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Kees Doorik

Georges Eekhoud: Kees Doorik - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Eekhoud
titleKees Doorik
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1981
illustratorUlrike Triebel
firstpub1918
translatorTony Kellen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectid54a7be6a
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2

Der Direktor des Findelhauses in Antwerpen hätte in diesem baumstarken Bauernjungen den kleinen, schwächlichen Knaben nicht wiedererkannt, den er vor zehn Jahren dem Gutsbesitzer Nelis Cramp anvertraut hatte.

Obwohl es schon lange her war, erinnerte Kees Doorik sich doch noch seines Abschieds aus dem Findelhause. In dem dunklen Sprechzimmer, in dem ein muffiger Geruch herrschte und das mit sechs gepolsterten Stühlen und einem Tisch von Mahagoni möbliert war, in diesem klosterartigen Zimmer mit seinem Christus- und Muttergottesbild und dem großen Kruzifix von Ebenholz und Elfenbein, das auf einem alten spanischen Kamin wie auf einem Kalvarienberg sich erhob, – in diesem Zimmer hatte man eines Tages den vom Waisenhausarzt aufgegebenen Jungen dem Bauern vorgeführt.

Manchmal geschieht es, daß das städtische Wohltätigkeitsbüro die Knaben, die nicht mehr im Spital bleiben können, als Hausknechte oder als Lehrlinge aufs Land schickt. Die Leute, zu denen diese armen Kinder kommen, haben ein Recht auf die unentgeltliche Arbeit ihrer Pflegekinder und erhalten außerdem noch eine Entschädigung.

Nelis Cramp war zu gescheit, als daß er die Vorteile nicht zu verwerten gesucht hätte, die dieser Gebrauch der amtlichen Wohltätigkeit den armen oder geizigen Bauern gewährt. Er war nämlich ein knickeriger Mensch, und wenn er sein Vorhaben nicht gleich ausführte, so kam das daher, daß sein Stolz ihm gewisse Bedenken einflößte. Was würde man wohl in Dinghelaar, diesem neidischen und geschwätzigen Dorfe, sagen, wenn Nelis Cramp, der wohlhabende Besitzer des Weißhofes, auf die ehrlichen Dienste eines starken jungen Mannes vom Lande verzichten würde, um die schwächlichen Arme eines Tropfs aus der Stadt auszubeuten? Was würde man sich darüber aufhalten und sich ärgern! Nachdem er es aber mit allen Parias und allen Landläufern aus der Umgebung versucht hatte, die hungriger von ihm wegliefen, als sie gekommen waren, wenn er sie nicht selbst wegjagte, weil er die paar Sous und das harte Stück Brot, das er ihnen gab, noch zu teuer für ihre Arbeit fand, beschloß er, eins jener verworfenen Waisenkinder zu dingen, selbst wenn seine Knickerei ihm das letzte Ansehen im Lande nehmen sollte.

Nelis dachte, er würde den Jungen nicht bloß wie einen Erwachsenen zum Arbeiten anhalten, sondern er könne auch noch die von den guten städtischen Menschenfreunden ausgesetzte Pension in die Tasche stecken.

»Hier ist der Kleine!« sagte der Direktor, indem er Kees bis vor die Beine des knauserigen Bauern stieß.

»Pöh! Ein gebrechliches Ding!« murmelte Cramp, indem er den Jungen hin und her drehte und dessen Arme und Schenkel betastete, als wenn er ein Huhn in der Hand gehabt hätte.

»Auf dem Lande wird er sich schon wieder erholen, das Gerippe ist noch gut«, erwiderte der Direktor.

»Nun, geradesogut könnte das Fieber im Polder ihm den letzten Stoß versetzen«, entgegnete Meister Cramp. »Und wer wird in diesem Falle den Sarg und das Begräbnis bezahlen?« fügte er hinzu. »Sie wissen, Mynheer, wir haben schon mehr als einen dieser Vögel beherbergt. Kaum sind sie im Hause, kuik! dann ist's vorbei mit ihnen. Und sie haben nicht einmal genug, um in ihre letzte Wohnung gebracht zu werden. Fragen Sie nur Lamme Stevens, er wird Ihnen schon erzählen, was ihm geschehen ist.«

»Sie irren sich, Lamme wurde entschädigt.«

»Schon möglich, aber ich lasse mich nicht darauf ein. Ich werde vorsichtiger sein; ich verlange eine bestimmte Summe als Garantie. Und besonders, wenn ich mir dieses Schäfchen auf den Hals lade.«

Dabei befühlte der unbarmherzige Tölpel von neuem die armseligen Muskeln des Vögelchens, das sich willig untersuchen ließ, während es seine großen schwarzen, fiebrigen Augen voller Melancholie auf den Bauernlümmel richtete.

