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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Das Zimmer war, wie es sich gehörte, dunkel gemacht und das weiße Betttuch an die Wand befestigt; die Kinder saßen still und voll ehrfurchtsvoller Scheu da. Kenelm hatte neben Lily Platz genommen.

Die gewöhnlichsten Dinge in unserm sterblichen Leben sind oft höchst geheimnißvoll. Das Wachsen eines Grashalms birgt ein größeres Mysterium in sich als ein Zauberspiegel oder die Enthüllungen eines Mediums. Wir alle haben wohl einmal die Anziehungskraft empfunden, die ein menschliches Wesen auf ein anderes übt und die es für solche zwei Wesen zu einer so auserlesenen Glückseligkeit macht, ruhig und stumm neben einander zu sitzen. Unsere stürmischsten Gedanken, unsere aufgeregtesten Herzenswünsche 94 verstummen für den Augenblick und wir empfinden nur gegenwärtig unaussprechliche Wonne. Wir alle haben das wohl einmal erlebt, aber wen hat je eine metaphysische Erklärung der Gründe dieser geheimnißvollen Anziehungskraft befriedigt? Wir können nur sagen, es ist Liebe, und zwar Liebe in jenem ersten Stadium, welches die Romantik noch nicht abgestreift hat; aber vermöge welchen Vorgangs jene andere Person aus dem ganzen Universum dazu ausgesondert worden ist, eine so besondere Macht über uns auszuüben, das ist ein Problem, welches, obgleich Viele es zu lösen versucht haben, doch noch der Lösung harrt.

Bei der matten Erleuchtung des Zimmers konnte Kenelm nur die Umrisse von Lily's zartem Gesichte unterscheiden; aber bei jedem neuen Bilde auf der Leinwand kehrte sich ihr Gesicht instinctiv dem seinigen zu, und als einmal das schreckliche Bild eines in weiße Gewänder gehüllten Geistes, der einen schuldigen Menschen verfolgte, an der Wand vorüberzog, rückte sie in ihrer kindischen Angst näher an ihn heran und legte mit einer unwillkürlichen, unschuldigen Bewegung ihre Hand auf die seinige. Er hielt sie zärtlich fest, aber ach! schon im nächsten Augenblick zog sie sie wieder zurück; der Geist wurde von ein paar tanzenden Hunden abgelöst. Und Lily's lustiges Lachen über die 95 Hunde und über ihre eigene Angst berührte Kenelm's Ohr unangenehm. Er wünschte, es wäre eine Reihe von Geistern, einer immer entsetzlicher als der andere, erschienen.

Die Vorstellung war zu Ende und nach einer kleinen Collation von Kuchen und Wein und Wasser brach die Gesellschaft auf. Die fremden Kinder gingen mit den Mädchen, die sie zu holen gekommen waren, fort. Frau Cameron und Lily wollten zu Fuß nach Hause gehen.

»Es ist ein schöner Abend, Frau Cameron«, sagte Herr Emlyn, »und ich will Sie nach Hause begleiten.«

»Erlauben Sie mir auch mitzugehen«, sagte Kenelm.

»Gewiß«, sagte der Pfarrer, »Sie gehen ja denselben Weg.«

Sie gingen über den Kirchhof, um so auf dem kürzesten Wege an das Ufer des Baches zu gelangen. Die Mondstrahlen schimmerten durch die Eibenbäume hindurch und ruhten auf dem alten Grabe, umspielten gleichsam die Blumen, welche Lily's Hand diesen Morgen auf das Grab gelegt hatte. Sie ging neben Kenelm, die beiden älteren Personen einige Schritte voraus.

