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Kees Doorik

Georges Eekhoud: Kees Doorik - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Eekhoud
titleKees Doorik
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1981
illustratorUlrike Triebel
firstpub1918
translatorTony Kellen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectid54a7be6a
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6

Kees war ans Fenster herangetreten. Im Südwesten nach der Stadt und der Schelde hin fuhr ein Blitz mit seinem Phosphorgriffel über den schieferdunklen Himmel.

»Jetzt fängt's an!« sagte Kees.

»Kann der Regen keinen Schaden anrichten?« fragte die Bäuerin, die unentschlossen und nachdenklich vor dem Tisch sitzen geblieben war. Der Knecht sagte, er wolle sich vergewissern gehen, und indem er eine Laterne anzündete, ging er hinaus, obschon er sicher war, daß er alles unter Dach gestellt hatte. Er empfand ein Bedürfnis, sich zu bewegen.

Annemie hatte ihn so sonderbar angeblickt. Sein Puls schlug heftig, sein Blut geriet in Feuer, in den Ohren sauste es ihm, und er sah rot vor Augen. Unwillkürlich öffnete er den Stall. Die Pferde lagen da; nur Puß allein blieb trotz seiner Müdigkeit auf den Beinen. Mit gespitzten Ohren wandte er seinen intelligenten Kopf Kees zu und fing beim weiten Krachen des Donners an zu schnauben, und seine pechschwarze Haut schien zu schaudern. Aus dem Stall ging Kees in die Scheune. Auch dort war kein Schaden zu befürchten. Der Schlagregen konnte auf keinen Fall durch das dichte Strohdach dringen. Die Ackerwerkzeuge glänzten im Schatten; alle standen schön geordnet da und zeugten von der Sorgfalt und dem Fleiß des Meisterknechtes.

Kees zögerte eine Minute, da er nicht wußte, ob er in das Zimmer zurückkehren sollte, in dem die Bäuerin allein war. Er hätte zu Bett gehen können, wie er es jeden Abend tat. Eine unwiderstehliche Anziehungskraft rief ihn jedoch zu ihr zurück.

Ein Windstoß fuhr unerwartet vorbei, bewegte die Bäume, knisterte in den Blättern, fuhr über die Wege hinweg und jagte die warme Luft in das Zimmer hinein. In der schläfrigen Landschaft schien es zu zittern. Die Grillen waren verstummt. Nur aus dem Stall kam ein klagendes Brüllen.

Ein Blitz folgte auf den anderen. Die Wolken stießen aufeinander mit dumpfem Grollen, bis zu dem Augenblick, wo die in ihrer Masse aufgehäufte Elektrizität sich furchtbar entlud.

Der Sturm wütete immer stärker, und schon geriet der ganze Himmel in Feuer.

Plötzlich entstand jedoch eine Pause, und ein neuer Windstoß schien unsichtbare Klappern über der Ebene zu bewegen. Einige dicke Regentropfen fielen auf die durstige Erde; bald wurden es ihrer mehr, und sie fielen schneller, und es wurde ein scharfer, dichter Regenschauer; bald hörte man in der Dachrinne das überströmende Wasser glucksend hinunterlaufen.

Bei dem hellen Blitz konnte man auf dem Gesicht der Bäuerin bemerken, wie erregt sie war. Sie bekreuzigte sich und nahm einen Rosenkranz zur Hand. Eine unbestimmte Furcht hatte sie ergriffen. Sie hatte sich nie so schwach, so feige gefühlt, aber sie suchte zu widerstehen, indem sie der Temperatur ihre Aufregung zuschrieb.

»Alles ist in Ordnung«, bemerkte Kees, nachdem er einige Minuten verlegen geschwiegen hatte. »Soll ich sonst noch etwas machen?«

Sie hätte ihn gern fortgeschickt, und sie antwortete ihm: »Paulke und Janneke sind schlafen gegangen, und Sie müssen wohl auch müde sein, Kees? ... Ach Gott, welch ein Blitz! ... Es schlägt ein ... Was wird das werden?«

»Beruhigen Sie sich, Meisterin!« sagte der junge Mann, indem er sich zum Fenster hinausneigte, »die Wolken gehen nach dem Grillenberg.«

Inzwischen aber zitterte das Haus in seinem Grund, und Kees schloß das Fenster.

»Zünden Sie ein Licht an«, sagte Annemie.

Er gehorchte, denn er war glücklich, noch bleiben zu können. Sie stand auf, ging zum Bett, das in einem Verschlag stand, entfernte die Vorhänge und nahm über dem Kissen einen Zweig von Buchsbaum, den sie in Weihwasser tauchte. Dann öffnete sie eine kleine Tür, die in der Wand neben dem Bett angebracht war. Das Licht der Lampe, die Kees in der Hand hielt, drang durch dieses Guckfenster in den dunklen Stall, und gelbe Strahlen fielen auf die Köpfe der Tiere, die sich schwerfällig regten.

