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Kenelm Chillingly. Dritter Band

Edward Bulwer-Lytton: Kenelm Chillingly. Dritter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
year1873
firstpub1873
translatorEmil Lehmann
publisherErnst Julius Günther
addressLeipzig
titleKenelm Chillingly. Dritter Band
pages1169
created20110327
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

Es war eine sehr lustige Gesellschaft an jenem Abend im Pfarrhause. Lily war nicht darauf gefaßt gewesen, Kenelm dort zu treffen, und ihr Gesicht leuchtete wunderbar auf, als er sich bei ihrem Eintritt von den Bücherschränken, auf welche Herr Emlyn ihn eben aufmerksam gemacht hatte, nach ihr umwandte. Aber anstatt sein Entgegenkommen zu erwidern, sprang sie fort nach dem Rasen, wo Clemmy und mehrere andere Kinder sie mit Jubelgeschrei begrüßten.

»Sie kennen Macleane's Juvenal nicht?« sagte der gelehrte Geistliche. »Das Buch wird Ihnen sehr gefallen; hier ist es. Es ist ein nachgelassenes Werk, das George Long herausgegeben hat. Ich kann Ihnen auch Munro's Lucretius leihen. Ja, ja, wir haben den Deutschen noch einige Gelehrte entgegenzustellen.«

85 »Das freut mich sehr«, erwiderte Kenelm. »Es wird noch lange dauern, bis sie es versuchen werden, es in jenem Spiel mit uns aufzunehmen, welches Fräulein Clemmy da auf dem Rasen arrangirt und in welchem England seit kurzem einen europäischen Ruf erlangt hat.«

»Ich verstehe Sie nicht. Von welchem Spiel reden Sie?«

»Kätzchen im Winkel. » Puss in the corner«, ein unserem »Kämmerchen zu vermiethen« sehr ähnliches Spiel. — Anm. d. Übersetzers. Mit Ihrer Erlaubniß werde ich zusehen, wer das Spiel gewinnt.« Kenelm gesellte sich zu den Kindern, unter welchen Lily nicht die wenigst kindische zu sein schien. Allen Aufforderungen Clemmy's mitzuspielen leistete er beharrlich Widerstand und setzte sich als müßiger Zuschauer in einiger Entfernung auf eine Rasenbank. Sein Auge folgte Lily's behenden Bewegungen, sein Ohr schlürfte die Musik ihres heitern Lachens. War das dasselbe Mädchen, welches er das Blumenbeet inmitten der Grabsteine hatte pflegen sehen?

Frau Emlyn kam über den Rasen zu ihm gegangen und setzte sich neben ihn auf die Rasenbank. Sie war eine außerordentlich gescheidte Frau, aber dennoch hatte sie nichts Furchtbares, war im 86 Gegentheil sehr angenehm, und obgleich ihre Nachbarinnen sagten, sie rede wie ein Buch, so widerlegte doch die leichte Anmuth ihrer Art zu sprechen diese beleidigende Behauptung.

»Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, Herr Chillingly«, sagte sie, »daß mein Mann Sie zu einer solchen Kindergesellschaft eingeladen hat. Aber als er Sie bat, heute Abend zu uns zu kommen, wußte er nicht, daß Clemmy auch ihre jungen Freundinnen eingeladen habe. Er hatte sich auf eine vernünftige Unterhaltung mit Ihnen über seine Lieblingsstudien gefreut.«

»Ich bin noch nicht so lange aus der Schule, daß ich nicht einen Ferientag allen Lectionen, selbst wenn sie von einem so angenehmen Lehrer wie Herrn Emlyn ertheilt werden, vorziehen sollte.«

Glückliche Zeit! Wer wäre
Zum andern Mal Knabe nicht gern!«

»Nein«, sagte Frau Emlyn ernst lächelnd, »wer, der seine Laufbahn so rühmlich betreten hat wie Sie, möchte wohl wieder umkehren und seinen Platz wieder unter den Knaben einnehmen!«

