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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

An demselben Tage, ungefähr um dieselbe Stunde, wo die eben berichtete Unterhaltung zwischen Frau Cameron und Elsie stattfand, betrat Kenelm auf einer seiner einsamen Nachmittagswanderungen den Kirchhof, auf welchem ihn Lily vor einiger Zeit überrascht hatte. Und da stand sie wieder neben dem Blumenrande, welchen sie um das Grab des Kindes, das sie vergebens gewartet und gepflegt, gezogen hatte.

Der Himmel war bewölkt, es war einer jener sonnenlosen Tage, welche dem englischen Sommer so oft etwas Melancholisches verleihen.

»Sie kommen zu oft hierher, Fräulein Mordannt« sagte Kenelm auf sie zutretend sehr sanft.

Lily blickte zu ihm auf ohne jede Regung der Ueberraschung und ohne daß durch ein plötzliches 146 Aufleuchten irgend eine Veränderung mit ihrem bei dem beweglichen Spiel ihrer Züge selten nachdenklichen Ausdruck vor sich gegangen wäre.

»Nicht zu oft. Ich habe versprochen, zu kommen, so oft ich kann, und wie ich Ihnen schon einmal sagte, ich habe noch nie ein gegebenes Versprechen nicht gehalten.«

Kenelm erwiderte nichts. Plötzlich verließ Lily den Platz und Kenelm folgte ihr, bis sie vor dem alten Grabstein mit seiner erloschenen Inschrift Halt machte.

»Sehen Sie«, sagte sie mit schwachem Lächeln, »ich habe frische Blumen hergestreut. Seit dem Tage, wo wir uns zuerst hier trafen, habe ich viel an dieses Grab gedacht, das so vernachlässigt, so vergessen und« – sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann unvermittelt fort: »Finden Sie nicht oft, daß Sie viel zu – wie soll ich es ausdrücken? – ach! viel zu egoistisch, nachdenklich und brütend und viel zu sehr in Träumereien über sich selbst versunken sind?«

»Ja, da haben Sie Recht, wiewohl ich mir, bevor Sie mich so anklagten, dessen nicht bewußt war.«

»Und finden Sie nicht, daß man dieser Heimsuchung eines fortwährenden Denkens an sich selbst dadurch entgeht, daß man an die Todten denkt, welche keinen Antheil an unserm Erdenleben haben können? 147 Wenn Sie sagen: Ich werde dies oder jenes morgen thun; wenn Sie träumen: Ich kann dies oder jenes morgen werden, so denken und träumen Sie ganz allein und nur für sich. Aber Sie gehen aus sich heraus und über sich hinaus, wenn Sie an die Todten, welche nichts mit Ihrem Heute oder Morgen zu thun haben können, denken oder von ihnen träumen.«

Wir wissen alle, daß es eine der Lebensregeln Kenelm Chillingly's war, sich nie überraschen zu lassen. Aber als die Schmetterlingszähmerin die eben von mir niedergeschriebenen Worte sprach, war er so betroffen, daß er nach einer langen Pause nichts zu erwidern wußte als:

»Die Todten sind die Vergangenheit und auf der Vergangenheit beruht Alles, was in Gegenwart oder Zukunft eine Entäußerung unseres natürlichen Selbst bewirken kann. Die Vergangenheit entscheidet über die Gegenwart. Aus der Vergangenheit errathen wir unsere Zukunft. Geschichte, Poesie, Wissenschaft, die Wohlfahrt der Staaten, der Fortschritt der Individuen hängen alle mit Grabsteinen zusammen, deren Inschriften unleserlich geworden sind. Sie haben Recht, die verwitterten Grabsteine durch Blumenspenden zu ehren. Es ist wahr, nur in der Gesellschaft der Todten hört man aus ein Egoist zu sein.«

148 Wenn die mangelhaft erzogene Lily sich in ihren Aeußerungen dem akademisch gebildeten Kenelm an rascher Fassungskraft überlegen gezeigt hatte, so gingen jetzt die Worte Kenelm's über das Verständniß Lily's hinaus. Auch sie antwortete erst nach einer Pause:

»Ich glaube, wenn ich Sie besser kennte, würde ich Sie besser verstehen. Ich wollte, Sie kennten Löwe, ich möchte Sie mit ihm reden hören.«

Während Sie sich so mit einander unterhielten, hatten sie den Kirchhof verlassen und waren auf den gewöhnlichen Fußweg gelangt.

