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Kees Doorik

Georges Eekhoud: Kees Doorik - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Eekhoud
titleKees Doorik
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1981
illustratorUlrike Triebel
firstpub1918
translatorTony Kellen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectid54a7be6a
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3

Der Musikant, den Kees ersetzt hatte, nahm seine Stelle wieder ein, und der Tanz begann von neuem. Janneke, der die Absichten seines Vaters wohl kannte, ließ die zwei Buben im Stich, mit denen er eben Bierreste getrunken hatte, und ging zu dem früheren Knecht des Weißhofes.

Kees hatte hintereinander mehrere Drüppels von starkem Genever getrunken, um sich zu berauschen.

»Eine wichtige Nachricht, Krauskopf!« surrte die lästige Mücke. »Ich weiß etwas Neues. Die Aufgebote Jürgens und der Tante Annemie werden nächsten Sonntag verlesen. ›Onkel Jürgen! Onkel Faas!‹ Ich muß mich schon jetzt daran gewöhnen, damit ich mich später nicht verrede.«

Anfänglich nahm er sich in acht, weil er fürchtete, der mürrisch dreinblickende Knecht könne zornig werden, und er blieb in einer gewissen Entfernung stehen. Da Kees sich aber nicht rührte, setzte er sich auf dieselbe Bank, rückte immer näher an ihn heran, bis er ihm schließlich ins Ohr flüstern konnte. Der Atem des falschen Schmeichlers stieg direkt in das Hirn des Verzweifelten. Der kleine Potztausend erkühnte sich schließlich so weit, daß er den Arm um den Hals Dooriks legte, und seine Einflüsterungen wurden immer zudringlicher. Damit sonst niemand seine verschmitzten Reden hören sollte, hielt er die Hand neben den Mund. Er schaute zuweilen nach dem besoffenen Jürgen, weil er fürchtete, dieser könne einmal herankommen und hören, in welchen Ausdrücken er von seinem zukünftigen Onkel redete. Aber Jürgen rührte sich ebensowenig wie Kees.

Die Sticheleien des elenden Buben verfehlten ihre Wirkung nicht. Sie schienen dem entlassenen Knecht das Echo seiner eigenen Gedanken zu sein, und er empfand eine bittere Erleichterung dabei, als er dasselbe Räsonnement wiederholen hörte, das er in seinem eigenen Kopf gemacht, um seinen Haß zu erklären. Ein dunkles Murren, ein tiefer Seufzer, eine Verzerrung des Gesichts ließen den Judas öfters erraten, daß er den Verliebten an der empfindlichen Stelle getroffen hatte.

Endlich glaubte er, ihn genug gegen Jürgen aufgebracht zu haben, und schließlich sagte er zu ihm: »Gib wohl acht, Keeske; träum nur nicht zuviel, Kamerad!«

Mit diesen Worten machte er sich davon, um seinen Alten aufzusuchen.

Die Musikanten hatten aufgehört zu spielen, und der Tanz war zu Ende.

Die Zecher gingen zu dritt oder zu viert hinaus, und die am wenigsten betrunken waren, hielten die anderen aufrecht.

In der Krähe blieben nur noch Kees Doorik, Jürgen Faas, die Dras' und die Maus', die durstigsten von den Gänsereitern, die ihre Ehre darein setzten, bis zum Ende bei ihrem König zu bleiben.

Die Betrunkenen waren inzwischen niedergeschlagen und melancholisch geworden. Jürgen Faas fing an, zärtlich zu werden; er sprach nur mehr mit weichlicher Gelassenheit und trank Brüderschaft in der Runde. Er bemerkte Kees mit seinem verdrießlich schmollenden Gesicht, und da er gutmütig gestimmt war, ging er schwankend auf seinen Nebenbuhler los.

»Prost, Krauskopf! Gut Freund, he?« stammelte er, indem er sein Glas an das des Knechtes stieß.

Dieser wies es zurück, indem er seinen Humpen wegnahm.

»Laß mich in Ruhe, sag ich dir, Junge. Bleib nicht mehr lange hier; das ist ein guter Rat, den ich dir gebe. Ich will nichts mit dir zu tun haben.«

Jürgen aber hatte eine fixe Idee im Kopf, und er wiederholte mit dem Ausdruck eines zärtlichen Vorwurfs: »Wir sind ja Freunde, gute Freunde, nicht wahr?«

»Mach dich fort!« wiederholte Doorik noch nachdrücklicher.

