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Kees Doorik

Georges Eekhoud: Kees Doorik - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Eekhoud
titleKees Doorik
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1981
illustratorUlrike Triebel
firstpub1918
translatorTony Kellen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectid54a7be6a
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Im Dorf wurde es wieder still.

Auf dem Platz hing noch der Strick am Gänsegalgen, und der feuchte Wind zerstreute die dem Tier ausgerissenen Federn.

Es war Mittag, und aus den Kaminen stieg der bläuliche Rauch in die Luft. Kees wußte, daß bei seinem neuen Meister Flüp Sap das Essen für ihn bereitstand, aber er verspürte keinen Hunger, und anstatt zur Prellschenke zu gehen, wandte er dem Dorf den Rücken und ging übers Feld.

Die Ebene, die im Westen durch den aufgeschütteten Damm begrenzt wird, dehnte sich düster vor ihm aus. Von den frisch gepflügten und gedüngten Feldern erhob sich ein rauchartiger Dunst. An den Pappeln und Erlen, die sich an den Grenzen der Äcker erhoben, blieben die schwebenden Nebelflocken wie Watte hängen. Die Bachstelzen verfolgten einander zwischen den sprossenden Hecken. Eine sanfte Ruhe verbreitete sich in der Luft, eine laue Wärme, die das Blut aufregte, die Augen fast verblendete und die Nase angenehm kitzelte wie frischer Bierschaum. Kees empfand mehr als je die sanfte, fieberhafte Gärung, die den Übergang der Jahreszeiten begleitet. Die Blicke des jungen Mannes irrten unbewußt über die weite Fläche. Er sagte sich, jetzt würden der Roggen und der Spelz bald sprossen, aber er wußte noch nicht, ob er dieses Jahr das Getreide wieder wachsen sähe auf den Saatfeldern um den Weißhof.

Er fühlte sich gerührt, als er an all die Arbeiten dachte, die er in den langen vorhergehenden Jahren verrichtet hatte. Er sah jene fetten Felder wieder, auf denen er fast beständig gebückt arbeiten mußte und auf denen er die angeschwemmte Erde, die an seinen Schuhen hängenblieb, beim Hin- und Hergehen knetete. Mit dem Monat März beginnt die Aussaat der Erbsen und der Feldbohnen. Kees kannte niemanden, der es wie er verstand, die Stangen zu stecken und, wo es nötig war, die Schollen zu zerschlagen. Nach den Arbeiten des Frühjahrs und des Sommeranfangs wandte Kees sich in Gedanken der Erntezeit zu. Während der heißen Mittagsstunden legte man sich da unten im Polder auf den Rücken, die Beine gespreizt, wobei das abgemähte Feld als Lager und der wohlriechende Schober als Kopfkissen diente. Wie gut hatte er diese Mittagsrast verdient, und wie arbeitete er aber auch wieder nach der nötigen Ruhe! Wer könnte sagen, wieviel Sicheln er in all den Jahren schartig gemacht und wie oft seine Daumen sich geschält hatten! Nein, Jürgen Faas, der ihm beim Pflügen nicht gleichkam, würde beim Mähen noch weiter hinter ihm zurückbleiben. Nie könnte dieser Tölpel so viel Morgen Getreide mähen wie er!

Und Kees dachte dann auch wieder an das Weib. Weshalb hatte sie sein ruhiges, der Arbeit gewidmetes Leben gestört? Die Erde hatte ja bis dahin Kees genügt. Annemie war es, die die Harmonie zerstört hatte, die zwischen ihm, dem einfachen Bauern, und der bebauten Scholle, seiner ersten Geliebten, herrschte. Und jetzt rächte sich die fruchtbare Erde, die sich von jenem herzlosen Geschöpf verachtet fühlte; sie entzog sich ihm und gewährte ihm keinen Reiz und keinen Genuß mehr. Und da Kees auch noch von Annemie getrennt war, was konnte ihm da das Leben noch für Freuden bieten?

Das Bellen eines Hundes weckte Kees aus seiner traurigen Träumerei. Er befand sich im Weißhof, vor dem Lager Spitzens. Der treue Hund erkannte den früheren Knecht wieder und riß wütend an seiner Kette, um ihm entgegenzuspringen.

