»Für Forellen?« sagte Kenelm. »Das wundert mich nicht, es ist ja eine höchst anziehende Gegend.«

»Darf ich mir die Frage erlauben, ob Sie selbst gern angeln, Herr?« fragte der ältliche Mann, der vielleicht nicht recht wußte, wie er den Fremden taxiren sollte, wenn er einerseits seine Kleidung und seine Haltung, andererseits aber das abgetragene schäbige Ränzel auf seinem Rücken, das Kenelm auf seinen Reisen im In- und Auslande während eines vollen Jahres benutzt hatte, in Betracht zog.

»Ja, ich angle gern.«

»Dann finden Sie hier die beste Stelle im ganzen Strome. Sehen Sie, Herr, da ist Isaak Walton's Pavillon, und sehen Sie, da weiter unten jenes weiße nette Häuschen, das ist mein Haus, Herr, und ich habe Zimmer, die ich an Herren, die hier angeln wollen, 3 vermiethe. Während der Sommermonate sind sie meistens besetzt. Ich erwarte jeden Tag einen Brief von jemand, der sie haben will, aber augenblicklich stehen sie leer. Ein sehr hübsches Logis, Herr, Wohn und Schlafzimmer.«

» Descende coelo et dic age tibia«, sagte Kenelm.

»Was beliebt, Herr?« fragte der ältliche Mann.

»Ich bitte tausendmal um Vergebung! Ich habe das Unglück gehabt, die Universität zu besuchen und ein wenig Latein zu lernen, das sich bisweilen zu sehr ungelegener Zeit wieder bei mir einstellt. Aber was ich sagen wollte, ist in einfachen Worten Folgendes: Ich rief die Muse an, vom Himmel herabzusteigen und, das Original sagt, eine Flöte, ich aber sagte, eine Angel mitzubringen. Ich sollte meinen, Ihr Logis müßte mir grade conveniren, bitte, zeigen Sie es mir doch.«

»Mit dem größten Vergnügen«, sagte der ältliche Mann. »Die Muse braucht keine Angel mitzubringen; Sie finden bei uns alle Arten von Fischgeräthen zu Ihrer Verfügung und auch ein Boot, wenn Sie es wünschen. Hier in der Nähe ist der Strom so schwach und eng, daß ein Boot Ihnen wenig nützen kann, wenn Sie nicht weiter hinunter wollen.«

»Ich will nicht weiter hinunter; aber wenn ich 4 ans andere Ufer hinüber wollte, ohne durchwaten zu müssen, würde ich dazu das Boot benutzen können, oder ist da eine Brücke?«

»Das Boot kann Sie hinübersetzen; es ist ein Fahrzeug mit glattem Boden; grade meinem Hause gegenüber ist aber auch eine Brücke für Fußgänger und zwischen hier und Moleswick, da wo der Strom sich erweitert, ist eine Fähre und ganz am Ende der Stadt eine steinerne Brücke für Fuhrwerke.«

»Gut; lassen Sie uns doch jetzt gleich nach Ihrem Hause gehen.«

Die beiden Männer gingen zusammen fort.

»Beiläufig«, sagte Kenelm im Gehen, »wissen Sie viel von der Familie, welche das Landhaus am andern Ufer bewohnt, das wir eben hinter uns gelassen haben?«

»Da wohnt Frau Cameron. Ja gewiß, eine sehr gute Dame, und der Maler, Herr Melville – gewiß kenne ich ihn, denn er hat oft bei mir logirt, wenn er herkam, Frau Cameron zu besuchen. Er empfiehlt meine Zimmer seinen Freunden und das sind meine besten Einlogirer. Ich habe die Maler gern, Herr, obgleich ich nicht viel vom Malen verstehe. Es sind liebenswürdige Herren und immer zufrieden mit meiner bescheidenen Wohnung und meiner Kost.«

5 »Sie haben ganz Recht. Ich verstehe auch nicht viel von der Malerei, aber ich bin, nicht aus eigener Erfahrung, denn ich habe keinen Bekannten unter den Malern, sondern nach den Biographien von Malern, die ich gelesen habe, zu glauben geneigt, daß sie im Allgemeinen nicht nur liebenswürdige, sondern auch edelgesinnte Menschen sind. Sie sind beständig bestrebt, die uns im täglichen Leben umgebenden Dinge zu verschönern und zu erheben, und sie können dieses Streben nur erreichen, indem sie unablässig darüber nachdenken, was schön und erhaben ist. Ein fortwährend mit solchen Gedanken beschäftigter Mensch muß edel sein, wenn er auch nur der Sohn eines Schuhputzers wäre. Und ich begreife sehr wohl, daß die Maler, die in einer höhern Welt als wir leben, wie Sie sagen, mit der Kost und dem Logis, das sie in der von uns bewohnten Welt finden, sehr leicht zufrieden gestellt sind.«

