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Kees Doorik

Georges Eekhoud: Kees Doorik - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Eekhoud
titleKees Doorik
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1981
illustratorUlrike Triebel
firstpub1918
translatorTony Kellen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectid54a7be6a
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4

Nach der Pütter Kirmes kommt der Winter sehr schnell heran. Auf den Feldern sind die Sommerarbeiten beendet. Die Ländereien sind gepflügt und gedüngt und haben den neuen Samen in sich aufgenommen. Während mehrerer Tage ging Kees Doorik mit seinen schweren Schuhen durch die schmierigen Furchen und verrenkte sich fast den Arm mit der regelmäßigen Bewegung des Säens, mit diesem weiten Wurf, um den man ihn beneidet, weil er so genau die Menge des Korns abzumessen weiß.

Jetzt hat der Krauskopf diese letzte Arbeit vollendet. Nun ruht der Polder; der lehmige, fette Boden glänzt unter dem Platzregen, und Scharen raubender Raben lassen sich an demselben Ort nieder, wo sonst die Lerchen nisteten.

Bald kommt Allerheiligen und Allerseelen. Die Arbeiten konzentrieren sich im Innern der Höfe, in den Scheunen, aus denen das Geräusch der Flegel und die Lieder der Getreideschwinger kommen.

Auf dem Weißhof leitete Kees das Dreschen und begleitete die Fuhren, die verkauft wurden. Er machte sogar an einem Tag viermal den Weg von Dinghelaar zur Stadt.

Noch nie hatte der treue Kees soviel Tätigkeit entfaltet, aber auch noch nie war er so schlecht dafür belohnt worden. Es war keine Gleichgültigkeit mehr, sondern eine offene Abneigung, die die Meisterin ihm gegenüber an den Tag legte. Das eingeschlossene Leben im Winter, die langen und frühen Abende hielten ihn öfter unter ihren Augen bei der Arbeit zurück. Sie fing an, ihn förmlich zu plagen, wurde mißtrauisch gegen ihn, schnüffelte überall an seiner Arbeit herum oder suchte in Gegenwart der untergeordneten Knechte mit ihm zu zanken. Kees geduldete sich und suchte sich mit dem Gedanken zu trösten, daß Jürgen Faas, in dem er instinktiv einen Nebenbuhler erraten hatte, seit der Begegnung in Pütte noch nicht den Fuß auf den Weißhof gesetzt hatte. Kees nahm daher an, die Vertrautheit, die der Verführer bei der jungen Witwe gezeigt hatte, hätte keine weitere Folge als andere Ausgelassenheiten der Kirmes. Er konnte auch die sonderbare Laune seiner Meisterin anderen Ursachen zuschreiben. Annemie schien leidend zu sein: die Farbe ihrer Wangen wurde bleicher, oder zuweilen färbte eine lebhafte Röte ihre Wangen; oft hatte sie des Morgens einen blauen Ring um die Augen, und ihre Lider waren niedergeschlagen; in gewissen Augenblicken machte sie sich an die Arbeit mit einer fieberhaften Hast; andere Male war es eine Mattigkeit, eine plötzliche Saumseligkeit, die sie ganze Stunden hindurch düster und verfroren vor dem Herd festhielt, und während sie die Füße an den Feuerblock hielt, waren ihre Blicke unbeweglich auf die brennenden Scheite gerichtet.

An einem Februarmorgen, als die Meisterin mit ihren Leuten gefrühstückt hatte, fragte sie: »Hat jemand die Eier weggenommen?« Und dabei blickte sie mißtrauisch rund um den Tisch.

Janneke, die Knechte und die Mägde behaupteten alle, sie seien nicht im Hühnerstall gewesen. Nur Kees sagte nichts, da er es für überflüssig hielt, auf eine Frage zu antworten, die nur an die untergeordneten Knechte gerichtet sein konnte. Aber Annemie faßte die Sache anders auf:

»Und Sie, Kees?« fragte sie.

»Ich, Meisterin?« sagte er, ganz außer sich über diese Frage.

»Nun ja, ich denke, die Eier sind für Sie nicht weniger verlockend als für die anderen.«

»Meisterin, Sie wissen wohl, daß ich, seit Sie hier auf dem Weißhof sind, nicht ein einziges Mal die Hand in den Eierkorb gesteckt habe.«

»Es wäre noch kein großes Verbrechen, wenn Sie die Eier diesen Morgen herausgenommen hätten, aber da Sie das verneinen, muß ich Ihnen wohl glauben.«

»Wenigstens, solange Sie mich nicht bei einer Lüge erwischt haben!« antwortete Kees, der sich durch die verdeckte Andeutung der Meisterin verletzt fühlte.