Lily nahm wieder auf.

»Ja, ich möchte Sie so gern sich mit Löwe unterhalten hören.«

»Sie reden von Ihrem Vormund, Herrn Melville?«

»Ja.«

»Und warum möchten Sie mich gern mit ihm reden hören?«

»Weil es einige Dinge gibt, in denen er, glaube ich, nicht ganz Recht hat, und ich würde Sie bitten ihm meine Zweifel auszusprechen. Das würden Sie thun, nicht wahr?«

»Aber warum können Sie diese Zweifel nicht selbst gegen Ihren Vormund aussprechen? Fürchten Sie sich vor ihm?«

149 »Mich fürchten? Nein, wahrlich nicht! Aber – ach, wie viele Leute gehen dieses Weges! Es ist eine langweilige Versammlung heute in der Stadt. Lassen Sie uns mit der Fähre übersetzen; das andere Ufer des Flusses ist viel angenehmer, wir werden da mehr für uns sein.«

Bei diesen Worten wandte Lily sich zur Rechten und stieg eine sanfte Böschung hinab, die nach dem Ufer des Flüßchens führte, auf welchem ein alter Mann in seinem Fährboot schläfrig zurückgelehnt saß.

Als sie nebeneinander sitzend auf dem ruhigen Wasser unter einem sonnenlosen Himmel langsam dahinfuhren, wollte Kenelm das von Lily begonnene Gespräch fortsetzen, aber sie schüttelte den Kopf mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Fährmann. Offenbar war das, was sie zu sagen hatte, zu vertraulicher Natur, um vor einem Dritten ausgesprochen zu werden, wenn auch der alte Fährmann sich schwerlich die Mühe gegeben haben würde, auf irgend welche nicht an ihn gerichtete Worte zu hören. Lily redete ihn bald an: »Brown, die Kuh ist ganz wiederhergestellt.«

»Ja, Fräulein, das danke ich Ihnen und Gott segne Sie dafür. Wenn ich denke, daß Sie die alte Hexe so aus dem Felde geschlagen haben!«

150 »Nicht ich habe die Hexe überwunden, Brown, das hat die Fee gethan. Feen, wißt Ihr, sind viel mächtiger als Hexen.«

»Das merke ich, Fräulein.«

Hier wandte sich Lily an Kenelm. »Brown hat eine prächtige Milchkuh, die plötzlich sehr krank wurde, und er und seine Frau waren beide überzeugt, daß die Kuh behext sei.«

»Natürlich war es so, das läßt sich beweisen. Hatte doch Mutter Wright meiner Alten gesagt, es würde sie gereuen, die Milch verkauft zu haben, und hatte sie dafür entsetzlich gescholten; und noch denselben Abend bekam die Kuh Schüttelfrost.«

»Sachte, Brown. Mutter Wright hatte nicht gesagt, daß es Eure Frau gereuen würde, die Milch verkauft, sondern Wasser hinein gethan zu haben.«

»Und wie konnte sie das wissen, wenn sie nicht eine Hexe war? Wir haben die besten Kunden unter den vornehmen Leuten und nie hat sich einer beklagt.«

»Und«, erzählte Lily Kenelm weiter, ohne von der letzten verdrossen hingeworfenen Bemerkung des Fährmanns Notiz zu nehmen, »Brown hatte den schrecklichen Gedanken, Mutter Wright in sein Fährboot zu locken und sie ins Wasser zu werfen, um den der Kuh angethanen Zauber zu brechen. Aber ich zog die 151 Fee zu Rathe und gab ihm einen Feengegenzauber, den er der Kuh um den Hals binden sollte. Und jetzt ist die Kuh, wie Sie hören, wieder ganz wohl. Ihr seht also, Brown, es war nicht nöthig, Mutter Wright ins Wasser zu werfen, weil sie gesagt hatte, Ihr hättet etwas davon in die Milch gethan. Aber«, fügte sie hinzu, als das Boot jetzt am entgegengesetzten Ufer angelangt war, »soll ich Euch sagen, Brown, was die Feen mir diesen Morgen gesagt haben?«

»Thun Sie das, Fräulein.«

»Es war Folgendes: Wenn Brown's Kuh reine Milch gibt und Brown, wenn er sie verkauft, sie mit Wasser versetzt, so werden wir Feen Brown blau und braun kneifen, und das nächste Mal, wo Brown seinen Rheumatismus hat, darf er sich keine Hoffnung darauf machen, daß die Feen ihm den Rheumatismus wegzaubern.«

Mit diesen Worten ließ Lily ein kleines Silberstück in Brown's Hand gleiten und sprang, von Kenelm gefolgt, leichten Fußes ans Ufer.

