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Kehrseite der Geschichte unserer Zeit

Honoré de Balzac: Kehrseite der Geschichte unserer Zeit - Kapitel 2
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typefiction
authorBalzac
titleKehrseite der Geschichte unserer Zeit
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Der Aufgenommene

Ebenso wie das Böse wirkt auch das Gute ansteckend. So empfand auch der Pensionär der Frau de la Chanterie, nachdem er einige Monate in dem alten stillen Hause verbracht hatte, nach den letzten vertraulichen Eröffnungen des guten Alain, die ihm den tiefsten Respekt für die, mit denen er wie mit Ordensbrüdern zusammen lebte, einflößten, das geistige Wohlgefühl, das ein geregeltes Leben, eine angenehme Tätigkeit und die harmonische Übereinstimmung mit der Umgebung verleihen. Nach vier Monaten, in denen er weder laute Worte noch einem Streit gehört hatte, mußte sich Gottfried selbst gestehen, daß er sich nicht erinnern konnte, seit Beginn seines Mannesalters sich, wenn auch nicht glücklich, doch niemals so beruhigt gefühlt zu haben. Da er sie jetzt nur von fern sah, beurteilte er die Welt verständig. Und schließlich wurde der Wunsch, den er seit drei Monaten hegte, Mitarbeiter an dem Werke der geheimnisvollen Personen zu werden, zur Leidenschaft; ohne ein großer Philosoph zu sein, kann sich jeder vorstellen, wie stark eine Leidenschaft in der Einsamkeit werden kann.

Eines Tages nun, – und dieser Tag wurde für ihn ein feierlicher, da er an ihm die Allmacht des Geistes empfand – begab sich Gottfried, nachdem er sein Herz durchforscht und seine Kräfte geprüft hatte, zu dem guten alten Alain, den Frau de la Chanterie »ihr Lamm« nannte, und der von allen Hausgenossen der am wenigsten imponierende und der zugänglichste war, mit der Absicht, von ihm einige Aufklärungen über die Art der opferwilligen Tätigkeit, die die Ordensbrüder in Paris entfalteten, zu erbitten. Die Anspielungen auf eine Zeit der Prüfung verhießen ihm die erwartete Aufnahme. Durch das, was der ehrwürdige Greis ihm über die Bedingungen seines Beitritts zu dem Werke der Frau de la Chanterie gesagt hatte, war seine Neugierde nicht befriedigt worden; er wollte mehr darüber wissen.

Zum drittenmal fand sich Gottfried bei dem braven Alain um zehneinhalb Uhr abends ein, wo der Alte bei der Lektüre der »Nachahmung Christi« zu sein pflegte. Dieses Mal vermochte der freundliche Führer ein Lächeln nicht zu unterdrücken, als er den jungen Mann erblickte; und ohne ihm Zeit zum Reden zu lassen, sagte er:

»Warum wenden Sie sich an mich, mein lieber Junge, anstatt an die gnädige Frau? Ich bin der Unwissendste, der Geistloseste und Unvollkommenste des ganzen Hauses. Seit drei Tagen schon lesen die gnädige Frau und meine Freunde in Ihrem Herzen«, fügte er mit einem etwas listigen Gesichtsausdruck hinzu.

»Und was haben sie darin gelesen? . . .« fragte Gottfried.

»Oh«, erwiderte der Gute ohne Umschweife, »sie ahnten, daß Sie ziemlich instinktiv Lust haben, zu unserer kleinen Truppe zu gehören. Aber diese Empfindung ist bei Ihnen noch nicht zu dem glühenden Gefühl geworden, dazu berufen zu sein. Ja,« fuhr er lebhaft fort, als er eine Bewegung Gottfrieds bemerkte, »noch ist es bei Ihnen mehr Neugierde als ein heißer Wunsch. Und dann haben Sie sich noch nicht so völlig von Ihren früheren Anschauungen losgesagt, daß Sie nicht in unserer Tätigkeit etwas gewissermaßen Abenteuerliches, etwas Romantisches, wie man sagt, sähen . . .«

Gottfried konnte ein Erröten nicht unterdrücken.

»Sie betrachten unser Tun wie das der Kalifen in ›Tausendundeiner Nacht‹, und Sie empfinden schon im Voraus eine Art Genugtuung, die Rolle des guten Genius in Wohltätigkeitsromanen, die Sie sich zusammenzudichten belieben, zu spielen! . . . Ja, mein Sohn, Ihr verlegenes Lächeln beweist mir, daß wir uns nicht getäuscht haben. Wie können Sie glauben, daß es möglich sei, Leuten eine Empfindung zu verheimlichen, deren Beruf es ist, den geheimsten Seelenvorgängen, den Listen der Armen, den Spekulationen der Bedürftigen auf die Spur zukommen, die ehrenhafte Spione sind, Polizisten des lieben Gottes, also Richter, deren Gesetzbuch nur Freisprüche kennt, Ärzte für alle Leiden, deren einziges Heilmittel klug verteiltes Geld ist. Aber, sehen Sie, mein Kind, wir bekümmern uns nicht um die Beweggründe, die uns einen Neophyten zuführen, wenn er nur bei uns bleibt und ein Bruder unseres Ordens wird. Wir werden Sie nach Ihren Taten beurteilen. Es gibt zwei Arten von Neugierde: die auf das Gute und die auf das Böse gerichtete; Sie sind jetzt auf das Gute neugierig. Wenn Sie ein Arbeiter in unserem Weinberge werden sollten, so wird der Saft der Trauben Ihnen den unstillbaren Durst nach der göttlichen Frucht einflößen. Der Anfang ist, wie in allen Wissenschaften, scheinbar leicht, in Wirklichkeit aber schwer. Es geht mit der Wohltätigkeit wie mit der Dichtkunst. Nichts leichter als den äußeren Schein vorzuspiegeln. Aber hier wie auf dem Parnaß sind wir erst befriedigt, wenn wir das Vollkommene erreicht haben. Wenn Sie einer der Unsrigen werden wollen, müssen Sie sich umfassende Kenntnis des Lebens erwerben, und was für eines Lebens, mein Gott! Des Pariser Lebens, das selbst dem Scharfsinn des Herrn Polizeipräfekten und seiner Leute spottet. Müssen wir nicht gegen die beständigen Verschwörungen des Bösen ankämpfen und es in all seinen wechselnden Formen packen, die schier unendlich zu sein scheinen? Die Barmherzigkeit muß in Paris ebenso schlau sein wie das Laster, gleichwie der Polizeiagent ebenso gerissen sein muß wie der Dieb. Jeder von uns muß zugleich offenherzig und mißtrauisch sein und auf den ersten Blick klar und schnell zu urteilen vermögen. Wir alle, mein Kind, sind ja auch alte oder gealterte Leute; aber wir sind so zufrieden mit den Resultaten, die wir erreicht haben, daß wir nicht sterben möchten, ohne Nachfolger zu hinterlassen; und Sie sind uns allen um so teurer, als Sie, wenn Sie an Ihrem Vorsatz festhalten, unser erster Schüler sein werden. Einen Zufall gibt es nicht für uns, wir haben Sie Gott zu verdanken! Sie sind gut, aber verbittert; und seitdem Sie hier wohnen, sind die schlechten Keime in Ihnen kraftloser geworden. Das göttliche Wesen der gnädigen Frau hat seinen Eindruck auf Sie nicht verfehlt. Gestern haben wir Rat gehalten; und da ich Ihr Vertrauen besitze, haben meine Mitbrüder beschlossen, mich Ihnen als Beschützer und Lehrer zur Seite zu stellen . . . Sind Sie damit zufrieden?«

»Ach, mein lieber Herr Alain, Ihre beredten Worte haben in mir . . .«

»Nicht ich bin es, mein Kind, der gut redet, es sind die Dinge, die so beredt sprechen . . . Man kann immer der großen erhebenden Wirkung sicher sein, wenn man Gott gehorsam ist und Jesus Christus nachzuleben versucht, so weit das Menschen vermögen, denen der Glaube hilft . . .«

»Ja, dieser Augenblick hat über mein Leben entschieden, und ich fühle die Begeisterung des Neophyten in mir!« rief Gottfried. »Auch ich will mein Leben damit hinbringen, Gutes zu tun . . .«

»Darin besteht das Geheimnis der Vereinigung mit Gott«, versetzte der biedere Alain. »Haben Sie sich den Spruch recht überlegt: Transire bene faciendo? Transire, das will heißen: aus dem Leben scheiden, nachdem man eine tiefe Spur ausgedehnter guter Taten hinterlassen hat.«

»Ich habe ihn wohl verstanden, ich habe den Spruch selbst über meinem Bette angeschrieben.«

»Das ist gut! Diese an sich so unerhebliche Handlung wiegt schwer in meinen Augen! Also, mein Kind, ich habe ein erstes Geschäft für Sie, Ihren ersten Kampf mit dem Elend, ich werde Ihnen den Steigbügel halten . . . Wir müssen voneinander scheiden . . . Ich selbst, ich bin vom Kloster entsandt worden, um Aufenthalt im Krater eines Vulkans zu nehmen. Ich soll Werkmeister in einer großen Fabrik werden, deren sämtliche Arbeiter von den Lehren der Kommunisten angesteckt sind und eine soziale Umwälzung planen, die Vernichtung ihrer Leiter, ohne zu bedenken, daß das der Tod der Industrie, des Handels, der Fabriken bedeutet . . . Ich werde dort, wer weiß, vielleicht ein Jahr bleiben, die Kasse und die Bücher führen, die hundert bis hundertzwanzig Haushaltungen armer Leute kennenlernen, die gewiß schon durch das Elend zu Verirrungen gebracht worden sind, bevor sie es durch schlechte Bücher wurden. Trotzdem werden wir uns hier an allen Sonn- und Feiertagen sehen . . . Da wir in demselben Bezirk weiter wohnen bleiben, bezeichne ich Ihnen als Ort, wo wir uns treffen können, die Kirche Saint-Jacques du Haut-Pas; dort werde ich täglich um siebeneinhalb Uhr die Messe hören. Wenn Sie mir anderswo begegnen, dürfen Sie mich nicht kennen, es sei denn, daß ich mir mit zufriedener Miene die Hände reibe. Das ist eins unserer Zeichen. Wir haben wie die Taubstummen eine Zeichensprache, deren Notwendigkeit Ihnen bald ausgiebig klar werden wird.«

Gottfried machte eine Bewegung, die der gute Alain verstand, denn er lächelte und fuhr sogleich fort:

»Also, Ihr Geschäft ist dieses: Die Art von Wohltätigkeit und Philanthropie, die Ihnen bekannt ist, und die in mehrere Zweige zerfällt und von Schwindlern auf dem Gebiete der Wohltätigkeitsbestrebungen wie des Handels ausgebeutet wird, die üben wir nicht aus; wir stellen uns in den Dienst der Barmherzigkeit so wie sie unser großer erhabener, heiliger Paulus verstanden wissen will; denn wir meinen, mein liebes Kind, daß die Mildtätigkeit allein die klaffenden Wunden der Stadt Paris verbinden kann. Deshalb haben in unseren Augen das Unglück, das Elend, das Leid, der Kummer, das Böse, was auch ihre Ursache sein mag, in welcher Gesellschaftsklasse sie auch zutage treten mögen, dasselbe Recht. Welchen Glauben, welche Ansichten er auch hat, ein Unglücklicher ist vor allem ein Unglücklicher; und wir dürfen ihn erst an unsere heilige Mutter, die Kirche verweisen, nachdem wir ihn vor der Verzweiflung und dem Hunger bewahrt haben. Und auch dann sollen wir ihn mehr durch unser Beispiel und unsere Sanftmut bekehren als anderswie; denn wir glauben, daß Gott uns hierbei helfen wird. Jeder Zwang ist also von Übel. Von allem Pariser Elend ist das am schwersten zu entdeckende und das böseste das der anständigen Leute, das der oberen Klassen des Bürgertums, deren Familien in Not geraten sind; denn sie setzen ihre Ehre darein, das geheimzuhalten. Diese Unglücksfälle, mein lieber Gottfried, sind der Gegenstand unserer besonderen Sorgsamkeit. Und diese Personen zeigen, wenn wir ihnen geholfen haben, Verständnis und Herz: sie erstatten uns die geliehenen Summen mit Zinsen zurück, so daß nach einer gewissen Zeit diese Wiedererstattungen unsere Verluste decken, die wir an Schwachsinnigen, an Betrügern oder an solchen, die das Unglück verblödet hat, erleiden. Wir erhalten wohl manchmal Auskünfte von unsern eigenen Schuldnern; aber unser Werk ist so sehr ins Ungeheure gewachsen, die besonderen Umstände sind so mannigfaltige geworden, daß wir ihnen nicht mehr genügen können. So haben wir auch seit sieben oder acht Monaten in jedem Pariser Bezirk einen eigenen Arzt. Jedem von uns sind vier Bezirke zugeteilt. Wir bezahlen jedem Arzte jährlich dreitausend Franken für die Behandlung unserer Armen. Dafür muß er uns in erster Linie seine Zeit und seine Tätigkeit zur Verfügung stellen; wir verbieten ihm aber nicht, auch andere Kranke zu behandeln. Wissen Sie, daß wir im Verlaufe von acht Monaten nicht zwölf solche wertvollen Männer, zwölf ehrenwerte Leute zu finden vermochten, trotz der Hilfe unserer Freunde und unserer persönlichen Beziehungen? Brauchten wir doch Männer von unbedingter Verschwiegenheit, reinem Lebenswandel, erprobten Kenntnissen, arbeitsfreudig und von dem Wunsche beseelt, Gutes zu tun! Obwohl es nun in Paris zehntausend Personen gibt, die mehr oder weniger für unsern Dienst geeignet sind, haben wir erst nach einem Jahre zwölf Auserwählte zusammengebracht.«

»Unser Herr hat Mühe gehabt, seine Apostel um sich zu sammeln, und auch unter ihnen fanden sich noch ein Verräter und ein Ungläubiger!« sagte Gottfried.

»Jetzt endlich, seit vierzehn Tagen, haben alle unsere Bezirke ihren Aufseher, wie wir unsere Ärzte nennen,« fuhr der Alte lächelnd fort; »seit vierzehn Tagen haben wir auch übermäßig zu arbeiten; aber wir verdoppeln eben unsere Tätigkeit. – Wenn ich Ihnen dieses Geheimnis unseres neuen Ordens anvertraue, so geschieht das, weil Sie den Arzt des Bezirks, in den Sie sich begeben sollen, kennenlernen müssen, um so mehr, da die Auskünfte von ihm herrühren. Dieser Aufseher heißt Berton, Doktor Berton, und wohnt in der Rue d'Enfer. Es handelt sich um folgendes: Der Doktor Berton behandelt eine Dame, deren Krankheit aller Wissenschaft spottet. Das geht uns allerdings nichts an, sondern die Fakultät; unser Geschäft besteht darin, das Elend, in dem sich die Familie der Kranken befindet, festzustellen, das nach der Vermutung des Doktors furchtbar sein muß und das mit einer Hartnäckigkeit und einem Stolz verborgen gehalten wird, die unsere ganze Sorgsamkeit erfordern. Früher, mein Kind, hätte ich dieser Anforderung genügen können; heute ist für das Werk, dem ich mich geweiht habe, ein Helfer in meinen vier Bezirken nötig, und dieser Helfer sollen Sie sein. Die Familie also wohnt in der Rue Notre-Dame des Champs, in einem Hause, das auch an dem Boulevard Mont-Parnasse liegt. Sie werden dort wohl ein Zimmer mieten können und versuchen, während der Zeit, wo Sie dort wohnen, die Wahrheit herauszubekommen. Für sich selbst seien Sie schmutzig geizig; aber wegen des Geldes, das Sie spenden sollen, brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen; ich werde Ihnen, unter uns gesagt, die Beträge, die wir nach eingehender Prüfung aller Umstände für erforderlich halten, zustellen. Aber studieren Sie genau den Charakter dieser Unglücklichen. Das gute Herz, die vornehme Gesinnung, das sind unsere Hypotheken! Geizig für uns selbst, freigebig gegen die Leidenden, müssen wir vorsichtig und berechnend sein, denn wir schöpfen aus dem Schatz der Armen. Also morgen früh brechen Sie auf, und denken Sie daran, über welche Macht Sie verfügen. Die Brüder werden Sie mit ihren Gedanken begleiten! . . .«

»Oh,« rief Gottfried aus, »daß Sie mir die Möglichkeit geben, Gutes zu tun und mich würdig zu zeigen, eines Tages einer der Ihrigen zu werden, das bereitet mir eine solche Freude, daß ich nicht schlafen werde! . . .«

»Und nun noch eine letzte Bemerkung, mein Kind. Ebensowenig wie mich dürfen Sie ohne das verabredete Zeichen auch die anderen Herren, die gnädige Frau und selbst die Angestellten des Hauses kennen. Dieses unbedingte Incognito ist für unsere Unternehmungen notwendig, und wir waren so oft gezwungen, es zu bewahren, daß wir es uns zum Gesetz gemacht haben. Im übrigen müssen wir ja auch in Paris unbekannt und verborgen bleiben . . . Denken Sie auch, lieber Gottfried, an den Grundsatz unseres Ordens, daß wir niemals als die Wohltäter auftreten, sondern die bescheidene Rolle der Vermittler spielen. Wir geben uns immer als die Agenten einer frommen, gottergebenen Person (wir arbeiten ja für Gott!) aus, damit man sich nicht für verpflichtet zur Dankbarkeit gegen uns hält und uns nicht für reich ansieht. Die wahre, echte, nicht die falsche Bescheidenheit, die sich klein macht, um ans Licht gezogen zu werden, muß Sie begeistern und Ihr ganzes Denken beherrschen . . . Wohl dürfen Sie Befriedigung empfinden, wenn Ihnen etwas geglückt ist; aber solange Sie noch eine Regung von Eitelkeit und Stolz verspüren, sind Sie nicht würdig, in unsern Orden einzutreten. Zwei vollkommene Menschen haben wir gekannt: der eine war einer unserer Gründer, der Richter Popinot; der andere, der durch seine Schöpfungen berühmt geworden ist, war ein Landarzt, der seinen Namen in seinem Kanton unvergeßlich gemacht hat. Dieser, mein lieber Gottfried, war einer der größten Männer unserer Zeit; eine ganze Gegend hat er aus der Barbarei in einen gesegneten Zustand gebracht, die Religionslosen hat er zu Katholiken gemacht, die Barbaren zu zivilisierten Menschen. Die Namen dieser beiden Männer sind in unsere Herzen eingegraben, und wir betrachten sie als unsere Vorbilder. Wir würden sehr glücklich sein, wenn wir einmal auf Paris denselben Einfluß ausüben könnten wie dieser Landarzt auf seinen Kanton. Aber hier ist die klaffende Wunde ungeheuer groß, und unsere Kräfte reichen, vor der Hand wenigstens, nicht aus. Möge Gott, uns noch lange die gnädige Frau erhalten und uns Helfer wie Sie senden, dann werden wir vielleicht eine Institution hinterlassen, die die Menschen ihre heilige Religion segnen lassen wird. Also, leben Sie wohl . . . Ihre Probezeit beginnt . . . Ach! Ich schwatze wie ein Professor und vergesse die Hauptsache. Hier ist die Adresse der Familie«, sagte er und reichte Gottfried ein Stück Papier; »ich habe auch die Nummer des Hauses aufgeschrieben, in dem der Herr Berton in der Rue d'Enfer wohnt . . . Und nun gehen Sie und beten Sie zu Gott, daß er Ihnen hilfreich beistehe.«

Gottfried ergriff die Hände des guten Alten, drückte sie zärtlich, wünschte ihm gute Nacht und versprach ihm, alle seine Anordnungen zu befolgen.

»Alles, was Sie mir gesagt haben,« fügte er hinzu, »ist für alle Zeit in mein Gedächtnis eingegraben.«

Der Alte lächelte, ohne einen Zweifel zu äußern, und erhob sich, um auf seinem Betschemel niederzuknien. Gottfried kehrte in sein Zimmer zurück, glücklich darüber, daß er endlich in die Geheimnisse dieses Hauses eingeweiht wurde, und daß er eine Tätigkeit gefunden hatte, die er bei seinem jetzigen Geisteszustande mit Freuden ergriff.

Am andern Morgen fehlte der gute Alain beim Frühstück; Gottfried machte keine Andeutung über den Grund seiner Abwesenheit; er wurde auch nicht über die Mission befragt, mit der ihn der Alte betraut hatte; so nahm er seine erste Lektion in der Zurückhaltung. Trotzdem ging er nach dem Frühstück mit Frau de la Chanterie beiseite und meldete ihr, daß er einige Tage abwesend sein würde.

»Schön, mein Kind!« antwortete Frau de la Chanterie; »geben Sie sich Mühe, Ihrem Paten Ehre zu machen; Herr Alain hat sich für Sie bei den Brüdern verbürgt.«

Gottfried verabschiedete sich von den drei andern Brüdern, die ihn mit einem freundlichen Gruß entließen, als wollten sie sein Debüt in seiner schwierigen Laufbahn segnen.

Die Assoziation, eine der bedeutendsten sozialen Kräfte, die aus den mittelalterlichen Staaten das heutige Europa gemacht hat, beruht auf einer geistigen Tendenz, die seit 1792 in Frankreich nicht mehr vorhanden ist, wo der Individualismus über den Staatsbegriff gesiegt hat. Die Assoziation verlangt vor allem eine Hingebung, die hier nicht verstanden wird, dann einen kindlichen Glauben, der dem Geist der Nation widerspricht, und schließlich eine Disziplin, gegen die sich alle sträuben und die allein die katholische Religion durchsetzen kann. Sobald sich eine Assoziation in unserem Lande bildet, denkt jedes Mitglied, wenn es aus einer Versammlung, in der die schönsten Grundsätze verkündet wurden, heimkehrt, nur daran, wie es sich von dieser gemeinsamen Hingebung, von dieser Zusammenfassung der Kräfte loslösen, sinnt nur darauf, wie es die gemeinsame Kuh für sich selber melken könne, die dann, da sie so vielen einzelnen Ansprüchen nicht genügen kann, die Schwindsucht bekommt.

Man ahnt nicht, wie viele edelmütige Gefühle so hinwelkten, wie viele fruchtbringende Keime verdorrten, wie viele Federn zerbrachen und so für unser Land verlorengingen infolge der elenden Betrügereien der französischen Carbonari, durch die patriotischen Sammlungen für das Kinderasyl und anderen politischen Schwindel, durch den aus gewaltigen edlen Dramen Vaudevilles der Zuchtpolizei wurden. So ging es mit den industriellen wie mit den politischen Assoziationen. Die Eigenliebe hat sich an die Stelle der Sorge für das Allgemeinwohl gesetzt. Die Korporationen und die Hansen des Mittelalters, auf die man wieder zurückkommen wird, sind vorläufig noch unmöglich; daher sind die einzigen »Gesellschaften«, die noch übriggeblieben sind, die religiösen; und die bekämpft man jetzt aufs schärfste, denn die Kranken sind von Natur aus bestrebt, sich gegen die Heilmittel und oft auch gegen die Ärzte aufzulehnen. Die Franzosen kennen den Begriff der Selbstverleugnung nicht. Daher kann auch jede Assoziation nur auf dem religiösen Empfinden aufgebaut werden, dem einzigen, das die Auflehnung des Geistes, die Pläne des Ehrgeizes und die Begierden jeder Art zu bändigen vermag. Die Weltverbesserer wissen nicht, daß die Assoziation uns neue Welten zu schenken imstande ist.

Als er durch die Straßen schritt, fühlte sich Gottfried wie ein anderer Mensch. Wer in sein Inneres hätte blicken können, würde beobachtet haben, wie sich die zusammengefaßte Macht der anderen auf ihn übertragen hatte. Er war nicht mehr ein einzelnes, sondern ein verzehnfachtes Wesen, da er sich als Repräsentant von fünf Personen fühlte, deren vereinte Kräfte sein Handeln stützten, und die ihn auf seinen Wegen begleiteten. In dem Bewußtsein einer solchen Kraft empfand er sein Leben als ein so reiches, seine Macht als so erhaben, daß er von Begeisterung erfüllt wurde. Es war, wie er später erzählte, einer der schönsten Momente seines Daseins; er genoß sein Leben in einem neuen Sinne, in dem Gefühl einer Allmacht, die fester gegründet war als die eines Despoten. Die moralische Kraft ist wie der Geist unbegrenzt.

›Für seinen Nächsten leben,‹ sagte er sich, ›gemeinsam wie ein einzelner handeln und allein wie alle zusammen; als Leitstern die Barmherzigkeit haben, die schönste und lebendigste Idealgestalt, die die katholischen Tugenden geschaffen haben, das heißt leben! Aber ich muß dieses kindliche Freudengefühl, über das der Vater Alain lächeln würde, unterdrücken. Ist es aber nicht, eigentümlich,‹ sagte er sich weiter, ›wie ich gerade dadurch, daß ich allem entsagen wollte, diese Macht, die ich seit so langer Zeit ersehnt hatte, erlangt habe? Die ganze Welt der Unglücklichen wird mir gehören!‹

Er legte den Weg von dem Kloster Notre-Dame bis zur Avenue de l'Observatoire in solcher Erregung zurück, daß er die Länge der Entfernung gar nicht gewahr wurde. Als er in der Rue Notre-Dame des Champs bis an die Stelle gelangt war, wo sie in die Rue de l'Ouest mündet, die damals beide noch nicht gepflastert waren, erstaunte er, an einem so herrlichen Orte einen solchen Morast zu finden. Man konnte nur an den Bretterzäunen der sumpfigen Gärten oder an den Häusern entlang auf schmalen Steigen vorwärts kommen, die auch bald von dem stagnierenden Wasser in Rinnsteine verwandelt wurden. Nach einigem Suchen entdeckte er schließlich das bezeichnete Haus, das er nicht ohne Mühe erreichte. Es war anscheinend eine alte verlassene Fabrik. Der ziemlich gedrückte Bau sah aus wie eine lange, von Fenstern durchbrochene Mauer ohne jeden Schmuck; aber die Fensteröffnungen befanden sich nur im Erdgeschoß, wo man außerdem nur noch eine kleine Tür sah.

Gottfried nahm an, daß der Hauseigentümer hier kleine Wohnungen eingerichtet habe, um einen Ertrag zu erzielen; denn über der Tür befand sich eine mit der Hand geschriebene Anzeige: ›Mehrere Zimmer zu vermieten.‹ Gottfried läutete, aber niemand erschien; und während er wartete, machte ihn ein Vorübergehender darauf aufmerksam, daß das Haus noch einen Eingang am Boulevard habe, dort würde er jemanden finden, mit dem er reden könne.

Gottfried befolgte diesen Rat und erblickte am Ende eines kleinen Gartens, der sich am Boulevard hinzog, die Fassade des Gebäudes hinter den Bäumen. Das ziemlich schlecht gehaltene Gärtchen war tief gelegen, denn zwischen dem Boulevard und der Rue Notre-Dame des Champs ist ein ziemlich beträchtlicher Höhenunterschied, der das Gärtchen zu einer Art Graben machte. Gottfried betrat eine Allee, an deren Ende er eine alte Frau erblickte, deren zerlumpte Kleidung in vollkommener Übereinstimmung mit dem Hause stand.

»Waren Sie das, der in der Rue Notre-Dame geklingelt hat? fragte sie.

»Jawohl . . . Können Sie mir die Zimmer hier zeigen?«

Auf die bejahende Antwort dieser Portiersfrau von zweifelhaftem Alter erkundigte sich Gottfried danach, ob das Haus von ruhigen Leuten bewohnt werde; er habe eine Beschäftigung, die Ruhe und Schweigen brauche; er sei Junggeselle und wolle mit der Portiersfrau ein Abkommen treffen, daß sie ihm die Aufwartung machen solle.

Nach dieser Ankündigung machte die Frau ein freundliches Gesicht und sagte:

»Der Herr trifft es hier gut, denn außer an den Tagen, an denen in der Grande Chaumière getanzt wird, ist der Boulevard so menschenleer wie die Pontinischen Sümpfe . . .«

»Kennen Sie denn die Pontinischen Sümpfe?« sagte Gottfried.

»Nein, mein Herr; aber ich habe da oben einen alten Herrn wohnen, dessen Tochter beständig im Sterben liegt, der sagt so; ich spreche es ihm bloß nach. Der arme Alte wird sehr froh sein, wenn er erfährt, daß der Herr Ruhe liebt und verlangt; denn ein Mieter, der Skandal macht, würde seiner Tochter den Rest geben . . . Im zweiten Stock haben wir zwei Leute, die so was wie Schriftsteller sind; aber die kommen am Tage um Mitternacht nach Hause, und nachts gehen sie um acht Uhr früh wieder weg. Sie nennen sich Autoren, aber ich weiß nicht, wo und ob sie arbeiten.«

Unter solchem Geschwätz hatte die Portiersfrau Gottfried eine scheußliche Treppe hinauf geführt, die aus Bruchsteinen und Holz bestand, welche so schlecht miteinander verbunden waren, daß man nicht wußte, ob das Holz sich von den Steinen trennen wollte oder ob die Steine unwillig waren, daß sie vom Holze festgehalten wurden, weshalb sich diese beiden Materien gegeneinander durch Mengen von Staub im Sommer und von Kot im Winter wehrten. Die rissigen Kalkwände trugen mehr Inschriften, als die Akademie des Belles-Lettres aufgefunden hat. Am ersten Absatz hielt die Portiersfrau still.

»Hier, mein Herr, sind zwei zusammenhängende, sehr saubere Zimmer, die nach dem Flur des Herrn Bernard hinausgehen. Das ist der alte Herr, von dem ich sprach, ein sehr feiner Mann. Er besitzt Orden, hat aber, wie es scheint, Unglück gehabt, denn er trägt seine Orden niemals . . . Sie hatten zuerst einen Dienstboten aus der Provinz, aber vor drei Jahren haben sie ihn entlassen . . . Der junge Sohn der Dame ist nun für alles da, er besorgt die Wirtschaft . . .«

Gottfried machte eine Bewegung.

»Oh,« rief die Portiersfrau, »haben Sie keine Angst, sie werden Ihnen nichts erzählen, sie reden mit niemandem. Der Herr wohnt hier seit der Julirevolution, er ist im Jahre 1831 hergezogen . . . Es sind Leute aus der Provinz, die wohl durch den Regierungswechsel werden ruiniert worden sein; sie sind stolz und stumm wie die Fische . . . Seit vier Jahren, lieber Herr, haben sie sich von mir auch nicht den geringsten Dienst leisten lassen, aus Angst, daß sie etwas dafür bezahlen müßten . . . Hundert Sous zu Neujahr, das ist alles, was ich an ihnen verdiene . . . Da soll einer noch über die Schriftsteller reden! Da kriege ich zehn Franken monatlich bloß dafür, daß ich allen, die nach ihnen fragen, sage, daß sie am letzten Termin ausgezogen sind.«

Dieses Geschwätz ließ Gottfried hoffen, daß er an der Portiersfrau eine Verbündete haben würde; während sie rühmte, wie gesund die beiden Zimmer seien, teilte sie ihm mit, daß sie keine Portiersfrau, sondern die Vertrauensperson des Hauseigentümers sei, für den sie gewissermaßen das Haus verwalte. »Man kann mir Vertrauen schenken, lieber Herr; die Frau Vauthier möchte lieber gar nichts besitzen als einen Sou, der einem andern gehört.«

Frau Vauthier war mit Gottfried bald einig, der die Wohnung nur möbliert und bei monatlicher Kündigung mieten wollte. Die elenden Zimmer wurden an Studenten oder unglückliche Schriftsteller möbliert und unmöbliert vermietet. Die riesigen Dachböden, die sich über dem ganzen Gebäude hinstreckten, enthielten die erforderlichen Möbel. Herr Bernard hatte die von ihm bewohnten Zimmer selber möbliert.

Aus dem Gerede der Dame Vauthier merkte Gottfried, daß es ihr Wunsch war, eine bürgerliche Pension zu halten; aber seit fünf Jahren hatte sich unter ihren Mietern auch nicht einer bei ihr in Pension geben wollen. Sie hauste in dem nach dem Boulevard hin belegenen Erdgeschoß und bewachte von dort aus das Haus mit Hilfe eines großen Hundes, eines dicken Dienstmädchens und eines kleinen Laufjungen, der die Stiefel putzte, die Zimmer aufräumte und die Gänge besorgte; diese beiden armen Wesen paßten, ebenso wie sie, zu dem Elend des Hauses, der Mieter und des vernachlässigten traurigen Gartens vor dem Hause.