Kees ging zum Stall. Die Tür war geschlossen, und er klopfte. Ein bekanntes Wiehern antwortete ihm. Puß witterte den Geruch des früheren Kameraden, und er störte auch noch die Kühe aus ihrer Ruhe, die dumpf zu brüllen anfingen. In jenem Augenblick, da Kees so nahe bei seinem Lieblingstier war, empfand er mehr Schmerz als Haß, und er streichelte lange den lieben Spitz. Das Haus selbst schien verlassen zu sein. Die Glocke da unten hatte zur Nachmittagsandacht geläutet. Annemie war gewiß mit Paulke in die Kirche gegangen.

Vor diesen Mauern, zwischen denen fünfzehn Jahre seines Lebens verflossen waren, fühlte er sich bis ins Innerste seines Herzens gerührt, und er hätte in dem Augenblick die wiedersehen mögen, die ihn für immer diesem Dach entfremdet hatte.

Mit nassen Augen blickte er noch einmal über den ganzen Hof und kehrte dann entschlossen in das Dorf zurück. Er wollte Annemie entgegengehen und ihr ein letztes Lebewohl sagen; dann würde er Dinghelaar verlassen und weit in die Welt gehen, wie sie es ihm geraten hatte.

Der Abend brach allmählich herein, und als Kees an der Krähe vorbeikam, hörte er das Lachen und Schreien der Gänsereiter, von der lauten Stimme Jürgens übertönt. Das genügte, um ihn auf seinen Entschluß verzichten zu lassen und den Gedanken der Rache wieder in ihm zu beleben. Er trat in die Wirtsstube.

Seit Mittag saßen die zwanzig Kerle am Tisch und hatten nichts getan als essen und trinken. Sie hatten mächtige Schüsseln voll Kartoffeln mit Zwiebeln, voll Wurst mit grünem Kohl und auch die Gans verzehrt, die zwar etwas mager und zäh war, aber mit Speckschnitten doch nicht übel schmeckte.

Jürgen bezahlte seine goldene Papierkrone königlich. Er schlug jedesmal einen befehlenden Ton an, wenn er Bier bestellte, ließ einen Hagel von Flüchen los, und wenn seine Faust auf den schmierigen Tisch fiel, zitterten die Gläser, die, kaum geleert, schon wieder gefüllt wurden.

Die Gänsereiter tranken immerfort, nahmen dicke Züge aus ihren kurzen Pfeifen, lärmten und jubelten bei den donnernden Ausfällen ihres Monarchen.

Als sie der Pfeife müde waren, verlangte der freigebige König Zigarren. Die Kiste machte die Runde, aber ein jeder wollte zuerst hineingreifen. Der Kuhhirt Huib kam mit der Hand schon auf den Boden der Kiste, und er protestierte deshalb, indem er von Hein Vlogel seinen Teil zurückforderte, den dieser gestohlen haben sollte. Nun fielen alle über den Müller her und untersuchten seine Taschen, nicht ohne ihn zu kneifen. Hein wehrte sich, mußte jedoch schließlich Huib noch zwei Zigarren herausgeben.

Dieser Streit hatte die Jungen, die alle übersatt waren, ein wenig lebendiger gemacht.

»Wohlan, jetzt wird Musik gemacht!« rief Jürgen Faas.

Drei Musikanten der Amicitia hatten nur auf diesen Befehl des Königs gewartet und kletterten mit ihren Stühlen und ihrem Pult auf einen in der Ecke stehenden Tisch.

»Nun flott drauflos!« befahl Jürgen.

Man machte den Platz in der Mitte leer, und ohne vorzuspielen, ging es: pumptata! pumptata! in einer Walzerbewegung. Der blonde Jürgen sprang auf, stieß mit der Faust in seine Mütze und stülpte sie übers Ohr. Mit ausgestreckten Händen sprang er auf Looke, das Mädchen aus dem Hause, los und fing an, mit ihr zu tanzen.

Zugleich ergriff der rote Chiel Dhaenens die Mutter, die nicht hinter dem Schenktisch hervor wollte.

Der Walzer war noch nicht in der Mitte, als der kleine Potztausend berichtete, die Tante Cramp stehe mit Paulke, Lena Potter, der Tochter des Bierbrauers, und Bella vor der Tür.

