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Kees Doorik

Georges Eekhoud: Kees Doorik - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Eekhoud
titleKees Doorik
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1981
illustratorUlrike Triebel
firstpub1918
translatorTony Kellen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectid54a7be6a
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4

Die Meisterin Annemie, ganz ermüdet von der anstrengenden Polka vom vorhergehenden Abend, hatte wie ein Klotz geschlafen und stand erst auf, als es schon heller Tag war. Als sie durch den Hof, die Scheune und den Stall ging, war sie verwundert, daß sie Jürgen Faas nicht bemerkte.

»Ho, he! träger Rik!« rief sie mehrmals. Sie stieg die Leiter hinauf, die zum Hängeboden führte, wo Jürgen schlafen sollte.

»Jürrie, Jürgen!« rief sie mitten auf der Leiter, während ein instinktiver Zweifel sie anhielt. Da sie noch keine Antwort erhielt, stieg sie weiter hinauf.

›Er hat zuviel getrunken!‹ dachte sie. ›Nun je, heute wird mal wieder nichts aus der Arbeit.‹

Oben angelangt, hob sie die Falltür auf, streckte den Kopf hinein und rief nochmals.

Das leere Bett war nicht einmal aufgedeckt. Die Kleider des Gänsereiters lagen ringsumher.

›Wo mag der wohl geschlafen haben?‹ fragte sich die junge Frau gekränkt und unruhig. ›Am Rande eines Grabens oder unter einem Tisch in der Krähe?‹

Sie stieg wieder hinunter, und als sie sich umdrehte, war es ihr, als erhielte sie einen heftigen Schlag auf die Brust.

Vor ihr stand Kees Doorik in Hemdsärmeln, mit zerrissener Hose, geronnenem Blut in den Haaren und von blutigen Schrammen durchzogenem Gesicht. Mit gekreuzten Armen stand er da und blickte sie an. Es war für ihn ein Genuß, sie so bestürzt zu sehen.

»Sie werden den aus dem Polder nicht mehr wiedersehen«, war das einzige, was er zu ihr sagte.

Sie hielt die Hand ans Herz und verhüllte sich das Gesicht mit ihrer blauen Schürze. Sie war der Ohnmacht nahe bei dem Gedanken an die schreckliche Tat, die sie jetzt ahnte, aber sie wagte es nicht, ein Wort zu dem Mörder zu sagen.

Inzwischen erhob sich ein verworrener Lärm von Stimmen in der Ebene. In allen Ecken des Dorfes wurde es lebendig. Von Tür zu Tür flog die Nachricht, und alle machten sich auf die Beine. Janneke, der nach Stabroeck geschickt worden war, kam in einem Atem zurückgelaufen, um der Witwe Cramp das Geschehene zuerst erzählen zu können.

Sobald man seine Stimme nur vernehmen konnte, schrie er, schon fast außer Atem: »Tante, Tante, man hat unseren Jürgen kaputt gemacht. Er lag bei der Silberbirke, auf dem Feld von Rob Maas.«

Er lief ins Haus, nach Annemie suchend, während er noch immer fortfuhr zu plärren: »Die Leute glauben, daß es Kees gewesen ist ... Der Vagabund hat heute nacht nicht beim Bürgermeister geschlafen. Er ist um drei Uhr mit unserem Jürrie aus der Krähe fortgegangen ... Rik Dras hat sie gerufen, und er ist ihnen nachgegangen, aber sie waren nicht zu finden ...«

Er lief in den Stall hinein, aber als er Kees erblickte, blieb er plötzlich stehen, teils vor Schrecken, teils vor Freude, da er seinen Augen fast nicht traute.

»Nun ja, was willst du, Ungeziefer? Ja, ich bin's, Kees Doorik ...«

Janneke hatte sich schnell wieder gefaßt, er ging bis zum Karrentor zurück, und die Hände vor den Mund haltend, rief er: »He, ihr Männer, herbei! ... Hier ist er ... Haltet ihn fest, den Mörder! ...«

Da die Männer nicht schnell genug herbeikamen, schwenkte er mit den Armen. Es waren vier Gänsereiter aus der Nachbarschaft, die herbeigelaufen kamen: Huib Coryn, Manus aus dem Haus des Bürgermeisters, Chiel Dhaenens und Hein Vlogel, der Sohn des Müllers. Auch diese hatten ihren Rausch kaum ausgeschlafen, und der tragische Lärm hatte sie beim Aufstehen überrascht.

Sie traten an Kees heran. Janneke, durch die Verstärkung beruhigt, wagte es, ihnen zu folgen.

» Der wird sie nicht heiraten ... Sie wird niemand mehr gehören!« murmelte Kees vor sich hin, während er nicht einmal daran dachte, zu entfliehen oder sich zu widersetzen.

Der Feldhüter Mile Pomp, der vom Genever schon berauscht war, kam ebenfalls herbei, und hinter ihm der Bürgermeister, der dicke Flüp Sap, der trotz alledem noch immer heiter aussah. Die beiden diskutierten über die Frage, wohin sie den Verbrecher führen sollten, bis die Gendarmerie und der Gerichtshof ankämen. Der Feldhüter bemerkte, es sei leichter, im Gemeindehaus das Protokoll aufzusetzen.