Die beiden waren Findelkinder, denen die Witwe Vauthier als Lohn Essen gab, und was für ein Essen! Der Junge, den Gottfried gesehen hatte, trug als Livree eine zerlumpte Bluse, Tuchstrümpfe statt Stiefel und auf der Straße Holzschuhe. Zerzaust wie ein Sperling, der eben ein Bad genommen hat, mit schwarzen Händen, arbeitete er auf den Holzplätzen des Boulevards, nachdem er vorher seinen Morgendienst gemacht hatte; und nachmittags, wenn er bei den Holzhändlern um viereinhalb Uhr seine Arbeit beendet hatte, nahm er seine häusliche Tätigkeit wieder auf. Er holte dann das für das Haus nötige Wasser aus dem Brunnen an der Sternwarte, das die Witwe, ebenso wie das von ihm kleingemachte Brennholz, den Mietern lieferte.

Seinen Lohn mußte Nepomuk, so hieß der Sklave der Witwe Vauthier, seiner Herrin abliefern. Im Sommer, an den Sonn- und Montagen, war das arme Findelkind Kellner bei den Weinschenken im Weichbild. Dazu gab ihm die Witwe anständige Sachen.

Das dicke Dienstmädchen besorgte die Küche unter der Leitung der Witwe Vauthier, der sie auch während der übrigen Zeit bei ihrem Gewerbe half; denn die Witwe übte einen Beruf aus: sie machte für Hausierer Schuhe aus Tuchleisten.

Gottfried erfuhr alle diese Einzelheiten im Verlauf einer Stunde, während deren die Witwe ihn überall herumführte, ihm das Haus zeigte und seine Umwandlung erklärte. Bis zum Jahre 1828 war dort eine Seidenwürmerzucht eingerichtet gewesen, weniger um Seide zu fabrizieren, als um das zu erzielen, was man die Eier nennt. Elf mit Maulbeerbäumen bepflanzte Morgen in der Ebene von Montrouge und drei Morgen in der Rue de l'Ouest, die dann später mit Häusern bebaut wurden, hatten die Fabrik mit den Eiern der Seidenwürmer versorgt. Gerade als die Witwe Gottfried auseinandersetzte, wie Herr Barbet von einem Italiener, namens Fresconi, dem Inhaber der Fabrik, das als Hypothek auf den Grund und Boden und die Fabrik eingetragene Darlehn nur durch den Verkauf der drei Morgen, die sie ihm auf der andern Seite der Rue Notre-Dame des Champs zeigte, hatte zurückbekommen können, erschien ein großer hagerer alter Herr mit vollkommen weißem Haar am Ende der Straße, die an der Ecke der Rue del'Ouest einmündet.

»Ah, da kommt er gerade recht!« rief die Vauthier; »sehen Sie, das ist Ihr Nachbar, Herr Bernard . . . – Herr Bernard,« sagte sie zu ihm, als der Alte in Hörweite war, »Sie werden nicht mehr allein sein, der Herr hier hat eben die Wohnung gegenüber von Ihrer gemietet . . .«

Herr Bernard richtete seinen Blick auf Gottfried mit leicht begreiflicher Besorgnis; er schien sagen zu wollen:

›Das Unglück, vor dem ich mich immer fürchtete, ist endlich über mich hereingebrochen . . .‹

»Mein Herr,« sagte er laut, »gedenken Sie wirklich, hier zu wohnen?«

»Jawohl, mein Herr«, erwiderte Gottfried höflich. »Das ist zwar keine Behausung für Leute, die zu den Glücklichen der Welt gehören, aber es ist das Billigste, das ich in diesem Bezirk gefunden habe. Frau Vauthier beansprucht wohl auch nicht, an Millionäre zu vermieten . . . Adieu, meine gute Frau Vauthier, richten Sie es ein, daß ich heute abend um sechs Uhr einziehen kann; ich werde pünktlich zu dieser Stunde da sein.«

Und Gottfried lenkte seine Schritte nach der Ecke der Rue de l'Ouest, indem er langsam ging, denn die Angst, die sich auf dem Gesichte des großen hageren Alten malte, ließ ihn annehmen, daß er noch eine Auseinandersetzung mit ihm haben würde. In der Tat wandte sich nach kurzem Zögern Herr Bernard um und kam hinter Gottfried her, um ihn einzuholen.

›Der alte Spion! Er will ihn verhindern, daß er wiederkommt . . .‹ sagte die Vauthier zu sich, ›das ist schon das zweitemal, daß er mir einen solchen Streich spielt . . . Aber nur Geduld! In fünf Tagen muß er seine Miete bezahlen, und wenn er nicht auf Heller und Pfennig bezahlt, schmeiße ich ihn raus. Herr Barbet ist ein Tiger, den man nicht erst zu reizen braucht, und . . . Aber ich möchte wohl wissen, was er ihm erzählt . . .‹ »Felicitas! . . . Felicitas! Du dicke Schlampe! Kommst du denn nicht?« . . . schrie die Witwe mit ihrer rauhen, schrecklichen Stimme; vor Gottfried hatte sie sich bemüht, mit sanften Flötentönen zu reden. Das Mädchen, eine dicke, rothaarige, schielende Person, kam jetzt herbeigelaufen.

»Paß hier ein paar Augenblicke gut auf, verstehst du? Ich bin in fünf Minuten wieder hier.«

Und die Dame Vauthier, die frühere Köchin des Buchhändlers Barbet, eines der erbarmungslosesten Darleihers auf Wucherzinsen, schlich hinter ihren beiden Mietern her, um von weitem zu horchen und mit Gottfried zu reden, wenn seine Unterhaltung mit Herrn Bernard beendet sein würde.

Herr Bernard bewegte sich langsam vorwärts, wie ein Mann, der unschlüssig ist, oder wie ein Schuldner, der für seinen Gläubiger, der ihn eben mit unheilvollen Absichten verlassen hat, neue Vorschläge aussinnt. Obwohl Gottfried vor dem Unbekannten herging, beobachtete er ihn doch, indem er so tat, als betrachte er die Umgebung. So geschah es, daß Herr Bernard Gottfried erst in der Mitte der großen Allee des Luxembourggartens ansprach.

»Ich bitte um Verzeihung, mein Herr,« sagte Herr Bernard und grüßte Gottfried, der seinen Gruß erwiderte; »ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich Sie aufhalte, ohne die Ehre zu haben, von Ihnen gekannt zu sein, aber ist Ihre Absicht, in das scheußliche Haus, in dem ich wohne, einzuziehen, unwiderruflich?

»Aber, mein Herr . . .«

»Gewiß,« unterbrach der Alte Gottfried mit befehlender Geste, »ich weiß wohl, daß Sie mich fragen können, mit welchem Rechte ich mich in Ihre Angelegenheiten einmische und Sie danach frage . . . Aber hören Sie mich an, mein Herr, Sie sind jung, und ich bin sehr alt; ich sehe älter aus, als ich bin, und bin doch schon siebenundsechzig Jahr alt; man würde mich aber für achtzigjährig halten . . . Alter und Unglück berechtigen Einen zu vielem, da ja auch das Gesetz die Siebzigjährigen von gewissen öffentlichen Pflichten entbindet . . . Aber ich will Ihnen nicht von dem Recht sprechen, das mir mein weißes Haar verleiht; es handelt sich hier um Sie. Wissen Sie, daß das Viertel, in dem Sie wohnen wollen, um acht Uhr abends ganz einsam ist und daß man sich dort Gefahren aussetzt, von denen die geringste ist, bestohlen zu werden? Haben Sie auf diese unbewohnten Strecken hier geachtet, auf diese Felder und Gärten? . . . Sie werden mir antworten, daß ich ja auch hier wohne; aber ich, mein Herr, ich gehe nach sechs Uhr abends nicht mehr aus . . . Sie werden einwerfen, daß hier ja auch zwei junge Leute in der zweiten Etage wohnen, über den Zimmern, die Sie mieten wollen . . . Aber, mein Herr, das sind zwei arme junge Schriftsteller, die wegen einer Wechselschuld von ihren Gläubigern verfolgt werden und die sich versteckt halten, frühmorgens fortgehen und erst um Mitternacht nach Hause kommen; die fürchten weder Diebe noch Mörder; außerdem gehen sie immer zusammen und sind bewaffnet . . . Ich habe ihnen auf der Polizeipräfektur die Erlaubnis verschafft, Waffen zu tragen . . .«

»Oh, mein Herr,« sagte Gottfried, »die Diebe fürchte ich aus ähnlichen Gründen, wie Sie diese Herren schützen, nicht, und auf das Leben lege ich so wenig wert, daß ich den Mörder, der mich irrtümlich ermordet, segnen würde . . .«

»Sie sehen aber doch gar nicht so unglücklich aus«, entgegnete der Alte, der Gottfrieds Äußeres geprüft hatte.

»Ich besitze höchstens so viel, daß ich leben kann und gerade mein Brot habe, und ich bin hierhergekommen, mein Herr, weil es hier so still ist. Aber darf ich fragen, welches Interesse Sie daran haben, mich von dem Hause fernzuhalten?«

Der Alte zögerte mit seiner Antwort, da er Frau Vauthier kommen sah; Gottfried, der ihn aufmerksam beobachtete, war erstaunt, wie abgemagert er durch Kummer, vielleicht durch Hunger oder auch durch Arbeit war; Spuren aller dieser Gründe für seine Hinfälligkeit waren auf seinem Gesichte zu erkennen, an dem die vertrocknete Haut sich so eng über die Knochen spannte, als ob sie der glühenden Sonne Afrikas ausgesetzt gewesen wäre. Die hohe Stirn mit ihrem drohenden Ausdruck beschirmte mit ihrer Kuppel zwei stahlblaue Augen, zwei kalte, harte, kluge, vorsichtige Augen, wie die von Wilden, die aber von dunklen, tiefen, ganz runzlichen Ringen umgeben waren. Die gerade, lange, schmale Nase und das stark vorspringende Kinn verliehen dem Alten eine Ähnlichkeit mit dem bekannten, so populär gewordenen Bilde Don Quichotes; aber es war dies ein böser Don Quichote, ohne alle Illusionen, ein schreckenerregender Don Quichote.

Trotz seines durchaus strengen Wesens ließ der Alte doch etwas von Furcht und Schwäche durchblicken, wie sie die Bedürftigkeit allen Unglücklichen einflößt. Diese beiden Gefühle gruben gewissermaßen Risse in dieses so festgefügte Antlitz, an dem das zerstörende Beil des Elends schartig geworden zu sein schien. Der Mund hatte einen ernsten, aber beredten Ausdruck. Es war eine Vereinigung Don Quichotes mit dem Präsidenten Montesquieu.

Seine gesamte Kleidung war aus schwarzem Tuch, aber aus Tuch, das fadenscheinig geworden war. Der altmodische Rock und das Beinkleid wiesen verschiedene ungeschickt ausgeführte Ausbesserungen auf. Die Knöpfe waren kürzlich erneuert worden. Der bis zum Kinn zugeknöpfte Rock ließ die Farbe der Wäsche nicht erkennen, und die Krawatte, deren Schwarz rot geworden war, verbarg geschickt den Hemdkragen. Diese seit langem getragene schwarze Kleidung roch nach Elend. Aber das herrische Wesen des geheimnisvollen Alten, sein Auftreten, die Ideen, die hinter seiner Stirn wohnten und aus seinem Blick sprachen, schlossen den Gedanken an Armut aus. Ein Beobachter würde nicht gewußt haben, zu welcher Klasse er diesen Pariser zählen solle.

Herr Bernard erschien so tief in Gedanken verloren, daß er für einen Universitätsprofessor genommen werden konnte, für einen in widerspenstige, quälende Grübeleien versunkenen Gelehrten; Gottfried faßte ein lebhaftes Interesse für ihn und wurde von einer Neugierde ergriffen, die seine Wohltätigkeitsmission noch mehr anstachelte.

»Wenn ich sicher wäre, mein Herr, daß Sie Ruhe und Zurückgezogenheit suchen, so würde ich Ihnen sagen: Mieten Sie sich neben mir ein«, fuhr der Alte fort. »Mieten Sie diese Zimmer«, sagte er so laut, daß die Vauthier ihn hören konnte, die vorbei kam und in der Tat horchte. »Ich bin Vater, mein Herr, und ich habe nichts mehr auf der Welt als meine Tochter und ihren Sohn, um mir das Elend des Lebens ertragen zu helfen; nun braucht meine Tochter Schweigen und absolute Ruhe . . . Alle, die bisher erschienen waren, um die Zimmer, die Sie nehmen wollen, zu mieten, haben den Gründen und Bitten eines verzweifelten Vaters nachgegeben; es war ihnen gleichgültig, ob sie in der einen oder der anderen Straße eines vollkommen öden Viertels wohnen, wo es an billigen Wohnungen nicht mangelt, noch auch an Pensionen zu mäßigen Preisen. Aber ich sehe, daß Ihr Entschluß feststeht, und ich flehe Sie an, mein Herr, täuschen Sie mich nicht; denn sonst wäre ich genötigt, auszuziehen und mich ganz draußen einzumieten . . . Aber erstens könnte ein Umzug meiner Tochter das Leben kosten,« sagte er mit erregter Stimme, »und dann, wer weiß, ob die Ärzte, die so schon nach meiner Tochter nur um Gottes willen sehen, auch nach dort hinauskommen würden . . .«

Hätte dieser Mann weinen können, so wären seine Wangen bei diesen letzten Worten naß von Tränen gewesen; aber er hatte, nach einem jetzt allgemein üblichen Ausdruck, Tränen in seiner Stimme, und er bedeckte seine Stirn mit einer Hand, die nur noch aus Knochen und Muskeln bestand.

»An welcher Krankheit leidet denn Ihre Frau Tochter?« fragte Gottfried teilnahmsvoll und freundlich.

»An einer furchbaren Krankheit, der die Ärzte alle möglichen Namen geben, oder, richtiger gesagt, die überhaupt keinen Namen hat . . . Mein Vermögen ist dabei draufgegangen . . .« Er fuhr dann mit einer Geste, wie sie nur den Unglücklichen eigen ist, fort: »Das wenige Geld, das ich noch besaß, denn ich war im Jahre 1830 ohne Vermögen und aus meiner hohen Stellung verdrängt – kurz, alles was ich hatte, wurde schnell durch meine Tochter aufgezehrt, die schon ihre Mutter und die Familie ihres Gatten zugrunde gerichtet hatte . . . Heute genügt die Pension, die ich beziehe, kaum, um das Nötigste zu bezahlen, das bei dem Zustand, in dem sich meine arme, gottergebene Tochter befindet, erforderlich ist . . . Meine Fähigkeit, Tränen zu vergießen, ist erschöpft . . . Ich habe unzählige Martern erlitten. Ich muß aus Granit sein, mein Herr, daß ich nicht schon gestorben bin, oder vielmehr: Gott hat dem Kinde den Vater erhalten, damit es einen Wärter und einen Schutzengel habe; denn die Mutter ist vor Kummer gestorben . . . Ach, junger Mann, Sie kommen gerade in dem Moment, wo der alte Baum, der sich nie gebeugt hat, fühlt, wie ihm das Beil des Elends, vom Schmerz geschärft, ins Herz dringt . . . Ich, der ich niemals geklagt habe, ich will Ihnen von dieser Krankheit erzählen, um Sie zu verhindern, in unser Haus zu ziehen, oder, wenn Sie doch dabei verharren, um Ihnen zu beweisen, wie notwendig es ist, unsere Ruhe nicht zu stören . . . In diesem Moment, mein Herr, bellt meine Tochter wie ein Hund Tag und Nacht! . . .«

»Ist sie denn geisteskrank?« sagte Gottfried.

»Sie ist vollkommen bei Verstande, sie ist die reine Heilige«, antwortete der Alte. »Sie werden wahrscheinlich gleich denken, daß ich verrückt bin, sobald ich Ihnen alles mitgeteilt habe. Meine einzige Tochter ist das Kind einer Mutter, die sich der vortrefflichsten Gesundheit erfreute. Ich selbst habe in meinem ganzen Leben nur eine Frau geliebt, die meinige; ich hatte sie mir erwählt. Ich habe eine Neigungsheirat gemacht, als ich die Tochter eines der tapfersten Obersten der kaiserlichen Garde, Tarlowskis, eines Polen, heiratete, eines ehemaligen Ordonnanzoffiziers des Kaisers. Das Amt, mit dem ich betraut war, verlangte von mir vollkommene Sittenreinheit; in meinem Herzen haben nicht vielerlei Empfindungen Platz, ich hab' mein Weib treu geliebt, das einer solchen Liebe auch würdig war. Und da ich ein Vater bin, wie ich ein Gatte war, so ist mit diesem einen Worte alles gesagt. Meine Tochter hat ihre Mutter niemals verlassen, und nie hat ein Kind keuscher und christlich frömmer gelebt als dies teure Kind. Sie war mehr als hübsch, sie war eine vollkommene Schönheit; und auch ihr Gatte, ein junger Mann, dessen sittliches Verhalten einwandfrei war – er war der Sohn eines meiner Freunde, eines Präsidenten am Obergericht, – hat sicherlich keinen Anlaß zu der Krankheit meiner Tochter gegeben.«

Gottfried und Herr Bernard schwiegen unwillkürlich eine Weile und betrachteten einander gegenseitig.

»Die Heirat verändert, wie Sie wissen werden, bisweilen die jungen Leute«, begann der Alte wieder. »Die erste Schwangerschaft verlief glücklich, es wurde ein Sohn geboren, mein Enkel, der jetzt bei mir wohnt, der einzige Nachkomme zweier verbundener Familien. Die zweite Schwangerschaft war von so merkwürdigen Symptomen begleitet, daß die Ärzte, die sich alle darüber wunderten, sie den seltsamen Erscheinungsformen, die dieser Zustand manchmal mit sich bringt und die sie in den Annalen der Wissenschaft sammeln, zuschrieben. Meine Tochter brachte ein totes Kind zur Welt, das buchstäblich verrenkt und erstickt war durch innerliche Bewegungen. Jetzt begann erst die Krankheit, die Schwangerschaft hatte nichts mit ihr zu tun gehabt . . . Sie sind vielleicht Student der Medizin?«

Gottfried machte eine Bewegung, die man ebenso gut für eine Bejahung wie für eine Verneinung halten konnte.

»Nach dieser schrecklichen, qualvollen Entbindung,« fuhr Herr Bernard fort, »einer Entbindung, die einen so furchtbaren Eindruck auf meinen Schwiegersohn machte, daß er in einen Zustand von Melancholie verfiel, die seinen Tod herbeiführte, klagte zwei bis drei Monate danach meine Tochter über eine allgemeine Schwäche in den Füßen, die ihr, wie sie sich ausdrückte, wie aus Watte vorkamen. Diese Schlaffheit ging in eine Lähmung über, und in was für eine Lähmung, mein Herr! Man kann meiner Tochter die Füße biegen, man kann sie verrenken, ohne daß sie etwas spürt. Das Glied hat anscheinend weder Blut, noch Muskeln, noch Knochen. Dieses Leiden, das mit keiner bekannten Tatsache in Zusammenhang steht, hat auch die Arme und die Hände ergriffen, so daß wir an irgendeinen Fall von Rückenmarkserkrankung geglaubt haben. Alle Ärzte und Heilmittel haben ihren Zustand nur verschlimmert, meine arme Tochter konnte sich nicht mehr bewegen, ohne sich die Hüften, die Schultern oder die Arme zu verrenken. Lange Zeit haben wir einen ausgezeichneten Chirurgen gehabt, der beinahe ständig bei uns weilte und der, im Einverständnis mit dem Arzte oder den Ärzten (denn es sind noch manche aus Wißbegierde zu uns gekommen) damit beschäftigt war, ihr die Glieder wieder einzurenken, und zwar – würden Sie das glauben, mein Herr? – drei- bis viermal am Tage! . . . Ach, diese Krankheit hat so viele Symptome, daß ich vergaß, zu erwähnen, daß während der Periode der Schwäche vor der Lähmung der Glieder die merkwürdigsten Erscheinungen der Starrsucht bei meiner Tochter auftraten . . . Sie wissen, was Starrsucht ist? Sie blieb mit offenen unbeweglichen Augen mehrere Tage in der Lage, in der sie dieser Zustand überfallen hatte. Sie hat die ungeheuerlichsten Arten von Anfällen dieses Leidens erduldet, bis zu Starrkrämpfen. Diese Phase ihrer Krankheit hat mich auf den Gedanken gebracht, ihre Heilung mit dem Magnetismus zu versuchen, da sie so eigenartig gelähmt war. Meine Tochter war von einer fabelhaften Hellsichtigkeit: ihr Geist war der Schauplatz aller Wunder des Somnambulismus wie ihr Körper der aller Krankheiten . . .«

Gottfried fragte sich, ob der Alte auch ganz bei Vernunft wäre.

»Ich, der ich in Wahrheit mit Voltaire, Diderot und Helvetius großgezogen wurde und ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts bin,« fuhr er fort, ohne auf den Ausdruck in Gottfrieds Gesicht zu achten, »ich, ein Sohn der Revolution, ich hatte mich immer über alles lustig gemacht, was das Altertum und das Mittelalter von Besessenen erzählten; nun, mein Herr, nur Besessenheit kann den Zustand erklären, in dem sich mein Kind befindet. Obwohl somnambul, hat sie uns doch nie die Ursache ihrer Leiden angeben können; sie erkannte sie nicht, und alle Behandlungsmethoden, die sie uns angab, haben ihr, trotzdem sie aufs peinlichste durchgeführt wurden, absolut nichts genützt. So wollte sie zum Beispiel in ein frisch geschlachtetes Schwein hineingesteckt werden; dann gab sie an, man solle ihr mit stark magnetisiertem, glühend gemachtem Eisen in die Beine stechen . . . man solle ihr heißes Siegelwachs über den Rücken hinabfließen lassen . . .

Und was für Verwüstungen hat die Krankheit angerichtet! Die Zähne sind ihr ausgefallen! Sie wurde taub und dann stumm; und nach sechs Monaten vollkommener Stummheit und Taubheit kehrten Gehör und Sprache bei ihr plötzlich wieder zurück. Ebenso unerwartet, wie er verlorengeht, ist der Gebrauch der Hände auch wieder da; nur die Füße sind seit sieben Jahren unbeweglich geblieben. Sie hat ausgesprochene, ganz deutlich charakterisierte Anfälle von Wasserscheu gehabt. Nicht nur der Anblick, auch das Geräusch von Wasser, das Erblicken eines Glases, einer Tasse versetzte sie in Wut, und dazu hat sie sich auch noch angewöhnt, wie ein Hund zu bellen, so melancholisch zu bellen, wie die Hunde es tun, wenn sie Orgelspielen hören. Mehrmals schon lag sie im Sterben und hat die Letzte Ölung erhalten, und immer lebte sie wieder auf, um bei vollem Verstande und voller Geistesklarheit weiterzuleiden; denn ihr Verstand und ihr Gefühl sind unberührt geblieben . . . Sie ist am Leben geblieben, mein Herr, aber sie hat den Tod ihres Mannes und ihrer Mutter herbeigeführt, die diesen Jammer nicht ertragen konnten. Und was ich Ihnen erzählt habe, mein Herr, das ist noch gar nichts. Alle körperlichen Funktionen sind bei ihr ins Gegenteil verkehrt, ein Mediziner allein könnte Ihnen die seltsame, unnatürliche Tätigkeit ihrer Organe erklären . . . Und in diesem Zustande mußte ich sie im Jahre 1829 aus der Provinz nach Paris überführen, denn die wenigen berühmten Pariser Ärzte, Desplein, Bianchon und Haudry, glaubten alle, daß man sie mystifizieren wolle. Der Magnetismus wurde damals von den Akademien sehr energisch abgelehnt; und ohne den Provinzärzten und mir selbst den guten Glauben abzusprechen, nahmen sie eine unzureichende Beobachtung, oder, wenn Sie wollen, eine Übertreibung an, wie sie bei Kranken und ihren Familien ziemlich häufig vorkommt. Aber sie sahen sich genötigt, ihre Ansicht aufzugeben, und gerade diese Phänomene gaben den Anlaß für die Untersuchungen der letzten Zeit über Nervenkrankheiten; denn sie hielten diesen merkwürdigen Zustand für eine Neurose. Die letzte Konsultation dieser Herren ergab als Resultat, daß alle Medizin beiseite zu lassen sei; sie erklärten, man müsse die Natur frei walten lassen und ihr Wirken studieren; und seitdem habe ich nur noch einen Arzt, und das ist der Armenarzt dieses Bezirks. Es genügt ja auch in der Tat, Palliativmittel anzuwenden, um die Schmerzen zu lindern, da man die wirkliche Ursache der Krankheit nicht kennt.«

Hier stockte der Alte wie vernichtet von dieser entsetzlichen Eröffnung.

»Seit fünf Jahren«, fuhr er dann fort, »lebt meine Tochter zwischen Besserung und beständigen Rückfällen, aber es ist kein neues Phänomen aufgetreten. Sie leidet mehr oder weniger infolge der verschiedenartigen nervösen Anfälle, die ich Ihnen kurz geschildert habe, aber die Unbeweglichkeit der Beine und die Störung der natürlichen Funktionen dauert an. Die Not, in der wir uns befinden und die inzwischen noch schlimmer geworden ist, hat uns gezwungen, die Wohnung, die ich im Jahre 1829 in dem Viertel du Roule gemietet hatte, zu verlassen; und da meine Tochter einen nochmaligen Umzug nicht aushalten würde und ich sie bei einem solchen schon zweimal beinahe verloren hätte: das erstemal, als ich sie nach Paris brachte, und dann, als ich mit ihr aus dem Beaujonviertel fortzog, so habe ich gleich meine jetzige Wohnung genommen, da ich das Unglück voraussah, dessen Hereinbrechen über mich auch nicht lange auf sich warten ließ; denn nach dreißig Dienstjahren hat man mich auf die Regelung meiner Pension bis zum Jahre 1833 warten lassen. Erst seit sechs Monaten erhalte ich sie, und die neue Regierung hat, in Verfolg ihrer sonstigen Härte gegen mich, mir auch nur das Minimum zugebilligt.«

Gottfried machte eine Bewegung des Erstaunens, die eine weitere Aufklärung verlangte; der Alte verstand das auch, denn er antwortete sofort, nicht ohne einen vorwurfsvollen Blick nach oben zu richten: »Ich bin eins von den tausend Opfern der politischen Reaktion. Ich verheimliche einen Namen, der der Gegenstand vieler Rachegedanken ist, und wenn die Lehren der Erfahrung, die eine Generation der anderen hinterläßt, nicht immer wieder verloren sein sollen, so denken Sie daran, junger Mann, daß Sie sich niemals zu harten Maßnahmen irgendeiner Politik hergeben sollen . . . Nicht daß ich bereue, meine Pflicht erfüllt zu haben: mein Gewissen ist vollkommen ruhig; aber die heutigen Gebieter haben nicht mehr das Gefühl der Solidarität, die die Regierungen, so verschiedenartig sie auch sein mögen, miteinander verbinden muß; und wenn der Eifer belohnt wird, so geschieht das nur aus einer vorübergehenden Angst. Das Instrument, dessen man sich bedient hat, mag es noch so treue Dienste geleistet haben, gerät früher oder später vollkommen in Vergessenheit. Sie sehen in mir eine der festesten Stützen der älteren Linie der Bourbonen, ebenso wie ich es vorher für die kaiserliche Regierung gewesen war, und jetzt befinde ich mich in solchem Elend! Da ich zu stolz war, zu bitten, hat man sich niemals darum gekümmert, in welches unerhörte Unglück ich geraten bin. Vor fünf Tagen, mein Herr, hat mir der Bezirksarzt, der meine Tochter behandelt, oder, wenn Sie wollen, beobachtet, gesagt, daß er außerstande sei, eine Krankheit zu heilen, die alle vierzehn Tage unter einer anderen Form auftrete. Den Neurosen steht, wie er meint, die Medizin ratlos gegenüber, weil sie auf unerklärbaren Ursachen beruhen. Er hat mir geraten, ich solle mich an einen Arzt wenden, der allerdings nur für einen Empiriker gilt, und er hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß es ein Ausländer sei, ein flüchtiger, polnischer Jude, daß die Ärzte sehr eifersüchtig auf ihn sind wegen einiger außerordentlicher Heilungen, von denen viel gesprochen wird, daß aber gewisse Persönlichkeiten ihn für sehr gelehrt und sehr geschickt halten. Nur ist er teuer und mißtrauisch; er sucht sich seine Kranken aus und opfert seine Zeit nicht umsonst; schließlich ist er . . . Kommunist . . . er heißt Halpersohn. Mein Enkelsohn ist schon zweimal vergeblich bei ihm gewesen, denn er ist noch nicht zu uns gekommen, und ich kann mir denken, weshalb nicht! . . .«

»Und weshalb nicht?« sagte Gottfried.

»Oh, mein sechzehnjähriger Enkelsohn ist noch viel schlechter gekleidet als ich; und ich – würden Sie es glauben, mein Herr? – ich wage nicht, vor diesen Arzt hinzutreten; mein Äußeres steht in einem zu peinlichen Mißverhältnis mit dem Auftreten, das man von einem alten würdigen Herrn, wie ich einer bin, erwartet. Wenn er den Großvater in diesem Aufzuge sieht, nachdem der Enkel ebenso schlecht gekleidet vor ihm erschienen ist, wird dieser Arzt meiner Tochter dann die erforderliche Sorgfalt angedeihen lassen? Er wird sie so behandeln, wie man arme Leute behandelt . . . Und bedenken Sie, verehrter Herr, daß ich meine Tochter liebe um der Schmerzen willen, die sie mir bereitet hat, ebenso wie ich sie ehedem liebte um der Glückseligkeit willen, womit sie mich überhäufte.

Sie ist ein wahrer Engel geworden. Ach, sie ist nur noch Seele; der Körper existiert nicht mehr, denn sie hat die Schmerzen besiegt . . . Stellen Sie sich vor, welcher Anblick das für einen Vater ist! Für meine Tochter ist ihr Zimmer ihre Welt! Sie muß hier Blumen haben, die sie liebt; sie liest viel, und wenn sie die Hände gebrauchen kann, macht sie feenhafte Handarbeiten . . . Sie weiß nichts von der tiefen Armut, in die wir alle geraten sind . . . Darum führen wir ein so merkwürdiges Leben, daß wir niemanden zu uns hineinlassen können . . . Verstehen Sie mich jetzt richtig, mein Herr? Begreifen Sie, daß ich keinen Nachbar dulden kann? Ich würde zu viel von ihm verlangen müssen und würde zu viele Verpflichtungen auf mich laden, als daß ich sie wettmachen könnte. Denn erstens fehlt mir für alles das die Zeit; ich muß meinen Enkel erziehen, und ich arbeite so viel, mein Herr, daß ich nachts nicht mehr als drei bis vier Stunden schlafe.«

»Mein Herr,« unterbrach Gottfried den Alten, dem er bis dahin geduldig und mit teilnahmsvoller Aufmerksamkeit zugehört hatte, »ich werde doch Ihr Nachbar werden, und ich werde Ihnen hilfreich beistehen . . .«

Der Alte machte eine stolze, unwillige Bewegung, denn er hatte keinen Glauben mehr an etwas Gutes vonseiten der Menschen.

»Ich werde Ihnen beistehen«, wiederholte Gottfried, ergriff die Hände des Alten und drückte sie mit achtungsvoller Freundlichkeit; »aber wie soll ich Ihnen beistehen? . . . Hören Sie mich an. Was gedenken Sie aus Ihrem Enkel zu machen?«

»Er wird bald Jura studieren, denn er soll Richter werden.«

»Ihr Enkel wird Sie jährlich sechshundert Franken kosten, also . . .«

Der Alte verhielt sich schweigend.