Die Bedenken des vorsichtigen Nelis Cramp waren wirklich nicht ohne Grund, denn Meister Kees war ein ärmliches, kleines Männchen. Man hatte ihn am Corneliustage auf der Straße gefunden, und deshalb hatte man ihn Kees genannt. Wegen seines schwächlichen Aussehens gab man ihm den anderen Namen, der seinen Familiennamen ersetzte: Doorik, verdorben aus Dooden Rik oder Doeijen Rik, was in der Antwerpener Mundart Heinrich der Tote oder der Tod bedeutet.

Der Direktor erzählte Cramp diese Einzelheiten, die der pfiffige Bauer mit zerstreuter Miene anhörte, indem er fortfuhr, mit seinen knochigen Fingern die lebende Ware zu betasten.

Seither, wenn Kees an jenen denkwürdigen Tag dachte, erinnerte er sich noch ganz genau, wie Nelis Cramp damals aussah. Er war ein Mann von fünfundfünfzig Jahren, ein kleiner, dicker Keucher, zahnlückig, gallsüchtig, eingeschrumpft wie eine Mispel, mit triefenden Augen, einer boshaft lächelnden Wurstlippe und einer Plattnase. Seine mit Grau untermischten, schmierigen Haare klebten an seinen Schläfen, und an seinen haarigen Ohren hing ein Paar silberner Ringe als Schutzmittel für die Augen. Unter seinen abgeriebenen Augenbrauen, die in der Mitte zusammenkamen, schienen seine grauen Augensterne zu schlafen wie stehende Pfützen zwischen Gestrüpp.

Cramp hörte bloß auf, über das armselige Aussehen des Waisenknaben zu jammern, um starke Züge aus einer kurzen, schwarzen und saftigen irdenen Pfeife zu ziehen, die mit einem durchlöcherten Deckel aus Kupfer bedeckt war, oder um in das Spuckkästchen zu speien.

Doch der Direktor drängte: »Er kann schon lesen. Er ist sanft wie ein Lamm und folgsam wie ein Hund. Nun je, wieviel verlangen Sie für den Jungen?«

Die moralischen Eigenschaften Kees' ließen den nur praktisch veranlagten Bauern ziemlich kalt. Er erfuhr mit mehr Interesse, daß der Kleine wenig Appetit hatte, und sobald er das wußte, ließ er über die Entschädigung mit sich reden.

Der Direktor, der an diesen Handel gewöhnt war, verlor nicht so leicht die Geduld und wehrte sich Schritt für Schritt.

»Sagen wir zehn Stüver per Tag«, meinte Nelis.

»Fünf, Bauer, fünf, mein Bester, seien wir verständig.«

»Nein, zehn, oder ich geb den Handel auf.«

Der Direktor mußte nachgeben, und er ging zu anderen Artikeln über.

Nelis Cramp, dem seine dunkle Ahnung nicht aus dem Sinn kam, verlangte noch einen vom Direktor unterzeichneten Schein, der festsetzte, daß, falls der junge Knecht sterben würde, die Beerdigungskosten dem Spital zur Last fallen sollten.

»Topp!«

Die beiden schlugen sich in die Hände wie die Viehhändler, wenn sie einen Handel abgeschlossen haben, und auf einen Wink des Verkäufers lief Kees, um sein Bündel zu holen, das man schon am Vorabend zurechtgemacht hatte.

Als er wieder hereinkam, hatte er die Uniform des Hauses abgelegt und ein einfaches Bauernkostüm angezogen: eine Hose von jenem dicken braunen Samt mit Streifen, der in Flandern Dimitte genannt wird, einen blauen Kittel, Holzschuhe und eine hohe puffige Seidenmütze. Nach einer Ermahnung, die der Direktor so väterlich als möglich zu halten suchte, indem er besonders die Gesellschaft lobte, die gegen die Verlassenen so gut ist, nahm der Bauer seinen Rekruten in Besitz.

Die große klosterartige Tür schloß sich hinter dem Kind und seinem neuen Pflegevater. So gingen sie, das Händchen des Kleinen in der Faust des Panduren.

Nelis Cramp machte große Schritte, wobei er die eine Hand auf seinen Knüttel aus Mispelholz stützte, und Kees, der nicht gewohnt war, in Holzschuhen zu gehen, trabte neben ihm her oder kam zuweilen auch nachgehinkt. Der Alte öffnete den Mund nur, um ihn gleich mit Flüchen anzutreiben.