Jürgen gab nicht nach, sondern setzte sich neben den Eifersüchtigen, drückte sich an ihn, fast wie der zudringliche Bube es vorhin gemacht hatte.

»Ich hab dir ja nichts zuleid getan!« sagte er, und ohne das verstörte Gesicht Dooriks zu bemerken, fing der Tölpel an, von Annemie zu reden, vom Weißhof, von seiner baldigen Heirat. Wenn er an Kees' Stelle getreten war, so war das ein bloßer Zufall, und übrigens, um zu zeigen, daß er nichts gegen seinen Kameraden hatte, wollte er alsbald nach seiner Heirat den Krauskopf als ersten Knecht nehmen. Er versicherte ihm das auf Ehrenwort.

Dann kam er auf die Frau zu sprechen sowie auf ihr Vermögen. Er fragte ihn nach diesem und jenem, nach den Ersparnissen der Meisterin: »He, was meinst du? Die ist noch flink, und die hat auch Geld, nicht wahr?«

Dabei stieß er ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. Kees konnte sich am Ende nicht mehr halten; die Worte des dicken Jürgen schienen ihn nur herauszufordern, und er schrie ihm ins Gesicht: »Ich hatte dir gesagt, du solltest mich in Ruhe lassen. Hörst du nicht?«

Trotzdem suchte er seinen Zorn zu unterdrücken, da er einen ehrlichen Charakter hatte, aber er konnte es nicht mehr länger aushalten, und er stand auf, um sich davonzumachen, da er fürchtete, es könne zu einer tragischen Erklärung kommen.

Jürgen war jedoch mit diesem Rückzug nicht einverstanden, und er hielt ihn am Kittel fest.

»Laß mich!« schrie Kees. »Rühr mich nicht an!«

»Dann gib mir die Hand«, erwiderte der andere, als wenn er ihn nicht hätte verstehen wollen.

Kees antwortete ihm mit einem Fluch, und mit einem gemeinen Zeichen: »Das ist für dich!« ging er hinaus.

Jürgen eilte ihm nach und erreichte ihn wieder auf der Straße. »Ich will, daß wir gut Freund sind!« wiederholte er in demselben Ton.

»Bist du noch nicht fertig? Gib acht, ich bin auch dabei, Jürgen, und ich sage dir: reize mich nicht! Das ist ein gefährliches Spiel, Junge. Hier ist dein Weg, geh du nach links; ich gehe weiter.«

»Ich gehe, wohin es mir gefällt!« erwiderte der Gänsereiter. Infolge der Trunkenheit wurde er jetzt auch empfindlich und streitsüchtig.

»Ich komme dir nach«, fuhr er fort. »Willst du Streit mit mir? Dann sag es offen. Es scheint, als hätten wir noch ein Hühnchen zusammen zu rupfen ...«

»Ich will wohl, Jürgen!« antwortete Kees mit einem gräßlichen Lachen. »So höre ich dich lieber reden. Diese Kindereien wollten nichts sagen. Zeig, daß du ein ordentlicher Kerl bist. Ich sehe schon, was du willst. Ah, du willst, daß wir abrechnen. Dann komm nur!«

Kees ging schnell weiter. Jürgen, der ihn losgelassen hatte, folgte ihm; er hielt sich schon fast wieder gerade.

Sie hörten noch die Tür des Wirtshauses Zur Krähe aufgehen. Auf der Schwelle rief Rik Dras ihnen nach, indem er die beiden Hände vor den Mund hielt: »La-hu-la! He, ihr beiden. Jürgen, Jü-ü-ü-r-gen! – Halli, delidelo!«

Sie waren schon zu weit fort, als daß jener sie noch hätte sehen können. Sie antworteten ihm nicht, sondern gingen links über die Felder, über denen eine tiefe Dunkelheit lag. Schon seit mehreren Stunden war es stockfinster, und auf keinem Hof schien mehr ein Licht. Ein lauer Wind wehte sanft wie ein Hauch über die Felder und flüsterte in den langen Reihen der Pappeln.

Die beiden gingen schweigend nebeneinander, und ihre Schritte versanken fast jeden Augenblick im Boden des Polders, der durch die letzten Winterregen ganz aufgeweicht worden war.