»Wie albern von mir«, sagte sie, »mich so vor 96 dem Bilde des Geistes zu fürchten! Ich glaube nicht, daß ich mich vor einem wirklichen Geiste fürchten würde, wenigstens hier nicht bei diesem lieblichen Mondschein und auf dem Friedhof!«

»Geister könnten, wenn sie auch außer in der Laterna magica erscheinen dürften, doch dem Unschuldigen nichts anhaben. Und ich begreife nicht recht, warum sich mit der Idee ihrer Erscheinung von jeher, besonders bei unschuldigen Kindern, die doch am wenigsten Ursache haben, sie zu fürchten, die Vorstellung von Schreckgebilden verknüpft hat.«

»O, das ist wahr«, rief Lily; »aber selbst wenn wir erwachsen sind, muß es Zeiten geben, wo wir sehnliches Verlangen nach dem Anblick eines Geistes tragen und fühlen müßten, welchen Trost und welche Freude uns dieser Anblick gewähren würde.«

»Ich verstehe Sie. Wenn ein uns besonders theures Wesen aus unserm Leben geschwunden wäre, und wenn wir den Schmerz der Trennung so tief empfänden, daß uns der Gedanke, wie Sie es so schön ausgedrückt haben, das Leben stirbt nie, ganz abhanden käme, nun ja, dann begreife ich, daß der Trauernde sich nach einem einzigen Blick des Dahingegangenen sehnen könnte, und wäre es auch nur, um die eine Frage an ihn zu richten: Bist Du glücklich? Darf 97 ich hoffen, daß wir uns wiedersehen werden, um uns nie, nie wieder zu trennen?«

Kenelm's Stimme zitterte, als er das sagte, und Thränen standen ihm in den Augen. Ein unbestimmtes melancholisches, überwältigendes Gefühl durchfuhr sein Herz, wie der Schatten eines schwarzgeflügelten Vogels über ein stilles Wasser dahinzieht.

»Sie haben doch das nie selbst empfunden?« fragte Lily in einem zweifelnd sanften Ton, hielt aber sofort inne und blickte ihm ins Angesicht.

»Ich? Nein. Ich habe noch nie jemand verloren, den ich so geliebt und den ich wiederzusehen ein so sehnliches Verlangen getragen hätte. Ich dachte nur daran, daß solche Verluste uns alle betreffen können, ehe auch wir von dieser Erde scheiden.«

»Lily!« rief Frau Cameron, an der Pforte des Kirchhofs stehen bleibend.

»Ja, Tante?«

»Herr Emlyn möchte wissen, wie weit Du im Numa Pompilius gekommen bist. Komm her und antworte selbst.«

»O diese langweiligen erwachsenen Leute!« flüsterte Lily Kenelm ungeduldig zu. »Ich liebe Herrn Emlyn; er ist einer der allerbesten Menschen. Aber er ist doch auch erwachsen und sein Numa Pompilius ist so dumm.«

98 »Es war auch mein erstes französisches Lesebuch. Aber es ist nicht dumm. Lesen Sie nur weiter. Es enthält das hübscheste Märchen, das ich kenne, und besonders kommt eine Fee darin vor, die meine Einbildungskraft als Knabe bezauberte.«

In diesem Augenblicke hatte Lily die Kirchhofspforte erreicht.

»Was für ein Märchen? Was für eine Fee?« fragte sie rasch.

»Sie war eine Fee, obgleich sie in der heidnischen Sprache eine Nymphe genannt wird – Egeria. Sie war für den von ihr Geliebten das Band zwischen Menschen und Göttern, sie gehörte zum Geschlechte der Götter; sie konnte zwar verschwinden, aber nie sterben.«

»Nun, Fräulein Lily«, sagte der Pfarrer, »wie weit sind Sie in dem Buche, das ich Ihnen geliehen habe, im Numa Pompilius?«

»Fragen Sie mich heute über acht Tage.«

»Das will ich; aber vergessen Sie nicht, daß Sie auch übersetzen müssen und daß ich die Uebersetzung sehen muß.«

»Gut, ich will mein Bestes thun«, antwortete Lily kleinmüthig.

Lily ging jetzt neben dem Pfarrer und Kenelm neben Frau Cameron, bis sie Grasmere erreichten.