Es war an einem Markttag. Das Pflaster des großen Platzes, der von den Gemüsegärtnern eingenommen wurde, verschwand unter den Gestellen und den Hürden voll bunter Gemüsearten, die in der Julisonne den erfrischenden Geruch der erst kurz zuvor aus der Erde gerissenen Kräuter verbreiteten. Die Bäuerinnen, von männlichem Wuchs, hochrot, das Gesicht versteckt unter den tiefen, zylindrischen Hüten, zogen die Bürgersfrauen mit einer Menge freundlicher Worte an, um sie gleich darauf zu beschimpfen, wenn sie die Waren zu genau besahen. Und da hieß es denn: ›Guten Tag, meine liebe, kleine Dame!‹ und gleich darauf wieder: ›Seien Sie nur ruhig, man wird Ihnen die Kohlköpfe schenken. Vergessen Sie aber nicht, Ihre Adresse hierzulassen, damit man sie Ihnen schicken kann.‹

Längs der Bürgersteige standen vor den Gasthäusern grün angestrichene Karren, mit einem weißen Tuch überspannt. Das Wiehern der Hengste vermischte sich mit dem Geschrei der Gemüsehändlerinnen und dem Bellen der angespannten Hunde.

Die Bauersleute redeten einander an, und wenn sie sich gut kannten, versetzten sie sich einen Klaps auf die Schulter. Und dann sah man die runden Rücken unter den Vorhallen der altehrwürdigen Gebäude am Marktplatz, die in Wirtschaften umgewandelt worden waren, verschwinden. Von draußen aber hörte man durch die geöffneten Fenster die Trinker mit lautem Lärm das Ergebnis des Marktes ausrechnen.

Kees hatte nie einem derartigen Schauspiel beigewohnt. Von seinem Meister nachgezogen, hatte er alle Mühe der Welt, durch diese hastige Menge von starken, plumpen Kerlen zu dringen, deren schwere Holzschuhe die seinigen zu zerdrücken drohten. Jeden Augenblick stolperte er über die Waren, zertrat eine Möhre oder beschädigte einen Salatkopf und zog sich dann einen Hagel von Schimpfworten seitens der reizbaren Gemüsehändlerinnen zu.

Im Vorbeigehen wünschte Nelis Cramp bald hier, bald dort ganz wegwerfend einen ›Guten Tag‹ und ging den lustigen Brüdern aus seinem Dorf aus dem Wege, um nicht gezwungen zu sein, mit ihnen eins zu trinken. In einem Gäßchen hinter dem Stadthaus näherte er sich einem Karren, während er einen Stallknecht aus dem Gasthaus anredete und ihm, allerdings nicht ohne ein saures Gesicht zu machen, einen Kapper, einen Viertelliter Bier, bezahlte. Er bestellte sich selbst auch einen Kapper und ließ sogar den kleinen Kees die Lippen daran setzen. Dann fing er an, seinen Klepper anzuspannen, wobei ihm der Junge schon behilflich war.

Hiermit fertig, nahm Nelis Cramp die Leine und die Peitsche, ließ Kees sich auf die Bank setzen, und dann gings: klick, klack! und der Karren rollte durch die Handelsviertel der Stadt.

Unterwegs hielt man vor dem Geschäftsbüro an, das im Erdgeschoß eines jahrhundertealten Gebäudes lag, das ehemals einem Adligen gehört haben mußte. Durch das Haupttor, das auf einem kupfernen Schild den Namen einer bekannten Firma zeigte, ging der Bauer entschlossen hinein, nachdem er Kees die Obhut des Gespanns anvertraut hatte. Nelis Cramp wollte sich nämlich als Landwirt den Kornhändlern für die baldige Ernte empfehlen. Was wußte er, ein einfacher Bauer aus dem Polder, diesem verschmitzten Antwerpener Spekulanten schönzureden. Man hätte sehen sollen, wie der alte Fuchs mit strahlender, spöttischer Miene aus diesem ernsten Kontor kam und wie er sich die knorrigen Hände rieb.

Er wurde dabei beinahe wohlwollend gegen den armen Jungen, der nunmehr unter seiner Fuchtel stand.

»Nun je, vorwärts, Kleiner«, sagte er, indem er wieder zu ihm hinaufstieg. »Man wird heute noch ein Stück Brot für dich verdienen. Es werden wieder die Signors Signor, vom spanischen Señor, Herr. Die Bauern aus der Umgebung von Antwerpen bezeichnen mit diesem Spottnamen die Bewohner der Stadt. sein, die dein Abendessen bezahlen.«

Inzwischen waren mehrere Stunden des Vormittags vergangen, und schon war der Nachmittag ziemlich vorgerückt, als nach einer letzten Station der Wagen in das Seeviertel hineinfuhr, so schnell die zahlreichen Last- und Blockwagen es nur gestatteten.