Sie kamen unten an den Wall.

»Sollen wir hier stehenbleiben?« fragte Jürgen.

»Wie du willst«, antwortete Kees, und von einem letzten guten Gedanken bewegt, sagte er noch zu ihm: »Wir könnten uns vielleicht einigen. Du weißt, daß man mich ungerecht behandelt hat, und du willst mir jetzt noch mehr Leid zufügen. Jürgen Faas, Jürrie, tu das nicht, verzichte auf die Witwe Cramp! Ich werde dir dann die Hand geben und dein Freund sein ... Hab Nachsicht mit mir, ich liebe sie! ...«

»Für wen hältst du mich, Keeske? Ein ordentlicher Junge bleibt bei seinem Wort; ich habe ihr versprochen, sie zu heiraten ... Und was könnte es dir auch nützen, wenn ich sie nicht nähme?«

»Mir nützen? Da würdest du mir ja mein Leben wiedergeben ...«

»Ich kann's nicht ändern, Kamerad, aber sie hatte dich nicht lieb; der Platz war frei, ich habe die Gelegenheit genutzt, Donnerwetter! O ja, er ist jetzt besetzt, und nur zu gut. Denn hör mal: du willst doch dir das nicht zuschreiben, was ich gemacht habe?«

Kees hielt sich den Kopf mit beiden Händen, als ob alles in seinem Gehirn zusammenbrechen wollte.

»Was sagst du, Jürgen? Wiederhol es, ich will's noch einmal hören. Ich hab dich nicht verstanden ...«

»Hast du gesehen, armer Junge, wie sie mir vor dem Tanz ins Ohr flüsterte? Was sie mir da sagte, das war nichts von dir. Es ist ganz einfach, ich werde bald Papa sein.«

»O nein, Jürgen, sag das nicht ... Das ist nicht wahr, das ist nicht möglich.«

»Gewiß ist es wahr, nur zu wahr. Hör nur: vor fünf Monaten auf der Pütter Kirmes hattet ihr uns verloren, Annemie und mich. Da ich allein bei ihr war – und wer weiß, was für ein Teufel mich auch noch dazu antrieb –, habe ich mich nicht damit begnügt, ihr ins Gesicht zu schauen ... So stehn die Sachen.«

Der unbarmherzige Geck lachte bei diesen Worten laut auf, und dann fuhr er wieder fort: »Warte nur noch vier Monate, und du wirst schon sehen ... Ja, es ist richtig ... Vom Oktober an ... Vier und fünf ist neun, oder der Lehrer von Beirendrecht hat mich belogen ... Zähl's nur an deinen Fingern nach.«

Für Kees konnte nun kein Zweifel mehr übrigbleiben.

»Ah, die Elende! Ah, die Hündin!« schrie er wütend. »Es ist also wahr, daß sie ihn gern hatte! ... Dann komm her, du sollst nicht von hier fortgehen! ...«

Während er das sagte, trat er einige Schritte zurück und nahm einen Anlauf, um über den andern herzufallen. Jürgen aber, der schon etwas nüchterner geworden war, hatte noch Zeit gefunden, sich bereit zu halten, und mit der Faust versetzte er ihm einen Schlag zwischen die Augen. Kees verspürte sozusagen nichts davon, obschon die Faust des Gegners ihm ein Stück Haut von der Stirn gerissen hatte. Er nahm einen zweiten Anlauf. Da er gewandt und stark war, hätte er seinen Gegner zu Boden geworfen, wenn er ihn nur am Leibe zu fassen bekommen hätte.