»Aber meine liebe Frau Emlyn, der von mir citirte Vers war der Ausdruck der tiefsten Empfindung eines Mannes, der auf der Rennbahn, die er sich 87 erkoren, bereits alle Nebenbuhler überholt hatte und der in jenem Augenblick im Frühling seines Lebens und seines Ruhmes stand. Und wenn ein solcher Mann in einem solchen Moment seiner Laufbahn sehnliches Verlangen danach tragen konnte, wieder Knabe zu werden, so kann das seinen Grund nur darin gehabt haben, daß er bei dem Gedanken an die Freiheit des Knaben vor den Aufgaben, die er als Mann zu lernen verdammt war, zurückschreckte.«

»Der von Ihnen citirte Vers ist, glaube ich, aus ›Childe Harold‹ und Sie möchten doch gewiß die Empfindungen eines, wenn ich so sagen darf, so eigenthümlich reflectirenden Dichters von oft so krankhafter Empfindungsweise nicht auf die Menschheit im Allgemeinen anwenden.«

»Sie haben Recht, Frau Emlyn«, sagte Kenelm offen. »Aber doch ist der Ferientag eines Knaben etwas sehr Schönes, und gewiß würden Viele froh sein, diese Zeit wieder erleben zu können, Herr Emlyn selbst, zum Beispiel, glaube ich.«

»Mein Mann hat jetzt eben seinen Ferientag! Sehen Sie nicht, wie er da am Fenster steht? Hören Sie nicht, wie er lacht? Er wird bei der Heiterkeit seiner Kinder selbst wieder zum Kinde. Ich hoffe, Sie bleiben eine Weile hier bei uns. Ich bin überzeugt, 88 Sie und mein Mann werden sich gegenseitig conveniren. Und es ist ein so seltener Genuß für ihn, sich mit einem Gelehrten, wie Sie es sind, zu unterhalten.«

»Verzeihen Sie, ich bin kein Gelehrter. Das ist ein schöner Titel, auf den ein müßiger Dilettant wie ich, der nur von der Oberfläche gelehrter Bücher genascht hat, keinen Anspruch machen darf.«

»Sie sind zu bescheiden. Mein Mann besitzt ein Exemplar ihres Cambridger Preisgedichtes und sagt, die Latinität desselben sei ganz vortrefflich. Ich citire seine eigenen Worte.«

»Lateinische Verse machen ist eine bloße Fertigkeit und solche Verse machen können beweist wenig mehr, als daß man einen tüchtigen Gelehrten zum Lehrer gehabt hat, wie es bei mir sicherlich der Fall war. Aber es ist nur eine besondere Gnade des Schicksals, wenn es einem wahren Gelehrten vergönnt ist, einen andern wahren Gelehrten auszubilden, wie wenn ein Kennedy einen Munro zum Schüler hat. Doch um auf den interessanten Gegenstand, die Ferien, zurückzukommen, so sehe ich eben, daß Clemmy ihren Papa in diesem Augenblick im Triumph aufführt. Er soll Kätzchen im Winkel mitspielen.«

»Wenn Sie Charles, ich meine meinen Mann, 89 erst besser kennen, so werden Sie finden, daß sein ganzes Leben mehr oder weniger einem Ferientage gleicht. Vielleicht grade, weil er nicht das ist, dessen Sie sich anklagen; er ist nie müßig, er hat nie den Wunsch, wieder ein Knabe zu sein, und die Arbeit selbst ist ihm Feriengenuß. Er findet seine Freude daran, sich in sein Arbeitszimmer einzuschließen und zu studiren, wie er seine Freude daran findet, mit den Kindern spazieren zu gehen, die Armen zu besuchen und seine Pflichten als Geistlicher zu erfüllen. Und obgleich ich nicht immer mit seinem Loose zufrieden bin, obgleich ich finde, daß ihm die Ehren gebührt hätten, die man an andere weniger fähige und weniger gelehrte Männer verschwendet hat, so ist er doch selbst nie unzufrieden. Soll ich Ihnen das Geheimniß dieser Zufriedenheit verrrathen?«