Ein starker Geruch von allen möglichen Meersachen, von Seegras, Muscheln und so weiter, ein dumpfiger, verdorbener Geruch, harzige Ausdünstungen, ein Gestank von Tierhäuten und Guano, all das vermischte sich mit der salzdurchtränkten Luft, die von der Schelde herkam.

Aus den Hafenbecken erhoben sich in gedrängten Reihen wie die Stämme eines Urwaldes Hunderte von Masten mit ihrer Segelbekleidung und dem blühenden Schmuck vielfarbiger Fahnen.

Man kam an die Wälle, durch ein Schlupftor der Festungsmauer, fuhr über die Brücken, die über die Gräben und den Kanal gebaut sind, durch den die schwarzen, niedrigen Barken aus den wallonischen Gegenden kommen; dann fuhr man zwischen zwei Reihen weißer, niedriger Häuser hindurch und kam an einer freundlichen Kirche, die der Vorstadt Merrem, vorbei. Endlich rollte der Wagen übers Feld.

Nicht eine Einzelheit dieser Reise an einem hellen Junitag hatte Kees vergessen. Er sah noch oft vor seinen Augen die lange Landstraße von Bergen-op-Zoom, besetzt mit dichtbelaubten Buchen, in denen man jeden leisen Windhauch bemerkte, der sich wie eine Reihe mutwilliger Vögel von Ast zu Ast zu bewegen schien.

Jeden Augenblick genoß man eine andere Aussicht. Hier führte die Straße durch Tannenpflanzungen und durchschnitt die Heide inmitten von Wacholderhecken und anderem Gesträuch; etwas weiter legte die Aussicht plötzlich diesen melancholischen Reiz ab, und man kam an modernen Schlössern vorbei, deren helle Mauern aus dem Laub von hundertjährigen Gebüschen hervorstachen. Andere dieser Villen waren am Ende eines Seitenweges hinter einem Ulmenwald oder einem Vorhang von Linden verborgen. Manchmal erhoben sie sich ganz allein unter dem Himmel, mitten auf ungeheuren Rasenplätzen, die dicht am Boden abgemäht waren, oder sie badeten sich in schlängelnden Gewässern, auf denen sich zwischen Inseln von Wasserrosen ein paar Schwäne oder ganze Scharen von Enten herumtrieben.

Und wiederum, als man an dem kleinen, anmutigen Weiler Donck und dessen aus Backsteinen gebauter Mühle, deren braune Flügel an jenem Abend ruhten, vorbei war, fand man Gestrüpp und Gebüsch, und dann bebautes Feld, Brachland und Kornäcker sowie Wiesen, aus denen schon der Duft der Heuernte sich verbreitete, und Schläge, auf denen der Luzerner Klee gerade frisch gemäht war. In der Ferne stach am bläulichen Horizont ein spitzer Kirchturm, der von Cappellen, hervor.

Der Eindruck war besonders nachhaltig, als sie an Cappellen auf der rechten Seite vorbei waren und in der Gegend des Polders nach Dinghelaar hinfuhren.

Die Sonne, die eben hinter dem Damm verschwinden sollte, berührte mit ihren letzten Strahlen noch die höchsten Ähren. Aus dem Boden schien sich ein flüchtiger Dunst zu erheben, in dem lange Reihen von Mücken tanzten, und die gelben Kornfelder nahmen einen sanfteren, silbernen Ton an. Die Weidenpflanzungen, die Hecken von abgeköpften Erlen, die am Rande der Bewässerungskanäle die Ebene durchkreuzten, erschienen schon in einer undeutlichen, nebelhaften Form. Alles schien sich zu verflüchtigen, und man erriet an den feuchten Kosungen des Abendwindes, der von Zeit zu Zeit dieses Ährenmeer bewegte, daß da unten im Westen, hinter einer zweiten Mauer von Dämmen, die Scheide ihre blonden Wellen dahinrollte.

Kees war von der Landluft und all den Eindrücken wie berauscht, er gab nur wenig auf die Belehrungen acht, die Nelis Cramp ihm schon im voraus geben zu müssen glaubte. Der alte Geizhals malte das Leben eines Hofknechts in keinem günstigen Licht. Aber was lag Kees daran? Von jetzt an wollte er vor nichts zurückschrecken. Diese erste Bekanntschaft mit der frischen Luft entschied über seinen Beruf. Er wollte Bauer werden, denn er liebte das Leben auf dem Lande schon, ehe er es kannte, bloß weil er den Boden sah, auf dem es dahinfließt.

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