Nach einer Pause fuhr Gottfried fort: »Ich selbst besitze nichts, aber ich vermag viel; ich werde Ihnen den jüdischen Arzt zuführen! Und wenn Ihre Tochter geheilt werden kann, so wird sie geheilt werden. Wir werden das Geld auftreiben, um Halpersohn zu bezahlen.«

»Oh, wenn meine Tochter geheilt würde, dann könnte ich ein Opfer bringen, wozu ich nur ein einziges Mal imstande wäre!« rief der Alte aus. »Dann würde ich meine letzten Notgroschen hergeben!«

»Den werden Sie behalten! . . .«

»Ach, die Jugend, die Jugend! . . .« rief der Alte kopfschüttelnd . . . »Leben Sie wohl, mein Herr, oder vielmehr: Auf Wiedersehn. Ich muß jetzt in die Bibliothek; da ich alle meine Bücher verkauft habe, bin ich gezwungen, meiner Arbeiten wegen täglich dorthin zu gehen . . . Ich bin Ihnen dankbar für Ihre guten Absichten; wir wollen sehen, ob Sie die Rücksichten auf mich nehmen werden, die ich von einem Nachbar verlangen kann. Das ist alles, was ich von Ihnen erwarte . . .«

»Jawohl, mein Herr, lassen Sie mich Ihren Nachbarn werden; denn, sehen Sie, Barbet ist nicht der Mann, um sich lange hinhalten zu lassen, und Sie könnten auf einen schlechteren Genossen in Ihrem Elend treffen als auf mich. Ich verlange jetzt nicht, daß Sie mir vertrauen, sondern daß Sie mir gestatten sollen, Ihnen nützlich zu sein . . .«

»Und was für ein Interesse haben Sie daran?« rief der Alte, während er sich anschickte, die Stufen des Kartäuserklosters hinabzusteigen, von wo man damals aus der großen Allee des Luxembourggartens in die Rue d'Enfer gelangte.

»Haben Sie denn während Ihrer Amtstätigkeit sich niemanden zu Danke verpflichtet?«

Der Alte betrachtete Gottfried mit gerunzelten Augenbrauen, in seiner Erinnerung nachforschend, wie ein Mann, der das Buch seines Lebens nachschlägt und nach einer Handlung sucht, der er eine so seltene Erkenntlichkeit zu verdanken hätte, und wandte sich dann ab mit einem Gruße, in dem seine Zweifel sich ausdrückten.

»Nun, für ein erstes Zusammentreffen hat er sich nicht allzu scheu gezeigt«, sagte sich der Ausgesandte. Gottfried begab sich nun sogleich in die Rue d'Enfer, in das Haus, das ihm Alain bezeichnet hatte, und fand dort den Doktor Berton, einen kühlen, ernsten Mann, der ihn sehr in Erstaunen setzte, als er ihm die Richtigkeit aller Einzelheiten bestätigte, die Herr Bernard ihm über die Krankheit seiner Tochter mitgeteilt hatte; er erhielt auch die Adresse Halpersohns.

Dieser polnische, seitdem berühmt gewordene Arzt wohnte damals in Chaillot, in der Rue Marbeuf, in einem kleinen, einzeln stehenden Hause, wo er das erste Stockwerk in Besitz hatte. Der General Roman Zarnowicki bewohnte das Erdgeschoß, und die Dienerschaft der beiden Flüchtlinge das Dachgeschoß des kleinen Hauses, das nur eine Etage hoch war. Gottfried traf den Doktor nicht zu Hause; er hörte, daß er ziemlich weit weg in die Provinz zu einem reichen Kranken gefahren war; er war beinahe froh, ihn nicht getroffen zu haben, denn in seiner Eile hatte er vergessen, sich mit Geld zu versehen und war genötigt, in das Haus de la Chanterie zurückzukehren, um sich welches mit nach Hause zu nehmen. Durch diese Wege und die Zeit, die er mit seiner Mahlzeit in einem Restaurant in der Rue de l'Odéon verbrachte, war für Gottfried die Stunde herangerückt, wo er von seiner Wohnung am Boulevard Mont-Parnasse Besitz ergreifen mußte. Nichts konnte elender sein, als das Mobiliar, mit dem Frau Vauthier die beiden Zimmer ausgestattet hatte. Diese Frau schien gewöhnt zu sein, Zimmer zu vermieten, die nicht bewohnt wurden. Das Bett, die Stühle, die Tische, die Kommode, der Sekretär, die Vorhänge rührten sicherlich von Zwangsversteigerungen her, oder ein Wucherer hatte sie als Pfand genommen, ohne sie dann verwerten zu können, ein Fall, der häufig vorkommt.

Frau Vauthier, die Fäuste in die Seiten gestemmt, schien einen Dank zu erwarten; sie nahm daher Gottfrieds Lächeln für ein Lächeln der Überraschung.

»Oh, ich habe Ihnen von allem, was wir haben, das Schönste ausgesucht, mein lieber Herr Gottfried«, sagte sie mit triumphierender Miene . . . »Solche schönen seidenen Vorhänge und ein Mahagonibett, wo die Würmer noch nicht dran waren! . . . Das hat dem Fürsten von Weißenburg gehört und stammt aus seinem Hause. Als er aus der Rue Louis le Grand wegzog, im Jahre 1809, war ich Küchenmädchen bei ihm . . . Seitdem bin ich bei meinem Hauseigentümer im Dienst.«

Gottfried hemmte den Fluß ihrer vertraulichen Herzensergießungen, indem er seine Miete auf einen Monat vorausbezahlte, und gab ihr auch die sechs Franken im voraus, die er Frau Vauthier für die Aufwartung zu zahlen hatte. In diesem Augenblick vernahm er ein Hundegebell, und wäre er nicht von Herrn Bernard verständigt worden, so hätte er glauben können, daß sein Nachbar einen Hund in der Wohnung halte.

»Bellt der Hund auch nachts?«

»Oh, seien Sie ganz beruhigt, mein Herr, nur etwas Geduld, Sie werden darunter nur noch diese Woche zu leiden haben. Herr Bernard wird seine Miete nicht bezahlen können und hinausgesetzt werden . . . Aber es gibt wirklich recht merkwürdige Leute! Noch nie habe ich ihren Hund zu Gesicht bekommen. Monatelang, was sage ich, Monate? Sechs Monate lang kriegt man den Hund nicht zu hören! Man möchte glauben, sie haben gar keinen Hund. Das Tier verläßt das Zimmer der Dame nie . . . Es ist da eine sehr kranke Dame, wissen Sie. Seit ihrem Einzug hat sie ihr Zimmer nicht verlassen . . . Der alte Herr Bernard arbeitet viel und der Sohn auch. Der ist Externer am Gymnasium Louis le Grand, wo er mit seinen sechzehn Jahren schon bald mit der höchsten Klasse fertig ist! Das ist tüchtig! Aber der kleine Bengel paukt auch wie ein Verrückter! . . . Sie werden sehen, wie sie Blumen aus dem Zimmer der Dame herausbringen; sie leben nur von Brot, der Großvater und der Enkel, aber sie kaufen Blumen und Leckerbissen für die Dame . . . Die Dame muß wohl sehr krank sein, daß sie seit ihrem Einzug hier nicht ausgegangen ist; wenn man Herrn Berton hört, den Arzt, der sie behandelt, wird sie hier wohl nur mit den Füßen nach vorn herauskommen.«

»Und was tut der Herr Bernard?«

»Das ist ein Gelehrter, wie es scheint; denn er schreibt und geht auf die Bibliothek arbeiten, und der Herr hat ihm auf das, woran er arbeitet, Geld geborgt.«

»Welcher Herr?«

»Mein Hausbesitzer, Herr Barbet, der frühere Buchhändler, der sechzehn Jahre etabliert war. Der ist aus der Normandie, hat erst auf der Straße Salat verkauft und ist dann 1818 Buchhändler auf den Kais geworden; nachher hat er einen kleinen Laden gehabt, und jetzt ist er sehr reich . . . Das ist so eine Art Jude, der sechsunddreißig verschiedene Berufe betreibt, denn er war auch mit dem Italiener assoziiert, der die Baracke hier für die Seidenwürmer gebaut hat . . .«

»Das Haus ist also ein Zufluchtsort für unglückliche Schriftsteller?« sagte Gottfried.

»Sollte der Herr auch das Unglück haben, einer zu sein?« fragte die Witwe Vauthier.

»Ich beginne erst damit«, antwortete Gottfried.

»Oh, mein lieber Herr, erbarmen Sie sich und lassen Sie die Hände davon . . . Journalist, nun ja, da will ich nichts dagegen sagen . . .«

Gottfried konnte ein Lächeln nicht unterdrücken und wünschte der Portierfrau gute Nacht, die, ohne es zu wissen, ein Musterbild der Bourgeoisie war. Als er sich in dem scheußlichen Zimmer mit seinem Fußboden aus roten Ziegelsteinen, die nicht einmal von gleicher Farbe waren, und mit seiner Tapete zu sieben Sous die Rolle zu Bett legte, sehnte sich Gottfried nicht nur nach seinem kleinen Zimmer in der Rue Chanoinesse, sondern auch nach der Gesellschaft der Frau de la Chanterie. Er empfand eine große innere Leere. Sein Geist hatte bereits eine andere Richtung genommen, und er erinnerte sich nicht, in seinem früheren Leben eine solche Sehnsucht nach irgendetwas empfunden zu haben. Der schnelle Vergleich machte einen tiefen Eindruck auf sein Gemüt; er begriff, daß kein Leben so viel wert war wie das, mit dem er jetzt beginnen wollte, und sein Entschluß, dem guten Vater Alain nachzueifern, war unerschütterlich geworden. Wenn er noch kein Berufener war, so hatte er doch den Willen, einer zu werden. Am andern Morgen sah Gottfried, der sich bei seiner neuen Lebensweise an sehr frühes Aufstehen gewöhnt hatte, vom Fenster aus einen jungen Menschen von etwa siebzehn Jahren, bekleidet mit einer Bluse, der offenbar aus einem Brunnen Wasser holte, denn er trug in jeder Hand einen Wasserkrug. Auf dem Gesicht dieses jungen Menschen, der sich nicht beobachtet glaubte, spiegelte sich deutlich sein Empfinden, und nie hatte Gottfried etwas so Unschuldiges und gleichzeitig so Trauriges gesehen. Die jugendliche Grazie war von Elend, Arbeit und großer körperlicher Ermüdung überschattet. Der Enkelsohn des Herrn Bernard fiel auf durch einen Teint von ungewöhnlicher Weiße, die von dem dunkelbraunen Haar noch stärker hervorgehoben wurde. Dreimal machte er seinen Weg, beim letztenmal sah er, wie eine Fuhre frisches Holz abgeladen wurde, das Gottfried am Abend vorher bestellt hatte, denn der im Jahre 1838 spät eingetretene Winter begann sich bemerkbar zu machen, und es hatte in der Nacht leicht geschneit.

Nepomuk, der seine Tagesarbeit damit begonnen hatte, das Holz zu holen, das Frau Vauthier sich reichlich hatte vorausbezahlen lassen, plauderte mit dem jungen Menschen, während er wartete, bis der Holzhacker ihm das Holz kleingemacht hatte, das er hinaufbringen sollte. Es war leicht zu merken, daß der plötzlich eingetretene Frost den Enkel des Herrn Bernard beunruhigte, und daß der Anblick des Holzes und der graue Himmel ihn an die Notwendigkeit mahnten, sich auch mit Vorräten zu versehen. Aber plötzlich ergriff der junge Mensch, wie wenn er sich Vorwürfe machte, daß er seine kostbare Zeit verliere, die beiden Krüge und ging eiligst ins Haus hinein. Es war in der Tat schon einhalb acht Uhr, und als er die Uhr des Klosters de la Visitation schlagen hörte, dachte er daran, daß er um einhalb neun Uhr im Gymnasium Louis le Grand sein müsse.

Gerade als er hineinkam, öffnete Gottfried der Frau Vauthier die Tür, die kam, um bei ihrem neuen Mieter einzuheizen, so daß Gottfried Zeuge der Szene wurde, die sich auf dem Treppenabsatz abspielte. Ein Gärtner aus der Nachbarschaft hatte mehrmals an der Tür des Herrn Bernard geklingelt, ohne daß jemand herauskam, denn die Glocke war mit Papier umwickelt, und hatte nun einen ziemlich groben Zank mit dem jungen Menschen angefangen, von dem er die für das Abonnement der von ihm gelieferten Blumen noch rückständige Bezahlung verlangte. Als der Gläubiger immer lauter wurde, ging die Tür auf, und Herr Bernard erschien.

»August,« sagte er zu seinem Enkel, »kleide dich um, du mußt ins Gymnasium gehen.«

Dann nahm er die beiden Krüge und stellte sie in das erste Zimmer seiner Wohnung, wo sich Blumen in Jardinieren befanden; darauf schloß er die Tür wieder und kehrte zu dem Gärtner zurück. Gottfrieds Tür stand offen, denn Nepomuk hatte mit dem Heraufbringen des Holzes begonnen, das er im vorderen Zimmer aufschichtete. In Gegenwart des Herrn Bernard war der Gärtner still geworden; jener trug einen Hausrock von violetter Seide, der bis ans Kinn zugeknöpft war, und hatte ein achtunggebietendes Auftreten.

»Sie könnten das, was wir Ihnen schulden, auch ohne zu schreien verlangen«, sagte Herr Bernard.

»Seien Sie doch gerecht, mein lieber Herr«, sagte der Gärtner; »Sie wollten mich doch alle Woche bezahlen, und jetzt sind es drei Monate, zehn Wochen, und ich habe nichts bekommen; dabei sind Sie mir hundertundzwanzig Franken schuldig. Wir sind gewöhnt, daß reiche Leute bei uns ein Abonnement auf Blumen nehmen, das sie uns bezahlen, sobald wir es verlangen, und jetzt bin ich schon zum fünftenmal deswegen hier. Wir müssen doch unsere Miete und unsere Arbeiter bezahlen, und ich bin gewiß nicht reicher als Sie. Meine Frau, die Ihnen Milch und Eier liefert, wird heute nicht mehr damit kommen; ihr sind Sie dreißig Franken schuldig: sie will lieber gar nicht kommen, als Sie drängen, sie ist eine gute Seele, meine Frau! Wenn es nach ihr ginge, dann könnte man überhaupt keine Geschäfte machen. Aber ich, ich höre auf diesem Ohr nicht, verstehen Sie . . .«

In diesem Augenblick ging August fort mit einem elenden kurzen grünen Rock, einer Hose aus Tuch von gleicher Farbe, einer schwarzen Krawatte und abgetragenen Schuhen bekleidet. Seine Sachen, obwohl sauber abgebürstet, verrieten den äußersten Grad von Bedürftigkeit, denn sie waren so kurz und so eng, daß sie bei der geringsten Bewegung des Schülers aufzuplatzen drohten. Die weiß gewordenen Nähte, die eingeschrumpften Ränder, die trotz der Ausbesserungen ausgerissenen Knopflöcher zeigten auch dem ungeübtesten Auge die jammervollen Merkmale der Not. Diese Kleidung stand in schreiendem Gegensatz zu der frischen Jugend Augusts, der dahinging, ein Stück altes Brot kauend, das die Eindrücke seiner schönen starken Zähne aufwies. Er frühstückte so während seines Weges vom Boulevard Mont-Parnasse bis zur Rue Saint-Jacques, während er seine Bücher und Hefte unter dem Arm und auf dem Kopfe eine Mütze trug, die ihm zu klein war, und unter der sein prächtiges dunkles Haar hervorquoll.

Als er bei seinem Großvater vorbeiging, wechselte er mit ihm einen Blick voll tiefster Betrübnis, denn er sah ihn im Kampfe mit einer fast unüberwindlichen Schwierigkeit, deren Folgen schrecklich sein mußten. Um dem Primaner Platz zu machen, zog sich der Gärtner bis an die Tür Gottfrieds zurück; in diesem Moment verbarrikadierte Nepomuk mit seiner Tracht Holz den Treppenabsatz so, daß der Gläubiger bis ans Fenster zurücktreten mußte.

»Herr Bernard,« schrie jetzt die Witwe Vauthier, »denken Sie etwa, daß Herr Gottfried seine Wohnung dazu gemietet hat, daß Sie hier Ihre Sitzungen abhalten?«

»Verzeihen Sie,« sagte der Gärtner, »der Flur war so voll . . .«

»Ich habe das ja auch nicht zu Ihnen gesagt, Herr Cartier«, entgegnete die Witwe.

»Bleiben Sie nur hier«, rief Gottfried jetzt dem Gärtner zu. »Und Sie, mein verehrter Herr Nachbar,« wandte er sich an Herrn Bernard, der gegen diese grobe Beleidigung unempfindlich zu sein schien, »kommen Sie, wenn Sie mit dem Gärtner zu verhandeln haben, nur ruhig in mein Zimmer herein.« Der große Alte, vor Schmerz stumpf geworden, warf Gottfried einen Blick zu, in dem sich heiße Dankbarkeit ausdrückte.

»Was Sie anlangt, liebe Frau Vauthier, so seien Sie gefälligst nicht so grob gegen einen Herrn, der erstens ein Greis ist und dem Sie es auch zu verdanken haben, daß ich die Wohnung hier genommen habe.«

»Ach was!« rief die Witwe.

»Außerdem aber, wenn die Leute, die nicht zu den Reichen gehören, sich nicht gegenseitig helfen, wer wird ihnen denn helfen? Lassen Sie uns jetzt allein, Frau Vauthier, ich werde selber einheizen. Lassen Sie mein Holz in Ihren Keller bringen, ich hoffe, Sie werden gut darauf achtgeben.«

Frau Vauthier verschwand; daß Gottfried ihr sein Holz zum Aufbewahren gegeben hatte, war ein rechtes Fressen für ihre Habgier. –

»Kommen Sie hier herein, meine Herren«, sagte Gottfried, machte dem Gärtner ein Zeichen und bot dem Schuldner und dem Gläubiger Stühle an.

Der Alte blieb stehen, aber der Gärtner setzte sich.

»Hören Sie, lieber Herr Cartier, die Reichen zahlen auch nicht so prompt, wie Sie behaupten, und Sie dürfen einen ehrenwerten Mann nicht wegen einiger Louisdor drängen. Der Herr bekommt seine Pension nur alle sechs Monate ausgezahlt und kann Ihnen keine Anweisung auf eine so unbedeutende Summe geben; ich werde das Geld vorstrecken, wenn Sie es durchaus verlangen.«

»Herr Bernard hat seine Pension vor etwa zwanzig Tagen empfangen und hat mich doch nicht bezahlt . . . Es tut mir leid, daß ich ihm Umstände mache . . .«

»Wie denn? Sie liefern ihm Blumen seit . . .«

»Jawohl, lieber Herr, seit sechs Jahren, und er hat immer pünktlich bezahlt.«

Herr Bernard, der immer ängstlich auf das horchte, was in seiner Wohnung vorging, ohne auf die Diskussion zu achten, hörte plötzlich ein Geschrei durch die Tür und ging voll Schrecken, ohne ein Wort zu sagen, fort.

»Hören Sie, mein Bester, bringen Sie nur schöne Blumen, Ihre allerschönsten Blumen noch heute früh Herrn Bernard, und Ihre Frau soll ihm frische Eier und Milch schicken; ich werde es Ihnen heute abend bezahlen.«

Cartier sah Gottfried mit eigentümlichem Ausdruck an.

»Sie sind jedenfalls besser unterrichtet als Frau Vauthier, die mir geraten hat, ich solle mich beeilen, wenn ich zu meinem Gelde kommen wolle. Weder Sie noch ich, mein Herr, können sich erklären, warum Leute, die sich von Brot ernähren und Gemüseabfall, die Reste von Mohrrüben, Bohnen und Kartoffeln an der Tür der Restaurants aufsammeln . . . Jawohl, mein Herr, ich habe den Kleinen überrascht, wie er einen alten Handkorb damit füllte . . . also, wie solche Leute mehr als vierzig Franken monatlich für Blumen ausgeben können . . . Man erzählt sich, daß der Alte nur dreitausend Franken Pension hat.«

»Na, jedenfalls«, entgegnete Gottfried, »brauchen Sie sich doch nicht darüber zu beklagen, wenn sie sich mit der Ausgabe für Blumen ruinieren.«

»Gewiß, mein Herr, vorausgesetzt, daß Sie sie mir bezahlen.«

»Bringen Sie mir nur Ihre Rechnung.«

»Sehr wohl, mein Herr,« sagte der Gärtner mit einem Anflug von Respekt, »der Herr will wohl die versteckte Dame zu Gesicht bekommen?«

»Hören Sie, mein Freund, Sie vergessen sich!« erwiderte Gottfried trocken. »Gehen Sie nach Hause und suchen Sie Ihre schönsten Blumen aus als Ersatz für die, die Sie abholen. Wenn Sie mir selbst gute Sahne und frische Eier liefern wollen, so können Sie meine Kundschaft bekommen, ich werde mir heute Vormittag Ihr Etablissement ansehen.«

»Das ist eins der schönsten in Paris, mein Herr, ich stelle auch im Luxembourg aus. Mein drei Morgen großer Garten liegt am Boulevard, hinter dem Garten der Grande Chaumière.«

»Schön, Herr Cartier. Wie mir scheint, sind Sie reicher als ich . . . Sie müssen uns gut behandeln, wer weiß, ob wir einander nicht einmal brauchen werden.«

Der Gärtner entfernte sich jetzt, sehr beunruhigt darüber, wer Gottfried wohl sein möge.

›So bin ich auch mal gewesen‹, sagte Gottfried sich, während er seinen Kamin heizte. ›Was für ein Musterbild der heutigen Bourgeoisie! Klatschsüchtig, neugierig, auf die Gleichheit aller pochend, auf Kundschaft bedacht, wütend darüber, daß er nicht erfahren kann, warum eine arme Kranke in ihrem Zimmer bleibt und sich nicht sehen läßt, seine Wohlhabenheit verhehlend, aber so eingebildet, daß er sich doch ihrer rühmt, um seinen Nachbar herabsetzen zu können. Dieser Mensch muß mindestens Leutnantsrang in seiner Kompanie bekleiden. Mit welcher Leichtigkeit spielt sich doch zu allen Zeiten die Szene von Monsieur Dimanche ab! Noch einen Augenblick länger, und der Herr Cartier hätte mit mir Freundschaft geschlossen.‹

Der große alte Herr unterbrach jetzt das Selbstgespräch Gottfrieds, das bewies, wie sehr sich in den letzten vier Monaten seine Anschauungen geändert hatten.

»Verzeihen Sie, lieber Nachbar,« sagte er mit stockender Stimme, »ich sehe, daß Sie den Gärtner beruhigt haben, denn er hat mich höflich gegrüßt. Wahrhaftig, junger Mann, die Vorsehung scheint Sie uns expreß hierhergesandt zu haben, gerade als wir nicht mehr weiter konnten! Ach, die Indiskretion dieses Menschen hat Ihnen vieles klar werden lassen! Es ist richtig, daß ich meine halbjährliche Pension vor vierzehn Tagen empfangen habe; aber ich hatte dringendere Schulden als diese hier, und ich mußte den Betrag für die Miete zurückbehalten, sonst wäre ich hier hinausgesetzt worden. Da ich Ihnen anvertraut habe, in welchem Zustande sich meine Tochter befindet, und da Sie gehört haben . . .«

Er sah Gottfried unruhig an, der ihm ein zustimmendes Zeichen machte.

»Nun, so werden Sie beurteilen können, ob das nicht ihr Tod sein würde! . . . Ich hätte sie ja ins Hospital bringen müssen! . . . Mein Enkel und ich, wir fürchteten uns vor diesem Morgen, und zwar fürchteten wir am meisten nicht Cartier, sondern die Kälte . . .«

»Mein lieber Herr Bernard, ich habe ja Holz, nehmen Sie sich nur davon«, versetzte Gottfried.

»Aber«, rief der Alte, »wie kann ich mich denn jemals für solche Dienste erkenntlich zeigen?« . . .

»Indem Sie sie ungeniert annehmen,« entgegnete Gottfried lebhaft, »und indem Sie mir Vertrauen schenken.«

»Aber welches Recht habe ich auf solche Freigebigkeit?« fragte Herr Bernard, der wieder mißtrauisch geworden war. »Mein Stolz und der meines Enkelsohnes ist ja gebrochen!« rief er, »denn wir haben uns ja schon herablassen müssen, mit unsern zwei oder drei Gläubigern zu verhandeln. Ach, die Armen haben ja keine Gläubiger; dazu bedarf es eines gewissen äußeren Glanzes, der uns entschwunden ist . . . Aber ich habe noch nicht meinen gesunden Menschenverstand, meine Vernunft eingebüßt . . .«, fügte er wie im Selbstgespräch hinzu.

»Mein Herr,« erwiderte Gottfried ernst, »was Sie mir gestern mitgeteilt haben, könnte einen Wucherer zum Weinen bringen.«

»Ach nein, denn Barbet, dieser Buchhändler, unser Hauseigentümer, spekuliert ja gerade auf mein Elend und läßt mich durch diese Vauthier, seine ehemalige Dienerin, ausspionieren.«

»Worauf kann er denn bei Ihnen spekulieren?« fragte Gottfried.

»Das werde ich Ihnen später mitteilen«, antwortete der Alte. »Meine Tochter könnte frieren, und da Sie es gestatten wollen – ich bin ja in einer Lage, wo ich von meinem schlimmsten Feinde ein Almosen annehmen würde . . .«

»Ich werde Ihnen Holz hinüberbringen«, sagte Gottfried, trug ein Dutzend Scheite über den Treppenflur und legte sie im Vorderzimmer der Wohnung des Alten nieder.

Herr Bernard hatte ebenso viel hinübergebracht, und als er den kleinen Holzvorrat ansah, konnte er ein blödes und fast kindisches Lächeln nicht unterdrücken, mit denen sich bei Leuten, die aus einer scheinbar unüberwindlichen Todesgefahr gerettet wurden, ihre Freude kundtut, eine Freude, die das Schreckensgefühl noch nicht ausgelöscht hat.

»Nehmen Sie nur alles an, was ich Ihnen anbiete, mein lieber Herr Bernard, und seien Sie nicht mißtrauisch; wenn Ihre Tochter gerettet und das Glück wieder bei Ihnen eingekehrt sein wird, werde ich Ihnen alles erklären . . . Bis dahin aber lassen Sie mich handeln . . . Ich war schon bei dem jüdischen Arzte, aber unglücklicherweise ist Halpersohn abwesend und kommt erst in zwei Tagen zurück.«

In diesem Moment rief eine Stimme, deren frischer melodischer Klang Gottfried auffiel, zweimal laut: »Papa, Papa!«

Während er mit dem Alten redete, hatte Gottfried an dem Türfalz gegenüber der Eingangstür die weißen Linien einer sorgfältigen Bemalung bemerkt, die auf einen großen Unterschied zwischen dem Zimmer der Kranken und den übrigen Räumen der Wohnung schließen ließen; seine lebhaft erregte Neugierde wurde dadurch nur noch höher geschraubt; seine Wohltätigkeitsmission war nur noch ein Vorwand, sein Ziel war, die Kranke zu Gesicht zu bekommen. Er konnte nicht glauben, daß ein Wesen mit solch einer Stimme ein Gegenstand des Widerwillens sein könne.

»Sie machen sich wirklich zuviel Mühe, Papa«, sagte die Stimme. »Warum nehmen Sie sich nicht mehr Dienstboten? . . . Bei Ihren Jahren! . . . Mein Gott!«

»Du weißt doch, liebe Wanda, ich will nicht, daß andere dich bedienen als dein Sohn und ich!«

Diese beiden Sätze, die Gottfried durch die Tür vernahm oder vielmehr sich zusammendachte, denn eine Portiere dämpfte den Ton, ließen ihn die Wahrheit ahnen. Die von Luxus umgebene Kranke konnte keine Ahnung von der wirklichen Lage ihres Vaters und ihres Sohnes haben. Herrn Bernards seidener Hausrock, die Blumen und seine Unterredung mit Cartier hatten bereits den Verdacht Gottfrieds erregt, der nun wie gebannt vor diesem Übermaß väterlicher Liebe dastand. Der Kontrast zwischen dem Zimmer der Kranken, wie er es sich vorstellte, und dem übrigen war ja auch erstaunlich. Man mache sich nur ein Bild davon.

Durch die Tür des dritten Zimmers, das der Alte offen gelassen hatte, bemerkte Gottfried zwei gleiche hölzerne angestrichene Bettstellen, wie man solche in Pensionen unterster Sorte findet, die mit einem Strohsack, einer dünnen Matratze und nur einer Bettdecke versehen waren. Ein kleiner gußeiserner Ofen von der Art, wie sie die Portiers zum Kochen verwenden, und vor dem eine Menge Torfklumpen lagen, hätte die Not des Herrn Bernard genügend bewiesen, auch ohne die anderen Einzelheiten, die völlig zu diesem scheußlichen Ofen paßten.

Als er einen Schritt weiter machte, erblickte Gottfried Geschirr, wie man es nur in den ärmsten Haushaltungen findet; glasierte irdene Näpfe, worin Kartoffeln in schmutzigem Wasser schwammen. Zwei Tische aus schwarz gewordenem Holz, die, mit Papieren und Büchern beladen, am Fenster standen, das nach der Rue Notre-Dame hinaus ging, zeugten von den nächtlichen Arbeiten des Großvaters und des Enkels. Zwei schmiedeeiserne Leuchter, wie arme Leute sie haben, standen auf den Tischen und waren mit den billigsten Kerzen, von denen acht auf das Pfund gehen, versehen.

Auf einem dritten, der als Küchentisch diente, glänzten zwei Kuverts und ein kleiner silbervergoldeter Löffel, Teller, ein Topf, Tassen aus Sèvresporzellan, ein vergoldetes Messer mit zwei stählernen Klingen in seinem Etui und das übrige Eßgeschirr der Kranken.

Der Ofen brannte, das Wasser in dem Kessel dampfte schwach. Ein angestrichener Wandschrank enthielt jedenfalls die Wäsche und die Kleider der Tochter des Herrn Bernard; denn auf dem Bette des Vaters lag der Anzug, den Gottfried am Abend vorher bei ihm gesehen hatte, und zwar quergelegt, um als Fußwärmer zu dienen.

Andere Kleidungsstücke, die in gleicher Weise auf dem Bett des Enkels lagen, ließen annehmen, daß das ihre gesamte Garderobe war. Der sicherlich selten gereinigte Fußboden sah aus wie der der Schulklassen in Pensionaten. Ein angeschnittenes Sechspfundbrot lag auf einem Brett oberhalb des Tisches. Das Ganze war ein Bild des Elends auf seiner untersten Stufe, eines ganz planmäßig organisierten Elends, das man mit kühler Überlegung zu ertragen entschlossen ist, des abgehetzten Elends, das trotz guten Willens, das Nötige zu tun, doch nicht alles im Hause zu tun vermag und daher von dem elenden Hausrat einen verkehrten Gebrauch macht. Dieser selten gereinigte Raum strömte einen scharfen ekelerregenden Geruch aus.

Das Vorzimmer, in dem sich Gottfried befand, war wenigstens anständig gehalten; er dachte sich, daß es dazu diente, die Scheußlichkeit des Zimmers, in dem der Enkelsohn und der Großvater hausten, zu kaschieren. Dieses Vorzimmer mit seiner schottisch karierten Tapete enthielt vier Stühle aus Nußbaumholz und einen kleinen Tisch; an den Wänden hingen bunte Stiche: ein Porträt des Kaisers von Horace Vernet, eins Ludwigs XVII. und dann die Karls X. und des Fürsten Poniatowski, jedenfalls eines Freundes des Schwiegervaters Bernards. Das Fenster hatte Kattunvorhänge mit roten Säumen und Fransen.

Gottfried, der auf Nepomuk aufpaßte und hörte, wie er eine Tracht Holz heraufbrachte, machte ihm ein Zeichen, daß er sie ohne Geräusch in Herrn Bernards Vorzimmer hinlegen solle, und mit einer Vorsorge, die anzeigte, daß der Neophyt schon einige Fortschritte gemacht hatte, schloß er die Tür des Hundeloches, damit der Laufbursche der Witwe Vauthier nichts von dem Elend des Alten wahrnehmen könne.

Das Vorzimmer war gerade mit drei Jardinieren, die die herrlichsten Blumen enthielten, vollgestellt, zwei länglichen und einer runden, alle drei aus Polysanderholz und sehr elegant; daher konnte Nepomuk sich nicht enthalten, nachdem er das Holz auf dem Fußboden aufgeschichtet hatte, zu sagen:

»Ach, wie hübsch! . . . Das muß viel Geld kosten! . . .«

»Johann, mach doch nicht solchen Lärm! . . .« rief Herr Bernard.