»Ja, bitte.«

»Er ist ein dankbarer Mensch. Auch Sie, Herr Chillingly, müssen Gott für Vieles zu danken haben; und liegt nicht in der Dankbarkeit gegen Gott das Bewußtsein, sich den Menschen nützlich gemacht zu haben, und das Bewußtsein, seine Zeit so zugebracht zu haben, daß jeder Tag einem dabei als Ferientag erscheint?«

Kenelm blickte mit einem Ausdruck des Erstaunens 90 zu dem ruhigen Gesicht dieser ruhigen Predigersfrau auf.

»Ich sehe, Frau Emlyn, daß Sie viel Zeit auf das Studium der ästhetischen Philosophie deutscher Denker, die etwas schwer zu verstehen sind, verwandt haben.«

»Ich, Herr Chillingly? Du lieber Gott, nein! Was verstehen Sie unter ästhetischer Philosophie?«

»Nach den Principien der Aesthetik gelangt der Mensch, glaube ich, auf die höchste Stufe sittlicher Vortrefflichkeit, wenn Arbeit und Pflicht alle Unannehmlichkeiten der Anstrengung für ihn verlieren, wenn sie ihm zur zweiten Natur werden, wenn sie als die essentiellen Attribute des Schönen wie die Schönheit von ihm als Vergnügen empfunden werden und so, wie Sie es ausdrücken, jeder Tag für ihn ein Ferientag wird. Eine anmuthige Lehre, vielleicht nicht so großartig wie die der Stoiker, aber ansprechender. Nur können sehr wenige von uns im praktischen Leben ihre Sorgen und Mühen in einer so heitern Atmosphäre aufgehen lassen. Einige thun es, ohne irgend etwas von Aesthetik zu wissen und ohne jeden Anspruch darauf, Stoiker zu sein; aber dann sind sie Christen. Es gibt ohne Zweifel solche Christen, aber man begegnet ihnen selten. Nehmen Sie die gesammte 91 Christenheit und Sie werden finden, daß sie das aufgeregteste Volk der Welt in sich schließt, das Volk, in welchem die größte Unzufriedenheit in Betreff des Quantums der zu verrichtenden Arbeit herrscht, die lautesten Klagen darüber, daß die Pflicht kein Vergnügen, sondern ein sehr schweres Ding sei, ertönen und bei welchem die Zahl der Ferientage äußerst gering und die moralische Atmosphäre am wenigsten heiter ist. Vielleicht«, fügte Kenelm mit einer nachdenklichen Falte auf seiner Stirn hinzu, »ist es dieses beständige Bewußtsein eines Kampfes, diese Schwierigkeit, die Arbeit zum Behagen, die strenge Pflicht zu einem heitern Genuß zu machen, diese Gewohnheit, es uns zu versagen, uns um unserer selbstwillen in eine friedliche Atmosphäre zu erheben, welche über den dunkeln Wolken und über dem Gewittersturm, der auf unsere zurückbleibenden Nebenmenschen herabfährt, liegt, was das sorgenvolle Leben der Christenheit dem Himmel theurer macht und dem Plane des Himmels, die Erde zum Kampfplatz und nicht zur Ruhestätte der Menschen zu machen, entsprechender erscheinen läßt, als es das Leben des Braminen ist, der immer darauf bedacht ist, sich dem Conflicte des Christen zwischen Thätigkeit und Wunsch zu entziehen, und die ästhetische Theorie des ungestörten Sichsonnens in der 92 Betrachtung der absolutesten Schönheit, die der menschliche Gedanke in seiner Reflexion über das göttliche Gute erfassen kann, auf die äußerste Spitze treibt.«

Frau Emlyn war es unmöglich, irgend etwas zu erwidern, denn eben kamen die Kinder, die des Spielens überdrüssig waren, zu ihr herangeeilt und verlangten nach Thee und nach einer Vorstellung mit der Laterna magica. 93

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