»Sie haben ihn völlig zu dem Glauben nicht nur an die Existenz, sondern auch an die wohlthätige Macht der Feen bekehrt«, sagte Kenelm.

»O«, antwortete Lily sehr ernst, »wäre es aber nicht hübsch, wenn es noch Feen gäbe, gute Feen, die 152 man erreichen, mit denen man verkehren, denen man Alles sagen könnte, was uns verwirrt und quält, und von denen man Zaubermittel gegen die Hexerei gewinnen könnte, die wir an uns selbst üben?«

»Ich zweifle, ob es gut für uns sein würde, uns auf solche übernatürliche Rathgeber zu verlassen. Unsere Seelen sind so grenzenlos weit, daß, je mehr wir in ihnen forschen, wir nur auf immer neue Welten stoßen würden; und unter diesen Welten ist auch das Feenland.« Bei sich aber dachte er: »Bin ich nicht jetzt im Feenlande?«

»Still!« flüsterte Lily. »Sagen Sie eine Weile nichts mehr. Ich überdenke, was Sie eben gesagt haben, und versuche es zu verstehen.«

Während sie so schweigend neben einander hergingen, gelangten sie an den kleinen Pavillon, welchen die Tradition dem Andenken Isaak Walton's widmete.

Lily trat ein und setzte sich, Kenelm setzte sich neben sie. Es war ein kleiner achteckiger Bau, welcher nach seiner Architektur zu urtheilen in der unruhigen Zeit Karl's I. erbaut sein mochte; die inneren geweißten Wände waren dicht mit Namen, Daten und Inschriften zum Lobe des Angelns oder zum Preise Isaak's und mit Citaten aus seinen Büchern bedeckt. Drüben 153 über dem Flüßchen konnten sie den Rasen von Grasmere mit seinen großen, das Wasser überhängenden Weiden sehen. Die Ruhe des Platzes mit seinen Erinnerungen an das ruhige Leben des Anglers stimmte zu dem ruhigen Tag, der windstillen Luft und dem bewölkten Himmel.

»Sie wollten mir Ihre Zweifel in Bezug auf Ihren Vormund mittheilen, ob er in etwas, worüber Sie sich nicht näher aussprachen, Recht habe, Zweifel, die Sie ihm nicht selbst erklären könnten.«