»Haben Sie gehört?« sagte Nepomuk zu Gottfried. »Der gute, alte Kerl ist wahrhaftig verrückt! . . .«

»Weißt du, wie du in seinem Alter sein wirst? . . .«

»O ja, das weiß ich ganz genau!« antwortete Nepomuk. »Ich werde dann in einer Zuckerdose sein.«

»In einer Zuckerdose? . . .«

»Jawohl, dann wird man gewiß Kohle aus meinen Knochen gemacht haben. Ich hab' gesehen, wie die Kutscher der Zuckerfabrikanten ziemlich häufig in Montsouris solche Kohle für die Fabriken geholt haben; die haben mir gesagt, daß man daraus Zucker macht.«

Und er ging nach diesem philosophischen Ausspruch fort, um weiter Holz hinaufzutragen.

Gottfried schloß diskret Herrn Bernards Tür, um ihn mit seiner Tochter allein zu lassen. Frau Vauthier hatte inzwischen das Frühstück für ihren neuen Mieter zubereitet und brachte es ihm, von Felicitas unterstützt, herein. Gottfried starrte in sein Kaminfeuer, in Nachdenken versunken. Er war in die Betrachtung dieses Elends vertieft, das so viele verschiedene Seiten aufwies, das aber auch die unaussprechliche Freude über die tausend Triumphe umfaßte, die die kindliche und die väterliche Liebe davongetragen hatten. Sie waren wie auf groben Stoff aufgestickte Perlen.

›Welche Romane, und seien es auch die berühmtesten, kommen dieser nackten Wirklichkeit gleich?‹ sagte er sich. ›Aber wie reich ist ein Leben, das sich mit solchen Existenzen befaßt! . . . wo der Geist bis zu den Ursachen und den Wirkungen vordringt und Hilfe bringt, die Schmerzen lindert und zum Heile beiträgt! . . . Sich so in das Unglück vertiefen, sich in solchen Haushaltungen festsetzen! Ständig mithandeln bei neu sich entwickelnden Tragödien, wie sie uns in den Dichtungen berühmter Schriftsteller entzücken . . . Ich hatte nicht geahnt, daß das Gute reizvoller sein könne als das Böse.‹

»Ist der Herr so zufrieden? . . .« fragte Frau Vauthier, die mit Felicitas' Hilfe den Tisch vor Gottfried hinstellte.

Gottfried sah vor sich eine Tasse vortrefflichen Milchkaffee, ein heißes Omelett, frische Butter und kleine rosige Radieschen.

»Donnerwetter, wo haben Sie denn die Radieschen aufgetrieben?« fragte Gottfried.

»Herr Cartier hat sie mir gegeben,« antwortete sie, »und ich wollte dem Herrn damit eine Freude machen.«

»Und wieviel verlangen Sie für ein solches tägliches Frühstück?« sagte Gottfried.

»Na, lieber Herr, wenn Sie gerecht sein wollen, werden Sie mir zugeben, daß es sehr schwer wäre, es Ihnen billiger als für dreißig Sous zu liefern.«

»Nun, also meinetwegen für dreißig Sous«, sagte Gottfried; »wie kommt es denn aber, daß man nur fünfundvierzig Franken monatlich für das Diner verlangt, hier nebenan bei Frau Machillot? Das würde doch auch nur täglich dreißig Sous ausmachen? . . .«

»Oh, lieber Herr, was ist das für ein Unterschied, ob man ein Diner für fünfzehn Personen herstellt, oder ob man alles zusammenholen muß, was für ein Frühstück erforderlich ist! Rechnen Sie mal: ein Brötchen, Eier, Butter, dann muß man Feuer anmachen, dann Zucker, Milch, Kaffee . . . Bedenken Sie doch, daß man Ihnen auf dem Odeonplatz für eine einfache Tasse Milchkaffee sechzehn Sous abverlangt, und dann müssen Sie dem Kellner noch ein bis zwei Sous Trinkgeld geben! . . . Hier aber haben Sie es ganz bequem, Sie frühstücken zu Hause in Pantoffeln.«

»Also, es ist gut«, antwortete Gottfried.

»Ohne Frau Cartier, die mir die Milch, die Eier und sonstiges liefert, könnte ich dabei nicht bestehen. Sie müssen sich mal ihr Etablissement ansehen, lieber Herr. Ach, das ist eine feine Sache! Sie beschäftigen fünf Gärtnerjungen, und Nepomuk schleppt ihnen den ganzen Sommer das Wasser; ich vermiete ihn zum Besprengen . . . Sie verdienen viel Geld mit ihren Melonen und Erdbeeren . . . Der Herr scheint sich ja sehr für Herrn Bernard zu interessieren . . .?« fragte die Witwe Vauthier dann mit süßer Stimme, »denn wenn Sie für ihre Schulden einstehen wollen . . . Der Herr weiß vielleicht nicht, was sie alles schuldig sind . . . Da ist die Dame, die das Lesekabinett am Sankt-Michaels-Platz hat, die kommt alle drei bis vier Tage wegen ihrer dreißig Franken, und sie hat sie wirklich sehr nötig. Gott im Himmel, was liest die arme kranke Dame zusammen! Sie liest und liest! Und bei zwei Sous für den Band macht das dreißig Franken im Vierteljahr . . .«

»Das wären ja hundert Bände im Monat!« sagte Gottfried.

»Ah, da holt der Alte die Sahne und das Brötchen für die Dame!« fuhr die Witwe Vauthier fort. »Das ist für ihren Tee, denn sie lebt bloß von Tee, die Dame! Sie trinkt zweimal am Tage welchen und zweimal in der Woche muß sie Süßigkeiten haben . . . Sie ist so ein Leckermaul! Der Alte kauft ihr Kuchen und Pasteten beim Konditor in der Rue Buci. Oh, wenn es sich um sie handelt, da kommt's ihm nicht drauf an. Er sagt, sie ist seine Tochter! . . . Als ob man in seinem Alter das, was er macht, für seine Tochter täte! . . . Er quält sich für sie ab, er und sein August . . . Denkt der Herr auch so wie ich? Zwanzig Franken würde ich gern springen lassen, wenn ich sie mal sehen könnte. Herr Berton sagt, sie ist ein Monstrum, eine Sache, die man für Geld zeigen könnte. Sie haben gut daran getan, daß sie in ein solches Viertel wie unsres gezogen sind, wo es so menschenleer ist . . . Gedenkt der Herr also sein Diner bei der Frau Machillot einzunehmen?«

»Jawohl, ich wollte mich bei ihr abonnieren . . .«

»Ich möchte Sie ja nicht davon abbringen, lieber Herr; aber eine Kneipe ist wie die andere, und da täten Sie besser, in der Rue de Tournon zu essen; da brauchen Sie sich nicht auf einen Monat zu binden, und für gewöhnlich ist's da besser . . .

»Wo ist das in der Rue de Tournon?«

»Bei dem Nachfolger der Mutter Girard . . . Da gehen die Herren hier oben häufig hin, und sie sind so zufrieden, wie man es nur sein kann«.

»Schön, Mutter Vauthier, ich werde Ihrem Rat folgen und dort essen . . .«

»Mein lieber Herr,« sagte die Portiersfrau, durch die freundliche Haltung, die Gottfried ihr mit Absicht bezeigte, ermutigt, »ernsthaft gesprochen, sollten Sie wirklich auf den Leim gehen und Herrn Bernards Schulden bezahlen wollen? . . . Das würde mir sehr leid tun; bedenken Sie doch, mein guter Herr Gottfried, daß er beinahe siebzig Jahr alt ist, und wenn er tot ist, ja Prosit, dann ist es alle mit der Pension! Und wer wird Ihnen dann Ihr Geld wiedergeben? . . . Die jungen Leute sind so unvorsichtig! Wissen Sie auch, daß er mehr als tausend Taler schuldig sein muß?«

»Wem denn?« fragte Gottfried.

»Ach, wem? Das geht mich nichts an«, erwiderte die Vauthier geheimnisvoll; »genug, er schuldet sie, und unter uns gesagt, er verkehrt ja mit niemandem, und daher wird er in unserm Viertel auch nicht für einen Heller Kredit bekommen . . .«

»Tausend Taler?« wiederholte Gottfried; »oh, da können Sie ganz beruhigt sein, wenn ich tausend Taler hätte, wäre ich nicht Ihr Mieter. Aber, sehen Sie, ich kann es nicht mit ansehen, wenn andere leiden, und für die paar hundert Franken, die mich das kosten kann, werde ich wenigstens wissen, daß mein Nachbar – ein Mann mit weißen Haaren! – Brot und Holz hat . . . Was wollen Sie, man verliert häufig so viel beim Kartenspiel . . . Aber dreitausend Franken? Mein Gott, wo denken Sie hin!«.

Durch die gespielte Offenherzigkeit Gottfrieds getäuscht, verzog die Mutter Vauthier ihr Gesicht zu einem süßlichen Lächeln der Befriedigung, das den Verdacht des Mieters bestärkte. Gottfried war überzeugt, daß die Alte an einem Komplott beteiligt war, das gegen den armen Herrn Bernard geschmiedet wurde.

»Es ist doch merkwürdig, mein Herr, was für Einbildungen man sich in den Kopf setzt! Sie werden mir sagen, daß ich sehr neugierig bin! Aber als ich Sie gestern hier mit Herrn Bernard plaudern sah, habe ich mir eingeredet, daß Sie Angestellter in einer Buchhandlung sind; denn das ist hier das Quartier der Buchhändler. Ich hatte hier einen Korrektor zu wohnen, dessen Druckerei in der Rue Vaugirard war, und der hieß ebensowie Sie . . .«

»Was interessiert Sie denn mein Beruf?« sagte Gottfried.

»Na, ob Sie mir's nun sagen wollen oder nicht,« begann die Vauthier wieder, »ich werde es doch erfahren . . . Da ist zum Beispiel der Herr Bernard. Nun, anderthalb Jahre habe ich nichts über ihn erfahren können; aber einen Monat darauf habe ich doch endlich herausbekommen, daß er ein Beamter, ein Richter oder sonst so was bei der Justiz gewesen ist, und daß er jetzt darüber schreibt . . . Was hat er nun davon, sage ich! Hätte er sich mir anvertraut, so hätte ich geschwiegen. So ist das!«

»Ich bin noch kein Angestellter in einer Buchhandlung, aber ich werde es vielleicht bald sein.«

»Das dachte ich mir doch «, sagte die Witwe Vauthier lebhaft, drehte sich um und verließ das Bett, das sie zurechtmachte, um einen Vorwand zu haben, bei ihrem Mieter zu verweilen. »Sie sind hergekommen, um ihnen die Sache vor der Nase wegzuschnappen. Wenn man gewarnt ist, ist man doppelt vorsichtig . . .«

»Halt!« rief Gottfried und stellte sich zwischen die Vauthier und die Tür. »Was für ein Interesse haben Sie denn, um sich da hineinzumischen?«

»Sieh, sieh!« bemerkte die Alte und sah Gottfried schief an, »Sie sind ja wirklich ein gerissener Schlaukopf!«

Sie verriegelte die Türe des ersten Zimmers und setzte sich auf einen Stuhl am Kaminfeuer.

»Mein Ehrenwort, so wahr ich Vauthier heiße, ich habe Sie für einen Studenten gehalten, bis ich sah, wie Sie Ihr Holz dem alten Bernard schenkten. Ach, Sie sind ein Schlauberger! Donner noch mal, was sind Sie für ein Komödiant! . . . Und da hielt ich Sie zuerst für einen Gimpel! Hören Sie mal, wollen Sie mir tausend Franken zusichern? So wahr wie der Tag scheint, mein alter Barbet und Herr Métivier haben mir fünfhundert Franken versprochen, wenn ich gut aufpasse.«

»Die, und fünfhundert Franken? . . . Gehen Sie doch!« rief Gottfried, »höchstens zweihundert, Mütterchen, und auch bloß versprochen . . . Sie werden sie deshalb nicht verklagen können! Wenn Sie mir das Geschäft zuschieben können, das sie mit Herrn Bernard machen wollen, würde ich vierhundert Franken geben! . . . Nun sagen Sie mal, wie weit stehen sie denn damit?«

»Sie haben fünfzehnhundert Franken Vorschuß auf das Werk gezahlt, und der Alte hat ihnen ein Anerkenntnis über tausend Taler ausgestellt . . . Sie haben das immer so hundertfrankenweise hergegeben . . . absichtlich so, daß er immer in Not blieb . . . Sie sind es auch, die die Gläubiger auf ihn loslassen, sicher haben sie auch den Cartier hergeschickt . . .«

Hier warf Gottfried einen durchdringenden ironischen Blick auf die Vauthier, der sie erkennen ließ, daß er verstanden hatte, welche Rolle sie zugunsten ihres Hausbesitzers spielte.

Ihre Worte brachten ihm in zwiefacher Richtung Klarheit, denn jetzt erklärte sich auch die ziemlich merkwürdige Szene, die sich zwischen dem Gärtner und ihm abgespielt hatte.

»Oh,« fuhr sie fort, »sie halten ihn an der Strippe; wo soll er jemals die tausend Taler hernehmen? Sie wollen ihm, wenn er ihnen die fertige Arbeit übergibt, fünfhundert Franken bieten und fünfhundert Franken für jeden Band, wenn er fertiggestellt ist . . . Die Sache wird auf den Namen eines Buchhändlers gemacht, den die beiden Herrn am Quai des Augustins etabliert haben . . .«

»Ach so, der kleine Dingsda?«

»Jawohl, Morand, der frühere Kommis des Herrn . . . Es scheint, daß dabei viel Geld zu verdienen ist.«

»Oh, man muß da viel Geld hineinstecken«, erwiderte Gottfried und verzog den Mund in bezeichnender Weise.

Jetzt wurde leise an die Tür geklopft, und Gottfried, froh über die Unterbrechung, erhob sich, um zu öffnen.

»Was gesagt ist, bleibt gesagt, Mutter Vauthier«, bemerkte Gottfried, als er Herrn Bernard erblickte.

»Herr Bernard,« rief sie diesem zu, »ich habe einen Brief für Sie . . .«

Der Alte ging einige Stufen mit ihr hinab.

»Ach nein, ich habe gar keinen Brief, Herr Bernard. Ich wollte Ihnen bloß sagen, daß Sie sich vor dem kleinen jungen Mann hüten sollen, das ist ein Buchhändler.«

»Ah, nun erklärt sich alles«, sagte der Alte zu sich. Und er kehrte zu seinem Nachbar mit völlig verändertem Gesichtsausdruck zurück.

Dieser Ausdruck kalter Ruhe, mit dem jetzt Herr Bernard wieder erschien, kontrastierte so sehr mit der liebenswürdigen offenen Miene, in der sich die Dankbarkeit gespiegelt hatte, daß Gottfried über diese plötzliche Veränderung betroffen war.

»Entschuldigen Sie, mein Herr, wenn ich Sie in Ihrer Ruhe störe; aber seit gestern überhäufen Sie mich mit Wohltaten, und der Wohltäter räumt dem Verpflichteten gewisse Rechte ein.«

Gottfried verneigte sich.

»Ich, der ich seit fünf Jahren alle vierzehn Tage die Passion Christi erdulde! Ich, der sechsunddreißig Jahre hindurch Vertreter der Gesellschaft und der Regierung als öffentlicher Ankläger war – ich mache mir, wie Sie sich denken können, keine Illusionen . . . nein, ich vermag nur noch Schmerz zu empfinden. Nun, mein Herr, die Aufmerksamkeit, die Sie mir erwiesen, als Sie die Tür des Hundelochs schlossen, in dem ich mit meinem Enkelsohn hause, dieser unerhebliche Umstand war für mich das Glas Wasser, von dem Bossuet spricht . . . Ja, ich habe da in meinem Herzen . . . in diesem erschöpften Herzen, das keine Träne mehr hervorzubringen vermag, wie mein Körper keinen Schweiß mehr, – ich habe darin den letzten Tropfen jenes Elixiers gefunden, das uns in der Jugend alle menschlichen Handlungen schön färbt, und ich kam zu Ihnen, um Ihnen meine Hand zu reichen, die ich sonst nur meiner Tochter gebe; ich wollte Ihnen die himmlische Rose des Glaubens an das Gute bringen . . .«

»Herr Bernard,« sagte Gottfried, der sich an die Lehren des guten Alains erinnerte, »ich habe nichts getan in der Absicht, mir Ihre Dankbarkeit zu erwerben . . . Darin täuschen Sie sich . . .«

»Ach, das nenne ich Offenheit«, fuhr der alte Beamte fort. »Nun, das gefällt mir. Ich wollte Ihnen Vorwürfe machen . . . Verzeihen Sie, jetzt spreche ich Ihnen meine Achtung aus. Sie sind also ein Buchhändler und sind hergekommen, um der Firma Barbet, Métivier und Morand mein Werk wegzuschnappen . . . Damit erklärt sich alles. Sie geben mir Vorschüsse, wie jene es gemacht haben; nur, daß Sie das in gefälliger Weise tun.«

»Hat Ihnen die Vauthier eben gesagt, daß ich Kommis eines Buchhändlers bin?« fragte Gottfried den Alten.

»Jawohl«, antwortete dieser.

»Nun, Herr Bernard, um zu wissen, was ich mehr geben kann, als was Ihnen die Herren bieten, ist es erforderlich, daß Sie mir die Bedingungen nennen, die Sie mit ihnen vereinbart haben.«

»Das ist nicht mehr als billig«, bemerkte der ehemalige Beamte, der glücklich darüber zu sein schien, daß er Gegenstand einer Konkurrenz geworden war, bei der er nur gewinnen konnte. »Wissen Sie, um was für ein Werk es sich handelt?«

»Nein, ich weiß nur, daß damit ein gutes Geschäft zu machen ist.«

»Es ist jetzt erst einhalb zehn Uhr, meine Tochter hat schon gefrühstückt, mein Enkelsohn August kommt erst um dreiviertel elf zurück, und Cartier bringt die Blumen erst in einer Stunde; wir können also miteinander reden, Herr . . .?«

»Gottfried.«

»Also, Herr Gottfried, das Werk, um das es sich handelt, ist von mir im Jahre 1825 begonnen worden, zu der Zeit, als das Ministerium, in Sorge über die andauernde Entwertung des Grundeigentums, den Gesetzentwurf über die Fideikommisse einbrachte, der abgelehnt wurde. Gewisse Mängel unserer Gesetzbücher und unserer französischen grundlegenden Institutionen hatten meine Aufmerksamkeit erregt. Unsere Codes sind Gegenstand wichtiger Arbeiten gewesen; aber alle diese Abhandlungen bewegten sich nur auf juristischem Boden; niemand hatte es gewagt, das Werk der Revolution, oder, wenn Sie wollen, Napoleons in seiner Gesamtheit zu prüfen, den Geist dieser Gesetze zu studieren und ihre Wirkungen zu beurteilen. Das behandelt in der Hauptsache mein Werk; es hat vorläufig den Titel: ›Der Geist der neuen Gesetze‹; es umfaßt die Grundsätze der natürlichen Entwicklung ebenso wie die Codes, alle Codes, denn wir besitzen viel mehr als fünf Codes: Mein Buch wird also in fünf Bänden erscheinen und einem sechsten Bande mit Zitaten, Noten und Nachweisen. Ich habe noch drei Monate daran zu arbeiten. Der Eigentümer dieses Hauses, ein früherer Buchhändler, hat aus einigen Fragen, die ich an ihn gerichtet hatte, hierbei eine gute Spekulation geahnt oder gewittert, wenn Sie wollen. Ich habe von Anfang an dabei nur an das Wohl meines Landes gedacht. Aber dieser Barbet hat mich umgarnt . . . Sie werden sich fragen, wie ein Buchhändler einen alten Beamten hat überlisten können; nun, mein Herr, Sie kennen meine Geschichte, und dieser Mensch ist ein Wucherer; er besitzt den Scharfblick und die Gerissenheit dieser Leute . . . Sein Geld hat immer meiner Not ausgeholfen . . . Er wußte sich immer einzufinden, wenn die Verzweiflung mich wehrlos gemacht hatte.«

»Ach nein, mein werter Herr«, sagte Gottfried; »er besaß in der Mutter Vauthier ganz einfach einen Spion; aber welches sind seine Bedingungen? Bitte, sagen Sie sie mir genau. «

»Man hat mir fünfzehnhundert Franken geliehen, für die jetzt als Unterlage drei Wechsel von mir über je tausend Franken vorliegen, und diese dreitausend Franken sind hypothekarisch durch Vertrag auf mein Eigentum an dem Werke eingetragen, über das ich also nur verfügen darf, wenn ich die Wechsel einlöse; die Wechsel sind nach kontradiktorischer Verhandlung protestiert . . . das sind die Folgen meines Elends, mein Herr . . . Bei bescheidenster Bewertung würde für die erste Auflage dieses riesigen Werkes, des Ergebnisses zehnjähriger Arbeit und sechsunddreißigjähriger Erfahrung, ein Preis von mindestens zehntausend Franken angemessen sein . . . Nun, vor fünf Tagen bot mir Morand tausend Taler und meine quittierten Wechsel für das volle Eigentum daran . . . da ich nicht dreitausendzweihundertvierzig Franken aufzutreiben vermag, so werde ich es ihnen, wenn Sie nicht dazwischen treten, wohl hingeben müssen . . . Sie haben sich nicht mit meinem Ehrenworte begnügt; zu ihrer größeren Sicherheit verlangten sie Wechsel, die sie protestieren ließen und ausklagten, so daß sie mich verhaften lassen können. Wenn ich sie bezahle; dann haben die Wucherer ihr angelegtes Geld verdoppelt; wenn ich mit ihnen abschließe, werden sie ein Vermögen verdienen, denn der eine von ihnen ist ein früherer Papierhändler, und Gott weiß, wieviel sie noch bei der Drucklegung ersparen können. Und da sie meinen Namen dazu besitzen, so wissen sie, daß der Absatz von zehntausend Exemplaren garantiert ist.«

»Aber wie können Sie, mein Herr, Sie, ein ehemaliger hoher Beamter! . . .«

»Was wollen Sie? Nicht einen Freund! Nicht einen, der sich meiner erinnerte! . . . Und ich habe doch viele Köpfe gerettet, wenn ich auch welche abschlagen lassen mußte! . . . Und dann, meine Tochter, meine Tochter, deren Krankenwärter ich bin, der ich Gesellschaft leisten muß, denn ich arbeite nur nachts . . . Ach, junger Mann, nur die Unglücklichen können über das Elend urteilen . . . Heute denke ich, daß ich einstmals zu streng gewesen bin.«

»Mein Herr, ich wünsche nicht Ihren Namen zu wissen. Ich kann nicht über tausend Taler verfügen, zumal da ich Halpersohn und Ihre kleinen Schulden bezahlen will; aber ich werde Sie retten, wenn Sie mir schwören, daß Sie nicht über Ihr Werk verfügen wollen, ohne mich vorher benachrichtigt zu haben; es ist nicht möglich, sich auf ein so bedeutendes Geschäft einzulassen, ohne Fachleute befragt zu haben. Meine Prinzipale sind vermögend, und ich kann Ihnen einen Erfolg versprechen, wenn Sie mir tiefstes Geheimnis zusichern wollen, selbst Ihren Kindern gegenüber, und wenn Sie Ihre Zusage halten . . .«

»Der einzige Erfolg, den ich erstrebe, ist die Gesundheit meiner armen Wanda; denn solche Leiden löschen in dem Herzen eines Vaters jede andere Empfindung aus, und die Ruhmesliebe bedeutet dem nichts mehr, der das Grab vor sich offen sieht . . .«

»Ich werde heute abend zu Ihnen kommen; Halpersohn wird jeden Augenblick erwartet, ich habe mir vorgenommen, alle Tage nachzusehen, ob er zurückgekommen ist . . . Ich will Ihnen den ganzen heutigen Tag opfern.«

»Oh, wenn Sie die Heilung meiner Tochter erreichen können, mein Herr . . . mein Herr . . ., dann will ich Ihnen mein Werk überlassen! . . .«

»Mein Herr,« sagte Gottfried, »ich bin kein Buchhändler.«

Der Alte machte eine Bewegung des Erstaunens.

»Was wollen Sie, ich habe die alte Vauthier das glauben lassen, um besser hinter die Ihnen gestellte Falle zu kommen . . .«

»Aber wer sind Sie denn?«

»Gottfried!« erwiderte der Neophyt. »Und da Sie mir gestatten, Ihnen so viel anzubieten, daß Sie etwas besser leben können,« fügte er lächelnd hinzu, »so können Sie mich ja Gottfried von Bouillon nennen.«

Der Alte war zu erregt, als daß er über diesen Scherz hätte lachen können. Er streckte Gottfried die Hand hin und drückte die Hand seines Nachbars.

»Sie wollen Ihr Incognito bewahren? . . .« sagte er, und sein Blick zeigte eine Mischung von Traurigkeit und Beunruhigung.

»Wollen Sie mir das nicht erlauben?«

»Nun gut, machen Sie das, wie Sie wollen! . . . Und kommen Sie heute abend; Sie sollen meine Tochter sehen, wenn ihr Befinden es gestattet . . .«

Das war offenbar das größte Zugeständnis, das der arme Vater machen konnte; und aus dem dankbaren Blick, den ihm Gottfried zuwarf, ersah der Alte mit Genugtuung, daß er verstanden worden war.

Eine Stunde später erschien Cartier mit herrlichen Blumen, erneuerte selbst den Inhalt der Jardinieren, tat frisches Moos hinein, und Gottfried bezahlte seine Rechnung ebenso wie die des Lesekabinetts, die bald darauf präsentiert wurde. Bücher und Blumen waren das Brot der armen kranken oder vielmehr gemarterten Frau, die sich mit so wenig Nahrung begnügte. Wenn er an diese, wie die des Laokoon, (dieses genialen Abbildes so vieler Existenzen) vom Unglück erdrückte Familie dachte, empfand Gottfried, der nach der Rue Marbeuf hin schlenderte, doch noch mehr Neugierde als Drang zur Wohltätigkeit. Diese inmitten des furchtbarsten Elends von Luxus umgebene Kranke ließ ihn die schauderhaften einzelnen Erscheinungen der abnormsten aller nervösen Erkrankungen vergessen, die glücklicherweise, wie mehrere Fachschriftsteller bekunden, eine ganz seltene Ausnahme ist; einer unserer plauderlustigsten Berichterstatter, Tallemant des Réaux, erwähnt ein Beispiel davon. Man stellt sich die Frauen auch bei den furchtbarsten Leiden gern elegant vor. So versprach sich Gottfried auch ein Vergnügen davon, daß er nun in dieses Zimmer eindringen sollte, das seit sechs Jahren nur der Arzt, der Vater und der Sohn betreten hatten. Trotzdem schalt er sich schließlich wegen seiner Neugierde aus. Er begriff, daß dieses natürliche Gefühl in dem Maße zurücktreten müßte, in welchem er seinen Wohltätigkeitsdienst weiter ausüben würde, bei dem er immer neue Familien und immer neue Leiden zu sehen bekäme.

Man gelangt in der Tat schließlich zu der göttergleichen Anpassungsfähigkeit, in der Einen nichts mehr in Erstaunen setzt und überrascht, ebenso wie man in der Liebe zu der erhabenen Gemütsruhe gelangt, und durch beständige Fürsorge und Zärtlichkeit ihrer Kraft und Dauer sicher wird.

Gottfried erfuhr, daß Halpersohn in der Nacht zurückgekehrt war; aber schon frühmorgens hatte er zu seinen Kranken, die ihn erwarteten, fahren müssen. Die Portierfrau sagte Gottfried, er solle am nächsten Morgen vor neun Uhr wiederkommen.

Da er sich der Ermahnung Alains über die Sparsamkeit in persönlichen Ausgaben erinnerte, speiste Gottfried für fünfundzwanzig Sous in der Rue de Tournon und wurde für seine Selbstverleugnung belohnt, indem er sich hier mitten unter Setzern und Korrektoren einer Druckerei befand. Er hörte eine Diskussion über Herstellungskosten mit an, an der er sich beteiligte, und erfuhr so, daß ein Oktavband von vierzig Druckbogen bei einer Auflage von tausend Exemplaren nicht mehr als dreißig Sous pro Exemplar bei sorgfältigster Ausführung koste. Er nahm sich vor, sich noch über den Preis zu informieren, zu dem juristische Bücher verkauft wurden, um einer Verhandlung mit den Buchhändlern, die Herrn Bernard in der Hand hatten, gewachsen zu sein, wenn er mit ihnen zusammenträfe.

Gegen sieben Uhr abends kehrte er durch die Rues Vaugirard, Madame und de l'Ouest nach dem Boulevard Mont-Parnasse zurück und überzeugte sich, wie einsam dieses Viertel war, denn er begegnete keinem Menschen. Allerdings war strenge Kälte eingetreten, der Schnee fiel in dicken Flocken, und die Wagen fuhren geräuschlos über das Pflaster.

»Ah, da sind Sie ja, lieber Herr!« sagte die Witwe Vauthier, als sie Gottfried erblickte; »hätte ich gewußt, daß Sie so früh nach Hause kommen würden, so hätte ich Ihnen Feuer gemacht.«

»Das ist überflüssig, antwortete Gottfried, als er sah, daß die Vauthier ihm folgte; »ich werde den Abend bei Herrn Bernard verbringen . . .«

»Nanu, sind Sie denn sein Vetter, daß Sie schon am zweiten Tage auf Einladungsfuß mit ihm stehen? . . . Ich dachte, der Herr würde die Besprechung mit mir, die wir angefangen hatten, fortsetzen.«

»Ach so, wegen der vierhundert Franken!« sagte Gottfried leise zu der Witwe. »Hören Sie mal, Mama Vauthier, Sie wollen sich zwischen der Ziege und dem Kohlkopf hindurchschlängeln, und werden nun weder die Ziege noch den Kohlkopf bekommen; denn was mich betrifft, so haben Sie mich bereits verraten . . . das Geschäft ist mir ganz mißlungen . . .«

»Aber glauben Sie doch das nicht, lieber Herr . . . Morgen früh, wenn Sie frühstücken . . .«

»Oh, morgen muß ich, wie Ihre beiden Schriftsteller, schon bei Tagesanbruch fortgehen . . .«

Das frühere Leben Gottfrieds als Dandy und als Journalist kam ihm darin zustatten, daß er genügend Erfahrung besaß, um sich denken zu können, daß, wenn er nicht so handelte, Barbets Spießgesellin den Buchhändler von jeder Gefahr benachrichtigen, und daß die Verfolgungen beginnen und sehr bald die Freiheit Bernards bedrohen würden; während das Trio der habgierigen Geschäftsleute, wenn er sie in dem Glauben ließ, daß sie keinerlei Gefahr liefen, sich ruhig verhalten mochte. Aber Gottfried kannte die Natur einer Pariserin noch nicht genügend, wenn sie sich als Witwe Vauthier verkleidet. Dieses Weib wollte Geld von Gottfried und von ihrem Hausbesitzer haben. Sie rannte also schnurstracks zu ihrem Herrn Barbet, während Gottfried seinen Anzug für den Besuch bei Herrn Bernards Tochter wechselte. Es schlug acht vom Kloster de la Visitation, auf der Turmuhr des Viertels, als der neugierige Gottfried leise an der Tür seines Nachbars klopfte. August öffnete; da es ein Sonnabend war, so hatte der junge Mensch den Abend für sich; Gottfried fand ihn mit einem kurzen Rock aus schwarzem Samt, blauseidener Krawatte und einer ziemlich guten schwarzen Hose bekleidet; aber sein Erstaunen, den jungen Mann so anders als sonst gekleidet zu sehen, schwand sofort, sobald er das Zimmer der Kranken betreten hatte: er begriff, weshalb der Vater und der Sohn hier gut angezogen sein mußten.

In der Tat war der Gegensatz zwischen der elenden Behausung, die er am Morgen gesehen hatte, und dem Luxus dieses Zimmers so stark, daß Gottfried davon geblendet sein mußte, wenn er auch an das Raffinement und die Eleganz reicher Leute gewöhnt war.

Die Wände waren mit gelber Seide, unterbrochen von grünseidenen Streifen von lebhafter Farbe, bespannt und machten das Zimmer außerordentlich freundlich, dessen Fußboden ganz mit einem Moketteteppich mit weißem, geblümtem Fond bedeckt war. Die beiden Fenster, die schöne, mit weißer Seide gefütterte Vorhänge hatten, bildeten gleichsam zwei Bosketts, mit so viel Jardinieren waren sie vollkommen ausgefüllt. Stores ließen nichts von dem Reichtum, der in diesem Viertel so selten war, von draußen erkennen. Die in Leimfarbe ganz weiß gestrichene Holztäfelung wurde von einigen goldenen Streifen belebt.

An der Tür hing eine schwere, mit fein aufgenähter Stickerei geschmückte Portiere, die jedes von außenkommende Geräusch abhielt. Diese prächtige Portiere war von der Kranken verfertigt worden, die wie mit Feenfingern arbeitete, wenn sie ihre Hände gebrauchen konnte.

