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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Früh am nächsten Morgen schickte Kenelm ein Billet an Will Somers, in welchem er sich und Herrn Bowles zum Abendessen bei ihm einlud. Sein Takt sagte ihm, daß es bei einem solchen geselligen Mahle für alle Betheiligten viel zwangloser hergehen werde als bei einem förmlicheren Besuch Tom's zur Tageszeit, wo auch Jessie mit ihren Kunden im Laden beschäftigt sein würde.

Aber noch bei Tage führte er Tom durch die Stadt und zeigte ihm den Laden mit seinen hübschen Waaren hinter den Spiegelscheiben, der das Gepräge eines gedeihlichen Geschäftsbetriebes trug; dann nahm er ihn mit sich in die Umgegend und fand hier Gelegenheit, im vertrauten Gespräch mit seinem Gefährten die Bildung, welche sich derselbe angeeignet, und 171 die reichen Anschauungen, welche ihm diese Bildung vermittelt hatte, zu bewundern. Aber bei aller Mannichfaltigkeit ihrer angeregten Unterhaltung entging es Kenelm nicht, daß Tom noch immer präoccupirt und zerstreut war; der Gedanke an die bevorstehende Zusammenkunft mit Jessie lastete auf ihm.

Als sie bei Anbruch der Nacht Cromwell-Lodge verließen, um sich zum Abendessen zu Will zu begeben, bemerkte Kenelm, daß Bowles einige Verschönerungen an seiner Toilette vorgenommen hatte, die ihm sehr gut standen.

Als sie das Wohnzimmer betraten, stand Will, in dessen Zügen sich eine tiefe Aufregung malte, von seinem Stuhl auf, trat auf Tom zu, ergriff seine Hand. drückte sie und ließ sie, ohne ein Wort zu sagen, wieder los. Jessie begrüßte beide Gäste zugleich mit gesenkten Blicken und einem wohlstudirten Knix. Nur die alte Mutter bewahrte völlig ihren Gleichmuth und zeigte sich dem Augenblicke ganz gewachsen.

»Ich freue mich herzlich, Sie zu sehen, Herr Bowles«, sagte sie, »und das thun wir alle drei, wie es sich gehört, und wenn Baby älter wäre, so wären wir unser vier.«

»Und wo in aller Welt habt Ihr Baby versteckt?« rief Kenelm. »Ihr hättet ihn wohl für mich auflassen 172 können, wenn Ihr mich erwartetet; das letzte Mal, wo ich hier zu Abend aß, überraschte ich Euch und hatte daher kein Recht, mich über Baby's Mangel an Respekt vor den Freunden seiner Eltern zu beklagen.«

Jessie zog die Fenstervorhänge auseinander und deutete auf die dahinterstehende Wiege. Kenelm schlang seinen Arm in den Tom's, führte ihn an die Wiege, ließ ihn dann hier allein, sich das schlafende Kind zu betrachten, und setzte sich an den Tisch zwischen die alte Frau Somers und Will. Will's Blicke waren den Vorhängen zugewandt, welche Jessie aufgehoben in der Hand hielt, während der furchtbare Tom, welcher der Schrecken seiner Gegend gewesen war, lächelnd über die Wiege gebeugt stand, bis er endlich sanft und mit ängstlicher Vorsicht, den kleinen Schläfer nicht zu erwecken, seine große Hand auf das Kopfkissen legte und seine Lippen unzweifelhaft zu einem Segen bewegte; dann setzte er sich an den Tisch und Jessie trug die Wiege hinaus.

Will heftete seine scharfen intelligenten Augen auf seinen ehemaligen Nebenbuhler, und als er hier den veränderten Ausdruck des einst so angriffslustig dreinschauenden Gesichtes und das veränderte Costüm gewahrte, in welchem sich ohne eine Spur von bäuerischem Putz ein gewisser Ernst der Lebensstellung kund 173 gab, welcher mit einer Rückkehr zu alten Liebeleien und alten Gewohnheiten in der Sphäre des Dorflebens kaum vereinbar schien, verschwand der letzte Schatten der Eifersucht aus seinem liebenden Gemüth.