Lily fuhr auf wie aus Gedanken, die dem wieder angeregten Gegenstande fremd waren. »Ja, ich kann ihm meine Zweifel nicht sagen, weil sie sich auf mich beziehen, und er ist so gut. Ich verdanke ihm so viel, daß ich den Gedanken nicht ertragen könnte, ihn durch ein Wort zu verletzen, das wie ein Vorwurf oder wie eine Klage erscheinen könnte. Sie erinnern sich« – bei diesen Worten rückte sie näher an ihn heran und sah ihn mit jener unbefangenen Vertraulichkeit in Blick und Bewegung, welche ihn schon oft im ersten Augenblick entzückt und bei näherem Nachdenken betrübt hatte, weil sie zu unbefangen und zu vertraulich für die Gefühle war, welche ihr einzuflößen es ihn so sehnlich verlangte, mit ihren offenen furchtlosen Augen an und legte die Hand auf seinen Arm – »Sie erinnern sich, 154 daß ich Ihnen auf dem Kirchhofe sagte, wie tief ich fühle, daß man beständig zu viel an sich selbst denke; das muß unrecht sein. Wenn ich mit Ihnen nur von mir rede, so weiß ich, daß ich Unrecht thue, aber ich kann nicht anders, ich muß es. Denken Sie deshalb nicht schlecht von mir. Sie sehen, ich bin nicht erzogen wie andere Mädchen. Hatte mein Vormund darin Recht? Vielleicht, wenn er darauf bestanden hätte, daß ich nicht meinem eigenen grillenhaften Willen folge, wenn er mich statt der Gedichte und Feengeschichten, welche er mir gab, die Bücher hätte lesen lassen, zu deren Lectüre Herr und Frau Emlyn mich zwingen wollten, würde ich so viel mehr an diese zu denken gehabt und weniger an mich selbst gedacht haben. Sie sagten, die Todten seien die Vergangenheit; man vergesse sich selbst, wenn man an die Todten denke. Wenn ich mehr von der Vergangenheit gelesen und mehr Veranlassung zum Interesse an den Todten hätte, deren Geschichte die Vergangenheit erzählt, würde ich mich da nicht weniger, so zu sagen, in mein eigenes kleines selbstsüchtiges Herz verschließen? Erst seit kurzem ist mir das eingefallen, erst seit kurzem gräme und schäme ich mich, wenn ich denke, daß ich so wenig von dem weiß, was andere Mädchen, selbst die kleine Clemmy weiß. Und ich wage das nicht zu Löwe zu sagen, 155 wenn ich ihn das nächste Mal sehe, damit er sich nicht Vorwürfe mache, da er doch nur gut gegen mich sein wollte, wenn er zu sagen pflegte: Ich will nicht, daß unsere kleine Fee gelehrt wird, mir genügt es, zu denken, daß sie glücklich ist. Und ich war so glücklich bis – bis vor kurzem!«

»Weil Sie bis vor kurzem sich nur als ein Kind fühlten. Aber jetzt, wo Sie das Bedürfniß des Wissens empfinden, ist Ihre Kindheit dahin. Machen Sie sich deshalb keine Sorge. Bei dem Geist, mit welchem die Natur Sie begabt hat, werden Sie sich das Wissen, dessen Sie etwa bedürfen möchten, um sich mit den schrecklichen erwachsenen Menschen zu unterhalten, sehr leicht und schnell aneignen. Sie werden jetzt in einem Monat mehr lernen können, als Sie in einem Jahre gelernt haben würden, als Sie ein Kind waren und das Arbeiten nicht liebten, sondern verwünschten. Ihre Tante ist offenbar gut unterrichtet, und wenn ich mir erlauben dürfte, mit ihr über eine Auswahl von Büchern zu sprechen –«

»Nein, thun Sie das nicht, das würde Löwe nicht mögen.«

»Ihr Vormund würde nicht mögen, daß Sie die gewöhnliche Erziehung anderer junger Mädchen erhalten?«

156 »Löwe verbot meiner Tante, mich Vieles zu lehren, was ich gern gelernt hätte. Sie wollte es thun, aber auf seinen Wunsch hat sie es aufgegeben. Jetzt quält sie mich nur mit den schrecklichen französischen Verbes, und das ist, wie ich weiß, ein reines Scheinwerk. Natürlich, am Sonntag ist es anders, dann darf ich nur die Bibel und Predigten lesen. Aus Predigten mache ich mir nicht so viel, wie ich wohl sollte; aber in der Bibel könnte ich jeden Tag lesen, Wochentags so gut wie Sonntags; und aus der Bibel habe ich gelernt, daß ich weniger an mich selbst denken müßte.«

Kenelm drückte unwillkürlich die Hand, die sie so unschuldig auf seinen Arm gelegt hatte.

»Wissen Sie den Unterschied zwischen zwei verschiedenen Arten von Poesie?« fragte Lily ganz unvermittelt.

»Ich weiß es nicht. Ich sollte es allerdings wissen, wenn die eine Art gut und die andere Art schlecht ist. Aber ich finde, daß viele Leute, besonders Kritiker von Beruf, die Poesie, welche ich schlecht nenne, der Poesie, welche ich gut finde, vorziehen.«