»Bringt sie nur herein!« rief Guil Servyn, ein pausbäckiger Bursche. »Annemie schuldet dem König einen Tanz.«

Die drei Brüder Dras liefen hinaus, um die Weiber anzuhalten, die dann auch ohne viele Umstände mit hineingingen. Man schrie laut auf, als sie hereinkamen.

Der unterbrochene Walzer wurde wieder angefangen. Jürgen griff Annemie um die Taille.

Chiel Dhaenens beeilte sich, die Wirtin aus der Krähe dem Kris Potter zu überlassen, der die schweren Lasten besser bewegen konnte, und wollte sich Bella aneignen, die eben im Begriff war, Kees Vorwürfe zu machen.

»Sie hatten mir doch versprochen, wieder verständig zu werden, Kees«, sagte sie. »Werden Sie denn wenigstens heute abend zum Essen kommen?«

Guil Servyn sprang mit Lena Potter herum, und Paulke war Tist Sap zugefallen.

»Verlangen wir eine Polka; die ist nicht so ermüdend«, sagte Annemie nach drei Walzertouren, und errötend lehnte sie den Kopf an die breite Schulter ihres Tänzers.

Was sie ihm ganz leise ins Ohr flüsterte, rief auf dem Vollmondgesicht Jürgens einen halb verlegenen, halb geckenhaften Ausdruck hervor.

»Ah bah! Was erzählen Sie mir da!« antwortete er nachdrücklich, und während er sie schmachtend ansah, fuhr er sich wohlgefällig mit der Hand über das bartlose Kinn.

Als aber die Musikanten wieder einen Walzer anfangen wollten, rief er ihnen zu: »Eine Polka, Donnerwetter, eine Polka!«

Die drei gehorchten, aber der Hornist, der noch unerfahren war und sich durch Jürgens Flüche einschüchtern ließ, kam außer Atem und geriet aus dem Takt.

Kees Doorik trat an ihn heran und nahm ihm das Instrument aus der Hand.

»Gib her, das Geld will ich nicht«, sagte er, um den Notenfresser fortzubringen.

Er setzte das Instrument an den Mund.

»Achtung! ... Nun ja!«

Diesmal klangen die Akkorde ungezwungen und kraftvoll.

Kees, als Solist der Amicitia, schlug den Takt mit dem Fuß und hielt seine Begleiter in Ordnung.

»Bravo, Kees!« rief ihm mit einem väterlichen Ton Jürgen zu, der sich große Mühe geben mußte, um vorwärts zu kommen, da er zuviel gegessen und getrunken hatte.

Nun geriet aber alles in Bewegung. Guil Servyn ließ Lena nicht mehr aus dem Arm, Huib Coryn tanzte mit Paulke, Looke war aus den Armen des Königs in die ihres Freiers übergegangen, nämlich des faulen Maurers Sas, der immer vertrauter mit ihr wurde; Kris Potter hatte alle Mühe der Welt, um die ungeheure Wirtsfrau herumzuschwenken.

Von den anderen Gänsereitern waren Bud Arrewyn, Stan Lieter und Guil Vandrom Mädchen aus der Nachbarschaft holen gegangen. Endlich tanzten auch noch einige jüngere Burschen miteinander: Dolf Guda mit seinem Zwillingsbruder Roel, Ias Kalf mit Luwe Zanders, Janneke Andries mit dem verrückten Hein Vlogel.

Dieses letztere, drollige Paar wurde nicht wenig bewundert. Manchmal gingen die beiden auseinander, tanzten allein, hoben ein Bein hoch auf und bewegten die Arme oder provozierten sich mit gemeinen Gesten, bis sie sich auf einmal umfaßten und wie rasend auf einer Stelle im Kreise herumdrehten.

Währenddem knirschten die Absätze der anderen auf dem Sande des Fußbodens, der von Speichel und ausgeschütteten Bierresten ganz feucht war. Die Röcke und Kittel blähten sich auf, und aus dem Wirbel erhob sich ein ranziger Geruch von Schweiß und ausgeworfenem Speichel.

Der jungen Witwe gefiel diese wilde Polka, und sie ließ sich ohne Widerstand von Jürgen fest umschlingen. Um sich freier bewegen zu können, hatte dieser seine schönen Kleider, die er am Morgen getragen, abgelegt und einen Kittel angezogen, während er von den königlichen Insignien nur seine Krone beibehalten hatte. Er hatte sie um die Mütze gesteckt, aber sobald sie anfing, ihn zu hindern, warf er sie in eine Ecke.