»Herr Bowles«, rief er mit Wärme, »Sie haben ein gutes, edles Herz und daß Sie uns heute Abend hier so freundschaftlich besucht haben, ist eine Ehre, welche –«

»Welche«, unterbrach ihn Kenelm, dem Will in seiner Verlegenheit leid that, »ganz auf Seite von uns unverheiratheten Männern ist. In diesem freien Lande kann ein verheiratheter Mann, der ein männliches Baby hat, Vater des Lord-Kanzlers oder des Erzbischofs von Canterbury werden. Aber nun, liebe Freunde, eine Zusammenkunft, wie wir sie hier heute Abend haben, kommt nicht oft vor, laßt sie uns daher nach dem Abendessen mit einer Bowle Punsch feiern. Wenn wir morgen früh Kopfschmerzen haben, wird keiner von uns darüber brummen.«

Die alte Frau Somers lachte herzlich. »Du lieber Himmel! An den Punsch habe ich gar nicht gedacht, ich will gehen und das Nöthige vorbereiten.« Und den Strickstrumpf noch in der Hand haltend, eilte sie zum Zimmer hinaus.

Das Abendessen, der Punsch und Kenelm's Kunst, 174 eine heitere Unterhaltung über allgemeine Gegenstände in Gang zu bringen, ließen alle Zurückhaltung, alle Verlegenheit, alle Schüchternheit der Festgenossen bald schwinden. Jessie mischte sich in die Unterhaltung, vielleicht sprach sie, Kenelm ausgenommen, mehr als die andern, ungekünstelt, munter, ohne eine Spur der frühern Koketterie, aber dann und wann mit einem Anflug von feinerer Bildung, welche eine Frucht ihrer höhern Lebensstellung und der Berührung der Ladeninhaberin mit vornehmen Kunden war.

Es war ein angenehmer Abend, Kenelm hatte beschlossen, daß er das werden solle. Der Verpflichtungen gegen Bowles geschah auch nicht einmal andeutungsweise Erwähnung, bis Will Tom beim Abschied ins Ohr flüsterte: »Sie wollen keinen Dank und ich kann Ihnen denselben nicht ausdrücken. Aber wenn wir abends unser Gebet sagen, bitten wir Gott, immer den zu segnen, der uns zusammengebracht und uns seitdem so glücklich gemacht hat, ich meine Herrn Chillingly. Heute Abend werden wir noch für einen Andern außer ihm beten, für den auch Baby, wenn er erst älter ist, beten wird.«

Bei diesen Worten fing Will's Stimme an ihm zu versagen und er hielt in der nicht unbegründeten 175 Besorgniß inne, der Punsch möchte ihn zu allzu demonstrativen Kundgebungen seiner Gefühle veranlassen, wenn er noch mehr sage.

Auf dem Rückwege nach Cromwell-Lodge war Tom sehr still; es schien nicht das Schweigen einer gedrückten Stimmung, sondern mehr das des ruhigen Nachdenkens, und Kenelm versuchte es daher nicht, ihn demselben zu entreißen.

Erst als sie bei dem Gartenzaun von Grasmere angelangt waren, stand Tom plötzlich still, sah Kenelm an und sagte:

»Ich bin Ihnen sehr dankbar für diesen Abend, sehr.«

»Er hat also keine schmerzlichen Gefühle bei Ihnen wieder aufgefrischt?«

»Nein; ich fühle mich, nachdem ich sie wiedergesehen habe, viel ruhiger in meinem Gemüth, als ich es je für möglich gehalten habe.«

»Ist es möglich!« dachte Kenelm bei sich. »Wie würde ich wohl empfinden, wenn ich je in Lily das Weib eines andern Mannes, die Mutter seines Kindes sehen müßte?« Bei dieser Frage schauderte er zusammen und ein Seufzer entwand sich seiner Brust. Grade in diesem Augenblick fühlte er seinen Arm, den er auf den Gartenzaun gelegt hatte, sanft berührt. 176 Er sah auf und fand, daß es Blanche sei. Das Thier, das sein Instinkt zu Nachtwanderungen trieb, war von seinem Lager im Hause entflohen und, als es eine seinem Ohre einigermaßen vertraute Stimme vernahm, aus dem Gebüsch auf den Gartenzaun geschlichen. Da stand es mit gekrümmtem Rücken und leise schnurrend, wie zum Zeichen einer freundlichen Begrüßung.

Kenelm bückte sich und bedeckte das blaue Band, welches Lily's Hand um den Hals des Lieblings befestigt hatte, mit Küssen. Blanche ließ sich die Liebkosungen gefallen, sprang aber dann, durch ein leises, von einem erwachenden Vogel herrührendes Rascheln im Gebüsch aufmerksam gemacht, in das Dickicht der rauschenden Blätter und verschwand.

Kenelm ging raschen, ungeduldigen Schrittes weiter und wechselte mit seinem Gefährten kein Wort mehr, bis sie ihre Wohnung erreichten und sich gute Nacht sagten. 177

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