»Aber, aber ... wer hätte das von diesem Jungen gedacht!« seufzte Flüp, nach Atem schnappend. »Meine Tochter hat fast den Kopf verloren, als sie das hörte ...«

Inzwischen war die Menge zur Scheune hereingekommen; die Kinder aus dem Dorf stürmten in den Stall. Man drängte sich, um dieses Ungeheuer von Kees zu sehen, das ihnen ebensoviel Neugierde als Schrecken einflößte.

Der kleine Potztausend amüsierte sich noch besser als bei dem gestrigen Rennen. Es war ein kostbareres Blut als das einer Gans, das der braunen Hose des Knechtes jenes schreckliche rostfarbige Aussehen verlieh. Mit grinsendem Lachen sagte er zu Kees: »Sag mal, Krauskopf, mein großer Freund, da liegst du schön im Dreck! Jetzt geht's zur Herberge der Regierung in der Beghinenstraße ... Glückliche Reise, mein Junge!«

Annemie, noch auf einer Sprosse der Leiter stehend, verhüllte sich noch immer das Gesicht und brachte nichts hervor als das Wort: »Gott! ... Gott! ... Gott! ...«

Der heuchlerische Wannes Andries wagte zwar nicht zu lachen, aber er hätte es ebensogern getan wie sein ältester Bube. Er nahm wieder sein Totengräbergesicht an, blieb neben seiner Schwester stehen, um sie zu trösten – aber diese schien nicht darauf zu hören.

In den umherstehenden Gruppen erzählte Hein Vlogel, wie man den Körper des armen Jürgen, des Eintagskönigs der Gänsereiter, aufgehoben hatte, wie er dagelegen, mit einem Bein über dem anderen, welche Farbe sein Gesicht hatte, wieviel Löcher man an ihm zählte, und aufgeregt durch diese Einzelheiten, heulten die Dorfbewohner: »Nieder mit ihm! Nieder mit: dem Mörder!«

Die Truppe des kleinen Potztausend war schon vollzählig herbeigekommen und zeichnete sich durch ihr wildes Geschrei aus.

»Bringt ein Seil!« schrie Chiel Dhaenens.

Dieser Rotkopf, der Sohn des Kupferschlägers, war ebenfalls Mitglied der Amicitia und war stets der Nachbar Kees' an den Probeabenden gewesen. Das pausbäckige, jetzt langgezogene Gesicht seines Kameraden rief in dem kranken Gehirn des Missetäters wieder die friedlichen Bilder aus den früheren Übungen der Amicitia wach.

Aber die Rufe: ›Nieder mit dem Mörder!‹ wurden immer lauter und rissen den Krauskopf gleich wieder aus seinen Betrachtungen.

»Hört, Freunde«, sagte er, »der Kampf war redlich ... Ich schwöre es ... Er selbst würde es euch sagen ... Jürgen war es, der sein Messer gegen mich zog ... Ich habe mich nur verteidigt ...«

Ein spöttisches Hohngelächter übertönte seine Worte.

»Das mußt du den Herren von Antwerpen erklären, mein Junge!« bemerkte Wannes Andries ganz ernst, mit einem heimtückischen Lächeln, während sein falsches Gesicht einen drohenden Ausdruck annahm.

Man konnte noch nicht zum Gemeindehaus aufbrechen. Der Schöffe Arrewyn berichtete, die für die Verbrecher vorgesehene Zelle müsse erst ausgeräumt werden, da der Sekretär Lieter einen Vorrat von Kohlen und Kartoffeln darin hatte. Die Zelle war nie zu einem anderen Zweck benutzt worden. Seit einem halben Jahrhundert war es das erstemal, daß ein Verbrechen auf dem Gelände von Dinghelaar begangen wurde, und der Mörder war noch dazu ein Fremder. Die Aufregung der Bauern war so groß, daß man fürchtete, der Mörder würde unterwegs umgebracht oder noch aus der Zelle herausgerissen werden, da diese, wie Arrewyn versicherte, gar nicht solid war. Der Neid und die Feindschaft gegen Kees, die mit den Jahren zugenommen hatten, aber nichts gegen den Jungen, der sich stets tadellos betrug, vermocht hatten, erwachten jetzt bei dessen Kameraden zu einem unversöhnlichen Haß, und man hörte nicht nur den Ruf: ›Mörder!‹ sondern auch noch dieselben Schimpfwörter wie früher: ›Verfluchter Bastard! – Verkommener Signor! – Sohn einer Hündin!‹

»Da ist der Pfarrer!« murmelten auf einmal mehrere Stimmen.

Die Meute der Kläffer, die der Feldhüter nur mit Mühe zurückhalten konnte, wich um ein paar Schritte zurück, und man schwieg.