Jürgen war jedoch gewohnt, mit der Faust zu kämpfen, und er verließ sich darauf, um den Wütenden abzuhalten. Er wies in der Tat zwei oder drei Angriffe Kees' mit all seinen Kräften zurück. Aber die Aufmerksamkeit Jürgens ließ bald nach; die Finten des schlauen Knechtes, der ihn von allen Seiten anzugreifen suchte, brachten ihn aus der Fassung, und in einem Nu fühlte er sich ganz umarmt, aufgehoben und auf den Rücken geworfen. Er stieß einen Fluch aus, als er den Boden berührte, aber er konnte ihn nicht vollenden. Kees hatte seinen Zweck erreicht, wenngleich die Verzweiflung dem Gänsereiter neues Leben verlieh. Jürgen, obschon niedergedrückt, wehrte sich doch noch und suchte dem ›Signor‹ die Augen auszukratzen, ihn zu beißen, an den Haaren zu fassen oder ihm mit dem Knie zwischen die Beine zu kommen und ihm den Unterleib zu zerdrücken. Aber alles war umsonst. Kees hielt gut stand und ließ ihn nicht an sich kommen. Sie wälzten sich mehrmals, der eine auf dem anderen, einander zusammenpressend, schäumend und blutend. Bei dieser Anstrengung schwanden Jürgen, der sich unter den Händen Dooriks erdrückt fühlte und kaum noch zu atmen vermochte, die Kräfte.

»Warte, jetzt bekommst du deinen Teil«, sagte der Sieger. »Das Spiel mit der Gans ist zu Ende. Jetzt kannst du zusehen, wie du spielen wirst, mein König, mit einer Frau oder mit sonstwas ... Wir kommen aus der Mördergrube, hu, hu!«

Jürgen sah wohl ein, daß er verloren war. Er konnte noch in seine Hosentasche fahren und sein Messer, das er immer bei sich trug, herausziehen. Kees hatte das bemerkt, und er ließ es ihn absichtlich herausholen, entriß es ihm aber, noch ehe Jürgen sich dessen versehen hatte.

Nun war's vorbei.

Er stieß ihm das Messer in den Leib, zog es zurück und stieß es nochmals hinein. Er hatte zuvor die Kleider des Unglücklichen unter dem Gürtel entfernt, damit die Klinge durch nichts aufgehalten sein sollte. Beim ersten Stoß, den er in die Lenden erhielt, schrie der Unglückliche: »O Kees! Tu das nicht! Hab Mitleid! O weh, Kees, Kees! ...«

Kees hörte ihn nicht mehr. Er saß rittlings auf ihm und hatte ihn ganz in seiner Gewalt. Er drückte die Hüften Jürgens zusammen, als ob er auf einem Hengst säße. Mit der einen Hand hielt er seinen Feind an der Kehle fest, um ihn am Schreien zu hindern, und mit der anderen zermetzelte er ihm den Leib, indem er mit dem Messer dreinhieb, wie mit einer Hacke im Polder.

Das Ächzen des Besiegten nahm schon ab. Damit er ganz verstummen sollte, stieß Kees ihm ein letztes Mal das Messer in den Nacken, wie man es beim Schlachten eines Schweines macht. Das Röcheln hörte nun auf. Ein Blutstrom quoll aus dem Mund des Ermordeten, die Glieder ließen nach und fingen an steif zu werden ...

Kees blieb einige Minuten über der verbluteten Masse hingestreckt, – dieser Masse, die einst der lustige Jürgen Faas gewesen war. Dann schüttelte er sich, wie nach einer ermüdenden Arbeit. Da sein Kittel ebenso von Blut durchtränkt war wie der des Leichnams, zog er ihn aus und warf ihn über das bleiche Gesicht, dessen Augen ihn in der Dunkelheit noch hätten anstarren können.

Die elende Hülle ließ er da liegen; es überkam ihn ein Schrecken, und er lief in einem Zuge, und ohne sich umzudrehen, bis zum Weißhof hin.

Der Spitz knurrte.

»Sei ruhig, Spitz, ich bin's!« sagte Kees mit leiser Stimme. Der Hund kehrte in sein Häuschen zurück. Kees zog einen Eimer Wasser aus dem Brunnen und wusch sich flüchtig das Gesicht und die Hände. Zwischen seinen klappernden Zähnen trällerte er vor sich hin: »Wir kommen aus der Mördergrube, hu, hu! Hört ihr, wie das Tierchen schreit!«

Die Scheunentür stand offen. »Ein schöner Knecht!« murmelte er, indem er an den Ermordeten dachte. Er ließ sich wie leblos auf das duftende Heu fallen und schlief bald wie ein Murmeltier.

Der Hahn krähte bereits, und hinter der Mühle Zander Vlogels, nach Eeckeren zu, zeigte sich unten am Horizont ein langer rosafarbener Streifen wie mit Silberlahn durchwirkt, und man konnte erwarten, daß bald die rote Scheibe der Sonne erschien.

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