99 »Ich will Sie bis an die Brücke begleiten, Herr Chillingly«, sagte der Pfarrer, als die Damen sich an der Pforte ihres Gartens verabschiedet hatten.

»Wir haben wenig Zeit gehabt, meine Bücher anzusehen, aber ich hoffe. Sie haben wenigstens den Juvenal zu sich genommen.«

»Nein, Herr Emlyn, wer könnte wohl beim Verlassen Ihres Hauses noch Lust zur Satire haben? Ich muß dieser Tage zu Ihnen kommen und mir ein Buch aussuchen, das zu einer freundlichen Auffassung des Lebens Anleitung gibt und uns in eine günstige Stimmung für die Menschheit versetzt. Ihre Frau, mit welcher ich eine interessante Unterhaltung über die Principien ästhetischer Philosophie gehabt habe –«

»Meine Frau – Charlotte weiß nichts von ästhetischer Philosophie.«

»Sie nennt die Sache anders, aber sie versteht sie gut genug, um die Principien derselben durch Beispiele zu illustriren. Sie sagt mir, daß Sie bei Arbeit und Pflicht nach den Worten des Dichters

In den heitern Regionen
Wo die reinen Formen wohnen,

schweben, sodaß beide für Sie zu Genuß und Schönheit werden. Ist dem so?«

100 »Etwas so Poetisches hat Charlotte gewiß nie gesagt. Aber ganz einfach gesprochen, die Tage verfließen mir recht glücklich. Ich wäre undankbar, wollte ich nicht glücklich sein. Der Himmel hat mir so viele Quellen der Liebe eröffnet, Weib, Kinder, Bücher und meinen Beruf, welcher mich, sobald ich meine Schwelle verlasse, Liebe in die Außenwelt bringen läßt – eine kleine Welt, nur ein Kirchspiel, die aber mein Beruf mit der Ewigkeit verknüpft.«

»Ich sehe, es sind die Quellen der Liebe, aus denen Sie Ihr Glück schöpfen.«

»Ohne Liebe könnte ein Mensch sicherlich gut, aber schwerlich glücklich sein. Niemand kann sich den Himmel anders denn als eine Stätte der Liebe vorstellen. Welcher Schriftsteller sagt doch noch, wie gut der das menschliche Herz habe kennen müssen, der Gott zuerst Vater genannt habe?«

»Ich erinnere mich nicht mehr; aber es ist ein schönes Wort. Offenbar stimmen Sie den Ausführungen von Decimus Roach's ›Annäherung an die Engel‹ nicht bei.«

»O, Herr Chillingly! Ihre Worte lehren mich, wie es das Glück eines Menschen zerstören kann, wenn er die Klauen der Eitelkeit nicht scharf beschnitten hält. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, wie empfindlich es 101 mich berührt, daß Sie mir von jenem beredten Lobredner der Ehelosigkeit sprechen, ohne zu wissen, daß die einzige von mir veröffentlichte Schrift, welche, wie ich glaubte, von verständigen Lesern nicht unwerth gehalten werde, eine Erwiderung auf die ›Annäherung an die Engel‹ ist. Es war ein jugendliches, in den ersten Jahren meiner Ehe geschriebenes Buch; aber es hatte Erfolg. Ich habe eben die zehnte Auflage revidirt.«

»Das Buch will ich mir aus Ihrer Bibliothek nehmen. Es wird Sie freuen, zu hören, daß Herr Roach, den ich vor einigen Tagen in Oxford gesehen habe, seine Ansichten geändert hat und im fünfzigsten Lebensjahre im Begriff steht, sich zu verheirathen, wie er mich hinzuzufügen bittet, nicht zu seiner persönlichen Genugthuung.«

»Sich zu verheirathen! Decimus Roach? Ich dachte mir es wohl, daß meine Erwiderung ihn am Ende doch überzeugen würde.«