»Schon gut, schon gut! Wir wissen Sie ja zu schätzen, Kees. Die Herrin wird doch noch das Recht haben, ihre Untergebenen zu überwachen? Ich will von jetzt an näher auf Ihre Arbeit achtgeben; denn das ist jedenfalls sicher: die Eier waren da; gestern abend zählte ich deren neun.«

Kees ging hinaus, aber einige Minuten später, als die anderen Knechte sich nach verschiedenen Seiten entfernt hatten und Annemie allein blieb, trat er ins Zimmer.

Was ihm, der doch die Uneigennützigkeit selbst war, auf dem Herzen lag, war, daß sie ohne Grund seine erprobte Ehrlichkeit in Zweifel gezogen hatte, und noch dazu vor diesen Tagelöhnern und dieser Stallmagd, die so gemein wie neidisch waren, die sich jetzt über ihn lustig machten, weil der Meisterknecht mit ihnen auf eine Stufe gestellt worden war.

Er fand die Meisterin niedergeschlagen vor dem Herd sitzen, den Rücken zur Tür gewendet. Sie war so sehr in Nachdenken versunken, daß sie ihn nicht herankommen hörte.

»Meisterin Annemie!« sagte er, und bei dem traurig-ernsten Ton dieser Stimme fuhr sie auf und schaute zu ihm hin, während ein Ausdruck des Ärgers auf ihrem Gesicht bemerkbar wurde.

»Ach, ich meinte, Sie seien aufs Feld. Was gibt es denn noch?«

»Meisterin«, sagte er, »seit einiger Zeit glaube ich bemerkt zu haben, daß ich in diesem Haus zuviel bin. Anfänglich wollte ich mir selbst einreden, daß meine Augen und meine Ohren sich irrten. Was Sie mir vorhin gesagt haben, kann mir keinen Zweifel mehr lassen. Sie sind ärgerlich auf mich, Meisterin Annemie, und deshalb frage ich Sie um die Erlaubnis, ganz ruhig und ohne Streit fortgehen zu dürfen. Ich bin des Brotes überdrüssig, das man hier auf dem Weißhof ißt.«

»Wie Sie wollen, mein Junge. Ich will Herrin bleiben. Wenn Sie keine Bemerkung ertragen können, so suchen Sie sich einen bequemeren Meister. Ich halte Sie nicht zurück.«

Das sagte sie in einem fast zornigen Ton.

»Meisterin Annemie«, fuhr Kees fort, »ich habe Sie einst beleidigt, verzeihen Sie mir das, ich wußte nicht mehr, was ich tat. Der treue Freund konnte sich vergessen, der Knecht hat nie seine Pflicht versäumt, der Knecht hätte einen besseren Lohn erwarten dürfen. Nun gut, ich werde gehen.«

»Hören Sie mal, Kees«, antwortete sie jetzt sanfter, denn sie war doch unwillkürlich gerührt. »Ich muß es wohl einmal sagen. Ja, es ist besser, Sie gehen fort. Ich habe Ihre Gedanken erraten, Ihre Augen haben mir's gesagt; aber so etwas ist unmöglich, mein armer Junge.«

»Haben Sie selbst denn nie daran gedacht, Annemie?« fragte er mit beklommenem Herzen.

Sie lachte laut auf, aber ihr Lachen war gezwungen.

»Nein, es ist doch noch ärger bei Ihnen, als ich geglaubt hatte; aber mein Bester, man würde uns alle zwei ins Narrenhaus schicken ...« Doch sie wurde wieder zärtlicher, als ob sie für ihn jenes oberflächliche Mitleid gehabt hätte, das selbst die härtesten Frauen so gut zu zeigen verstehen.

»Sie sind ein guter Junge«, fuhr sie fort, »ein treuer, guter Gehilfe. Sehen Sie, was ich eben sagte, sollte Sie nur veranlassen, ohne Aufsehen fortzugehen. Ach, wenn Sie doch wenigstens einen Namen hätten, den Namen Ihrer Eltern – vielleicht! Sie wissen wohl, daß die Leute sich über uns aufgehalten haben; mein guter Name hat darunter gelitten. Ich werfe Ihnen das nicht vor, aber ich würde doch lügen, wenn ich sagte, das hätte mir nichts ausgemacht. Sie haben recht, es ist besser, wir bleiben nicht beieinander. Gehen Sie fort von hier und sogar fort aus dem Dorf. Ach, Kees, tun Sie doch das mir zulieb. Denken Sie an Nelis Cramp, Ihren Wohltäter, und stören Sie nicht die Ruhe seiner Witwe. Ich jage Sie nicht fort, verstehen Sie wohl, ich werde Ihnen Geld geben ...«

Sie weinte, während sie all das sagte, aber ihre Worte waren die eines klugen Weibes, das alles reiflich in Erwägung gezogen hat, bevor es einen Entschluß faßt. Die Anspielung auf die Wohltaten Cramps nahm dem armen Jungen seine letzte Illusion.