Beim Tanzen erglänzten die Augen Annemies und hatten dabei jene Glut, die Kees früher so sinnverwirrt gemacht hatte; die Augen Jürgens hatten einen blöden Ausdruck; bei ihr war es noch sinnliche Begierde, bei ihm vor allem Übersättigung. Sie war rosafarbig wie die schönen Blüten, die Nelis Cramp selig so gerne auf den Bäumen sah; ihre Wangen glühten, während auf den Lippen Tau zu liegen schien. Jürgen war blutarm wie ein geschundenes Kalb; er zitterte auf seinen langen Beinen, und es schien fast, als müsse Annemie den Beirendrechter in Bewegung halten.

Kees schien sein Horn mit den Stürmen anzufüllen, die in seiner Brust tobten. Herrje, welche Stöße, welche kurz abgestoßenen Dissonanzen! Er beschleunigte die Bewegung der Polka, bis sie sich allmählich in einen wilden Galopp verwandelte, der alle Tänzer ermüdete und Männer wie Frauen schweißbedeckt und keuchend auf die Bänke und Tische niederwarf.

Als man nun genug getanzt hatte, kam der Durst wieder, und Jürgen, die Hand im Geldsack, gab seinen Untertanen und den Frauen noch neue Touren zum besten.

Als er aber sein letztes Fünffrancsstück wechselte, sagte Annemie: »Laßt uns nach Hause gehen«, denn diese Verschwendung gefiel ihr schließlich nicht mehr, und sie fühlte sich auch wegen der Anwesenheit Kees' nicht ganz ruhig. »Hallo, Jungs, macht euch fertig!«

»He, he! Was die Meisterin Cramp doch um unseren Jürgen besorgt ist!« sagte Manus Maus, der den freigebigen Zecher nicht gern fortgehen ließ; und sein Bruder Stoffel, der ebenfalls ein armer Schlucker war, fügte hinzu:

»Das geht nicht so, Meisterin! Noch ein bißchen Geduld!«

»Hat vielleicht die Königin ihren Mann schon unterm Pantoffel?« fragte Sus Dras.

Jürgen hatte sich auf eine Bank vor der Mauer niederfallen lassen, und als Annemie auf jene spöttische Bemerkung hin ihn an der Hand nehmen wollte, wies er sie zurück, indem er sagte: »Ja, ja, gleich, um Himmels willen, nicht so eilig. Unser Bett wird nicht fortlaufen!«

Bei dem furchtbaren Lachen, das diese vielsagende Antwort hervorrief, hütete Annemie sich wohl, ihn noch weiter zu drängen, und als sie ihren schlauen Bruder, den Potztausend, mit einer ebenso spöttischen Miene wie die anderen bemerkt hatte, sagte sie zu ihm, er solle sie zum Weißhof zurückbegleiten, womit Wannes denn auch einverstanden war. Wäre sie allein gegangen, so wäre Kees ihr gefolgt. Jetzt aber blieb er.

»Gute Nacht, Kees! Gehen Sie nicht nach Hause?« fragte Bella ihn mit einem Lachen, das ihr im Hals steckenblieb. Sie stand auf, um sich mit ihrem Bruder Tist und dem von diesem unzertrennlichen Chiel zu entfernen.

»Gute Nacht, Bella! Ich bin nicht hungrig und auch noch nicht schläfrig.«

»Wenn Sie noch tanzen wollen, so wäre es Zeit, anzufangen!« bemerkte das gute Mädchen, und es fügte noch hinzu, aber so leise, daß nur er es hören konnte: »Weshalb bleiben Sie denn noch länger hier, da sie ja fort ist? ...«

Kees erwiderte nichts darauf, und Bella ging hinaus, der Versammlung einen letzten lauten ›Guten Abend‹ wünschend.

Draußen war sie ganz ernst, und sie tat den Mund nicht mehr auf bis zur Prellschenke. Als dort auf der Schwelle der Tür Chiel ihr die Hand drückte und ihr wieder die übliche Frage stellte, antwortete sie nach einem Seufzer: »Nun ja, ich will wohl, reden Sie mit meinem Vater. Ich will Ihre Frau werden. Es ist besser, wir machen es so ... Fast wäre ich auch verrückt geworden.«

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