Im Hintergrunde des Zimmers, der Tür gegenüber, befand sich der Kamin, mit grünem Sammet bekleidet und mit einer ausgesuchten Garnitur geschmückt, den letzten Überbleibseln des Reichtums der beiden Familien; sie bestand aus einer merkwürdigen Uhr, (ein Elefant trug einen Porzellanturm, aus dem eine Unzahl von Blumen heraushingen) aus zwei Kandelabern gleichen Stils und aus kostbaren Chinaarbeiten. Der Aschenkasten, die Feuerböcke, die Feuerschaufeln und -zangen, alles war äußerst kostbar.

Die größte der Jardinieren stand in der Mitte des Zimmers unter einem an einer Rosette hängenden Kronleuchter von Porzellanblumen.

Das Bett, in dem die Tochter des Beamten lag, war eins von den schönen Betten aus geschnitztem Holz, in Weiß und Gold gehalten, wie sie zur Zeit Ludwigs XV. hergestellt wurden. Am Kopfende stand ein hübscher Tisch mit eingelegter Arbeit, auf dem sich alles für ein solches Leben im Bette Erforderliche befand. An der Wand war ein zweiarmiger Wandleuchter befestigt, der mit einer leichten Handbewegung hin und her geschoben werden konnte. Ein außerordentlich bequemer, den Bedürfnissen der Kranken angepaßter kleiner Tisch stand neben ihr. Das Bett hatte eine prachtvolle Steppdecke und aufgenommene Vorhänge und war ganz überdeckt mit Büchern und einem Handarbeitskorb; ohne die beiden Kerzen des beweglichen Wandleuchters hätte Gottfried die Kranke nur schwer hinter all diesen Dingen entdecken können.

Sie war nur noch ein Antlitz mit sehr weißem, um die Augen von den Schmerzen dunkel gewordenem Teint, in welchem Feueraugen brannten, und das als Hauptschmuck prachtvolles schwarzes Haar zeigte, dessen viele Riesenwellen in Locken herabhingen und zeigten, daß die Frisur die Kranke einen großen Teil des Morgens in Anspruch nahm, was sich auch aus einem tragbaren Spiegel am Fuße des Bettes ersehen ließ.

Nichts von modernem Raffinement fehlte hier. Verschiedenes Spielzeug, womit sich die arme Wanda die Zeit vertrieb, bewies, wie die väterliche Liebe sich bis zum Unsinnigen verstieg.

Der Alte erhob sich von einem prächtigen, in weiß und gold gehaltenen Lehnstuhl im Stile Ludwigs XV., der mit einer Stickerei bezogen war, und ging Gottfried einige Schritte entgegen, der ihn sicher nicht wiedererkannt hätte, denn das sonst so kühle strenge Gesicht hatte den heiteren Ausdruck, wie er alten Herren eigen ist, die die vornehmen Manieren und das gewandte Auftreten von Hofleuten beibehalten haben. Sein gesteppter brauner Rock stand in Einklang mit der Pracht ringsum, und er schnupfte aus einer goldenen, diamantenbesetzten Tabaksdose! . . .

»Hier, mein liebes Kind,« sagte Herr Bernard zu seiner Tochter und nahm Gottfried bei der Hand, »ist der Nachbar, von dem ich dir erzählt habe.«

Und er machte seinem Enkelsohn ein Zeichen, daß er einen dem Lehnstuhl ähnlichen Sessel, von denen zwei zu beiden Seiten des Kamins standen, heranschieben solle.

»Der Herr heißt Herr Gottfried und ist außerordentlich liebenswürdig gegen uns.«

Wanda antwortete mit einem Kopfnicken auf Gottfrieds tiefe Verbeugung; an der Art, wie sich ihr Hals hin und her bewegte, sah Gottfried deutlich, daß das ganze Leben der Kranken auf das Haupt beschränkt war. Die abgemagerten Arme, die schlaffen Hände lagen auf der feinen weißen Decke wie zwei Dinge, die dem Körper fremd geworden waren, der gar keinen Platz in dem Bette einzunehmen schien. Die für die Kranke notwendigen Dinge befanden sich hinter ihrem Kopfkissen auf einer mit einem seidenen Vorhang verhüllten Etagere.

»Sie sind die erste Person, mein Herr, abgesehen von den Ärzten, die für mich keine Männer sind, die ich seit sechs Jahren zu Gesicht bekommen habe; Sie können sich daher nicht vorstellen, wie gespannt ich war, Sie zu sehen, als mein Vater mir Ihren Besuch ankündigte . . . Meine Neugierde war wirklich unbezwinglich, leidenschaftlich, so wie die unserer Mutter Eva . . . Mein Vater, der so gütig gegen mich ist, und mein Sohn, den ich so lieb habe, genügen ganz gewiß, um die Einsamkeit einer Seele zu beleben, die beinahe schon körperlos ist; aber die Seele ist doch trotzdem eine weibliche geblieben; ich habe das an der kindlichen Freude gemerkt, die mir die Erwartung Ihres Besuches einflößte . . . Sie werden mir das Vergnügen machen, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen, nicht wahr?«

»Der Herr hat mir den Abend zugesagt«, antwortete der Alte mit dem Anstand eines Millionärs, der in seinem Hause die Repräsentationspflichten erfüllt.

August, der auf einem mit Stickerei überzogenen Stuhl an einem kleinen Tisch mit eingelegter Arbeit und Bronzeverzierungen saß, las bei dem Lichte der Kandelaber auf dem Kamin.

»August, mein Kind, sag, daß Johann uns in einer Stunde den Tee bringen soll.«

Sie begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Blick, auf den August mit einem Nicken antwortete.

»Würden Sie glauben, mein Herr, daß ich seit sechs Jahren keine andere Bedienung habe als meinen Vater und meinen Sohn, und auch keine andere ertragen könnte? Wenn sie mir fehlten, würde ich sterben . . . Mein Vater will nicht, daß Johann, ein armer Normanne, der seit dreißig Jahren in unserm Dienst steht, mein Zimmer betritt.

»Das meine ich wohl«, sagte der Alte schlau; »der Herr hat ihn gesehen, wie er Holz spaltete und es hinaufbrachte; er besorgt die Küche und die Gänge; er trägt eine schmutzige Schürze; er würde die ganze Eleganz hier zerstören, die meine Tochter so notwendig braucht, da dieses Zimmer ihre ganze Welt bedeutet . . .«

»Oh, gnädige Frau, Ihr Herr Vater hat vollkommen recht . . .«

»Aber warum denn?« sagte sie. »Wenn Johann mein Zimmer beschädigte, so würde es mein Vater wieder neu herstellen lassen.«

»Gewiß, mein Kind; aber dem steht im Wege, daß du es doch nicht verlassen kannst; und die Pariser Tapezierer, die kennst du nicht! . . . Sie würden drei Monate brauchen, um das Zimmer wieder neu herzustellen. Denke nur daran, was für einen Staub es geben würde, wenn man den Teppich aufnähme. Johann hier aufräumen lassen – wie kannst du nur an so etwas denken! . . . Nur durch die peinlichste Vorsicht, deren allein ein Vater und ein Sohn fähig sind, haben wir das Ausfegen und den Staub vermieden . . . Und wenn Johann bloß zum Bedienen herein käme, wäre es damit in einem Monat zu Ende . . .«

»Es geschieht ja nicht aus Sparsamkeit,« sagte Gottfried, »sondern Ihres Gesundheitszustandes wegen. Ihr Herr Vater hat recht . . .«

»Ich beklage mich ja auch nicht«, versetzte Wanda in kokettem Tone.

Ihre Stimme klang wie Musik. Seele, Bewegung, Leben – alles konzentrierte sich in ihrem Blick und ihrer Stimme; durch Übung, zu der ihr ja die Zeit nicht mangelte, war Wanda dahin gelangt, die Schwierigkeiten, die ihr aus dem Verlust der Zähne erwuchsen, zu überwinden.

»Ich bin immerhin noch glücklich zu nennen, mein Herr, bei all dem Unglück, das über mich hereingebrochen ist; denn der Reichtum hilft sehr, solche Leiden zu ertragen . . . Wären wir in Not, so würde ich schon vor achtzehn Jahren gestorben sein, so aber lebe ich noch! . . . Ich kann mir Genüsse verschaffen, die um so köstlicher sind, als ich sie beständig dem Tode abringen muß . . . Sie werden mich gewiß für sehr schwatzhaft halten . . .« schloß sie lächelnd.

»Gnädige Frau,« erwiderte Gottfried, »ich möchte Sie am liebsten bitten, immer weiter zu sprechen, denn ich habe noch nie eine Stimme gehört, die mit der Ihrigen zu vergleichen wäre . . . Das ist die reine Musik: Rubini kann Einen nicht mehr begeistern . . .«

»Ach, sprechen Sie nicht von Rubini und der italienischen Oper«, sagte der Alte mit einem Anflug von Traurigkeit. »Wie reich wir auch sind, – es ist mir doch nicht möglich, meiner Tochter, die eine bedeutende Musikerin war, diesen Genuß, den sie leidenschaftlich begehrt, zu verschaffen.«

»Oh, verzeihen Sie«, sagte Gottfried.

»Sie müssen sich an uns gewöhnen«, bemerkte der Alte.

Lächelnd sagte die Kranke: »Das geschieht folgendermaßen: Wenn man Ihnen mehrmals ›Achtung‹ zugerufen haben wird, dann werden Sie das Blindekuhspiel unserer Unterhaltung begriffen haben.«

Gottfried wechselte einen schnellen Blick mit Herrn Bernard, der, als er Tränen in den Augen seines Nachbars sah, einen Finger auf den Mund legte, um ihm anzudeuten, er solle den Heroismus, den er mit seinem Enkelsohn seit sieben Jahren bewies, nicht erschüttern.

Dieser ständige erhabene Betrug, den die völlige Ahnungslosigkeit der Kranken bestätigte, machte auf Gottfried den Eindruck, als wenn zwei Gemsenjäger einen steilen Bergabsturz mühelos hinabstiegen. Die prachtvolle goldene, diamantenbesetzte Dose, mit der der Alte am Fußende des Bettes seiner Tochter unbefangen spielte, erschien als ein genialer Zug im Spiele eines überragenden Mannes, der einen Ruf der Bewunderung auslösen müßte. Gottfried betrachtete die Tabaksdose und fragte sich, warum sie nicht verkauft oder ins Leihhaus getragen worden sei; er beschloß, mit dem Alten darüber zu reden.

»Meine Tochter, Herr Gottfried, ist durch die Ankündigung Ihres Besuches heute abend in eine solche Erregung geraten, daß alle die abnormen Erscheinungsformen ihrer Krankheit, die uns seit zwölf Tagen in Verzweiflung versetzten, vollkommen verschwunden sind . . . Urteilen Sie also, ob ich Ihnen dankbar bin!«

»Und ich erst! . . .« rief die Kranke mit ihrer einschmeichelnden Stimme und machte eine kokette Kopfbewegung. »Der Herr ist für mich der Abgesandte der großen Welt . . . Seit zwanzig Jahren, mein Herr, weiß ich nicht mehr, was ein Salon, eine Soiree, ein Ball ist . . . Dabei liebe ich den Tanz und schwärme fürs Theater, besonders für die Oper. Ich kann mir alles nur in Gedanken vorstellen. Ich lese sehr viel. Und dann erzählt mir mein Vater, was in der Welt vorgeht . . .«

Als er das hörte, machte Gottfried eine Bewegung, als wolle er vor dem armen Alten niederknien.

»Ja, wenn er in die Italienische Oper geht, und er geht oft hin, dann beschreibt er mir die Toiletten und berichtet mir, wie gesungen wurde. Ach, ich möchte so gern gesund werden, zunächst um meines Vaters willen, der einzig und allein für mich lebt, wie ich durch ihn und für ihn lebe; dann für meinen Sohn, dem ich eine andere Mutter sein möchte! Ach, mein Herr, was für vollkommene Wesen sind mein alter Vater . . . und mein vortrefflicher Sohn . . . Aber ich möchte auch gesund werden, um Lablache, Rubini, Tamburini, die Grisi und die Puritaner zu hören . . . Aber . . .«

»Ruhe, mein Kind! . . . Wenn wir über Musik reden, dann sind wir verloren«, sagte der Alte lächelnd.

Er lächelte, und dieses Lächeln, das sein Gesicht verjüngte, täuschte offenbar die Kranke immer.

»Ja, ich will artig sein«, sagte Wanda mit mutwilligem Gesicht; »aber schenk mir das Akkordeon.«

Damals war dieses tragbare Musikinstrument erfunden worden, das gerade auf dem Bettrande der Kranken Platz hatte und das nur mit den Füßen getreten zu werden brauchte, um Orgeltöne von sich zu geben. In bester Ausführung kam dieses Instrument einem Klavier gleich; aber es kostete damals dreihundert Franken. Die Kranke hatte aus den Zeitungen und Revuen, die sie las, von der Existenz dieses Instruments erfahren und wünschte sich eins seit zwei Monaten.

»Ja, gnädige Frau, Sie sollen eins haben«, entgegnete Gottfried auf einen Blick, den ihm der Alte zuwarf. »Ein Freund von mir, der nach Algier geht, besitzt ein ausgezeichnetes, das ich mir von ihm leihen werde; bevor Sie sich eins kaufen, können Sie das ja ausprobieren . . . Es wäre möglich, daß die stark vibrierenden Töne Ihnen nicht zusagen . . .«

»Kann ich es morgen haben?« . . .« sagte sie mit der Lebhaftigkeit einer Kreolin.

»Morgen,« bemerkte Herr Bernard, »das wäre sehr schnell, und morgen ist Sonntag.«

»Ach! . . .« sagte sie und sah Gottfried an, der ihre Seele umherflattern zu sehen meinte, während er die überall hin gerichteten Blicke Wandas anstaunte.

Bisher hatte Gottfried noch nicht gewußt, welche Macht der Stimme und den Augen innewohnt, wenn sich das ganze Leben in ihnen konzentriert. Ihr Blick war kein Blick mehr, sondern eine Flamme oder, besser gesagt, ein göttliches Auflodern, ein sich mitteilender Strahl von Leben und Intelligenz, der sichtbar gewordene Gedanke! Diese Stimme mit ihren tausend Nuancen ersetzte die Bewegungen, die Gesten und die Haltung des Kopfes. Die Veränderung ihres Teints, der seine Farbe wechselte wie das sagenhafte Chamäleon, machte diese Illussion oder, wenn man will, dieses Wunder vollständig. Das in die batistenen, mit Spitzen garnierten Kissen vergrabene Haupt war eine ganze Person.

In seinem ganzen Leben hatte Gottfried niemals ein so großartiges Schauspiel vor Augen gehabt, und er konnte seine Erregung kaum bewältigen. Dazu kam noch eine andere erhabene Wirkung! Denn die ganze Situation war so eigenartig, so poetisch und so grauenhaft, daß bei den Zuschauern nur noch die Seele lebendig war. Die nur von Empfindung gespeiste Atmosphäre übte einen wunderbaren Einfluß auf sie aus. Sie fühlten ihren Körper ebenso wenig wie die Kranke. Alle empfanden sich nur als geistig. Wenn er diesen dürftigen Überrest einer hübschen Frau betrachtete, vergaß Gottfried die tausend eleganten Details dieses Zimmers und fühlte sich wie im Freien. Erst nach Verlauf einer halben Stunde bemerkte er eine mit Kuriositäten besetzte Etagere, die unterhalb eines herrlichen Porträts angebracht war, das ihn die Kranke zu betrachten bat; denn es war von Géricault.

»Géricault«, sagte sie, »stammte aus Rouen, und da seine Familie meinem Vater, dem ersten Präsidenten, verpflichtet war, so stattete er uns seinen Dank mit diesem Meisterwerke ab, das mich im Alter von sechzehn Jahren darstellt.«

»Sie besitzen da ein sehr schönes Bild,« sagte Gottfried, »das denen, die sich mit den so seltenen Werken dieses Genies beschäftigt haben, völlig unbekannt ist.«

»Für mich«, entgegnete sie, »hat es nur als Zeichen der Freundschaft Bedeutung, ich lebe ja nur mit dem Herzen, und ich führe das schönste Leben,« fügte sie hinzu, sah ihren Vater an und legte ihre ganze Seele in diesen Blick. »Ach, mein Herr, wenn Sie wüßten, was ich für einen Vater habe! Wer hätte jemals geglaubt, daß dieser hohe strenge Beamte, dem sich der Kaiser so sehr verpflichtet fühlte, daß er ihm diese Tabaksdose schenkte, und den Karl X. mit jenem Sèvresgeschirr belohnen zu müssen glaubte, das dort,« sagte sie und zeigte auf die Konsole, »daß diese feste Stütze von Thron und Regierung, dieser gelehrte Publizist, in seinem Herzen von Eisen die Zartheit einer Mutter besäße. Oh, Papa, Papa, küsse mich! . . . Komm! Ich verlange es, wenn du mich lieb hast.«

Der Greis erhob sich, neigte sich über das Bett und drückte einen Kuß auf die große, weiße, von poetischen Gedanken erfüllte Stirn seiner Tochter, deren krankhafte Einfälle nicht immer diesem Ausbruch von Zärtlichkeit glichen.

Dann ging er im Zimmer auf und ab in von seiner Tochter geflickten Pantoffeln, ohne das geringste Geräusch zu machen.

»Und womit beschäftigen Sie sich?« fragte sie Gottfried nach einer Pause.

»Ich bin von frommen Leuten angestellt, gnädige Frau, um sehr unglücklichen Menschen Hilfe zu bringen.«

»Ach, was für ein schöner Beruf, mein Herr!« sagte sie. »Würden Sie glauben, daß auch ich die Absicht hatte, mich ihm zu widmen? . . . Aber was für Pläne habe ich nicht schon geschmiedet!« fuhr sie kopfschüttelnd fort. »Der Schmerz ist wie eine Fackel, die uns den Lebensweg erhellt . . . Ach, wenn ich doch wieder gesund würde!«

»Dann würdest du dir Vergnügungen gönnen, mein Kind«, sagte der Alte.

»Gewiß,« entgegnete sie, »ich sehne mich danach, aber werde ich es auch können? Mein Sohn wird, so hoffe ich, ein seiner beiden Großväter würdiger Beamter werden, und er wird mich verlassen. Was soll ich tun? . . . Wenn Gott mir das Leben wiederschenken sollte, werde ich es ihm weihen! Oh, aber erst, wenn ich euch alles vergolten haben werde, was ihr an mir getan habt!« rief sie und sah ihren Vater und ihren Sohn an. »Es gibt Augenblicke, lieber Vater, wo die Ideen des Herrn de Maistre mich beunruhigen, ich glaube, daß ich irgend etwas abzubüßen habe.

»Das kommt von dem vielen Lesen«, rief der Alte sichtlich bekümmert aus.

»Der tapfere polnische General, mein Urgroßvater, wird ganz ahnungslos bei der Teilung Polens mitgewirkt haben.«

»So, da sind wir wieder bei Polen!« bemerkte Bernard.

»Was willst du, Papa! Meine Schmerzen sind unerträglich, sie machen mir das Dasein zur Hölle, es ekelt mir vor mir selber. Womit habe ich das nur verdient? Eine solche Krankheit ist keine einfache Störung der Gesundheit, alle Organe funktionieren falsch, und . . .«

»Sing uns doch das Volkslied, das deine arme Mutter immer sang, du wirst dem Herrn eine Freude damit machen, ich habe ihm von deinem Gesang erzählt«, sagte der Alte, der anscheinend seine Tochter von den Gedanken, in die sie sich verrannte, abbringen wollte. Wanda begann nun mit leiser süßer Stimme ein polnisches Lied zu singen, das Gottfried starr vor Bewunderung machte und ihn in Trauer versetzte. Die Melodie, ähnlich den melancholischen Weisen der Bretagne, gehörte zu denen, die noch lange Zeit, nachdem man sie gehört hat, im Herzen nachklingen. Während Wanda sang, betrachtete Gottfried sie, aber er konnte den verzückten Blick dieses Überbleibsels einer Frau, die fast irrsinnig war, nicht ertragen und richtete seine Augen auf die Quasten, die an beiden Seiten des Betthimmels herabhingen.

»Ach,« sagte Wanda und begann über Gottfrieds aufmerksame Betrachtung zu lachen, »Sie fragen sich, wozu das dient!«

»Wanda, sagte der Vater, »beruhige dich doch, mein Kind! Sieh, hier kommt der Tee. Das, mein Herr,« wandte er sich an Gottfried, »ist eine sehr kostbare Maschinerie. Meine Tochter kann nicht aufstehen, und ebensowenig kann sie in ihrem Bette bleiben, ohne daß es zurechtgemacht, und ohne daß die Wäsche gewechselt wird. Diese Schnüre laufen über Rollen, und indem wir ihr ein viereckiges Stück Leder unterschieben, das an den vier Ecken von den Schnüren gehalten wird, können wir sie ohne Anstrengung für sie und für uns in die Höhe heben.«

»So entführt man mich«, rief Wanda ausgelassen.

Glücklicherweise erschien jetzt August mit der Teekanne, die er auf einen kleinen Tisch stellte; daneben setzte er die Schüssel aus Sèvresporzellan und belegte sie mit Gebäck und Sandwichs. Dann brachte er Sahne und Butter. Der Anblick dieser Zurüstungen gab den Gedanken der Kranken, die eine Krisis befürchten ließen, eine ganz andere Richtung.

»Hier, Wanda, hast du den neuen Roman von Nathan. Wenn du heute Nacht wach wirst, dann hast du etwas zu lesen.«

»›Die Perle von Dol‹. Ach, das muß eine Liebesgeschichte sein! August, höre nur, ich werde ein Akkordeon bekommen.«

August richtete sich jäh auf und warf seinem Großvater einen eigentümlichen Blick zu.

»Sehen Sie nur, wie er seine Mutter lieb hat! bemerkte Wanda. »Komm, küsse mich, mein Engel. Nein, nicht deinem Großvater, sondern dem Herrn hier mußt du danken; denn unser Nachbar will mir morgen eins leihen. Wie ist es denn beschaffen?«

Auf einen Wink des Alten erklärte Gottfried eingehend das Akkordeon, während er den von August bereiteten Tee schlürfte, der von hervorragender Güte war.

Gegen einhalbelf Uhr zog sich Gottfried zurück, ermüdet von dem Schauspiel dieses unerhörten Kampfes von Vater und Sohn, indem er ihren Heroismus und ihre Geduld bewunderte, alle Tage diese Doppelrolle zu spielen, die in beiden Beziehungen gleich drückend war.

»Jetzt, mein Herr,« sagte Herr Bernard, der ihn in seine Wohnung begleitet hatte, »werden Sie das Leben, das ich führe, verstehen! Zu jeder Stunde fühle ich mich wie ein Dieb, der auf alles achtgeben muß. Ein Wort, eine Geste könnten meiner Tochter den Tod bringen! Wenn eine Kleinigkeit unter den Dingen, die sie umgeben, fehlte, würde ihr Verstand, der durch die Mauern sieht, alles erraten.

»Mein Herr,« entgegnete Gottfried, »Montag wird Halpersohn seine Diagnose stellen; er ist zurückgekommen. Aber ich zweifle, ob die Wissenschaft diesen Körper wieder wird gesundmachen können . . .«

»Oh, darauf rechne ich auch nicht«, sagte der alte Richter; »wenn man ihr nur das Leben erträglich machen kann . . . Ich verließ mich auf Ihre Einsicht, mein Herr, und ich wollte Ihnen jetzt danken, daß Sie alles so gut verstanden haben . . . Ach, da ist der Anfall wieder!« rief er, da er durch die Wände hindurch einen Schrei hörte; »sie hat sich über ihre Kräfte angestrengt!«

Und der Greis drückte Gottfried die Hand und eilte in seine Wohnung.

Am nächsten Morgen klopfte Gottfried um acht Uhr früh an die Tür des berühmten polnischen Arztes. Er wurde von einem Kammerdiener in die erste Etage des kleinen Hauses geführt, das er betrachten konnte, während der Portier den Diener aufgesucht und benachrichtigt hatte.

Glücklicherweise ersparte, wie er sich das gedacht hatte, seine Pünktlichkeit Gottfried die Unannehmlichkeit, warten zu müssen; er war jedenfalls der zuerst Gekommene. Aus einem sehr bescheidenen Vorzimmer gelangte er in ein großes Arbeitszimmer, wo er einen Greis im Hausrock vorfand, der eine lange Pfeife rauchte. Der abgeschabte Hausrock rührte wohl schon aus der Zeit der Flucht aus Polen her.

»Womit kann ich Ihnen dienen?« sagte der jüdische Arzt. »Sie sind doch nicht krank!«

Und er richtete auf Gottfried den neugierigen durchdringenden Blick der Augen eines polnischen Juden, dieser Augen, die hören zu können scheinen.

Zum lebhaften Erstaunen Gottfrieds war Halpersohn ein Mann von sechsundfünfzig Jahren, mit kleinen krummen Beinen und einem breiten, mächtigen Oberkörper. Er hatte etwas von einem Orientalen, in seiner Jugend mußte sein Gesicht sehr schön gewesen sein; davon war jetzt nur noch eine jüdische Nase übriggeblieben, lang und krumm wie ein Damaszenersäbel. Die breite, edle, offenbar polnische Stirn, die mit Runzeln durchfurcht war wie ein zerknittertes Stück Papier, erinnerte an die des heiligen Josephs auf alten italienischen Bildern. Die meergrünen, wie bei Papageien mit grauer faltiger Haut umgebenen Augen drückten List und Habsucht in hohem Grade aus. Der wie eine Wunde eingeschnittene Mund gab dieser düsteren Physiognomie noch die volle Schärfe des Mißtrauens. Das blasse magere Antlitz, denn Halpersohn war von auffallender Magerkeit, das von grauen, schlecht gekämmten Haaren bekrönt war, hatte als Schmuck einen langen, sehr starken schwarzen, graugesprenkelten Bart, der die Hälfte des Gesichts verdeckte, so daß man nur die Stirn, die Augen, die Nase, die Backenknochen und den Mund sehen konnte.

Der Freund des Revolutionärs Lelewel trug ein schwarzsamtenes Käppchen, das mit einer Ecke über die Stirn hinabhing und den gelblichen, des Pinsels eines Rembrandt würdigen Teint nicht hervortreten ließ.

Die Frage des ebenso durch seine Begabung wie durch seine Habsucht berühmt gewordenen Arztes überraschte Gottfried ein wenig, der sich sagte: ›Sollte er mich für einen Dieb halten?'‹

Die Antwort auf diese Frage gab der Tisch und der Kamin des Doktors. Gottfried glaubte als erster gekommen zu sein und war der letzte. Die Patienten hatten auf dem Kamin und dem Tischrand schon genügend reichliche Opfergaben niedergelegt; Gottfried sah Stapel von Zwanzigfrankenstücken, Vierzigfrankenstücken und zwei Tausendfrankenscheine. War dies das Ergebnis eines Morgens? Er bezweifelte das stark und glaubte an irgendeine kluge Vorspiegelung. Vielleicht wollte der habgierige, aber unfehlbare Doktor seine Einnahmen vermehren, indem er so seine Patienten, die er sich unter den Reichen auswählte, glauben ließ, daß man ihm Goldrollen statt Anweisungen brächte.

Moses Halpersohn hatte übrigens einen Anspruch auf hohe Honorare, denn er heilte seine Kranken wirklich, und er heilte gerade die verzweifelten Krankheiten, auf deren Heilung die Medizin verzichten mußte. Man weiß in Europa noch nicht, daß die slawischen Völker viele Geheimmittel besitzen; sie kennen eine Fülle solcher unfehlbarer Mittel infolge ihrer Beziehungen zu den Chinesen, Persern, Kosaken, Türken und Tartaren. Manche als Zauberinnen geltenden Bäuerinnen heilen mit Kräuteraufgüssen vollkommen die Tollwut. Es gibt in diesem Lande eine Reihe von Beobachtungen, die nicht niedergeschrieben sind, über die Wirkungen gewisser Pflanzen und zerstoßener Baumrinden, die, von Geschlecht zu Geschlecht überliefert, wunderbare Kuren zustande bringen.

Halpersohn, der infolge seiner Pulver und seiner Medizinen fünf bis sechs Jahre lang für einen Kurpfuscher galt, besaß die großen Ärzten angeborene Begabung. Er war nicht nur ein Gelehrter und hatte nicht nur vieles beobachtet, er hatte auch Deutschland, Rußland, Persien und die Türkei durchreist und dort viele Überlieferungen gesammelt; und da er in der Chemie Bescheid wußte, wurde er zu einer lebendigen Bibliothek der zerstreuten Geheimnisse der »weisen Frauen«, wie man in Frankreich sagt, aller Länder, in die ihn sein Weg mit seinem Vater, einem Hausierer, geführt hatte.

Man darf nicht glauben, daß die Szene aus »Richard in Palästina«, wo Saladin den König von England heilt, eine Erdichtung sei. Halpersohn besitzt eine seidene Börse, die er in Wasser taucht, das sich danach schwach färbt und gewisse Fieber verschwinden macht, wenn der Kranke dieses Wasser trinkt. Die Heilkraft der Pflanzen ist nach seiner Meinung unbegrenzt und macht die Heilung der furchtbarsten Krankheiten möglich. Gleichwohl steht auch er wie seine Kollegen manchmal vor unbegreiflichen Krankheitsbildern. Halpersohn schätzt die Homöopathie, mehr um ihrer Therapeutik willen als wegen ihrer medizinischen Lehre; er korrespondierte mit Hedenius in Dresden, mit Chelius in Heidelberg und mit andern berühmten deutschen Ärzten, wobei er aber immer seine zahlreichen Entdeckungen für sich behielt. Er wollte keine Schule bilden. Der Rahmen paßte übrigens gut zu diesem aus einem Gemälde Rembrandts herausgetretenen Porträt. Das Sprechzimmer mit seiner Tapete, einer Imitation von grünem Samt, war elend mit einem grünen Sofa möbliert. Der verschossene grüne Teppich war abgetreten. Ein großer schwarzlederner Lehnstuhl für die Patienten stand am Fenster, das mit grünen Vorhängen versehen war. Ein Schreibtischsessel von römischer Form, aus Mahagoniholz und mit grünem Maroquinleder bezogen, diente dem Doktor als Sitz.

Zwischen dem Kamin und dem langen Tisch, an dem er schrieb, befand sich dem Kamin gegenüber eine gewöhnliche eiserne Kassette, auf der eine Uhr aus Wiener Granit mit einer Bronzegruppe, Amor mit dem Tode spielend, stand, das Geschenk eines großen deutschen Bildhauers, den Halpersohn gewiß geheilt hatte. Der Kaminaufsatz trug als einzigen Schmuck eine Schale zwischen zwei Leuchtern. Zu beiden Seiten des Diwans dienten zwei Eckschränke aus Ebenholz zum Abstellen von Tabletts, auf denen Gottfried silberne Schalen, Karaffen und Servietten wahrnahm.

Diese fast an Nacktheit streifende Einfachheit fiel Gottfried sehr auf, der alles das mit einem Blicke umfaßte und seine Kaltblütigkeit wiedergewann.

»Ich bin ganz gesund, mein Herr; ich komme auch nicht meinetwegen, sondern um einer Dame willen, die Sie schon längst hätten besuchen sollen. Es handelt sich um eine Dame, die am Boulevard Mont-Parnasse wohnt . . .«

»Ach ja, die Dame hat schon mehrmals ihren Sohn zu mir geschickt. Also, mein Herr, dann mag sie doch in meine Sprechstunde kommen.«

»Hierherkommen?« sagte Gottfried unwillig; »aber, mein Herr, sie kann ja nicht einmal aus ihrem Bett auf einen Sessel gebracht werden; man muß sie mit Schnüren in die Höhe heben.«

»Sind Sie Arzt, mein Herr?« fragte der jüdische Doktor und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, die es noch boshafter machte.

»Wenn der Baron von Nucingen Ihnen sagen ließe, er sei krank und wolle Sie sehen, würden Sie ihm da auch antworten, er solle herkommen?«

»Nein, da würde ich zu ihm gehen«, erwiderte der Jude kühl und spuckte in den holländischen Spucknapf aus Mahagoniholz, der mit Sand gefüllt war.