»Der Unterschied von beiden Arten von Poesie«, sagte Lily in einem sehr positiven Ton und mit einer triumphirenden Miene, »ist, vorausgesetzt, daß beide Arten gut sind, folgender. Ich weiß es, weil Löwe es mir 157 erklärt hat. In einer Art von Poesie tritt der Dichter ganz aus sich heraus und versetzt sich völlig in andere, ihm ganz fremde Existenzen. Er könnte ein sehr guter Mensch sein und doch könnte grade seine beste Poesie von sehr schlechten Menschen handeln. Er würde keiner Fliege ein Leid thun, dabei aber vielleicht in der Schilderung von Mördern schwelgen. In der andern Art von Poesie aber versetzt sich der Dichter nicht in andere Existenzen, sondern bringt seine eigenen Freuden und Sorgen, sein eigenstes Herz und Gemüth zum Ausdruck. Wenn er keiner Fliege ein Leid thun möchte, so könnte er sich gewiß noch viel weniger in das grausame Herz eines Mörders einleben. Sehen Sie, Herr Chillingly, das ist der Unterschied zwischen zwei verschiedenen Arten von Poesie.«

»Sehr wahr«, sagte Kenelm, den die kritischen Definitionen des Mädchens ergötzten. »Das ist der Unterschied zwischen dramatischer und lyrischer Poesie; aber darf ich fragen, was diese Definition mit dem Gegenstande zu thun hat, mit welchem Sie dieselbe so plötzlich in Verbindung gebracht haben?«

»Sehr viel; denn als Löwe meiner Tante die Sache erklärte, sagte er: Ein vollkommenes Weib ist ein Gedicht; aber sie kann nie ein Gedicht der einen Art sein, nie sich in ein Herz einleben, zu welchem sie 158 in keiner Beziehung steht, nie Sympathie mit Verbrechen und Bösem finden; sie muß ein Gedicht der andern Art sein und Poesie aus ihren eigenen Gedanken und Vorstellungen herausspinnen. Und zu mir gewandt fügte er hinzu: Ich wünschte, Lily würde ein solches Gedicht. Zu viele trockene Bücher würden das Gedicht nur verderben. Und jetzt wissen Sie, warum ich so unwissend und andern Mädchen so unähnlich bin und warum Herr und Frau Emlyn so geringschätzig auf mich herabblicken.«

»Herrn Emlyn wenigstens thun Sie Unrecht; denn er war es, der zuerst zu mir sagte: Lily Mordannt ist ein Gedicht.«

»Wirklich? Dafür will ich ihn lieb haben. Wie das Löwe freuen wird!«

»Herr Melville scheint einen außerordentlichen Einfluß auf Ihr Gemüth zu haben«, sagte Kenelm mit einer Regung von Eifersucht.

»Natürlich; ich habe weder Vater noch Mutter, Löwe ist mir beides gewesen. Tante hat mir oft gesagt: Du kannst Deinem Vormund nicht dankbar genug sein; ohne ihn hätte ich kein Obdach und kein Brod für Dich. Er hat das nie gesagt, er würde sehr böse auf Tante sein, wenn er wüßte, daß sie das gesagt hat. Wenn er mich nicht Fee nennt, so nennt 159 er mich Prinzessin. Ich möchte ihm um Alles in der Welt nicht mißfallen.«

»Er ist, wie ich höre, viel älter als Sie, alt genug, um Ihr Vater zu sein.«

»Ich glaube, ja. Aber wenn er noch einmal so alt wäre, könnte ich ihn nicht lieber haben.«

Kenelm lächelte, die Eifersucht war verschwunden. Gewiß konnte kein Mädchen, selbst Lily nicht, so von einem Manne reden, in den sie sich, wie lieb sie ihn auch haben mochte, verlieben könnte.

Lily stand jetzt langsam und wie ermattet auf und sagte, es sei Zeit, nach Hause zu gehen.

»Tante wird nicht wissen, wo ich bleibe, kommen Sie.«

Sie gingen nach der Cromwell-Lodge gegenüberliegenden Brücke.

Mehrere Minuten lang schwiegen beide. Lily ergriff zuerst wieder das Wort und zwar mit einem jener plötzlichen Sprünge in der Unterhaltung, die bei dem ruhelosen Spiel ihrer geheimen Gedanken so gewöhnlich waren.

»Ihr Vater und Ihre Mutter leben noch, Herr Chillingly?«

»Dem Himmel sei Dank. Ja.«

»Wen von beiden lieben Sie am meisten?«

160 »Das sollten Sie mich eigentlich nicht fragen. Ich liebe meine Mutter sehr, aber mein Vater und ich verstehen einander besser als –«

»Ich sehe, es ist so schwer, verstanden zu werden, niemand versteht mich.«

»Ich glaube, ich verstehe Sie.«

Lily schüttelte ungläubig den Kopf.