»Ganz richtig, Herr, ich verstehe, obgleich Sie die Sache in einer Weise auffassen, an die ich bisher nie gedacht habe.«

»Und doch«, sagte Kenelm, indem er den alten Mann mit einem wohlwollenden Blicke ansah, »scheinen Sie mir ein wohlerzogener und intelligenter Mann zu sein, der gern über die Dinge im Allgemeinen 6 nachdenkt, ohne seine Privatinteressen zu verabsäumen, namentlich wenn er Zimmer zu vermiethen hat. Nichts für ungut! Ein solcher Mann ist vielleicht nicht geboren, ein Maler zu sein, ich schätze ihn aber hoch. Wie die Welt einmal beschaffen ist, muß die überwiegende Mehrzahl ihrer Bewohner nicht nur auf ihr, sondern auch von ihr leben. Jeder für sich und Gott für uns alle. Das größte Glück der größten Zahl ist am besten gesichert, wenn jeder sich klüglich als Nummer eins betrachtet.«

Kenelm war einigermaßen überrascht, denn er hatte jetzt das Leben hinreichend kennen gelernt, um gelegentlich überrascht zu sein, als der ältliche Mann hier plötzlich still stand, ihm herzlich die Hand entgegenstreckte und rief: »Oho! ich sehe, daß Sie gleich mir ein entschiedener Demokrat sind.«

»Demokrat? Darf ich fragen, nicht warum Sie einer sind, denn damit würde ich mir eine Freiheit gegen Sie erlauben, und Demokraten sind sehr empfindlich in Bezug auf Freiheiten, die man sich gegen sie herausnimmt, aber warum Sie mich für einen halten?«

»Sie sprachen von dem größten Glück der größten Zahl. Das heißt gewiß demokratisch denken. Sagten Sie nicht überdies, Herr, daß Maler, selbst wenn sie 7 die Söhne von Schuhputzern wären, die wahren Gentlemen, die wahren Edelleute seien?«

»Ich habe das nicht eigentlich gesagt, um andere Gentlemen und Edelleute herabzusetzen. Aber wenn ich es gesagt hätte, was dann?«

»Herr, ich bin Ihrer Meinung. Ich verachte Alles, was vornehm ist, ich verachte Herzoge, Grafen und Aristokraten. Ein rechtschaffner Mensch ist die edelste Schöpfung Gottes, sagt ein Dichter, ich glaube, Shakespeare. Ein herrlicher Mann, Shakespeare. Der Sohn eines Handwerkers, ich glaube, eines Schlächters. O mein Onkel war auch ein Schlächter und hätte Alderman werden können. Ich schließe mich Ihnen von Herzen, von ganzem Herzen an. Ich bin ein Demokrat; geben Sie mir die Hand, Herr, geben Sie mir die Hand. Wir sind alle gleich. Jeder für sich und Gott für uns alle.«

»Ich will Ihnen gern die Hand geben«, sagte Kenelm, »aber ich fürchte, Sie gründen Ihre freundlichen Gesinnungen für mich auf falsche Voraussetzungen. Obgleich wir vor dem Gesetze alle gleich sind, außer daß ein Reicher wenig Aussicht hat, vor einer englischen Jury gegen einen Armen zu seinem Rechte zu kommen, so muß ich doch durchaus in Abrede stellen, daß je zwei Menschen einander völlig gleich seien. Der eine 8 muß dem andern in irgend etwas überlegen sein, und wenn ein Mensch dem andern überlegen ist, so hört die Demokratie auf und beginnt die Aristokratie.«