»Sie würden zu ihm gehen,« fuhr Gottfried leise fort, »weil der Baron von Nucingen zwei Millionen Einkommen hat, und . . .«

»Das übrige hat nichts damit zu tun, ich würde jedenfalls hingehen.«

»Nun, mein Herr, aus demselben Grunde werden Sie auch die Kranke am Montparnasse aufsuchen. Ohne das Vermögen des Barons von Nucingen zu besitzen, bin ich hier, um Ihnen zu sagen, daß Sie selbst den Preis für die Heilung, oder, wenn sie mißlingt, für Ihre Mühewaltung festsetzen sollen . . . Ich erkläre mich bereit, vorher zu zahlen; aber, mein Herr, würden Sie, ein polnischer Emigrant, ein Kommunist, wie ich glaube, nicht für Polen ein Opfer bringen? Die Dame ist die Enkelin des Obersten Tarlowski, des Freundes des Fürsten Poniatowski.«

»Mein Herr, Sie sind hergekommen, um mich zu bitten, die Dame gesund zu machen, nicht um mir Ratschläge zu erteilen. In Polen bin ich Pole, in Paris Pariser. Jeder tut Gutes auf seine Weise, und auch meine Habsucht hat, glauben Sie mir, ihre Gründe. Der Schatz, den ich zusammenraffe, hat seine Bestimmung, er ist unantastbar. Ich verkaufe die Gesundheit; die Reichen können zahlen und sie von mir kaufen. Die Armen haben ja ihre Ärzte . . . Wenn ich nicht ein bestimmtes Ziel verfolgte, würde ich die ärztliche Tätigkeit nicht ausüben . . . Ich lebe bescheiden und verbringe meine Zeit mit Umherrennen; von Natur aus bin ich faul und ein Spieler . . . Ziehen Sie Ihre Schlüsse daraus, junger Mann! . . . Sie sind noch zu jung, um über alte Leute urteilen zu können.«

Gottfried schwieg.

»Nach dem, was Sie mir sagen, handelt es sich um die Enkelin dieses Dummkopfs, der nicht den Mut hatte, sich zu schlagen, und sein Land an Katharina II. ausgeliefert hat?«

»Jawohl, mein Herr.«

»Seien Sie am Montag um drei Uhr bei der Kranken«, sagte der Arzt, nahm seine Pfeife aus dem Munde und schrieb einige Worte in sein Notizbuch. »Wenn ich komme, werden Sie mir zweihundert Franken übergeben, und wenn ich mich für die Heilung verbürge, tausend Taler . . . Man hat mir erzählt, fuhr er fort, »daß die Dame zusammengeschrumpft ist, als ob sie ins Feuer gefallen wäre.«

»Nach der Ansicht der berühmtesten Arzte von Paris handelt es sich um eine Neurose, deren verwüstende Wirkungen solche sind, daß sie sie leugneten, solange sie sie nicht selbst gesehen hatten.«

»Ach, ich erinnere mich jetzt an die Einzelheiten, die mir der kleine Kerl berichtet hat . . . Also auf morgen, mein Herr.«

Gottfried entfernte sich, nachdem er sich von dem ebenso seltsamen wie ungewöhnlichen Manne verabschiedet hatte. Nichts an ihm zeigte, nichts verriet einen Arzt, selbst nicht sein kahles Empfangszimmer, dessen einziges ins Auge fallendes Möbel die riesige Kassette von Huret oder Fichet war.

Gottfried langte noch rechtzeitig in der Passage Vivienne an, um vor Schluß des Geschäfts ein prächtiges Akkordeon zu kaufen, das er, nach Angabe der Adresse, vor seinen Augen an Herrn Bernard schicken ließ.

Dann begab er sich nach der Rue Chanoinesse über den Quai des Augustins, wo er noch eins der Buchhändlergeschäfte offen zu finden hoffte; in der Tat entdeckte er ein solches und hatte dort mit einem jungen Angestellten eine lange Unterredung über juristische Bücher.

Er traf Frau de la Chanterie und ihre Freunde, als sie aus der Hauptmesse heimkehrten; auf den ersten Blick, den sie ihm zuwarf, antwortete Gottfried mit einem verständnisvollen Kopfnicken.

»Ist unser lieber Vater Alain nicht bei Ihnen?« sagte er dann.

»Er kommt diesen Sonntag nicht«, erwiderte Frau de la Chanterie; »Sie werden ihn erst heute in acht Tagen zu sehen bekommen . . . es sei denn, daß Sie ihn an dem angegebenen Treffpunkt aufsuchen wollen.«

»Sie wissen ja, gnädige Frau,« sagte Gottfried leise zu ihr, »daß er mich weniger einschüchtert als die andern Herren, ich rechnete darauf, ihm meinen Bericht abstatten zu können.«

»Und ich?«

»Oh, Ihnen würde ich alles sagen, und ich habe viel zu erzählen. Ich habe bei meinem ersten Debüt das eigenartigste Unglück vorgefunden, eine tolle Mischung von Elend und Luxus; dazu Menschen von einer erhabenen Gesinnung, die alle Phantasien unserer beliebtesten Romandichter hinter sich lassen.«

»Die Natur, und vor allem die seelische Seite der Natur, steht immer über der Kunst, ebenso wie Gott immer über seinen Geschöpfen steht. Aber kommen Sie und erzählen Sie mir«, fuhr Frau de la Chanterie fort, »von Ihrer Expedition in die unbekannten Länder, in die Sie Ihre erste Reise geführt hat.«

Herr Nikolaus und Herr Joseph – der Abbé de Vèze war noch für kurze Zeit in Notre-Dame zurückgeblieben – ließen Frau de la Chanterie allein mit Gottfried, der, noch unter dem Eindruck der Erregung des vorhergehenden Abends, alles bis auf die kleinsten Einzelheiten schilderte, und zwar mit der Frische und Verve, die der erste Eindruck eines solchen Schauspiels mit seinen handelnden Personen und seinen Kulissen hervorruft. Er hatte großen Erfolg damit, denn die sanfte ruhige Frau de la Chanterie mußte weinen, so sehr sie daran gewöhnt war, in die Abgründe des Elends hinabzusteigen.

»Sie haben recht daran getan,« sagte sie, »daß Sie das Akkordeon hingesandt haben.«

»Ich möchte gern noch mehr tun, erwiderte Gottfried, »da diese Familie ja die erste ist, die mich die Freude, wohlzutun, kennengelehrt hat; ich möchte diesem edlen Greise den größten Teil des Gewinns an einem großen Werke zuwenden. Ich weiß nicht, ob Sie genügend Vertrauen zu meinen Fähigkeiten haben, um mich in den Stand zu setzen, ein solches Geschäft selber in die Hand zu nehmen. Nach den Erkundigungen, die ich eben eingezogen habe, sind für die Drucklegung des Buches bei einer Auflage von fünfzehnhundert Exemplaren etwa neuntausend Franken erforderlich, während ihr geringster Wert mit vierundzwanzigtausend Franken anzunehmen wäre. Da wir die dreitausend und etliche hundert Franken, mit denen das Manuskript belastet ist, vorweg bezahlen müßten, wären also zwölftausend Franken dabei zu riskieren. Ach, gnädige Frau, wenn Sie wüßten, wie bitter ich auf dem Wege vom Quai des Augustins bis hierher bereut habe, daß ich mein kleines Vermögen so töricht vergeudete! Der Geist der Barmherzigkeit ist über mich gekommen und hat mir die heiße Sehnsucht des Neophyten eingeflößt; ich will auf das Getriebe der Welt verzichten, ich will ebenso leben wie die Herren hier, ich will Ihrer würdig werden. In den letzten zwei Tagen habe ich schon oftmals den Zufall gesegnet, der mich hierher geführt hat. Ich werde Ihnen in allen Stücken gehorchen, bis Sie mich für fähig halten, einer der Ihrigen zu werden.

Frau de la Chanterie überlegte reiflich und erwiderte dann in ernstem Tone: »Hören Sie mich an, ich habe Ihnen wichtige Dinge mitzuteilen. Mein liebes Kind, Sie sind von der Poesie des Unglücks verführt worden. Ja, oft hat auch das Unglück einen poetischen Charakter; für mich beruht die Poesie auf der Empfindung, und der Schmerz ist auch eine Empfindung. Wie sehr lebt man manchmal vom Schmerze! . . .

»Ja, gnädige Frau, ich bin vom Dämon der Neugierde überwältigt worden . . . Was wollen Sie, ich bin noch nicht daran gewöhnt, den unglücklichen Wesen ins Herz zu schauen und mit der Ruhe Ihrer drei frommen Gottessoldaten vorzugehen. Bedenken Sie aber wohl, daß ich mich erst nach Aufgeben dieser Verirrung Ihrem Werke geweiht habe! . . .«

»Also hören Sie, mein geliebtes Kind,« sagte Frau de la Chanterie, die diese drei Worte mit einer himmlischen Sanftmut aussprach, von der Gottfried seltsam berührt wurde, »wir haben uns absolut untersagt, und wir deuteln hier nicht an den Worten; was untersagt ist, das beschäftigt uns auch nicht einmal in Gedanken – also wir haben uns untersagt, spekulative Geschäfte zu machen. Ein Buch drucken, um es zu verkaufen und auf den Gewinn warten, das ist ein Geschäft, und Operationen solcher Art würden uns in alle Schwierigkeiten des Handels verwickeln. Gewiß erscheint mir dieses Geschäft ausführbar, sogar notwendig. Glauben Sie, daß dies der erste derartige Fall für uns ist? Zwanzigmal, hundertmal haben wir darin ein Mittel gesehen, um Familien oder Geschäftshäuser zu retten! Was würde aber aus uns bei Geschäften solcher Art werden? Wir wären Kaufleute geworden . . . Bei einem Unglück mit Geld helfen, das heißt nicht selbst arbeiten, sondern das Unglück in den Stand zu setzen, sich herauszuarbeiten. In einigen Tagen werden Sie noch viel fürchterlicherem Elend begegnen, als dieses hier ist; werden Sie da ebenso handeln? Sie würden dabei unterliegen. Bedenken Sie, mein Kind, daß die Herren Mongenod seit Jahresfrist nicht mehr imstande sind, sich mit unseren Abrechnungen zu befassen. Sie werden die Hälfte Ihrer Zeit auf unsere Buchführung verwenden müssen. Wir haben heute annähernd zweitausend Schuldner in Paris; es ist erforderlich, daß wir wenigstens bei denjenigen, die uns das Geld zurückgeben können, die Höhe ihrer Schuld kennen . . . Wir fordern niemals zurück, wir warten ab. Wir rechnen damit, daß die Hälfte des ausgeliehenen Geldes verloren ist. Die andere Hälfte wird uns manchmal doppelt zurückgegeben. Nehmen Sie einmal an, daß dieser Richter stirbt, dann sind die zwölftausend Franken stark gefährdet. Setzen wir nun den Fall, daß seine Tochter geheilt wird, daß ihr Sohn Erfolg hat und eines Tages auch Richter wird . . . Gewiß, wenn er Ehrgefühl hat, wird er sich der Schuld erinnern und uns das Geld der Armen mit Zinsen zurückgeben. Wissen Sie, daß mehr als eine Familie, die von uns aus dem Elend gerettet und auf den Weg gebracht worden ist, wieder durch unsere zinslosen Darlehen zu Vermögen zu gelangen, für die Armen einen Teil beiseite gelegt und uns die Beträge verdoppelt und manchmal verdreifacht zurückgegeben hat? . . . Das sind unsere einzigen Spekulationsgeschäfte! Überlegen Sie zunächst einmal in bezug auf das, was Sie beschäftigt (und es muß Sie beschäftigen), daß der Verkauf des Werkes dieses Richters von der Güte des Werkes abhängt; haben Sie es gelesen? Und dann, wenn auch das Buch vortrefflich ist, wieviel vortreffliche Bücher sind ein, zwei und drei Jahre liegengeblieben, bis sie den verdienten Erfolg hatten! Wieviel Kronen hat man auf Gräber legen müssen! Ich weiß auch, daß die Buchhändler eine Art haben, Geschäfte zu behandeln und zu realisieren, die ihren Beruf zu dem am meisten vom Glück abhängigen und am schwierigsten zu durchschauenden von allen Pariser Handelszweigen machen. Herr Nikolaus wird Ihnen auseinandersetzen, was für Schwierigkeiten mit dem Herausgeben von Büchern naturgemäß verbunden sind. Wir handeln also, wie Sie sehen, vernünftig, wir haben Erfahrung in bezug auf jede Art von Unglück, wie auf jede Art von Geschäft, denn wir studieren Paris seit langer Zeit . . . Die Mongenods unterstützen uns, wir besitzen in ihnen zwei Leuchten; und gerade von ihnen wissen wir, daß die Bank von Frankreich den Buchhandel ständig in Verdacht hat, obwohl es einer der schönsten Handelszweige ist; aber er wird schlecht geführt . . . Was die erforderlichen viertausend Franken anlangt, um die edle Familie vor den Schrecken der Bedürftigkeit zu retten, denn es ist erforderlich, daß das arme Kind und sein Großvater sich ordentlich ernähren und anständig kleiden, so will ich sie Ihnen geben . . . Es gibt Leiden, Elend und Wunden, wo wir unmittelbar helfen, ohne Zögern und ohne zu fragen, wem wir helfen; Religion, Ehre, Charakter, alles das ist gleichgültig; sobald es sich aber darum handelt, das Geld der Armen auszuleihen, um dem Unglück durch tätige Beteiligung an Industrie oder Handel zu helfen . . . Oh, dann verlangen wir Garantien mit der Peinlichkeit eines Wucherers. Deshalb müssen Sie Ihre Begeisterung höchstenfalls darauf beschränken, für den Alten einen möglichst ehrenhaften Verleger zu finden. Das ist eine Sache, die Herrn Nikolaus angeht. Er kennt Advokaten, Professoren und Autoren von juristischen Büchern; und nächsten Sonntag wird er Ihnen gewiß einen guten Rat geben können . . . Also seien Sie ruhig; wenn es möglich ist, wird sich diese Schwierigkeit beseitigen lassen. Immerhin wäre es vielleicht gut, wenn Herr Nikolaus das Werk des Richters lesen würde . . . Sehen Sie zu, ob Sie das vermitteln können . . .«

Gottfried war verblüfft über den klaren Verstand dieser Frau, die er allein vom Geiste der Barmherzigkeit erfüllt glaubte. Er kniete nieder, küßte die schöne Hand der Frau de la Chanterie und sagte: »Sie sind also auch der Inbegriff der Vernunft?«

»In unserer Lage muß man alles sein«, entgegnete sie mit der sanften Heiterkeit, die dem wahrhaft Frommen eigen ist.

Nach einem Moment des Schweigens rief Gottfried aus: »Zweitausend Schuldner, haben Sie gesagt, gnädige Frau? Zweitausend Konten!« wiederholte er, »aber das ist ja ungeheuer!«

»Oh, zweitausend Konten,« erwiderte sie, »bei denen man auf Rückgabe rechnen kann, die, wie ich Ihnen eben sagte, von dem Zartgefühl unserer Schuldner abhängt; denn wir haben noch gut dreitausend andere Familien, die uns niemals mit etwas anderem als mit Dankbarkeit entschädigen werden. Daher empfinden wir auch, ich wiederhole es Ihnen, die Notwendigkeit, Bücher zu führen. Und wenn Sie unbedingte Diskretion zu bewahren verstehen, dann können Sie unser finanzielles Orakel werden. Wir müssen ein Journal führen, ein Hauptbuch, ein Kontokorrent und ein Kassabuch. Wir machen uns wohl Notizen, aber wir verlieren zu viel Zeit mit Nachsuchen . . . da kommen die Herren,« schloß sie.

Gottfried, der ernst und nachdenklich geworden war, nahm zuerst wenig teil an der Unterhaltung; er war ganz betroffen über die Eröffnungen, die ihm Frau de la Chanterie eben gemacht hatte, und zwar in einem Ton, der bewies, daß sie ihn für seinen Eifer belohnen wolle.

›Zweitausend unterstützte Familien‹, sagte er sich; ›aber wenn sie uns ebenso viel kosten wie uns Herr Bernard kosten wird, dann haben wir ja Millionen über Paris ausgestreut!‹

Dieses Empfinden war eine der letzten Regungen weltlichen Geistes, der bei Gottfried ganz unmerklich erlosch. Bei näherer Überlegung begriff er, daß die vereinigten Vermögen der Frau de la Chanterie, der Herren Alain, Nikolaus und Joseph und das des Richters Popinot, die von dem Abbé de Vèze gesammelten Gaben und die Unterstützung des Hauses Mongenod ein erhebliches Kapital zusammengebracht haben mußten, und daß dieses Kapital in zwölf bis fünfzehn Jahren, vermehrt durch die Schuldner, die sich erkenntlich zeigten, wie ein Schneeball anschwellen mußte, da die mildtätigen Personen ja nichts davon für sich ausgaben. Er wurde sich allmählich klar über das ungeheure Werk, und sein Wunsch, daran mitzuarbeiten, wurde immer stärker.

Er wollte um neun Uhr zu Fuß nach dem Boulevard Mont-Parnasse zurückkehren; aber Frau de la Chanterie, die Bedenken wegen der Einsamkeit der Gegend hatte, nötigte ihn, einen Wagen zu nehmen. Als er den Wagen verließ, vernahm Gottfried, obwohl die Fensterläden so sorgfältig geschlossen waren, daß kein Lichtstrahl hindurchdrang, die Töne des Instruments; und sobald er auf dem Treppenabsatz anlangte, öffnete August, der jedenfalls auf ihn gewartet hatte, die Tür der Wohnung und sagte:

»Mama möchte Sie gern begrüßen, und mein Großvater läßt Sie zu einer Tasse Tee bitten.«

Als Gottfried eintrat, fand er die Kranke von der Freude, Musik machen zu können, ganz verändert, ihr Gesicht leuchtete, und ihre Augen funkelten wie zwei Diamanten.

»Ich hätte eigentlich mit dem Anschlagen der ersten Akkorde auf Sie warten sollen; aber ich habe mich auf die kleine Orgel gestürzt wie ein Verhungerter auf ein Festmahl. Sie besitzen eine Seele, die mich verstehen wird, also ist mir verziehen.«

Wanda gab ihrem Sohn einen Wink, der sich näherte und die Pedale trat, die dem Instrument die Luft zuführten; und die Augen nach oben gerichtet, wie die heilige Cäcilie, wiederholte die Kranke, deren Finger vorübergehend ihre Kraft und Fertigkeit wiedererlangt hatten, Variationen über das Gebet Mosis, das ihr Sohn ihr gekauft, und die sie in wenigen Stunden komponiert hatte. Gottfried stellte fest, daß sie eine Begabung wie Chopin besaß. Es war eine Seele, die sich in himmlischen Tönen, bei denen eine sanfte Melancholie vorherrschte, kundgab. Herr Bernard hatte Gottfried mit einem Blick begrüßt, in dem ein seit langem verschwundenes Gefühl zum Ausdruck kam. Wenn die Tränen bei diesem, von so vielen brennenden Schmerzen ausgetrockneten Greise nicht für immer versiegt wären, dann würde dieser Blick feucht gewesen sein. Das sah man.

Herr Bernard spielte mit seiner Dose und betrachtete seine Tochter mit unaussprechlichem Entzücken.

»Morgen, gnädige Frau,« begann Gottfried, als die Musik verstummt war, »morgen wird sich Ihr Schicksal entscheiden, ich bringe gute Nachrichten. Der berühmte Halpersohn wird morgen um drei Uhr zu Ihnen kommen. – Er hat mir versprochen,« sagte er leise zu Herrn Bernard, »daß er mir die Wahrheit sagen wird.«

Der Alte erhob sich, nahm Gottfried bei der Hand und zog ihn in den Winkel des Zimmers neben dem Kamin; er zitterte.

»Ach, was werde ich für eine Nacht verbringen! Es ist die endgültige Entscheidung!« sagte er leise zu ihm. »Meine Tochter wird geheilt werden, oder sie ist verloren!«

»Fassen Sie Mut,« erwiderte Gottfried, »und kommen Sie nach dem Tee zu mir herüber.«

»Hör' auf, mein Kind, hör' auf,« sagte der Alte jetzt, »du wirst wieder einen Anfall bekommen. Auf solche Kraftanstrengungen folgt die Erschöpfung.«

Er ließ das Instrument von August wegnehmen und reichte seiner Tochter ihre Tasse Tee mit der ganzen einschmeichelnden Art einer Amme, die der Ungeduld eines kleinen Kindes vorbeugen will.

»Wie ist dieser Arzt denn?« fragte sie, die die Aussicht, ein neues Wesen zu Gesicht zu bekommen, schon auf andere Gedanken gebracht hatte.

Wanda war, wie alle Gefangenen, von Neugierde verzehrt. Wenn die physischen Erscheinungsformen ihrer Krankheit schwanden, schien sich diese auf das Psychische zu werfen; sie hatte dann wunderliche Launen und phantastische Gelüste. Sie wollte Rossini sehen, und sie weinte darüber, daß ihr Vater, den sie für allmächtig hielt, sich weigerte, ihn zu ihr zu bringen.

Gottfried gab nun eine minutiöse Beschreibung des jüdischen Arztes und seines Sprechzimmers, denn sie wußte nichts von den Schritten, die ihr Vater schon getan hatte. Bernard hatte seinem Enkelsohn über die Besuche bei Halpersohn Schweigen auferlegt, so sehr fürchtete er, bei seiner Tochter Hoffnungen zu erregen, die dann nicht erfüllbar gewesen wären. Wanda hing an den Lippen Gottfrieds, sie war entzückt und verfiel in eine Art von Tollheit, so brennend wurde ihr Wunsch, den fremden polnischen Juden zu Gesicht zu bekommen.

»Polen hat oft solche eigenartige, geheimnisvolle Wesen hervorgebracht«, sagte der alte Richter. »Heute haben wir zum Beispiel außer diesem Arzte Hoëné Wronski, den erleuchteten Mathematiker, den Dichter Mickiewicz, den Hellseher Tawianski und Chopin mit seinem übernatürlichen Talent. Große nationale Umwälzungen bringen immer solche Arten von Halbgiganten hervor.«

»Ach, lieber Papa, was bist du für ein Mann! Wenn du alles, was du uns hören läßt, bloß um mich zu unterhalten, niederschriebest, könntest du ein Vermögen damit erwerben . . . Stellen Sie sich vor, mein Herr, daß mein alter Vater wundervolle Geschichten für mich erfindet, wenn ich keinen Roman zum Lesen habe, und mich so einschläfert. Seine Stimme wiegt mich in Schlaf, und oft besänftigt er mit seinem Geist meine Schmerzen . . . Wer wird ihn jemals dafür belohnen? . . . August, mein Kind, um meinetwillen müßtest du die Fußstapfen deines Großvaters küssen.«

Der junge Mann erhob seine schönen feuchten Augen zu seiner Mutter, und dieser Blick, in dem ein lange zurückgedrängtes Mitgefühl überströmte, war eine ganze Dichtung. Gottfried erhob sich und drückte August die Hand.

»Gott hat Ihnen zwei Engel an die Seite gestellt, gnädige Frau!« rief er aus.

»Ja, das weiß ich. Deshalb werfe ich mir auch oft vor, daß ich ihnen Ärger bereite. Komm her, lieber August, umarme deine Mutter. Das ist ein Kind, mein Herr, auf das jede Mutter stolz sein würde. Er ist rein wie Gold, freimütig und eine Seele ohne Fehl, nur eine ein bißchen zu leidenschaftliche Seele wie die seiner armen Mutter. Gott hat mich vielleicht ans Bett geschmiedet, um mich vor den Torheiten zu bewahren, die die Frauen begehen . . . die zu viel Herz besitzen . . .«, fügte sie lächelnd hinzu.

Gottfried antwortete nur mit einem Lächeln und einer Verbeugung.

»Leben Sie wohl, mein Herr, und danken Sie vor allem Ihrem Freunde für das Instrument, das eine arme Kranke glücklich gemacht hat.«

»Herr Bernard,« sagte Gottfried, als er mit diesem, der ihn begleitet hatte, allein war, »ich glaube, ich kann Ihnen die Zusicherung geben, daß Sie von diesem edlen Trio nicht werden ausgebeutet werden. Ich besitze schon die erforderliche Summe, aber Sie müssen mir Ihren Vertrag bezüglich des Vorkaufsrechtes anvertrauen . . . Um aber noch mehr für Sie zu tun, müssen Sie mir auch Ihr Werk zur Lektüre anvertrauen . . . nicht mir selbst, ich besitze nicht Kenntnisse genug, um es beurteilen zu können, sondern einem ehemaligen Richter von absoluter Integrität, der es auf sich nehmen will, wenn das Werk es verdient, eine ehrenhafte Firma zu finden, mit der Sie einen gerechten Vertrag abschließen können . . . Aber ich will Sie nicht dazu drängen. Inzwischen sind hier fünfhundert Franken,« fuhr er fort und reichte dem verblüfften alten Richter ein Bankbillett, »damit Sie Ihre dringendsten Bedürfnisse befriedigen können. Ich verlange keine Quittung von Ihnen, Sie sollen nur durch Ihr Gewissen gebunden sein, und auch das soll erst sprechen, sobald Sie in einigermaßen bessere Verhältnisse gekommen sind . . . Halpersohn zu bezahlen, übernehme ich.«

»Aber wer sind Sie denn?« sagte der Alte und sank auf einen Stuhl.

»Ich,« erwiderte Gottfried, »ich bin nichts; aber ich diene mächtigen Persönlichkeiten, denen Ihre Not jetzt bekannt geworden ist, und die sich für Sie interessieren . . . Mehr fragen Sie mich nicht.«

»Und was ist der Beweggrund dieser Leute?« fragte der Alte.

»Die Religion, mein Herr«, entgegnete Gottfried.

»Wäre das möglich? . . . Die Religion? . . .«

»Ja, die römisch-katholische apostolische Religion.«

»Ah, Sie gehören zum Jesuitenorden?«

»Nein, mein Herr«, erwiderte Gottfried. »Seien Sie beruhigt; diese Personen verfolgen in bezug auf Sie keine andere Absicht, als daß sie Ihnen helfen und Ihre Familie wieder glücklich machen wollen.

»Die Philanthropie ist also doch noch etwas anderes als ein Ausfluß der Eitelkeit? . . .«

»Oh, mein Herr,« entgegnete Gottfried lebhaft, »beschimpfen Sie die heilige katholische Barmherzigkeit nicht, die Tugend, die der heilige Paul verkündigt hat! . . .«

Als Herr Bernard diese Antwort vernahm, fing er an, mit großen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ich nehme Ihren Vorschlag an,« sagte er dann plötzlich, »und ich kann Ihnen meinen Dank nur dadurch ausdrücken, daß ich Ihnen mein Werk anvertraue. Die Noten und Zitate sind für einen alten Richter überflüssig; ich brauche auch noch, wie ich Ihnen schon sagte, zwei Monate, um die Zitate herauszuschreiben . . . Also auf morgen«, schloß er und drückte Gottfried die Hand.

›Sollte ich eine Bekehrung zustande gebracht haben? . . .‹ fragte sich Gottfried, der betroffen von dem veränderten Ausdruck war, den das Gesicht des großen Alten bei seiner letzten Antwort gezeigt hatte. Am übernächsten Tage hielt um drei Uhr ein Mietwagen vor dem Hause; und Gottfried sah Halpersohn, in einem riesigen Bärenpelz vergraben, aussteigen. Während der Nacht hatte sich die Kälte verdoppelt, und das Thermometer zeigte zehn Grad.

Der jüdische Arzt musterte neugierig, wenn auch verstohlen, das Zimmer, in dem ihn sein Besucher vom Tage vorher empfing, und Gottfried bemerkte, daß ein mißtrauischer Gedanke aus seinen Augen wie eine Dolchspitze herausleuchtete. Dieses schnelle Aufflackern eines Verdachtes ließ Gottfried ein kaltes Durchrieseln empfinden, und er dachte daran, daß dieser Mensch in geschäftlichen Angelegenheiten mitleidlos sein mußte; es ist so natürlich, zu glauben, Genie sei immer mit Güte vereint, daß er ein neues Gefühl des Ekels empfand.

»Ich sehe, mein Herr,« sagte er, »daß die Einfachheit meiner Wohnung Sie in Unruhe versetzt; Sie werden sich daher über mein Vorgehen nicht wundern. Hier sind Ihre zweihundert Franken, und hier sind drei Billette, jedes zu tausend Franken,« fügte er hinzu und zog aus seiner Brieftasche die Billette, die ihm Frau de la Chanterie übergeben hatte, um Bernards Werk auszulösen; »sollten Sie aber noch Bedenken wegen meiner Zahlungsfähigkeit haben, so nenne ich Ihnen als Bürgen dafür, daß unsere Abmachungen innegehalten werden, die Bankiers Mongenod in der Rue de la Victoire.«

»Ich kenne sie«, antwortete Halpersohn und steckte die zehn Goldstücke in die Tasche.

›Er wird sie aufsuchen‹, dachte sich Gottfried.

»Und wo wohnt die Kranke«? fragte der Arzt und erhob sich wie ein Mann, der den Wert seiner Zeit kennt.

»Hier, mein Herr«, sagte Gottfried und ging voran, um ihm den Weg zu zeigen.

Der Jude prüfte mit argwöhnischen durchdringenden Augen die Räume, durch die er ging; denn er besaß den Blick eines Spions; so bemerkte er recht gut die schrecklichen Anzeichen der Not durch die Tür des Zimmers, in dem der Richter und sein Enkelsohn schliefen; unglücklicherweise hatte Bernard sich den Anzug geholt, in dem er vor seiner Tochter zu erscheinen pflegte, und in seiner Eile, die Tür zu öffnen, hatte er die seines Hundelochs nicht richtig geschlossen.

Er begrüßte Halpersohn mit vornehmen Anstand und öffnete vorsichtig das Zimmer seiner Tochter. – »Wanda, mein Kind, hier ist der Arzt«, sagte er.

Und er trat beiseite, um Halpersohn vorbeizulassen, der seinen Pelz anbehielt. Der Jude staunte über den Kontrast, den das Zimmer darbot, das in dieser Gegend, und besonders in diesem Hause, eine Anomalie war; aber Halpersohns Erstaunen währte nicht lange, denn er hatte häufig bei deutschen und russischen Juden ähnliche Kontraste zwischen scheinbar äußerstem Elend und verborgenen Reichtümern zu sehen bekommen. Während er von der Tür bis an das Bett der Kranken ging, hörte er nicht auf, sie zu betrachten, und als er am Kopfende anlangte, fragte er sie auf polnisch:

»Sind Sie Polin?«

»Ich nicht, aber meine Mutter war Polin.«

»Wen hat Ihr Großvater, der Oberst Tarlowski, geheiratet?«

»Eine Polin.«

»Aus welcher Provinz?«

»Eine Sobolewska aus Pinsk.«

»Schön. Ist der Herr Ihr Vater?«

»Ja, mein Herr.«

»Mein Herr,« fragte er diesen, »Ihre Frau Gemahlin . . .«

»Sie ist tot«, antwortete Herr Bernard.

»War sie sehr bleich?« sagte Halpersohn mit einer leichten Bewegung von Ungeduld, daß man ihn unterbrochen hatte.

»Hier ist ihr Bild«, erwiderte Herr Bernard, und nahm einen prächtigen Rahmen von der Wand ab, in dem sich mehrere schöne Miniaturen befanden. Halpersohn befühlte inzwischen den Kopf und das Haar der Kranken, während er das Bild der Wanda Tarlowska, geborenen Gräfin Sobolewska, betrachtete.

»Beschreiben Sie mir jetzt, wie sich Ihre Krankheit äußert.« Und er setzte sich auf das Sofa und sah Wanda während der zwanzig Minuten, die der abwechselnd von Vater und Tochter erstattete Bericht dauerte, starr an.

»Wie alt sind Sie?«

»Achtunddreißig Jahre.«

»Schön,« rief er jetzt und erhob sich, »ich stehe dafür ein, daß sie geheilt wird. Ich kann mich nicht dafür verbürgen, daß sie den Gebrauch der Beine wieder erlangt, aber gesund wird sie werden. Nur muß sie in eine Klinik in meiner Gegend gebracht werden.«

»Aber, mein Herr, meine Tochter ist ja nicht transportabel.«

»Ich übernehme die Verantwortung dafür«, sagte Halpersohn bestimmt; »aber ich übernehme die Verantwortung für Ihre Tochter nur unter dieser Bedingung . . . Wissen Sie auch, daß sich ihre Krankheit in eine andere schreckliche Krankheit verwandeln wird, die vielleicht ein Jahr oder mindestens sechs Monate dauern wird? . . . Sie können sie aber besuchen, da Sie ihr Vater sind.«

»Und sind Sie Ihrer Sache sicher?« fragte Herr Bernard.