Annemie hatte sich über das Bett gebückt und den Arm durch die Öffnung hindurchgestreckt, und sie besprengte langsam den Stall mit Weihwasser, um den Blitz davon abzuhalten.

Der Knecht wohnte schweigend dieser frommen Übung bei, aber er murmelte sein Ave, ohne zu wissen, was er tat. Ganz von dem begehrenswerten Weib eingenommen, sah er nichts anderes mehr.

Das war gerade so ein fettes Kätzchen, wie man im Dorf sagt, wenn man von einer schönen Bäuerin redet. Fürwahr, das Fleisch fehlte nicht an dem Gerippe dieses Weibes. Ihr Körper kannte weder Winkel noch Unebenheiten, und man hätte hineinbeißen können, ohne einen Knochen zu verspüren. Annemie lag fast auf dem Bett und drehte ihm den Rücken zu.

Die verlangenden Blicke des Burschen gingen von ihrem roten Hals, wo kleine gekräuselte Locken unter der Haube hervorkamen, zu ihrer elastischen Taille, ihren breiten Hüften, ihrem fleischigen Rücken. Und seine Begierde steigerte sich noch beim Anblick dieses Lagers, auf dem Annemie lange Jahre mit dem alten Nelis Cramp umsonst geschlafen hatte, wo sie nunmehr allein zu ruhen pflegte, wo sie sich in einigen Minuten träge wieder hinstrecken würde. Wie unvorsichtig von der Witwe, daß sie in der Gegenwart von Kees diese ehelichen Vorhänge geöffnet hatte. Er war doch nicht von Holz, zum Teufel! Ein Knecht hat nicht weniger Blut als ein Meister.

Sobald Annemie mit ihrer Besprengung fertig war, schloß sie das Türchen und richtete sich wieder auf. Auch sie hatte bei dieser Übung nicht den nötigen Ernst gehabt. Als sie sich umwandte, begegneten ihre nassen, fragenden Augen dem Blick des jungen Mannes. Sie wollte etwas sagen, aber das Wort blieb ihr im Hals stecken. Kees hatte bereits seine Lampe niedergesetzt, und mit einem konvulsivischen Lachen sprang er auf sie los, um sie zu umarmen.

»Kees, nein, Kees ...«, seufzte sie, indem sie sich sträubte.

Er schloß ihr den Mund mit einem begehrlichen Kuß, aber im selben Moment hörte er die Tür aufgehen.

Es war Janneke, der barfuß und im Hemd, das über seine mageren Beine hing, hereinkam. Er schien durch den plötzlichen Übergang aus dem Dunkel der Treppe in die helle Kammer geblendet zu sein und rieb sich die Augen.

Kees hatte gerade Zeit gehabt aufzuspringen, und vor Ärger fluchte er vor sich hin.

Der Kleine stellte sich an, als habe er die Störung nicht bemerkt, die er durch sein Erscheinen hervorgerufen.

»Ich fürchtete mich so allein«, sagte er. »Ich konnte nicht schlafen, die Blitze durchzuckten meine Augendeckel ... Es brennt ... Hört ihr? Die Feuerglocke wird geläutet!«

»Gott Semini«, Semini, skandinavische Gottheit, die man in Antwerpen anruft, um Überraschung oder Erstaunen auszudrücken. flüsterte Annemie, »welch eine Nacht!«

Kees aber fuhr ihn an: »Du Hasenfuß, du träumst vom Feuer ... Weshalb hast du es denn nicht in deinem Bett gelöscht?«

Er hätte gern den zudringlichen Buben am Hals gepackt, denn er sah wohl, daß der sich nur so stellte und innerlich lachte, obschon er zu weinen schien.

Annemie hatte sich wieder gefaßt.

»Wir haben den Stall gesegnet«, sagte sie, »sonst wäre Kees schon im Bett. Und du weißt wohl, daß da draußen auf der Mauer ein Kreuz gemalt ist. – Führen Sie ihn doch auf sein Zimmer, Kees, und gehen Sie auch schlafen, denn morgen wird's wieder zu schaffen geben.«

Es ging eine Umwandlung in ihr vor. Der Ton ihrer Stimme wurde wieder befehlend und vornehmer; der Bann war gebrochen.

Kees sah sich also gezwungen, ihr zu gehorchen und sie allein zu lassen.

Annemie hatte schon bald das Gefühl ihrer Überlegenheit wiedergefunden, und sie zitterte bei dem Gedanken an die Gefahr, der sie soeben ausgesetzt war. Sie freute sich fast über die Dazwischenkunft des kleinen Andries. Sie, die angesehene Gutsbesitzerin, sollte sich mit diesem Bettlerssohn, diesem Bastardkind vergessen – welch eine verrückte Idee!

Sie zog sich aus, und inzwischen wieder nüchtern geworden, schob sie sorgfältig die Riegel ihrer Tür vor, ehe sie sich zu Bett legte.

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