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Kees Doorik

Georges Eekhoud: Kees Doorik - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Eekhoud
titleKees Doorik
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1981
illustratorUlrike Triebel
firstpub1918
translatorTony Kellen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectid54a7be6a
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7

Die Tante Annemie hatte die Erziehung ihres Patenkindes Janneke übernommen, und da sie die Sache nicht halb machen wollte, hatte sie ihn in eine Pension nach Turnhout in den Kempen geschickt. Aber der kleine Nichtsnutz lernte nichts, und eines Tages wurde er auch noch infolge einer jener schmutzigen Geschichten, wie sie das gemeinschaftliche Zusammensein in den Schlafsälen mit sich bringt, vor die Tür gesetzt. Sein Vater Andries war weniger über seinen Fehler empört als vielmehr ärgerlich, daß der Junge fortgeschickt worden war. Acht Tage prügelte er Janneke jeden Morgen durch und sperrte ihn dann ein paar Stunden in den Schweinestall, wo Janneke unaufhörlich weinte. Der kluge Bauer übertrieb seine Entrüstung noch. Er schilderte seiner Schwester alles in den fürchterlichsten Farben. Gewiß würde sein Ältester ihm seine Tage abkürzen und seinen Sarg zunageln helfen. Er drehte, wenn er das sagte, seine Augen wütend im Kopf, fuchtelte mit den Armen oder schlug um sich, als wenn er noch eine Rute in der Hand hätte. Er sagte, er wolle sich nur ein wenig aufregen, um den Kerl beim Nachhausekommen noch mehr zu züchtigen. Annemie, die im Grunde ein gutes Herz hatte, empfand dabei Mitleid und legte ein gutes Wort für ihr Patenkind ein. Da aber Andries den Buben nicht mehr sehen wollte, so nahm Nelis Cramp, nachdem seine Frau ihn genug geplagt hatte, den verkehrten Kerl in sein Haus, damit er Kees helfen sollte.

Janneke war ein kleines, blondes Männchen mit rosafarbigem Fleisch, mit regelmäßigen Zügen, einem verzärtelten Gesicht. Er hatte trübe, blaue Augen mit bleifarbigen Lidern. Da er so zärtlich wie ein junges Mädchen aussah, machte er einen sonderbaren Eindruck in seinen Hirtenkleidern, die man ihm aus den alten weiten Kleidern des Onkel Cramp verfertigt hatte. Janneke brachte aus der Pension nur frühzeitig geweckte und verdorbene Sinne mit ins Dorf zurück, krankhafte Instinkte, eine katzenartige Grausamkeit, die er an den Mücken, Fröschen und Vögeln und später, als er keine Hiebe und Stöße mehr fürchtete, an den Pferden und Kühen ausübte. Jedesmal, wenn ein Schwein geschlachtet wurde, freute er sich darauf wie auf eine Kirmes. Er half dem Schlächter, das Tier aus dem Stall zu ziehen; er war froh, wenn es durch seinen Widerstand den Todeskampf verlängerte, und er lachte, wenn er es jenes rührende Geschrei ausstoßen hörte, das weithin übers Feld die Ruhe stört und bei dem die Leute sagen: ›Dieser oder jener wird jetzt Wurst machen.‹

Von Natur aus träge, arbeitete Janneke nur, wenn er wußte, daß man ihn überwachte. Sobald er allein war, träumte er in den hellen Tag hinein. Im Sommer kroch er auf dem Bauch durch die hohen Gräser und blieb ganze Stunden am Rande eines Weges liegen, wobei er die Vorübergehenden belauschte, um das Gehörte den verleumderischen Zungen des Dorfes verraten zu können.

Vor seiner Abreise auf den Weißhof hatte sein Vater ihn lange in die Lehre genommen. Es war ein Feind, den die Cramps in ihr Haus aufnahmen. Vor allem nach dem Tode des alten Nelis wurde die zweideutige Rolle des Buben besonders wichtig. Es handelte sich darum, die reiche Witwe an einer zweiten Heirat zu hindern, um Andries' Kindern die Erbschaft des Geizhalses zukommen zu lassen.

Janneke verstand recht wohl, was sein Vater von ihm erwartete. Sein Kopf, der sich beim Lernen so widerspenstig zeigte, faßte gleich alle Zweideutigkeiten auf. Er spielte so gut den Schlaukopf, daß niemand Verdacht gegen ihn hegte, vielleicht nur mit Ausnahme von Kees Doorik, den eine instinktive Abneigung gegen dieses bleiche Bübchen zu warnen schien. Das trotzige Äffchen mochte bei dem wackeren Burschen noch so schöntun und sich dienstfertig zeigen, dieser blieb gegen alle Schmeicheleien kalt, denn er wußte, daß der Bube alle seine Bewegungen ausspähte, um seine Arbeit bei der Meisterin herabsetzen zu können.

Aber nach dem Vorfall an dem Gewitterabend handelte es sich nicht mehr um Dooriks Arbeit. Janneke hatte eine Entdeckung gemacht, die anders wirken mußte als alle seine Anschwärzungen: Kees Doorik, der Meisterknecht, liebte die Tante Annemie. Das mußte den alten Wannes interessieren! Deshalb stand der Spion am andern Tag früher auf als gewöhnlich und beeilte sich, die Kühe auf die Weide zu führen. Dort ließ er sie allein, um in einem Atem nach Carte zu laufen, und anstatt die Straße einzuhalten, auf der er Leuten vom Weißhof hätte begegnen können, schritt er quer durch die Tannenwaldungen und die Reutfelder.

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