»Ganz sicher,« wiederholte der Jude. »Die Dame hat in ihrem Körper ein Gift, eine Nationalkrankheit, davon muß sie befreit werden. Sie werden sie mir nach der Rue Basse-Saint-Pierre in Chaillot in die Klinik des Doktors Halpersohn bringen.«

»Aber wie denn?«

»In einer Sänfte, so wie man alle Kranken ins Hospital bringt.«

»Aber die Überführung wird ihr Tod sein!«

»Nein!« Und Halpersohn war nach diesem trockenen »Nein« schon aus der Tür, so daß Gottfried ihn er erst auf der Treppe erreichte. Der Jude, der vor Hitze erstickte, sagte leise zu ihm: »Außer den tausend Talern kostet es fünfzehn Franken täglich, und davon sind drei Monate vorauszubezahlen.«

»Schön, mein Herr. Und«, fragte Gottfried, der auf den Tritt des Wagens, in den sich Halpersohn geworfen hatte, stieg, »Sie übernehmen die Verantwortung für die Heilung?«

»Ich übernehme sie«, wiederholte der jüdische Arzt. »Sie lieben die Dame . . .?«

»Nein«, sagte Gottfried.

»Was ich Ihnen jetzt anvertraue, werden Sie nicht weitersagen; ich teile es Ihnen nur mit, um Ihnen zu beweisen, daß ich meiner Sache sicher bin, und wenn Sie eine Indiskretion begehen, so könnte das der Tod der Dame sein . . .«

Gottfried antwortete nur mit einer Geste.

»Sie ist seit siebzehn Jahren ein Opfer des polnischen Weichselzopfgiftes (Plica polonica), das alle diese Verwüstungen bei ihr hervorgerufen hat; ich habe noch viel schrecklichere Beispiele davon gesehen. Ich allein nur bin heute imstande, den Weichselzopf so zu vertreiben, daß Heilung erfolgt, denn nicht immer gelingt die Heilung. Sie sehen, mein Herr, daß ich recht uneigennützig handle. Wäre es eine große Dame, eine Baronin von Nucingen, oder jede andere Frau oder Tochter eines modernen Krösus, so würde mir eine solche Kur mit hundert-, mit zweihunderttausend Franken, mit jeder Summe, die ich fordern würde, bezahlt werden . . . Aber das hier ist nur eine unerhebliche Sache.«

»Und die Überführung?«

»Bah! es wird aussehen, als ob sie stürbe, aber sie wird nicht sterben! . . . Sie hat noch für hundert Jahre Leben in sich, wenn sie einmal geheilt sein wird. Vorwärts, Jakob! . . . Schnell nach der Rue de Monsieur! . . . Schnell! . . .« sagte er zu dem Kutscher. Und er ließ Gottfried auf dem Boulevard zurück, der verblüfft dem sich entfernenden Wagen nachblickte.

»Wer war denn der komische Mann in dem Bärenpelz? fragte die alte Vauthier, der nichts entging. »Ist das wahr, was mir der Droschkenkutscher gesagt hat, daß das der berühmteste Pariser Arzt ist?«

»Was geht Sie denn das an, Mutter Vauthier?

»Ach, nichts!« entgegnete sie und verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse.

»Sie haben sehr falsch gehandelt, daß Sie sich nicht auf meine Seite gestellt haben,« sagte Gottfried, der mit langsamen Schritten sich dem Hause wieder zuwandte, »Sie hätten mehr verdient als bei den Herren Barbet und Métivier, von denen Sie nichts bekommen werden.«

»Bin ich denn für diese Herren?« entgegnete sie und zuckte die Achseln. »Herr Barbet ist mein Hauseigentümer, das ist alles!«

Es bedurfte zweier Tage, bis sich Herr Bernard entschloß, sich von seiner Tochter zu trennen und sie nach Chaillot zu bringen. Gottfried und der alte Richter machten den Weg, jeder an einer Seite der Sänfte, die mit blauweiß gestreiften Vorhängen versehen war, und auf der die geliebte Kranke an die Matratze beinahe festgebunden war, so sehr fürchtete ihr Vater die Erschütterungen bei einer Nervenkrise. Endlich langte der Zug, der um drei Uhr aufgebrochen war, gegen fünf Uhr bei Sonnenuntergang in der Klinik an. Gottfried bezahlte gegen Quittung die im voraus verlangten vierhundertfünfzig Franken; als er dann hinunterging, um den beiden Trägern ein Trinkgeld zu geben, kam ihm Herr Bernard nach, zog ein unter der Matratze verstecktes, sehr umfangreiches, verschnürtes Paket hervor und übergab es Gottfried.

»Einer von den Leuten wird Ihnen einen Wagen holen«, sagte der Alte, »denn Sie könnten die vier Bände nicht lange tragen. Das ist mein Werk, übergeben Sie es meinem Zensor, ich vertraue es ihm für diese ganze Woche an. Ich werde mindestens acht Tage mich in dieser Gegend aufhalten, denn ich will meine Tochter nicht so alleinlassen. Ich kenne meinen Enkelsohn, er kann das Haus hüten, besonders wenn Sie ihn dabei unterstützen; im übrigen empfehle ich ihn Ihrer Obhut. Wenn ich noch der alte wäre, würde ich Sie nach dem Namen meines Kritikers, des alten Richters, fragen, denn ich werde ihn wohl sicher kennen . . .«

»Oh, das ist kein Geheimnis«, unterbrach Gottfried Herrn Bernard. »Da Sie Ihr volles Vertrauen in mich gesetzt haben, kann ich Ihnen sagen, daß Ihr Zensor der ehemalige Präsident Lecamus de Tresnes ist.«

»Ach, vom Obersten Gerichtshof in Paris! Hier, nehmen Sie! Das war einer der edelsten Charaktere seiner Zeit . . . Er und der selige Popinot, der Richter am Tribunal erster Instanz, das waren Richter, würdig der schönsten Zeiten des alten Parlaments. Damit sind alle meine Befürchtungen, die ich noch hegte, zerstreut . . . Und wo wohnt er? Ich möchte ihm doch für die Mühe, die er sich machen will, danken.«

»Sie finden ihn in der Rue Chanoinesse unter dem Namen eines Herrn Nikolaus . . . Ich gehe gerade dorthin. Und Ihr Vertrag mit den Schurken? . . .«

»August wird ihn Ihnen übergeben«, sagte der Alte und kehrte wieder in den Hof der Klinik zurück.

Eine Droschke, die einer der Kommissionäre vom Quai Billy geholt hatte, fuhr jetzt vor; Gottfried stieg ein und versprach dem Kutscher ein gutes Trinkgeld, wenn er rechtzeitig in der Rue Chanoinesse ankäme, denn Gottfried wollte dort speisen.

Eine halbe Stunde nach dem Fortbringen Wandas stiegen drei schwarzgekleidete Männer, die die Vauthier von der Rue Notre-Dame des Champs her hereingeführt hatte, wo sie jedenfalls den geeigneten Moment abgewartet hatten, die Treppe, von dem weiblichen Judas begleitet, hinauf und klopften leise an die Tür von Herrn Bernards Wohnung. Da es gerade ein Donnerstag war, konnte der Schüler das Haus hüten. Er öffnete, und die drei Männer glitten wie Schatten in das erste Zimmer.

»Was wünschen Sie, meine Herren? fragte der junge Mann.

»Wir sind hier doch bei Herrn Bernard . . . das heißt bei dem Herrn Baron?«

»Aber was wünschen Sie denn?

»Ach, das wissen Sie ja recht gut, junger Mann; man hat uns gesagt, daß Ihr Großvater eben mit einer geschlossenen Sänfte abgezogen ist . . . Das wundert uns nicht, das ist sein Recht. Ich bin Gerichtsvollzieher und werde hier alles mit Beschlag belegen . . . Am Montag haben Sie die Aufforderung erhalten, dreitausend Franken als Hauptbetrag nebst den Kosten an Herrn Métivier bei Strafe der Verhaftung, die wir Ihnen angedroht haben, zu zahlen; und da ein alter Zwiebelhändler sich auf Bollen versteht, hat der Schuldner Reißaus genommen, um der Gefängniszelle in Clichy zu entgehen. Aber wenn wir ihn auch nicht fassen können, so werden wir uns doch wenigstens an sein reiches Mobiliar halten, denn wir wissen alles, junger Mann, und werden ein Protokoll aufnehmen.

»Da sind die Zustellungen, die Ihr Großvater nie hat annehmen wollen, sagte jetzt die Vauthier und steckte drei Zahlungsbefehle August in die Hand.

»Bleiben Sie hier, liebe Frau, wir werden Sie als gerichtlichen Verwahrer einsetzen. Das Gesetz billigt Ihnen täglich vierzig Sous zu; das ist auch nicht zu verachten.

»Ach, da werde ich ja endlich sehen, was in dem schönen Zimmer ist!« rief die Vauthier.

»Sie werden nicht in das Zimmer meiner Mutter hineingehen!« rief der junge Mann mit furchtbarer Stimme und sprang zwischen die Tür und die drei schwarzen Männer.

Auf einen Wink des Gerichtsvollziehers packten die beiden Gehilfen und der erste Schreiber, der dazugekommen war, August.

»Keinen Widerstand, junger Mann; Sie sind hier nicht der Herr; sonst werden wir ein Protokoll aufnehmen und Sie auf die Polizeiwache bringen . . .

Als er dieses verhängnisvolle Wort hörte, brach August in Tränen aus.

»Ach, was für ein Glück,« sagte er, »daß Mama fort ist! Das wäre ihr Tod gewesen!«

Es wurde jetzt eine Art von Konferenz zwischen den Gehilfen, dem Gerichtsvollzieher und der Vauthier abgehalten. August verstand, so leise sie auch sprachen, daß man die Manuskripte seines Großvaters beschlagnahmen wolle; daraufhin öffnete er die Tür des Zimmers.

»Kommen Sie herein, meine Herren, aber beschädigen Sie nichts«, sagte er. »Morgen werden Sie Zahlung erhalten.« Und er ging weinend in sein elendes Zimmer, wo er die Papiere seines Großvaters nahm und sie in den Ofen steckte, in dem, wie er wußte, kein Funken mehr glimmte.

Das wurde so schnell ausgeführt, daß der Gerichtsvollzieher, ein schlauer, gerissener, seiner Auftraggeber Barbet und Métivier würdiger Kerl, den jungen Mann weinend auf einem Stuhl vorfand, als er in seine Höhle eilte, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Manuskripte in dem Vorzimmer nicht zu finden waren. Obgleich sonst weder Bücher noch Manuskripte beschlagnahmt werden dürfen, hätte der von dem alten Richter unterzeichnete Vertrag dieses Vorgehen gerechtfertigt. Aber man konnte sich leicht durch aufschiebende Anträge gegen eine solche Beschlagnahme wehren, was Herr Bernard auch sicher nicht unterlassen hätte. Daher erschien es nötig, mit Verschlagenheit vorzugehen. Deshalb hatte auch die Witwe Vauthier ihren Hauseigentümer wundervoll unterstützt, indem sie die Zahlungsbefehle den Mietern gar nicht zustellte; sie rechnete darauf, sie ins Zimmer werfen zu können, wenn sie mit den Leuten der Justiz hereinkäme, oder nötigenfalls Herrn Bernard zu sagen, daß sie geglaubt hätte, es seien Zustellungen für die beiden Schriftsteller, die seit zwei Tagen abwesend waren.

Das Protokoll über die Beschlagnahme nahm etwa eine Stunde in Anspruch; der Gerichtsvollzieher ließ nichts beiseite und erachtete dann den Wert der beschlagnahmten Sachen für ausreichend zur Bezahlung der Schuld. Sobald der Gerichtsvollzieher sich entfernt hatte, nahm der arme junge Mann die Zahlungsbefehle und eilte fort, um seinen Großvater in der Klinik aufzusuchen, nachdem der Gerichtsvollzieher ihm mitgeteilt hatte, daß die Vauthier bei schwerer Strafe für die beschlagnahmten Gegenstände verantwortlich sei. Er konnte also die Wohnung ohne Bedenken verlassen.

Der Gedanke, seinen Großvater wegen Schulden ins Gefängnis geschleppt zu sehen, machte das arme Kind toll, so toll, wie junge Menschen es werden können, das heißt, er wurde die Beute einer gefährlichen und verhängnisvollen Aufregung, in der alle Kraft der Jugend auf einmal emporschießt und sie ebensowohl schlimme Handlungen wie heroische Taten begehen läßt. Als er in der Rue Basse-Saint-Pierre anlangte, sagte der Portier dem armen August, daß er nicht wisse, was aus dem Vater der Dame geworden sei, die um einhalb fünf Uhr eingeliefert wurde, daß aber Herr Halpersohn verboten habe, irgend jemanden, selbst nicht den Vater, in den nächsten acht Tagen die Dame besuchen zu lassen, da sonst ihr Leben in Gefahr sei.

Dieser Bescheid brachte August vollends außer sich. Er ging wieder nach dem Boulevard Mont-Parnasse zurück, voller Verzweiflung und die wildesten Pläne schmiedend. Gegen einhalb neun Uhr abends kehrte er heim, fast noch nüchtern und derart von Hunger und Schmerz erschöpft, daß er der Vauthier folgte, als sie ihm vorschlug, ihr Abendessen zu teilen, das aus einem Hammelragout mit Kartoffeln bestand. Das arme Kind fiel halb tot neben diesem gräßlichen Weibe auf einen Stuhl. Ermutigt durch die hinterlistigen honigsüßen Worte der Alten, antwortete er auf mehrere geschickt gestellte Fragen über Gottfried und gab ihr zu verstehen, daß der Mieter morgen die Schulden des Großvaters bezahlen würde, denn ihm habe man die glückliche Veränderung ihrer Situation seit einer Woche zu verdanken. Die Witwe hörte diese Eröffnungen mit zweifelndem Gesichtsausdruck mit an und nötigte August, mehrere Glas Wein zu trinken.

Gegen zehn Uhr hörte man das Rollen eines Wagens, der vor dem Hause hielt, und die Witwe rief:

»Da ist Herr Gottfried.«

Sogleich nahm August den Schlüssel seiner Wohnung und ging hinauf, um den Gönner seiner Familie zu begrüßen; aber er fand Gottfrieds Gesicht dermaßen verändert, daß er gezögert hätte, ihn anzureden, wenn nicht die Gefahr, in der sein Großvater schwebte, das edelmütige Kind dazu bestimmt hätte. Inzwischen hatte sich in der Rue Chanoinesse etwas ereignet, was den strengen Ausdruck, den Gottfrieds Gesicht zeigte, erklärt. Rechtzeitig eingetroffen, hatte der Neophyt Frau de la Chanterie und ihre Getreuen im Salon vorgefunden und hatte Herr Nikolaus beiseite genommen, um ihm die vier Bände des »Geistes der neuen Gesetze« zu übergeben. Herr Nikolaus brachte sogleich das Manuskript in sein Zimmer und kam dann wieder zum Essen herunter; nachdem er dann den ersten Teil des Abends verplaudert hatte, ging er wieder hinauf, um mit der Lektüre des Werkes zu beginnen. Gottfried war nun sehr erstaunt, als er wenige Augenblicke nach dem Verschwinden des Herrn Nikolaus durch Manon ersucht wurde, zu ihm hinaufzukommen. Er ging mit Manon zu Herrn Nikolaus und konnte sich gar nicht in seiner Wohnung umsehen, so ergriffen war er von dem bestürzten Gesichtsausdruck dieses sonst so ruhigen, gemessenen Mannes.

»Kennen Sie«, fragte Herr Nikolaus, der wieder der alte Präsident geworden war, »kennen Sie den Namen des Verfassers dieser Arbeit?«

»Es ist ein Herr Bernard,« erwiderte Gottfried, »ich kenne ihn nur unter diesem Namen. Ich habe ja das Paket nicht geöffnet . . .«

»Ach, richtig,« sagte sich Herr Nikolaus, »ich habe es ja selbst aufgemacht. Sie haben nicht«, fuhr er dann laut fort, »versucht, sich über sein Vorleben zu informieren?«

»Nein. Ich weiß nur, daß er aus Liebe die Tochter des Generals Tarlowski geheiratet hat; daß seine Tochter wie ihre Mutter Wanda heißt und sein Enkelsohn August; das Porträt, das ich von Herrn Bernard gesehen habe, war, wie ich glaube, das eines Präsidenten des Obersten Gerichtshofs in roter Robe.«

»Hier, lesen Sie,« sagte Herr Nikolaus und zeigte auf den Titel des Werkes, der, von Augusts Hand in kalligraphischer Schrift geschrieben, so lautete:

Geist
der neuen Gesetze.

Von M. Bernard-Jean-Baptiste Macloud Baron Bourlac,

Ehemaligem Generalstaatsanwalt am Obergericht von Rouen,

Großoffizier der Ehrenlegion.

»Ah, der Henker der gnädigen Frau, ihrer Tochter und des Chevaliers du Vissard!« sagte Gottfried mit matter Stimme. Seine Beine wurden ihm schwach, und er ließ sich auf einen Sessel fallen. – »Ein hübsches Debüt«, murmelte er.

»Dies, mein lieber Gottfried,« fuhr Herr Nikolaus fort, »ist eine Sache, die uns alle angeht: Sie haben Ihre Arbeit getan, das übrige ist unsre Sache. Mischen Sie sich, ich bitte Sie, weiter in nichts und holen Sie alles, was Sie noch dort gelassen haben, ab. Kein Wort weiter und absolutes Stillschweigen! Und dem Baron Bourlac sagen Sie, er solle sich an mich wenden. Bis dahin werden wir uns schlüssig gemacht haben, wie wir weiter in dieser Angelegenheit verfahren wollen.«

Gottfried ging hinunter, entfernte sich, nahm einen Wagen und langte schnell am Boulevard Mont-Parnasse an, voller Entsetzen, wenn er an den Prozeß vor dem Gerichte in Caen, an das blutige Ende des Dramas auf dem Schafott und an den Aufenthalt der Frau de la Chanterie in Bicêtre dachte. Er verstand jetzt die Verlassenheit, in der der frühere Generalstaatsanwalt, ähnlich einem Foucquier-Tinville, seine letzten Tage verbrachte, und die Gründe für sein so sorgsam bewahrtes Incognito.

»Möchte doch Herr Nikolaus die arme Frau de la Chanterie recht grausam an ihm rächen!« Als er diesen nicht sehr katholischen Wunsch im Geiste formulierte, bemerkte er August.

»Was wünschen Sie von mir?« fragte Gottfried.

»Mein guter Herr, uns ist eben ein Unglück passiert, das mich ganz toll macht! Verbrecher haben alles bei meiner Mutter beschlagnahmt, und man sucht nach meinem Großvater, um ihn zu verhaften. Aber nicht um dieses Unglücks willen flehe ich Sie an,« sagte der Jüngling mit römischem Stolz, »sondern nur um Sie zu bitten, uns einen Dienst zu leisten, den man auch zum Tode Verurteilten nicht abschlägt . . .«

»Sprechen Sie«, sagte Gottfried.

»Man hat sich der Manuskripte meines Großvaters bemächtigen wollen; und da ich glaube, daß er Ihnen sein Werk übergeben hat, so wollte ich Sie bitten, auch die Notizen an sich zu nehmen, denn die Portiersfrau wird mich nichts von hier fortbringen lassen . . . Tun Sie sie zu den Bänden, und . . .«

»Gut, gut,« erwiderte Gottfried, »holen Sie sie schnell.«

Während der junge Mann in sein Zimmer eilte, um sogleich wiederzukommen, überlegte sich Gottfried, daß dieses Kind an dem Verbrechen unschuldig war, und daß er es nicht zur Verzweiflung bringen dürfe, indem er ihm von seinem Großvater und der Verlassenheit rede, mit der sein trauriges Alter für die Grausamkeiten seines politischen Wirkens bestraft wurde, und er nahm das Paket mit einer gewissen Freundlichkeit entgegen.

»Wie heißt Ihre Mutter eigentlich?« fragte er.

»Meine Mutter, mein Herr, ist die Baronin de Mergi; mein Vater war der Sohn des Ersten Präsidenten am Obergericht von Rouen.«

»Ah,« sagte Gottfried, »Ihr Großvater hat also seine Tochter mit dem Sohne des berühmten Präsidenten Mergi verheiratet?«

»Jawohl, mein Herr.«

»Lassen Sie mich jetzt allein, junger Freund«, sagte Gottfried. Er begleitete den jungen Baron bis zum Treppenabsatz und rief dann nach der Vauthier.

»Mutter Vauthier, sagte er, »Sie können über meine Wohnung verfügen, ich komme nicht mehr hierher.« Und er ging hinunter, um in seinen Wagen zu steigen.

»Haben Sie dem Herrn da etwas übergeben?« fragte die Vauthier August.

»Ja«, sagte der junge Mann.

»Sie sind gut! Das ist ja ein Agent ihrer Feinde! Er hat hier alles angezettelt, das ist sicher. Und der Beweis, daß der Streich geglückt ist, ist der, daß er gar nicht mehr hierherkommt . . . Er hat mir gesagt, daß ich seine Wohnung anderweitig vermieten kann.«

August stürzte auf den Boulevard hinaus, rannte hinter dem Wagen her und brachte ihn endlich zum Halten, so laut schrie er.

»Was wollen Sie denn noch von mir?« fragte Gottfried.

»Die Manuskripte meines Großvaters! . . .«

»Sagen Sie ihm, er soll sie sich bei Herrn Nikolaus holen.«

Der junge Mann hielt diese Worte für den grausamen Spott eines Diebes, der alles Schamgefühl verloren hat, und fiel auf den Schnee hin, als er sah, wie der Wagen seinen Weg eiligst fortsetzte. Dann erhob er sich mit wildem Entschlusse und begab sich zu Bett, erschöpft von dem schnellen Laufen und gebrochenen Herzens. Am andern Morgen erwachte August de Mergi allein in seiner Wohnung, in der noch am Tage vorher seine Mutter und sein Großvater sich befunden hatten, in peinlicher Erregung über die Lage, in die er sich versetzt sah. Die tiefe Stille der sonst so belebten Wohnung, wo für jeden Moment eine Pflichterfüllung, eine Tätigkeit vorgezeichnet war, ließ ihn so viel Unglück gewahr werden, daß er hinabging und die Mutter Vauthier fragte, ob sein Großvater nicht in der Nacht oder am frühen Morgen zurückgekommen sei; denn er war erst sehr spät aufgewacht und nahm an, daß, wenn der Baron Bourlac heimgekehrt wäre, ihn die Portierfrau von der Nachsuche nach ihm in Kenntnis gesetzt haben würde. Aber die Portierfrau antwortete ihm höhnisch, er wisse doch recht gut, wo sein Großvater zu finden sei; und wenn er diesen Morgen nicht zurückgekommen wäre, so sei das deshalb, weil er im Schloß Clichy wohne. Dieser Spott von seiten einer Frau, die ihn noch am Abend vorher so freundlich behandelt hatte, versetzte den jungen Mann wieder völlig in Wut, und er eilte nach der Klinik in der Rue Basse-St-Pierre, verzweifelt bei dem Gedanken, daß sein Großvater im Gefängnis sei.

Der Baron Boulcac war die ganze Nacht um die Klinik, deren Eintritt ihm untersagt war, und um das Haus des Doktors Halpersohn herumgeirrt, von dem er natürlich Rechenschaft über ein solches Verfahren verlangen wollte. Der Doktor war erst um zwei Uhr morgens nach Hause gekommen. Um einhalb zwei Uhr war der Alte an der Tür des Doktors gewesen und dann in der großen Allee der Champs-Elysées umhergegangen; als er um einhalb drei Uhr wiederkam, sagte ihm der Portier, daß Herr Halpersohn heimgekehrt und schlafen gegangen sei, und daß er ihn nicht wecken dürfe.

Seit einhalb drei Uhr irrte der arme verzweifelte Vater in der Gegend am Quai unter den mit Rauhfrost überzogenen Bäumen der Seitenalleen des Cours-la-Reine umher und wartete, bis es Tag wurde. Um neun Uhr morgens erschien er bei dem Arzt und fragte ihn, warum er seine Tochter derart abgesperrt halte.

»Mein Herr,« erwiderte der Doktor, »gestern habe ich die Verantwortung für die Gesundheit Ihrer Tochter übernommen; aber jetzt bin ich Ihnen für ihr Leben verantwortlich, und Sie werden begreifen, daß ich in einem solchen Falle unbeschränkter Herr sein muß. Ich muß Ihnen mitteilen, daß Ihre Tochter gestern eine Arzenei bekommen hat, die den Grundstoff des Weichselzopfes heraustreiben soll, und solange dieser schreckliche Krankheitsstoff nicht entfernt ist, darf niemand zu ihr. Ich will nicht, daß eine heftige Erregung, ein Diätfehler mir die Kranke und Ihnen die Tochter raubt; wenn Sie sie durchaus sehen wollen, so werde ich drei Ärzte zu einer Konsultation zusammenberufen, um mich von der Verantwortlichkeit zu entlasten, denn die Kranke könnte sterben!«

Von Müdigkeit überwältigt, sank der Alte auf einen Stuhl, erhob sich aber schnell und sagte: »Verzeihen Sie mir, mein Herr. Ich habe die ganze Nacht mit entsetzlicher Angst auf Sie gewartet; Sie wissen nicht, wie ich meine Tochter liebe, die ich seit fünfzehn Jahren zwischen Leben und Tod schwebend mir erhalten habe, und diese acht Tage des Wartens sind für mich eine Folter.«

Der Baron verließ Halpersohns Sprechzimmer wankend wie ein Betrunkener. Ungefähr eine Stunde nach seinem Fortgehen, wobei ihn der jüdische Arzt am Arm bis an das Geländer der Treppe führen mußte, erschien August bei diesem. Der arme junge Mann hatte die Portierfrau der Klinik ausgefragt und von ihr gehört, daß der Vater der am Tage vorher eingelieferten Dame am Abend wiedergekommen sei, daß er nach ihr gefragt und davon gesprochen habe, am Morgen den Doktor Halpersohn aufzusuchen; dort würde er sicher Näheres über ihn erfahren. Als August de Mergi in das Arbeitszimmer Halpersohns trat, frühstückte dieser gerade ein Tasse Schokolade nebst einem Glas Wasser, alles auf einem kleinen Tisch neben ihm stehend; er ließ sich durch den jungen Menschen nicht stören und fuhr fort, seine Schnitte in die Schokolade zu tauchen; er aß niemals etwas anderes als ein Franzbrot, das mit einer Genauigkeit in vier Teile geteilt war, die die Geschicklichkeit eines Operateurs verriet. Halpersohn war in der Tat auf seinen Reisen auch als Chirurg tätig gewesen.

»Nun, junger Mann,« sagte er, als er Wandas Sohn hereintreten sah, »kommen Sie auch, um Rechenschaft wegen Ihrer Mutter zu verlangen? . . .«

»Ja, mein Herr«, erwiderte August de Mergi.

August hatte sich dem Tisch genähert, auf dem gleich mehrere Bankbillette zwischen etlichen Goldrollen ihm in die Augen stachen. Bei der Lage, in der sich das arme Kind befand, war die Verführung stärker als seine Grundsätze, so fest sie auch sonst sein mochten. Hier sah er eine Möglichkeit, seinen Großvater und die Frucht von dessen zwanzigjähriger Arbeit, die von schlauen Spekulanten bedroht war, zu retten. Er unterlag der Versuchung. Die Verblendung überfiel ihn mit Gedankenschnelle und erschien dem armen Kinde gerechtfertigt durch seine opfervolle Hingebung. Er sagte sich: ›Wenn ich mich auch ins Verderben stürze, so rette ich doch meine Mutter und meinen Großvater! . . .‹

Bei diesem Kampf zwischen Vernunft und Verbrechen entwickelte er, wie die Wahnsinnigen, eine eigenartige momentane Gewandtheit; statt nach seinem Großvater zu fragen, ging er auf die Unterhaltung des Arztes ein. Halpersohn hatte sich, wie alle bedeutenden Beobachter, rückblickend das Leben des Alten, des Kindes und der Mutter zurechtgelegt. Er ahnte oder erkannte die Wahrheit, die die Gespräche mit der Baronin de Mergi ihm enthüllt hatten, und er empfand ein gewisses Wohlwollen für seine neue Klientin; zu Respekt oder Bewunderung war er unfähig.

»Nun, mein lieber Junge,« erwiderte er in vertraulichem Tone, »ich werde Ihnen Ihre Mutter am Leben erhalten und sie Ihnen jung, schön und gesund wiedergeben. Sie hat eine von den seltenen Krankheiten, die das Interesse der Ärzte erregen, und außerdem stammt sie durch ihre Mutter aus demselben Lande wie ich. Sie und Ihr Großvater müssen den Mut aufbringen, zwei Wochen auszuhalten, ohne sie zu sehen . . .«

»Die Baronin de Mergi . . .«

»Wenn sie Baronin ist, dann sind Sie also ein Baron?« fragte Halpersohn.

In diesem Augenblick wurde der Diebstahl vollführt. Während der Arzt seine mit Schokolade getränkte Brotschnitte betrachtete, hatte August vier zusammengefaltete Bankbillette genommen und sie in seine Hosentasche gesteckt, indem er so tat, als stecke er seine Hand hinein, um Haltung zu bewahren.

»Jawohl, mein Herr, ich bin Baron. Auch mein Großvater ist Baron; er war Generalstaatsanwalt unter der Restauration.«

»Sie werden rot, junger Mann; man braucht nicht zu erröten, weil man arm und ein Baron ist, das kommt sehr oft vor.«

»Wer hat Ihnen denn gesagt, mein Herr, daß wir arm sind?«

»Ihr Großvater hat mir erzählt, daß er die Nacht in den Champs-Elysées verbracht hat; und wenn ich auch keinen Palast mit einer ebenso schönen Decke kenne, wie die, die dort um zwei Uhr morgens strahlte, so versichere ich Ihnen doch, daß es in dem Palast, in dem Ihr Großvater promenierte, recht kalt war. Man sucht nicht aus Liebhaberei das Hotel zu den ›schönen Sternen‹ auf . . .«

»Mein Großvater war hier?« unterbrach ihn August, der die Gelegenheit ergriff, um fortzukommen; »ich danke Ihnen, mein Herr; wenn Sie gestatten, werde ich wiederkommen, um mir Nachricht über meine Mutter zu holen.«

Sobald er hinausgelangt war, begab sich der junge Baron zu dem Gerichtsvollzieher, indem er einen Wagen nahm, um schneller hinzukommen, und bezahlte die Schuld seines Großvaters. Der Gerichtsvollzieher übergab ihm die Schuldurkunden und die Kostenaufstellung und sagte ihm dann, er solle sich einen seiner Gehilfen mitnehmen, um die gerichtliche Verwahrerin ihres Amtes zu entheben.

»Die Herren Barbet und Métivier wohnen ja in Ihrem Viertel,« fügte er hinzu; »mein junger Mann wird ihnen das Geld bringen und ihnen sagen, daß sie Ihnen die Urkunde über das Vorkaufsrecht herausgeben . . .«

August, der nichts von diesen Fachausdrücken und Formalitäten verstand, ließ alles mit sich machen. Er erhielt siebenhundert Franken in Silber auf die viertausend Franken zurück und entfernte sich in Begleitung eines Schreibers. Er stieg in den Wagen in einem Zustande unsagbarer Betäubung: denn nachdem die Sache gelungen war, begannen sich die Gewissensbisse zu regen, er sah sich entehrt, von seinem Großvater, dessen Unbeugsamkeit er kannte, verflucht, und er mußte daran denken, daß seine Mutter vor Schmerz, ihn schuldig zu wissen, sterben würde. Das Aussehen der ganzen Natur erschien ihm verändert. Es wurde ihm heiß, er sah den Schnee nicht mehr, die Häuser erschienen ihm wie Gespenster. Zu Hause angelangt, faßte der junge Baron einen Entschluß, wie er jedenfalls einen ehrenhaften jungen Mann ziemte. Er ging in das Zimmer seiner Mutter, um dort die diamantenbesetzte Dose zu holen, die der Kaiser seinem Großvater geschenkt hatte, und sie mit den siebenhundert Franken an den Doktor Halpersohn mit folgenden Brief, für den mehrere Entwürfe nötig waren, zu schicken:

»Mein Herr,

die Frucht zwanzigjähriger Arbeit meines Großvaters sollte von Wucherern vernichtet werden, die auch seine Freiheit bedrohten. Dreitausenddreihundert Franken konnten ihn retten, und als ich so viel Gold auf Ihrem Tische sah, konnte ich dem Verlangen, meinen Ahnherrn frei zu sehen und ihm den Lohn für seine durcharbeiteten Nächte zu erhalten, nicht widerstehen. Ich habe von Ihnen, ohne Ihre Einwilligung einzuholen, viertausend Franken entliehen; aber da nur dreitausenddreihundert Franken erforderlich waren, so schicke ich Ihnen die übrigen siebenhundert Franken zurück und lege eine diamantenbesetzte Dose bei, ein Geschenk des Kaisers an meinen Großvater, deren Wert der übrigen Summe entsprechen wird.