»Wenigstens so gut, wie ein Mann ein junges Mädchen verstehen kann.«

»Was für eine Art von Mädchen ist Fräulein Cecilia Travers?«

»Cecilia Travers? Was und wo haben Sie denn von der gehört?«

»Der Londoner große Herr, den sie Sir Thomas nennen, nannte ihren Namen damals, als wir in Braefieldville zu Mittag aßen.«

»Ich erinnere mich, er erwähnte, daß sie auf dem Hofball gewesen sei.«

»Er sagte, sie sei sehr schön.«

»Das ist sie.«

»Ist sie auch ein Gedicht?«

»Nein, den Eindruck hat sie mir nie gemacht.«

»Herr Emlyn würde sie, glaube ich, höchst wohlerzogen nennen. Er würde über sie nicht die Nase rümpfen, wie er es über mich thut, mich armes Aschenbrödel!«

161 »O Fräulein Mordannt, Sie brauchen sie nicht zu beneiden. Lassen Sie mich Ihnen noch einmal sagen, daß Sie sich sehr leicht die Erziehung aller der jungen Damen, welche die Hofbälle zieren, würden aneignen können.«

»Ja, aber dann würde ich kein Gedicht mehr sein«, sagte Lily mit einem scheuen verschmitzten Seitenblick auf Kenelm.

Sie waren jetzt an der Brücke angelangt, und noch ehe Kenelm antworten konnte, fuhr Lily rasch fort: »Sie brauchen nicht weiter mitzugehen, es wäre ein Umweg für Sie.«

»Ich kann mich nicht so kurzweg verabschieden lassen, Fräulein Mordannt; ich bestehe darauf, Sie bis an Ihre Gartenpforte geleiten zu dürfen.«

Lily hatte nichts einzuwenden und nahm wieder das Wort.

»In was für einer Gegend sind Sie zu Hause? Ist sie der hiesigen ähnlich?«

»Nicht so lieblich, aber großartiger, mehr Berg und Thal und Wald; aber etwas gibt es auf unserm Gut, das mich ein wenig an diese Landschaft erinnert, ein Flüßchen, das nur etwas breiter ist als Ihr kleiner Bach; aber an einigen Stellen sind die Ufer denen von Cromwell-Lodge so ähnlich, daß ich bisweilen 162 plötzlich zusammenfahre und mich zu Hause glaube. Ich habe eine merkwürdige Liebe zu kleinen Flüssen und allen fließenden Gewässern, und auf meinen Fußwanderungen fühle ich mich immer wie magnetisch von ihnen angezogen.«

Lily hörte mit Interesse zu und sagte nach einer kurzen Pause mit einem halbunterdrückten Seufzer. »Ihre Heimat ist viel schöner als irgend ein Punkt hier, selbst als Braefieldville, nicht wahr? Frau Braefield sagt, Ihr Vater sei sehr reich.«

»Ich zweifle, daß er reicher ist als Herr Braefield, und wenn sein Haus auch vielleicht größer ist als Braefieldville, so ist es doch nicht so hübsch möblirt und hat keine so prächtigen Treib- und Gewächshäuser. Mein Vater hat einen sehr einfachen Geschmack, wie ich auch. Wenn er nur seine Bibliothek behalten könnte, würde er den Verlust seines Vermögens kaum bemerken. Das hat er entschieden vor mir voraus.«

»Sie würden Ihr Vermögen schmerzlich vermissen?« sagte Lily rasch.

»Das nicht, aber mein Vater wird der Bücher nie überdrüssig. Und – soll ich es gestehen? ich habe Tage, wo mir die Bücher fast so langweilig sind wie Ihnen.«

In diesem Augenblick waren sie an der 163 Gartenpforte angelangt. Lily, die mit der einen Hand die Thürklinke ergriffen hatte, streckte die andere Kenelm entgegen und ihr Lächeln erhellte den dunkeln Himmel wie eine plötzlich hervorbrechende Sonne, als sie ihm einen letzten Blick zuwarf und verschwand. 164

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