»Aristokratie – das sehe ich nicht ein. Was verstehen Sie unter Aristokratie?«

»Den größern Einfluß der besseren Männer. In einem rohen Staate ist aber der stärkere Mann der bessere, in einem corrumpirten Staate vielleicht der spitzbübischere; in modernen Republiken haben die Börsenspeculanten das Geld und die Advocaten die Macht. Nur in wohlgeordneten Staaten erscheint die Aristokratie in ihrem wahren Werthe. Hier besteht sie aus den durch ihre Geburt besseren Männern, weil der Respekt für die Vorfahren die Gewähr für einen höhern Ehrbegriff bietet, den durch ihren Reichthum besseren Männern, weil reiche Männer, wenn sie ihren natürlichen Neigungen folgen, von außerordentlichem Nutzen für die Förderung des Unternehmungsgeistes, die Entwickelung einer energischen Thätigkeit und die Pflege der schönen Künste sein müssen, endlich den durch ihren Charakter und den durch ihre Fähigkeiten besseren Männern, aus Gründen, die zu nahe liegen, um der Erörterung zu bedürfen; und diese beide Klassen werden den Vorrang in der Regierung des Staates haben, wenn der Staat blühend und frei ist. Alle 9 diese vier Klassen besserer Männer bilden zusammen die wahre Aristokratie, und wenn erst einmal der menschliche Witz eine bessere Regierung als die einer wahren Aristokratie ersonnen haben wird, werden wir nicht mehr weit von dem tausendjährigen Reiche und der Herrschaft der Heiligen sein. Aber hier sind wir vor dem Hause – das ist doch Ihr Haus? Es gefällt mir ungemein.«

Der ältliche Mann trat jetzt voran in die kleine Thür, an der sich Geißblatt und Epheu in einander verflochten emporrankten, und führte Kenelm in ein freundliches Wohnzimmer mit einem Bogenfenster, hinter welchem sich ein ebenso freundliches Schlafzimmer befand.

»Wird Ihnen das genügen, Herr?«

»Vollkommen; ich nehme die Zimmer auf der Stelle. Mein Ränzel enthält Alles, was ich für die Nacht brauche. In dem Laden bei Somers steht mein Koffer, der morgen früh hergeschickt werden kann.«

»Aber wir haben noch nichts über die Bedingungen abgemacht«, sagte der ältliche Mann, dem einige Bedenken darüber aufzusteigen anfingen, ob er Recht daran gethan habe, einen breitschultrigen Fremden, von dem er nichts wisse und der bei all seinem Redefluß über andere Dinge doch ein ominöses Schweigen 10 über den Punkt der Bezahlung beobachtet hatte, in sein Haus aufzunehmen.

»Ja so! Das ist wahr. Sagen Sie mir Ihre Bedingungen.«

»Die Kost mit einbegriffen?«

»Gewiß. Chamäleons leben von der Luft, Demokraten von Windbeuteln. Ich habe einen gemeineren Appetit und brauche Hammelfleisch zu meiner Ernährung.«

»Das Fleisch ist jetzt sehr theuer«, sagte der ältliche Mann, »und ich fürchte, ich kann Ihnen für Kost und Logis nicht weniger berechnen als drei Pfund die Woche. Meine Einlogirer pflegen eine Woche im voraus zu bezahlen.«

»Abgemacht«, sagte Kenelm, indem er drei Sovereigns aus seiner Börse zog. »Ich habe schon zu Mittag gegessen. Ich brauche heute Abend nichts mehr. Ich will Sie nicht länger aufhalten. Haben Sie die Güte, die Thür hinter sich zu schließen.«

Als Kenelm allein war, setzte er sich in die Nische des Bogenfensters und blickte scharf spähend hinaus. Ja, er hatte Recht, er konnte von dort Lily's Daheim sehen. Von dem Hause freilich sah er nur einen weißen Schimmer zwischen Bäumen und Gebüsch hindurch, deutlich aber sah er den nach dem Bache sich sanft hinneigenden Rasen mit der großen Weide, die ihre 11 Zweige ins Wasser tauchte und jede Aussicht über sie hinaus durch ihr Laubdach versperrte. Kenelm stützte den Kopf in die Hände und überließ sich einem träumerischen Sinnen. Die Nacht brach herein; die Sterne gingen auf und die Strahlen des Mondes drangen jetzt schräg durch die bogenförmig gewölbten Zweige der Weide hindurch auf das Wasser, auf welchem eine silberne Spur ihren Weg bezeichnete.

»Soll ich Licht bringen, Herr? Was ziehen Sie vor, eine Lampe oder Wachskerzen?« fragte eine Stimme hinter ihm, die Stimme der Frau des ältlichen Mannes. »Soll ich die Laden schließen?«

Die Fragen erschreckten den Träumer. Sie schienen ihn mit seinem eigenen früheren Spott über die Romantik der Liebe zu verspotten. Lampe oder Kerzen, Licht für prosaische Augen und Mond und Sternenlicht durch geschlossene Laden ausgesperrt!

»Ich danke Ihnen, Madame, noch nicht«, sagte er, stand ruhig auf, legte die Hand auf den Fenstersims und schwang sich zum offenen Fenster hinaus. Draußen schritt er langsam am Rande des Flüßchens auf einem Fußsteige dahin, auf welchem Schatten und Sternenlicht wechselten, während der Mond noch langsamer über den Weiden aufstieg und mit noch längerer Silberspur über die kleinen Wellen dahinzog. 12

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