Ein Priester mit weißen Haaren, mit einem sanften, nachdenklichen Gesicht kam mühsam heran, indem er sich auf seinen Hakenstock stützte. Seine Pfarrkinder traten zurück, um ihn durchzulassen, und die Männer lüfteten ihre Mützen, indem sie ihn mit einem verschmitzten Auge anblickten, als wollten sie sagen: ›He, Herr Pfarrer, das hatten Sie nicht erwartet!‹

Es war in der Tat derselbe Priester, der Kees bei seiner ersten Kommunion gekleidet und der ihn den Katechismus gelehrt hatte, in welchem es heißt: ›Du sollst nicht töten!

Während das ganze Dorf dem aus der Stadt verwiesenen Jungen nur Kränkungen zugefügt hatte, war dieser Paria der Günstling des heiligen Mannes gewesen.

Was sollte nun der Mann Gottes zu dem Sünder sagen? Die mitleidigen Seelen freuten sich heimlich darüber und waren gespannt, welchen Ausgang diese interessante Begegnung nehmen würde.

Der Pfarrer, der eben erst den Ermordeten im Totenhaus auf dem Kirchhof gesehen hatte, näherte sich seinem elenden Schützling.

»Unglückliches Kind!« sagte er, »Gott habe Mitleid mit dir!«

Seine ernste Stimme blieb zärtlich und gefühlvoll wie früher. Der Missetäter fand wieder Tränen und senkte den Kopf. Der Priester aber – und das wurde ihm später noch lange vorgeworfen streckte die Hände über ihn aus, als wenn er ihn freisprechen wollte.

Dann wandte sich sein heller, blauer Blick, der gewohnt war, in die Gewissen einzudringen, zu der Frau, die hinter dem Mörder zusammengebrochen dasaß, und er erriet, wer wohl am meisten für diese entsetzliche Tat verantwortlich sein mochte.

Auf den Rat des Pfarrers entschloß man sich, den Gefangenen anderswohin zu führen. Endlich kamen zwei Gendarmen in aller Eile von der Grenze an. Beide trugen die Flinte quer über der Schulter, während ihre Mütze mit der weißen Quaste ihnen übers Ohr hing.

Sie nahmen Kees beim Arm.

»Darf ich bitten, Kamerad?« sagte der eine, ein spöttischer Wallone, indem er die Handfesseln aus der Tasche zog.

Beim Berühren dieser Uniform zitterte der Knecht, und er verstand, was ihm jetzt geschehen würde. Er ließ sich die Hände binden.

»Vorwärts!« befahl der Unteroffizier, indem er ihn ein wenig mit dem Kolben zwischen die Schultern stieß.

Kees ging fast entschlossen vorwärts. Es entstand ein Gedränge unter den Leuten. Die Gendarmen hielten die Vorwitzigen zurück. Hinter dem ehemaligen Knecht des Weißhofes gingen der Pfarrer, der Bürgermeister, der Schöffe und der Feldhüter.

Als sie durch den Schuppen kamen, wandte sich Kees noch einmal zur geliebten Meisterin um. Ein geheimnisvoller Drang hatte sie bewogen, sich aufzurichten und sich bis an die Schwelle des Stalles zu schleppen, und nun blieb sie stehen, und sie begriff, an was der herzzerreißende Blick des Unglücklichen sie erinnern wollte.

In einer Minute erlebte sie wieder jenen Herbstabend, an dem sie von derselben Stelle aus ihm mit begehrlichen Blicken gefolgt war, als er so munter und so tüchtig arbeitete, während sein Schatten sich auf der von der Abendsonne geröteten Mauer abzeichnete.

Auch heute betrachtete sie ihn wieder wie fasziniert, und sogar, als er sich abgewandt hatte, konnten ihre träumerischen Augen sich nicht mehr trennen von dem armen Teufel, dessen lockiges Haupt die wogende Menge von gewöhnlichen Köpfen überragte wie ein Wrack die Wellen des Meeres.

Eine ganze Schar von Buben – der kleine Potztausend an der Spitze – verfolgte den Gefangenen und warf mit Steinen und mit Rasenstücken nach ihm, indem sie schrien: »Hawurtt! Hawurtt!«

Auf dem Weißhof blieben nur noch die Witwe Annemie und hinter ihr ihr würdiger Bruder Wannes, der sie mit einer teuflischen Freude beobachtete.

Kees war verschwunden. Sie aber blickte noch immer vor sich hin, auf die Mauer der Scheune.

Es war ein sanfter, angenehmer Morgen, der sich inzwischen erhoben hatte. Der dichte Nebel, in dem die Sonne Silbertröpfchen erglänzen ließ, stieg nach und nach in die Höhe. Überall spürte man, daß der junge Saft aus der Erde stieg und daß der April mit seinen lauen, weichen Lüften gekommen war.

Und die Witwe sagte sich, jetzt würde sich alles im Polder verjüngen, sie aber könne nie mehr mit den anderen Geschöpfen in das Konzert des Frühlings einstimmen. Eine Leiche und ein Gefangener, diese beiden Kräfte, die ihretwegen vernichtet waren, trennten sie auf immer von der zeugenden Natur. Nichts regte sich mehr in ihrem Schoß; auch das Kind des Jürgen war tot.

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