»Ja«, sagte er mit einem bitteren Ton, »Sie waren beide gut zu mir. Ich hätte unrecht, mich zu beklagen, und ich hatte den Kopf verloren, als ich mir etwas einbildete, was nicht sein kann. Nun, das ist ja vorüber. Leben Sie wohl, Meisterin, ich gehe fort. Behalten Sie Ihr Geld: Sie sind mir ja nichts schuldig. Ich verdanke Ihnen alles. Meine Stelle ist frei. Ein schöner, reicher Junge mit einem Familiennamen braucht sich nur zu melden. Ich wünsche Ihnen alles Glück!«

Er richtete sich auf und ging hinaus, doch nicht ohne zu wanken. Sie schämte sich und wollte ihn zurückrufen, aber er war schon auf den Hängeboden hinaufgestiegen. Mit fast stumpfsinnigem Ausdruck und dem wehmütigen Ton eines Betrunkenen stimmte er ein Lied von Corepain, dem Musikanten, an, während er in einem alten, karierten Tuch seine armseligen Kleidungsstücke – er war ja nur ein Bauernknecht, ein armer Teufel –, ein paar abgenutzte Bücher und seine Ersparnisse – vierhundert Francs in einem wollenen Strumpf – zusammenband.

Die erste Person, der Kees beim Verlassen des Weißhofes begegnete, war Bella Sap.

»Guten Tag, Kees«, sagte das Mädchen, »wohin gehen Sie denn in diesem Pilgeranzug mit dem Bündel am Stabe?«

»Ach, Bella«, sagte er, »ich verlasse den Weißhof. Ich habe mit der Meisterin Streit gehabt.«

»Das ist Ihnen doch nicht ernst«, antwortete Bella, die ihr chronisches Lachen vergaß, als sie die traurige Miene und das niedergeschlagene Aussehen des Burschen bemerkte.

»Doch, Bella, es ist ganz ernst. Ich muß fortgehen.«

»Ist das denn so wichtig, was zwischen Ihnen vorgefallen ist?«

»Es ist nichts mehr an der Sache zu ändern.«

Und er erzählte ihr den Vorfall mit den Eiern. Auf einmal aber, als er in den Augen Bellas eine freundliche Rührung zu bemerken glaubte, ergriff er ihre Hand und erzählte ihr sein ganzes Leid. Er war dem Schluchzen nahe, als er fortfuhr: »Sehen Sie, Sie sind ein gutes Mädchen, Bella; ich kann Ihnen wohl alles sagen. Ich liebe die Meisterin Annemie; ich liebe sie so sehr, daß ich es ihr sagen mußte, aber sie ist zu stolz, es beleidigte sie, daß ihr Knecht sie liebte, und da hat sie denn einen Vorwand gesucht, um mich vom Weißhof fortzuschicken.«

»Sie, Kees, Sie haben sich in die Annemie verliebt!« rief Bella aus.

»Aber das ist ja etwas Neues, nein, das ist doch zu komisch!«

Sie konnte sich vor Lachen nicht mehr halten, und sie mußte sich sogar die Tränen mit ihrer Schürze abwischen. So herzhaft hatte die lustige Schwester schon lange nicht mehr gelacht.

»Bah!« konnte sie endlich nach diesem verrückten Lachen herausbringen, aber sie wagte es noch nicht, Kees ins Gesicht zu schauen. »Das ist kein Verbrechen. Trösten Sie sich; es gibt noch andere Höfe als den Weißhof und noch andere Frauen, Kees, die so reich sind wie die Witwe Cramp, und die würden den Antrag eines ehrlichen und tüchtigen Jungen, wie Sie, besser aufnehmen. Sie brauchen ja nur zu suchen: ich will Ihnen sogar helfen, wenn Sie wollen.« Sie hätte fast noch mehr gesagt und sich ganz verraten, aber sie dachte, es sei ein schlechter Augenblick, um ihm das mitzuteilen, und sie fragte ihn etwas anderes.

»Aber was wollen Sie denn jetzt machen?« sagte sie.

»Ich werde bei anderen Leuten in den Dienst treten.«

»Hören Sie mal«, beeilte sie sich zu bemerken, »kommen Sie zu meinem Vater. Er braucht einen Mann, auf den er sich verlassen kann. Ich habe ihn oft Ihre Arbeit und Ihren Charakter rühmen hören. Ich bin sicher, daß er Sie annehmen wird. Noch eins, erzählen Sie ihm nichts von Ihrer Liebe zur Meisterin Annemie; das kann unter uns bleiben. Sie verstehen, die Geschichte mit den Eiern genügt schon. Auf Wiedersehen also, und verlieren Sie den Mut nicht.«

Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich ab, um sich die Augen zu reiben, denn sie war schon wieder von ihrem nervösen Lachen ergriffen worden. Sie ging weiter und ließ Kees ganz verdutzt dastehen, denn er schwankte zwischen Ärger und Dankbarkeit, gereizt, wie er war, durch das sonderbare Lachen dieses dicken Mädchens, und andererseits gerührt durch ihr Anerbieten, so daß er nicht wußte, ob sie Schläge oder Dank verdiente.

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