Wenn Sie an die ehrenhafte Gesinnung desjenigen, der sein Leben lang in Ihnen seinen Wohltäter sehen wird, nicht glauben sollten, so bewahren Sie wenigstens über eine Handlung, die in jedem andern Falle nicht zu rechtfertigen wäre, Schweigen. Dann werden Sie meinen Großvater ebenso wie meine Mutter retten, und ich werde mein Leben hindurch Ihr ergebener Sklave bleiben.

August de Mergi«

Gegen einhalb drei Uhr ließ August, der bis nach den Champs-Elysées gegangen war, durch einen Kommissionär bei dem Doktor Halpersohn eine geschlossene Schachtel abgeben, in der sich zehn Louisdors, ein Fünfhundertfrankenbillett und die Dose befanden; dann kehrte er langsam zu Fuß über den Pont d'Iéna, den Invalidenplatz und die Boulevards nach Hause zurück, indem er auf den Edelmut Halpersohns rechnete. Der Arzt, der den Diebstahl bemerkt hatte, änderte sofort seine Ansicht über seine Klienten. Er nahm an, daß der Alte gekommen war, um ihn zu bestehlen, und daß er, da ihm das nicht geglückt war, den jungen Menschen geschickt habe. Er bezweifelte, ob sie das seien, wofür sie sich ausgaben, und begab sich direkt zum Staatsanwalt, um seine Klage einzureichen und sofortige Verfolgung zu verlangen.

Die Vorsicht, mit der die Justiz zu handeln pflegt, erlaubt ein so schnelles Vorgehen, wie es die klagenden Parteien verlangen, nur selten; aber schon um drei Uhr richtete ein Polizeikommissar, der von Agenten begleitet war, die auf den Boulevards zu flanieren schienen, an die Mutter Vauthier Fragen über ihre Mieter, und die Witwe verstärkte, ohne etwas von der Sache zu wissen, noch den Verdacht des Polizeikommissars.

Nepomuk, der die Polizeiagenten witterte, glaubte, daß man den Alten verhaften wolle; da er Herrn August gern hatte, lief er Herrn Bernard entgegen, und als er ihn in der Avenue de l'Observatoire bemerkte, rief er ihm zu:

»Retten Sie sich, Herr! Man will Sie verhaften. Gestern sind die Gerichtsvollzieher bei Ihnen gewesen. Die alte Vauthier, die die Zahlungsbefehle versteckt hatte, hat gesagt, Sie würden heute oder morgen in Clichy schlafen. Da, sehen Sie die Polizisten?«

Dem alten Generalstaatsanwalt genügte ein Blick, um in den Polizeiagenten Gerichtsvollzieher zu erkennen, und ihm wurde alles klar.

»Und Herr Gottfried?«

»Der ist fort und kommt nicht mehr wieder. Die alte Vauthier sagt, daß er ein Spion Ihrer Feinde war.«

Der Baron Bourlac entschloß sich sogleich, zu Barbet zu gehen, bei dem er nach einer guten Viertelstunde eintraf; der ehemalige Buchhändler wohnte in der Rue Sainte-Cathérine d'Enfer.

»Ach, Sie wollen sich Ihr Anerkenntnis über das Vorkaufsrecht holen?« sagte der frühere Buchhändler und erwiderte den Gruß seines Opfers; »hier ist es.«

Und zum großen Erstaunen des Barons Bourlac reichte er ihm das Papier hin, das der alte Generalstaatsanwalt an sich nahm, während er sagte:

»Ich verstehe nicht . . .«

»Waren Sie es denn nicht, der mir Zahlung geleistet hat?«

»Sie sind bezahlt worden?«

»Ihr Enkelsohn hat das Geld heute früh zu dem Gerichtsvollzieher gebracht.«

»Ist es wahr, daß Sie gestern bei mir beschlagnahmt haben? . . .«

»Sind Sie denn die letzten zwei Tage nicht nach Hause gekommen?« fragte Barbet; »Ein Generalstaatsanwalt weiß doch recht gut, was die Androhung der Verhaftung bedeutet . . .«

Nach diesen Worten verabschiedete sich der Baron kühl von Barbet und kehrte nach Hause zurück im Glauben, daß der Gerichtsvollzieher zweifellos wegen der in der zweiten Etage versteckten Schriftsteller sich dort aufhielte. Er ging langsamen Schritts, mit unbestimmten Vermutungen beschäftigt; je weiter er kam, desto dunkler und unerklärlicher erschienen ihm Nepomuks Worte. Sollte Gottfried ihn wirklich verraten haben? Mechanisch bog er in die Rue Notre-Dame des Champs ein, ging durch die kleine Tür, die zufällig offen stand, und stieß hier auf Nepomuk.

»Ach, Herr, kommen Sie doch schnell! Man bringt Herrn August ins Gefängnis! Er ist auf dem Boulevard verhaftet worden; er war's, den sie gesucht haben; sie haben ihn ausgefragt . . .«

Mit einem Sprung wie ein Tiger flog der Alte über die Allee durch das Haus und den Garten wie ein Pfeil auf den Boulevard und kam gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sein Enkelsohn zwischen drei Männern in einen Wagen stieg.

»Was soll das bedeuten, August?« sagte er.

Der junge Mann brach in Tränen aus und wurde ohnmächtig.

»Mein Herr, ich bin der Baron Bourlac, der frühere Generalstaatsanwalt,« sagte er zu dem Polizeikommissar, den er an der Schärpe erkannte, »ums Himmels willen erklären Sie mir . . .«

»Wenn Sie der Baron Bourlac sind, mein Herr, so werden Sie alles begreifen, wenn ich Ihnen in zwei Worten sage: ich habe den jungen Mann eben vernommen, und er hat gestanden . . .«

»Was denn?«

»Daß er einen Diebstahl von viertausend Franken bei dem Doktor Halpersohn begangen hat.«

»Aber wie ist das möglich, August?«

»Großvater, ich habe ihm dafür als Unterpfand deine Diamantendose geschickt; ich wollte dich vor der Schande, ins Gefängnis zu kommen, retten.«

»Unglücklicher, was hast du getan!?« rief der Baron aus. »Die Diamanten sind ja falsch, die echten habe ich schon vor drei Jahren verkauft.«

Der Polizeikommissar und sein Gehilfe sahen sich mit eigentümlichen Blicken an. Diese vielsagenden Blicke, die der Baron Bourlac auffing, schmetterten ihn zu Boden.

»Herr Kommissar,« begann der alte Generalstaatsanwalt wieder, »seien Sie beruhigt, ich gehe selbst zu dem Herrn Staatsanwalt; Sie werden mir aber bezeugen können, daß ich meinen Enkel und meine Tochter in Unkenntnis gelassen habe. Sie müssen Ihre Pflicht tun; aber im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, meinem Enkelsohn ein besonderes Zimmer zu geben . . . Ich werde selbst in das Gefängnis kommen . . . Wohin bringen Sie ihn denn?«

»Sind Sie auch wirklich der Baron Bourlac?« fragte der Polizeikommissar.

»Oh, mein Herr!«

»Ich frage deshalb, weil der Staatsanwalt, der Untersuchungsrichter und ich nicht glauben wollten, daß Leute wie Sie und Ihr Enkelsohn schuldig sein könnten, und weil wir, ebenso wie der Doktor, annahmen, daß Schurken sich für Sie ausgegeben hätten.«

Er nahm den Baron beiseite und sagte zu ihm:

»Waren Sie heute morgen bei dem Doktor Halpersohn?«

»Jawohl.

»Und ist Ihr Enkelsohn eine halbe Stunde nach Ihnen dort erschienen?«

»Davon weiß ich nichts, mein Herr, denn ich komme eben nach Hause und habe meinen Enkel seit gestern nicht gesehen.«

»Die Zahlungsbefehle, die er uns gezeigt hat, und die Akten haben alles erklärt,« fuhr der Polizeikommissar fort, »ich kenne den Grund für das Verbrechen. Eigentlich müßte ich Sie, mein Herr, als Mitschuldigen Ihres Enkels ebenfalls verhaften, denn Ihre Antworten bestätigen die in der Klage angeführten Tatsachen; aber die Zahlungsbefehle, die Ihnen zugestellt wurden, und die ich Ihnen hier zurückgebe,« sagte er und reichte ihm die Stempelpapiere hin, »beweisen, daß Sie wirklich der Baron von Bourlac sind. Jedenfalls aber müssen Sie sich bereithalten, vor Herrn Marest, dem Untersuchungsrichter, der mit der Angelegenheit betraut ist, zu erscheinen. Ich denke, daß ich mir mit Rücksicht auf Ihr früheres Amt ein scharfes Vorgehen ersparen darf. Was Ihren Enkelsohn anlangt, so will ich gleich mit dem Staatsanwalt sprechen, und wir werden dem Enkel eines früheren Ersten Präsidenten, dem Opfer einer jugendlichen Verirrung, jede Rücksicht angedeihen lassen. Aber die Klage ist angestrengt, der Angeklagte gesteht, ich habe ein Protokoll aufgenommen, es ist ein Haftbefehl ergangen: ich kann also nichts ändern. Was das Gefängnis anlangt, so werden wir Ihren Enkelsohn in die Conciergerie bringen.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr!« sagte der unglückliche Bourlac.

Und er fiel der Länge nach auf den Schnee hin und rollte in eine der Vertiefungen, die sich damals zwischen den Bäumen des Boulevards befanden.

Der Polizeikommissar rief nach Hilfe, und Nepomuk lief mit der alten Vauthier herbei. Man brachte den Greis in seine Wohnung, und die Vauthier bat den Polizeikommissar, wenn er durch die Rue d'Enfer käme, so schnell als möglich den Doktor Berton herzuschicken.

»Was ist denn meinem Großvater?« fragte der arme August.

»Er ist wahnsinnig geworden! . . . das kommt davon, wenn man stiehlt! . . .«

August machte eine Bewegung, als ob er sich den Kopf zerschmettern wolle, aber die beiden Agenten hielten ihn fest.

»Ruhig, junger Mann!« sagte der Polizeikommissar, »ruhig! Sie haben zwar unrecht gehandelt, aber das ist wieder gut zu machen! . . .«

»Aber, lieber Herr, sagen Sie der Frau doch, daß mein Großvater wahrscheinlich seit vierundzwanzig Stunden nichts zu sich genommen hat! . . .«

»Ach, die armen Leute!« sagte der Kommissar leise. Er ließ den Wagen, der schon abgefahren war, halten und sagte leise ein paar Worte zu seinem Sekretär, der hinlief, um mit der Vauthier zu reden, und gleich wiederkam.

Herr Berton hielt die Krankheit des Herrn Bernard, den er nur unter diesem Namen kannte, für ein sehr heftiges, hitziges Fieber; nachdem ihm aber die Vauthier die Ereignisse, die diesen Zustand herbeigeführt hatten, in der Weise, wie Portierfrauen zu erzählen pflegen, berichtet hatte, hielt er es für nötig, am andern Morgen Herrn Alain von der Sache in Kenntnis zu setzen, und dieser sandte durch einem Kommissionär ein paar mit Bleistift beschriebene Zeilen an Herrn Nikolaus in die Rue Chanoinesse.

Gottfried hatte am Abend vorher beim Nachhausekommen die Notizen zu der Arbeit Herrn Nikolaus übergeben, der den größten Teil der Nacht damit zubrachte, den ersten Band von Baron Bourlacs Werk zu lesen.

Am andern Morgen forderte Frau de la Chanterie den Neophyten auf, sich, wenn er immer noch an seinem Entschlusse festhielte, sofort an die Arbeit zu machen. Gottfried, von ihr in die Finanzgeheimnisse der Gesellschaft eingeweiht, arbeitete nun mehrere Monate hindurch täglich sieben bis acht Stunden unter der Aufsicht Friedrich Mongenods, der alle Sonntag seine Arbeiten prüfte, und von dem er Lobsprüche darüber erntete.

»Sie sind«, sagte er, als alle Konten abgeschlossen waren und eine klare Übersicht gestatteten, »eine kostbare Akquisition für die frommen Leute, in deren Mitte Sie leben. Von jetzt aber werden zwei bis drei Stunden täglich genügen, um die Bücher kurrent zu halten, und in der übrigen Zeit werden Sie ihnen helfen können, wenn Sie sich immer noch ebenso dazu berufen fühlen, wie Sie vor sechs Monaten erklärten . . .»

Man befand sich damals im Monat Juli des Jahres 1838. Während der ganzen Zeit, die seit dem Abenteuer am Boulevard Mont Parnasse verflossen war, hatte Gottfried, bestrebt, sich seiner Freunde würdig zu zeigen, keine einzige Frage in bezug auf den Baron Bourlac gestellt; da er kein Wort darüber sprechen hörte und nichts in den darauf bezüglichen Schriftstücken fand, so sah er das über die beiden Henker der Frau de la Chanterie bewahrte Stillschweigen für eine Prüfung an, der man ihn unterwarf, oder für einen Beweis, daß die Freunde der edlen Frau sie gerächt hatten.

Er war zwei Monate danach bei einem Spaziergang bis zum Boulevard Mont-Parnasse gekommen, hatte es eingerichtet, mit der Witwe Vauthier zusammenzutreffen und sich bei ihr nach der Familie Bernard erkundigt.

»Weiß ich denn, mein lieber Herr Gottfried, was aus den Leuten geworden ist? . . . Zwei Tage nach Ihrem Vorgehen – denn Sie waren es doch, Sie Schlaukopf, der die Sache meinem Eigentümer gesteckt hat – sind Leute gekommen, die uns von diesem alten hochnäsigen Kerl befreit haben. In vierundzwanzig Stunden war alles weggebracht, und aus den Augen, aus dem Sinn! Niemand hat mir eine Silbe verraten wollen. Ich glaube, er ist mit seinem Briganten von Enkel nach Algier gegangen; denn Nepomuk, der eine Schwäche für den Dieb hatte und der auch nicht mehr wert ist als er, hat ihn nicht mehr in der Conciergerie vorgefunden, und er allein weiß, wo sie sind, der Schuft, der mich hier hat sitzen lassen . . . Da soll man noch Findelkinder aufziehen! Als Lohn lassen sie Einen in der Patsche sitzen. Ich habe noch keinen andern für ihn gefunden, und da die Gegend sehr in Aufnahme kommt, so ist das ganze Haus vermietet, und ich komme um vor Arbeit.«

Niemals hätte Gottfried etwas über den Baron Bourlac erfahren, hätte nicht diese Angelegenheit ihre Lösung infolge einer jener Begegnungen gefunden, wie sie in Paris vorkommen.

Es war im September, als Gottfried die große Avenue des Champs-Elysées entlang ging und dabei an den Doktor Halpersohn denken mußte, als er an der Rue Marbeuf vorbeikam.

»Ich müßte ihn eigentlich aufsuchen,« sagte er sich, »um zu hören, ob er die Tochter Bourlacs geheilt hat! . . . Was hatte sie für eine Stimme und für eine Begabung! . . . Und dabei wollte sie ins Kloster gehn!«

Als er an dem Rondell angelangt war, überquerte Gottfried es schnell wegen der Wagen, die eilig vorbeifuhren, und stieß in der Allee einen jungen Mann an, der eine Dame am Arm führte.

»Sehen Sie sich doch vor!»rief der junge Mann. »Sind Sie denn blind?«

»Was, Sie sind es?« erwiederte Gottfried, der in dem jungen Manne August de Mergi erkannt hatte.

August war gut gekleidet, hübsch, elegant und stolz, daß er seinen Arm der Dame reichen durfte, die Gottfried ohne die Erinnerungen, die er wieder wach werden ließ, nicht wiedererkannt haben würde.

»Ach, das ist ja der gute Herr Gottfried«, sagte die Dame.

Als er den himmlischen Klang von Wandas entzückendem Organ vernahm und sie gehen sah, blieb Gottfried wie festgewurzelt stehen.

»Geheilt!« sagte er.

»Seit zehn Tagen darf ich gehen! . . .« erwiederte sie.

»Halpersohn? . . .«

»Ja», sagte sie. »Aber warum haben Sie uns denn nicht besucht?« fuhr sie fort . . . »Oh, Sie haben Recht daran getan! Erst vor acht Tagen haben sie mir meine Haare abgeschnitten! Was Sie an mir sehen, ist eine Perücke; aber der Doktor hat mir heilig versichert, daß sie wieder wachsen werden! . . . Ach, was haben wir uns alles zu erzählen! . . . Kommen Sie doch zum Essen zu uns! . . . Oh, und Ihr Akkordeon! . . . Oh, lieber Herr . . .«

Und sie führte ihr Taschentuch an die Augen.

»Ich werde es mein Lebelang behalten! Und mein Sohn wird es wie eine Reliquie aufbewahren! Mein Vater hat in ganz Paris nach Ihnen geforscht; außerdem ist er auf der Suche nach seinen unbekannten Wohltätern; er würde vor Kummer sterben, wenn Sie ihm nicht helfen, sie zu finden . . . Eine düstere Melancholie nagt an ihm, deren ich nicht alle Tage Herr zu werden vermag.«

Ebenso von der Stimme der reizenden, dem Grabe entstiegenen Frau verführt, wie von brennender Neugierde verzehrt, bot Gottfried der Baronin de Mergi den Arm, die ihren Sohn vorausgehen ließ; sie hatte ihm durch einen Wink einen Auftrag erteilt, den der junge Mann wohl verstanden hatte.

»Ich entführe Sie, aber nicht weit weg, wir wohnen in der Allée d'Antin, in einem hübschen kleinen Hause in englischem Stil; wir bewohnen es ganz allein; jeder von uns hat ein Stockwerk für sich. Oh, es geht uns recht gut. Mein Vater ist der Ansicht, daß Sie eine große Rolle bei den Glücksfällen spielen, die uns in so reichem Maße zuteil geworden sind! . . .«

»Ich? . . .«

»Wissen Sie denn nicht, daß man für ihn infolge eines Berichtes des Unterrichtsministers einen Lehrstuhl für vergleichende Rechtswissenschaft an der Sorbonne geschaffen hat? Im nächsten November wird mein Vater seine erste Vorlesung halten. Das große Werk, an dem er arbeitete, erscheint in einem Monat; das Verlagshaus Cavalier gibt es heraus und teilt den Gewinn mit meinem Vater; als Vorschuß auf seinen Anteil hat es ihm dreißigtausend Franken ausgezahlt, daher konnte er auch das Haus, in dem wir jetzt wohnen, kaufen. Der Justizminister hat mir eine Pension von zwölfhundert Franken bewilligt, als jährliche Beihilfe für die Tochter eines ehemaligen Richters; mein Vater hat seine Pension von tausend Talern und fünftausend Franken als Professor. Wir leben so bescheiden, daß wir beinahe reich werden könnten. In zwei Monaten beginnt mein August sein Rechtsstudium; aber er arbeitet jetzt schon im Bureau des Generalstaatsanwalts und verdient dort zwölfhundert Franken . . . Ach, Herr Gottfried, reden wir nicht von der unglückseligen Affäre meines August. Ich segne ihn jeden Morgen um dieser Tat willen, die sein Großvater ihm immer noch nicht verzeihen kann! Seine Mutter segnet ihn, Halpersohn ist in ihn verliebt, nur der alte Generalstaatsanwalt ist unnachgiebig.«

»Welche Affäre meinen Sie denn?« sagte Gottfried.

»Ach, daran erkenne ich Ihre vornehme Gesinnung!« rief Wanda. »Was haben Sie für ein edles Herz! . . . Ihre Mutter muß sehr stolz auf Sie sein.« Sie blieb stehen, als ob sie Herzbeschwerden empfände.

»Ich schwöre Ihnen, daß ich nichts von der Angelegenheit weiß, von der Sie reden«, sagte Gottfried.

»Ach, Sie kennen sie wirklich nicht?«

»Wenn wir vor dem Herrn Baron Bourlac nicht darüber sprechen dürfen,« bemerkte Gottfried, »so erzählen Sie mir doch, was mit Ihrem Sohn geworden ist . . .«

»Aber«, erwiderte Wanda, »ich glaube, ich sagte Ihnen schon, daß er bei dem Generalstaatsanwalt tätig ist, der ihm ein außerordentliches Wohlwollen bezeigt. Er ist nur achtundvierzig Stunden in der Conciergerie geblieben, wo er bei dem Direktor untergebracht war. Der gute Doktor, der den schönen, hochherzigen Brief Augusts erst abends vorgefunden hat, nahm seine Klage zurück; und infolge der Intervention eines ehemaligen Präsidenten des höchsten Gerichtshofs, den mein Vater nie gesehen hat, hat der Generalstaatsanwalt das Protokoll des Polizeikommissars annulliert und den Haftbefehl zurückgenommen. Es ist also von dem ganzen Vorfall keine Spur mehr vorhanden als die in meinem Herzen, im Gewissen meines Sohnes und im Kopfe seines Großvaters, der seit jenem Tage ›Sie‹ zu August sagt und ihn wie einen Fremden behandelt. Gestern erst hat Halpersohn um Gnade für ihn gebeten; aber mein Vater, der selbst mich zurückweist, mich, die er so sehr liebt, hat geantwortet: ›Sie sind der Bestohlene, Sie können ihm verzeihen; aber ich bin für den Dieb verantwortlich . . . und als ich noch Generalstaatsanwalt war, habe ich niemals verziehen! . . .‹ ›Aber Sie werden damit Ihre Tochter töten!‹ hat Halpersohn gesagt, während ich zuhörte. Mein Vater aber hat dazu geschwiegen.«

»Aber wer hat Ihnen denn Beistand geleistet?«

»Ein Herr, von dem wir annehmen, daß er beauftragt ist, im Namen der Königin Wohltaten zu erweisen.«

»Wie sieht er denn aus?« fragte Gottfried.

»Er ist ein feierlicher, magerer Herr von traurigem Wesen, so wie mein Vater . . . Er war es, der meinen Vater in das Haus bringen ließ, das wir bewohnen, als er von dem hitzigen Fieber befallen wurde. Stellen Sie sich vor, daß man mich, sobald mein Vater wiederhergestellt war, aus der Klinik dorthin gebracht hat, und daß ich mich wieder in meinem Zimmer befand, das so war, als ob ich es nie verlassen hätte. Halpersohn, den dieser lange Herr, ich weiß nicht wie, für sich zu gewinnen verstand, hat mir dann von all den Leiden erzählt, die mein Vater durchgemacht hat! Von den verkauften Diamanten der Dose! Und wie mein Sohn und mein Vater den größten Teil der Zeit hungerten und vor mir die Reichen spielten! . . . Oh, Herr Gottfried! . . . Die beiden sind ja wahre Märtyrer . . . Was soll ich meinem Vater sagen? . . . Zwischen meinem Sohne und ihm stehend, kann ich ihnen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten und um ihretwillen leiden, wie sie für mich gelitten haben.«

»Sieht dieser lange Herr nicht etwas soldatisch aus? . . .«

»Ah, Sie kennen ihn also?!« rief Wanda, als sie an der Tür des Hauses angelangt waren.

Und sie nahm Gottfried bei der Hand mit der Kraft einer Frau, die einen Nervenanfall hat, zog ihn mit sich in den Salon, dessen Tür sich öffnete, und rief: »Vater! Herr Gottfried kennt deinen Wohltäter.« Der Baron Bourlac, der, wie Gottfried bemerkte, gekleidet war, wie es einem früheren Beamten von so hohem Range geziemte, erhob sich, reichte Gottfried die Hand und sagte: »Ich dachte es mir!«

Gottfried machte eine verneinende Bewegung, als wollte er eine so edle Rache ablehnen; aber der Generalstaatsanwalt ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Ach, mein Herr,« fuhr er fort, »nur die Vorsehung ist mächtiger, nur die Liebe ist erfindungsreicher, nur die Mütterlichkeit ist scharfblickender als Ihre Freunde, die von allen diesen drei erhabenen göttlichen Dingen etwas haben . . . Ich segne den Zufall, dem wir unser Zusammentreffen verdanken; denn Herr Joseph ist für immer verschwunden, und da er sich allen Fallen, die ich ihm stellte, um seinen wahren Namen und seine Wohnung zu erfahren, zu entziehen verstanden hat, so wäre ich vor Kummer darüber zugrunde gegangen . . . Hier, lesen Sie seinen Brief. Aber kennen Sie ihn denn?«

Gottfried las folgende Zeilen:

»Herr Baron Bourlac,

Die Summen, die wir auf Anordnung einer wohltätigen Dame für Sie ausgegeben haben, belaufen sich auf fünfzehntausend Franken. Nehmen Sie Kenntnis davon, um sie uns selbst oder durch Ihre Deszendenten wieder zurückzugeben, wenn die Wohlhabenheit Ihrer Familie es gestatten wird. Sobald das möglich sein wird, zahlen Sie den geschuldeten Betrag bei dem Bankhause der Brüder Mongenod ein. Möge Gott Ihnen Ihre Schuld vergeben!«

Fünf Kreuze bildeten die geheimnisvolle Unterschrift dieses Briefes, den Gottfried wieder zurückgab.

»Die fünf Kreuze sind . . .« sagte er zu sich.

»Ach, mein Herr,« sagte der Alte, »Sie, der Sie alles wissen, der von der geheimnisvollen Dame entsandt wurde . . . nennen Sie mir doch ihren Namen!«

»Ihren Namen?« rief Gottfried. »Ihren Namen? Unglückseliger! Fragen Sie niemals nach ihm! Versuchen Sie niemals, ihn zu erfahren! Ach, gnädige Frau,« sagte Gottfried und faßte mit zitternden Händen die Hand der Frau de Mergi, »sorgen Sie dafür, daß er in Unkenntnis bleibe und auch nicht den geringsten Schritt in dieser Sache tue!«

Tiefstes Erstaunen ließ den Vater, die Tochter und August erstarren.

»Aber wer . . .?« fragte Wanda.

»Nun, die, die Ihre Tochter gerettet,« fuhr Gottfried fort und sah den Alten an, »die sie Ihnen jung, schön, frisch, neubelebt wiedergeschenkt, die sie aus dem Grabe hat auferstehen lassen; die Ihnen erspart hat, daß Ihr Enkelsohn ehrlos wurde, die Ihnen ein glückliches, ehrenvolles Alter geschenkt hat und die Retterin von Ihnen dreien geworden ist . . .«

Er stockte.

»Das ist eine Frau; die Sie unschuldig auf zwanzig Jahre ins Zuchthaus geschickt haben!« rief Gottfried dem Baron Bourlac zu; »die Sie in Ihrem Amt mit den grausamsten Beschimpfungen überhäuft, deren heiliges Wesen Sie schimpflich verdächtigt und der Sie eine reizende Tochter entrissen haben, um sie dem schrecklichsten Tode zu überantworten, denn sie starb auf dem Schafott! . . .«

Als Gottfried sah, daß Wanda ohnmächtig auf einen Sessel gesunken war, eilte er über den Korridor in die Allée d'Antin und fing an, aus Leibeskräften zu laufen.

»Wenn du dir meine Verzeihung verdienen willst«, sagte der Baron Bourlac zu seinem Enkel, »dann folge diesem Manne und suche herauszubekommen, wo er wohnt! . . . «

August flog davon wie ein Pfeil.

Am nächsten Morgen klopfte der Baron Bourlac um einhalb neun Uhr an die alte gelbe Tür des Hauses la Chanterie in der Rue Chanoinesse und fragte beim Portier nach Frau de la Chanterie, der auf die Freitreppe hinwies. Es war glücklicherweise die Zeit der Frühstücksstunde, und Gottfried hatte durch eins der Fenster, die dem Korridor Licht gaben, den Baron im Hofe bemerkt; er hatte gerade noch Zeit, hinunterzugehen, in den Salon zu stürzen, in dem alle versammelt waren, und zu rufen:

»Der Baron Bourlac! . . .«

Als sie diesen Namen hörte, zog sich Frau de la Chanterie, von dem Abbé de Vèze gestützt, in ihr Zimmer zurück.

»Du kommst hier nicht herein, du Satansbraten!« rief Manon ihm zu, die den Generalstaatsanwalt wiedererkannte und sich vor die Tür des Salons hinstellte. »Willst du die gnädige Frau töten?«

»Vorwärts, Manon, mach dem Herrn Platz«, sagte Herr Alain.

Manon fiel auf einen Stuhl, als ob sie ihre Beine nicht mehr tragen wollten.

»Meine Herren,« sagte der Baron in tief bewegtem Tone, als er Gottfried und Herrn Joseph erkannte und sich vor den beiden andern verneigt hatte, »die Wohltat gibt auch dem Verpflichteten Rechte!«

»Sie haben keine Verpflichtungen gegen uns, mein Herr,« sagte der gute Alain, »sondern nur gegen Gott . . .«

»Sie sind heilige Männer, und Sie besitzen die Ruhe der Heiligen«, sagte der alte Richter. »Aber Sie werden mich anhören! . . . Ich weiß, daß die übermenschlichen Wohltaten, mit denen ich seit anderthalb Jahren überhäuft werde, das Werk einer Person sind, die ich bei der Erfüllung meiner Pflicht schwer verletzt habe; fünfzehn Jahre waren nötig, bis ich mich von ihrer Unschuld überzeugte, und das, meine Herren, sind die einzigen Gewissensbisse, die ich im Rückblick auf die Ausübung meiner Tätigkeit empfunden habe. – Hören Sie mich an! Ich habe nicht mehr lange zu leben, aber ich will das Wenige vom Leben, was mir noch bleibt, und was für meine von Frau de la Chanterie geretteten Kinder so nötig ist, verlieren, wenn sie mir nicht verzeihen will. Meine Herren, ich werde vor dem Tor von Notre-Dame so lange auf den Knien liegen, bis sie ein Wort zu mir gesprochen hat . . . Dort werde ich auf sie harren . . . Ich werde die Spur ihrer Füße küssen, ich werde Tränen finden, um sie zu rühren, ich, den die Martern meines Kindes ausgetrocknet haben, wie Stroh . . .«

Jetzt öffnete sich die Tür des Zimmers der Frau de la Chanterie, der Abbé de Vèze glitt wie ein Schatten heraus und sagte zu Herrn Joseph: »Die Stimme bringt der gnädigen Frau noch den Tod.«

»Ach, sie ist hier! Sie ist hier vorbeigekommen!« sagte der Baron Bourlac.

Und er fiel auf die Knie, küßte den Fußboden, brach in Tränen aus und rief mit herzzerreißender Stimme: »Im Namen Jesu Christi, der am Kreuze gestorben ist, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir, denn meine Tochter hat tausend Tode erduldet!«

Und der Greis sank so völlig zu Boden, daß die Anwesenden ihn für tot hielten. In diesem Augenblick erschien Frau de la Chanterie wie ein Schemen im Rahmen der Tür ihres Zimmers, an die sie sich halb ohnmächtig klammerte.

»Im Namen Ludwigs XVI. und Marie-Antoinettes, die ich auf dem Schafott erblicke, im Namen der Prinzessin Elisabeth, im Namen meiner Tochter, in Ihrem Namen und im Namen Jesu Christi verzeihe ich Ihnen . . .«

Als er das letzte Wort vernahm, erhob der alte Staatsanwalt die Augen und sagte: »So rächen sich nur die Engel.«

Herr Joseph und Herr Nikolaus richteten den Baron Bourlac auf und führten ihn in den Hof hinab; Gottfried ließ einen Wagen holen, und als er heranrollte, setzte Herr Nikolaus den Alten hinein und sagte:

»Kommen Sie niemals wieder hierher, mein Herr, sonst würden Sie die Mutter töten, wie Sie die Tochter getötet haben; Gottes Macht ist unbeschränkt, aber die menschliche Natur hat ihre Grenzen.«

An diesem Tage wurde Gottfried in den Orden der Brüder der Barmherzigkeit aufgenommen.

 


 

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