»Ich werde mir Ihre Erwiderung ansehen, um einige mir noch gebliebene Bedenken zu beseitigen.«

»Bedenken zu Gunsten des Cölibats?«

»Nun ja, wenn nicht für die Laien, doch vielleicht für die Geistlichkeit.«

»Der überzeugendste Theil meiner Erwiderung 102 betrifft grade diesen Punkt. Lesen Sie sie aufmerksam. Ich bin der Ansicht, daß es unter allen Ständen keinen gibt, für den die Ehe, sowohl um ihrer selbst willen wie im Interesse des ganzen Gemeinwesens, so empfehlenswerth wäre wie für die Geistlichkeit. Denn«, fuhr der Pfarrer fort, indem er warm wurde und in oratorische Begeisterung gerieth, »wissen Sie nicht, daß aus keinen Häusern in England mehr Männer hervorgegangen sind, welche ihrem Lande gedient und zur Zierde gereicht haben, als aus denen der Geistlichkeit unserer Kirche? Welcher andere Stand kann eine solche Reihe ausgezeichneter Namen aufweisen, wie die, deren wir uns in den Söhnen rühmen können, die wir erzogen und in die Welt hinausgesandt haben? Wie viele Staatsmänner, Soldaten, Seeleute, Advocaten, Aerzte, Schriftsteller, Gelehrte sind die Söhne von uns Landpredigern gewesen! Sehr natürlich, denn bei uns erhalten sie eine sorgfältige Erziehung, eignen sie sich nothwendig den einfachen Geschmack und die geregelten Gewohnheiten an, welche die Vorbedingungen des Fleißes und der Ausdauer sind, und nehmen sie in den meisten Fällen ein reineres Sittengesetz und in Anknüpfung an ihre frühesten Gewöhnungen der Liebe und des Respectes eine gründlichere Ehrfurcht vor religiösen Dingen und Gedanken fürs 103 ganze Leben mit, als es sich bei den Söhnen von Laien, deren Eltern lediglich von zeitlichen und weltlichen Interessen erfüllt sind, erwarten läßt. Ich behaupte, daß dies ein zwingendes Argument ist, welches die Nation wohl erwägen sollte, nicht nur zu Gunsten einer verheiratheten Geistlichkeit, denn in dieser Beziehung könnte eine Million von Roachs die öffentliche Meinung in diesem Lande nicht bekehren, sondern zu Gunsten der Kirche, der bestehenden Kirche, welche eine so fruchtbare Pflegestätte berühmter Laien gewesen ist; und es hat mir oft geschienen, daß eine bisher noch nicht hervorgehobene Hauptursache des niedrigen Standes der öffentlichen und privaten Sittlichkeit, der größeren Corruption der Sitten, der allgemein verbreiteten Verhöhnung der Religion, welche wir zum Beispiel in einem so civilisirten Lande wie Frankreich finden, darin liegt, daß seine Geistlichkeit keine Söhne dazu erziehen kann, in die Kämpfe der Welt den festen Glauben an eine Verantwortlichkeit vor dem Himmel zu tragen.«

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen«, sagte Kenelm. »Ich werde über alles von Ihnen so nachdrücklich Ausgesprochene reiflich nachdenken. Ich bin schon geneigt, alle mir noch anhaftenden Grillen zu Gunsten einer verheiratheten Geistlichkeit aufzugeben; aber als Laie fühle ich, daß ich niemals die Höhe der 104 reinen Menschenliebe des Herrn Decimus Roach erreichen werde und daß, wenn ich mich je verheirathen sollte, es sehr zu meiner eigenen Genugthuung geschehen wird.«

Herr Emlyn lachte gutmüthig, reichte Kenelm, als sie jetzt an die Brücke gelangten, die Hand und ging längs des Baches und über den Kirchhof mit dem behenden Schritt und dem aufrechten Haupt eines Mannes, der sich des Lebens freut und keine Furcht vor dem Tode kennt, nach Hause. 105

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